
Das moderne Tibet
Vor kurzem war ich auf einem Symposium zum 75. Jahrestag der Befreiung Tibets in Lhasa zu Gast, wo ich über die Menschenrechtslage im alten wie im neuen Tibet sprechen durfte. Aus diesem Anlass werde ich anhand der Erfahrungen, die ich bei Unternehmensbesuchen, in der Universität und in Kulturbetrieben machen durfte, die Lage im heutigen Tibet darstellen.
In meinem vorigen Artikel ging ich auf die Lage im alten Tibet, oder Xizang, wie es in China genannt wird, vor der Befreiung ein. Doch auch nach der Befreiung durch das 17-Punkte-Abkommen 1951 und der Abschaffung der Leibeigenschaft 1959 hatte Xizang einen langen Weg der Modernisierung vor sich, der noch immer nicht ganz abgeschlossen ist. Die Lebenserwartung lag damals bei rund 35 Jahren, was vor allem daran lag, dass die Säuglingssterblichkeit bei 430 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten lag, während die Müttersterblichkeit 5% betrug. Ein Bildungssystem war kaum vorhanden, Mädchen waren von allen Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen. Dass der Großteil der Bevölkerung in bitterster Armut lebte, ist in diesem Kontext selbstverständlich.
Der lange Weg der Modernisierung
Während Xizang dieses Jahr den 75. Jahrestag der Befreiung feierte, begeht auch die Universität Tibet dieses Jahr ihr 75-jähriges Bestehen, wobei diese zunächst als tibetischsprachige Kaderschule gegründet wurde. Während vor der Befreiung nur die Elite Zugang zu Bildung hatte und Mädchen generell von Bildung ausgeschlossen waren, gibt es heute ein flächendeckendes, kostenloses Bildungssystem, wobei für Kinder aus abgelegenen Gegenden Internate errichtet wurden.
Das Bruttoinlandsprodukt hat sich seit 1965 nahezu vertausendfacht und wuchs 2025 mit 7,0 % deutlich schneller als der Landesdurchschnitt. Damit ging ein Ausbau der Infrastruktur einher, mit einem Straßennetz von 120.000 km und einer Anbindung ans Bahnnetz, welches weiter ausgebaut wird. Die absolute Armut konnte in den letzten Jahren beseitigt werden, was äußerster Anstrengungen bedurfte.
Diese Anstrengungen werden im neuen Film „Puruo Gangri“ behandelt, den wir in Lhasa im Kino sehen durften. Der Film stellt anhand wahrer Geschichten die Aufopferung der Beamten in abgelegenen Gegenden dar, welche bei ihrer Arbeit teils sogar ihr Leben gaben. Außerdem behandelt er die Lebensbedingungen in den 2010er Jahren, als in vielen Gegenden Xizangs noch bittere Armut herrschte. Für abgelegen lebende Menschen war damals im Notfall das nächste Krankenhaus oftmals zu weit entfernt, und der Schulbesuch der Kinder war, obwohl er gesetzlich vorgeschrieben war, noch nicht immer sichergestellt.
Dies hat sich zum Glück geändert, was ich auch im Dorf Liding nahe Nyingchi beobachten durfte. Während Liding noch 2016 als verarmt galt, wurde das Dorf unter Anleitung der Regionalregierung, aber auch mit Hilfe aus der Provinz Guangdong modernisiert, und das touristische Potenzial entfaltet, während Landwirtschaft weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Dieses Prinzip, dass man gezielt nach möglichen Potenzialen einer Gemeinde sucht, um sie anschließend planmäßig zu entwickeln, kann in ganz China bei der Armutsbekämpfung beobachtet werden.
In Nyingchi durfte ich zudem an drei Betriebsführungen teilnehmen, und zwar bei einem Lebensmittelproduzenten, einem Kosmetikhersteller sowie einem Hersteller traditionell-tibetischer Medizin. Den Unternehmen ist gemeinsam, dass sie einzigartige regionale Naturressourcen nutzen und diese auf modernste Weise verarbeiten.
