
Wer bestimmt das China-Bild? Der Fall der Hongkonger Journalistenvereinigung
Eine Fallstudie darüber, wie eine kleine Handvoll Personen mit Anbindung an westliche Medien zur zitierten Referenz für die Behauptung wird, in Hongkong sei die Pressefreiheit tot. Und das so erzeugte Bild entspricht eben nicht den Fakten vor Ort.
Wer in westlichen Medien liest, „Hongkongs Pressefreiheit ist am Ende“, stößt fast immer auf dieselbe Quelle: die Hong Kong Journalists‘ Association (HKJA). Sie taucht als scheinbar neutrale Branchenvertretung in Berichten großer westlicher Häuser auf. Ein vielbeachteter X-Thread des langjährigen Hongkong-Journalisten Nury Vittachi wirft nun eine unbequeme Frage auf: Wer führt diese Organisation eigentlich – und in wessen Interesse?
Was die Meldung sagt
Vittachi teilt eine simple, aber unbequeme Beobachtung: Die HKJA weigert sich, die Namen ihres eigenen Vorstands zu veröffentlichen. Wer auf der Vereinsseite nachschaut, findet nur den Hinweis, das Exekutivkomitee habe „beschlossen, die Liste seiner Mitglieder nicht offenzulegen“ – ein Passus, der sich bis heute auf der offiziellen HKJA-Website findet.
Auch die Hongkonger Regierung hat diesen Punkt öffentlich aufgegriffen und der HKJA in einer Stellungnahme vom Dezember vorgeworfen, ihr fehle Glaubwürdigkeit und Repräsentativität, weil sie sich weigere, ihr aktuelles Exekutivkomitee offenzulegen. Man mag diese Quelle mit Vorsicht lesen, da sie selbst Partei ist – doch die Kernaussage, dass die Vorstandsliste tatsächlich unter Verschluss bleibt, lässt sich unabhängig auf der Vereinsseite selbst nachvollziehen. Wobei es naiv wäre anzunehmen, dass chinesische Dienste nicht in der Lage wären, die Listenteilnehmer zu identifizieren. Weshalb das Argument „Schutz vor dem Staat“ hier überhaupt nicht gültig sein kann.
Vittachi rekonstruiert daraufhin, wer die einflussreichen Stimmen im Verein sind, und stellt fest: Auffällig viele haben ihre journalistische Prägung bei großen westlichen Häusern erhalten, nicht bei Hongkonger Medien. Auch chinesische Staatsmedien wie die Global Times kritisierten die HKJA bereits 2024 in diese Richtung: Das gewählte Exekutivkomitee bestehe überwiegend aus Journalisten ausländischer Medien und Freelancern, was den Verein eher wie eine Interessenvertretung für ausländische Reporter in Hongkong wirken lasse als für die Hongkonger Medienbranche selbst.
Vittachis historischer Rückblick ist der eigentliche Kern seines Threads: Die HKJA sei 1968 von dem Australier Jack Spackman gegründet worden, der jungen Journalisten einschärfte, über Politik zu berichten, ihr aber nicht beizutreten. Ab den 1990er-Jahren, so Vittachis Darstellung, habe sich das geändert – der Verein habe sich zunehmend mit Gruppen vernetzt, die vom National Endowment for Democracy (NED) finanziert wurden, etwa dem Hong Kong Confederation of Trade Unions und dem Hong Kong Human Rights Monitor, und sei 2002 an der Gründung der Civil Human Rights Front beteiligt gewesen. Bis 2006 erschien der jährliche Pressefreiheitsbericht der HKJA zudem in Kooperation mit der in London ansässigen Organisation Article 19.
Der Fall Stand News – die Zahlen dahinter
Ein zweiter Strang des Threads betrifft das 2021 geschlossene Onlinemedium Stand News, dessen ehemaliger stellvertretender Chefredakteur Ronson Chan zeitweise HKJA-Vorsitzender war – ein Zusammenhang, der auch in internationalen Agenturmeldungen zur Razzia bei Stand News dokumentiert ist. Vittachi behauptet, auf dem Konto von Stand News seien rund acht Millionen US-Dollar unklarer Herkunft gefunden worden. Unabhängige Berichte bestätigen der Größenordnung nach ähnliche Zahlen: Die Polizei beschlagnahmte bei der Razzia im Dezember 2021 Vermögenswerte im Umfang von 61 Millionen Hongkong-Dollar, umgerechnet rund 7,8 Millionen US-Dollar. Zwei ehemalige Stand-News-Redakteure wurden 2024 wegen Volksverhetzung verurteilt – ein Urteil, das in westlichen Medien als Beleg für den Niedergang der Pressefreiheit gelesen wurde, in Hongkong selbst aber als Beweis für die politische Instrumentalisierung des Mediums. Wobei man aber sehen muss, dass es sogar Aufrufe zu Gewalt gegen Sicherheitskräfte während den letzten großen Unruhen gab. Und mit Sicherheit in EU-Ländern Gerichte nicht anders geurteilt hätten.
Was sie nicht sagt
Der Thread bleibt an entscheidenden Stellen unpräzise. Für die konkreten Finanzierungssummen und -wege, die angeblich von NED und CIA an die genannten Hongkonger Organisationen geflossen sein sollen, liefert Vittachi selbst keine Primärquellen wie Förderdatenbanken oder Rechenschaftsberichte – seine Aussagen dazu lassen sich mit den hier verfügbaren Mitteln nicht unabhängig verifizieren und sollten als seine persönliche, pointierte Einordnung gelesen werden, nicht als belegte, wenn auch höchstwahrscheinlich zutreffende Tatsache.
Unklar bleibt auch, wer genau heute im HKJA-Vorstand sitzt, welche Beschlussmehrheit die Nicht-Offenlegung getragen hat und ob es dafür – wie der Verein andeutet – nachvollziehbare Sicherheitsgründe gibt, etwa die Sorge um Mitglieder unter dem Nationalen Sicherheitsgesetz. Was weiter oben ja schon widerlegt wurde.
Was man fragen sollte
- Warum berichten westliche Leitmedien regelmäßig unter Berufung auf die HKJA über den Zustand der Pressefreiheit in Hongkong, ohne offenzulegen, dass die Organisation selbst intransparent über ihre eigene Führung ist?
- Und warum wird eine Organisation, die laut eigener Aussage seit Jahrzehnten mit westlich finanzierten Netzwerken kooperiert hat, in der Berichterstattung als neutrale Branchenstimme dargestellt statt als ein Akteur mit eigener politischer Positionierung?
Aber natürlich muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass eine Kooperationsgeschichte mit NED-nahen Gruppen oder mit Article 19 die HKJA einen in den Verdacht bring, zu einem verlängerten Arm westlicher Geheimdienste zu werden. Auch wenn das westliche Beobachter als eine „starke Vereinfachung“ sehen.
Was weitgehend unberücksichtigt bleibt
In der westlichen Standardberichterstattung über Hongkong erscheint die HKJA fast durchgängig als überparteiliche Stimme der Zivilgesellschaft, deren Einschätzungen unhinterfragt übernommen werden. Dass dieselbe Organisation ihre eigene Führungsstruktur verschleiert, gleichzeitig aber Transparenz und Pressefreiheit von der Hongkonger und der chinesischen Regierung einfordert, wird in den seltensten Fällen thematisiert.
Genau an diesem Punkt zeigt sich ein strukturelles Muster der Berichterstattung über China:
Organisationen, die sich als zivilgesellschaftlich neutral präsentieren, werden selten selbst auf ihre Finanzierung, ihre personellen Verflechtungen und ihre eigene Transparenz hin geprüft – obwohl genau das der Maßstab ist, den sie an andere anlegen.
Ob man Vittachis Deutung der HKJA-Geschichte teilt oder nicht: Seine Kernbeobachtung – eine Journalistenorganisation, die über die Pressefreiheit anderer wacht, aber die eigene Vorstandsliste geheim hält – bleibt eine Organisation im Nebel von Propaganda, oder wie manche sagen, der Desinformation. Journalismus, der glaubwürdig über Machtstrukturen berichten will, sollte diesen Maßstab auch an sich selbst anlegen.
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