Im Falle der tibetischen Medizin spielt für das Unternehmen Tradition zwar eine wichtige Rolle, allerdings bemüht es sich auch um internationale wissenschaftliche Anerkennung seiner Produkte, wofür es in Forschung und Entwicklung investiert, um Tradition und Moderne zu verbinden.
Erhalt der tibetischen Sprache, Kultur und Natur
Entgegen der westlichen Propaganda ist die tibetische Kultur nicht nur nicht unterdrückt, sie wird sogar gefördert. Der einfachste Beweis hierfür ist ein Blick auf eine beliebige chinesische Banknote, wo man auf der Rückseite neben anderen Sprachen auch eine tibetische Beschriftung vorfindet. In Xizang selbst ist praktisch alles zumindest zweisprachig, also auf Tibetisch und Mandarin beschriftet, von Verkehrsschildern über Restaurants bis hin zu den Sicherheitshinweisen von Tibet Airlines. Kinder lernen in der Schule, unabhängig davon, ob sie ethnische Tibeter sind oder nicht, zunächst die tibetische Sprache und Schrift, bevor sie Mandarin als Zweitsprache lernen.
Auch abseits der Sprache ist die tibetische Kultur im Stadtbild Lhasas omnipräsent. Dies sieht man einerseits am religiösen Leben, das sich im Jokhang-Tempel, dem geistigen Zentrum des tibetischen Buddhismus konzentriert, sowie in der den Tempel umrundenden Barkhor-Straße, auf der besonders abends zahlreiche Pilger beten. Wenig bekannt ist, dass es neben den Anhängern des Buddhismus auch muslimische Tibeter gibt, weshalb es in Lhasa auch Moscheen gibt, welche sich architektonisch in das traditionell-tibetische Stadtbild einfügen, sich also deutlich von dem für westliche Besucher gewohnten arabischen Baustil unterscheiden. In den Neubaugebieten findet man moderne Wohnhäuser, welche wie überall in China von viel Grünraum umgeben sind, doch auch an diesen finden sich teils von der traditionellen tibetischen Kultur inspirierte Bauelemente.
Beim Besuch der Universität Tibet stellten sich mehrere Fakultäten vor. Wichtige Aspekte für die Universität sind der Erhalt der Kultur sowie der Natur Xizangs. Im Bereich der Spracherhaltung spielt dabei die IT eine bedeutende Rolle. So ist die Universität Tibet seit Anfang der 1990er auf diesem Gebiet aktiv, um die Grundlagen für die Nutzung der tibetischen Sprache auf technischen Geräten zu schaffen, wofür die Universität auch mit diversen chinesischen wie auch ausländischen Unternehmen zusammenarbeitet. Ein neues Arbeitsfeld im Bereich der IT ist die KI, wobei es darum geht, die KI für die Kommunikation auf Tibetisch sowie für die Übersetzung vom und ins Tibetische zu trainieren.
Ansonsten wird an der Universität auch traditionelle tibetische Malerei sowie Tanz und Musik gelehrt. Ein weiteres Forschungsfeld, das uns vorgestellt wurde, ist die Ökologie. Auch hierbei gibt es viele Faktoren, von der Wiederherstellung von Ökosystemen über die Frühwarnung vor Katastrophen und der öffentlichen Umweltaufklärung bis hin zum Abfallrecycling. Zudem beteiligt sich die Universität am Ausbau „erneuerbarer“ Energie sowie der Begrünung der Region. Daneben wurden seit 2001 über 40 Millionen Samen von über 1.000 Pflanzenspezies gesammelt, um die regionale Pflanzenspezies zu dokumentieren und zu erhalten.
Fazit
Kurz gesagt ist Xizang oder Tibet genau das Gegenteil von dem Bild, das im Westen vermittelt wird. Der Region gelang es, sich von einer bitterarmen und geknechteten Gesellschaft zu einer modernen Region zu entwickeln, in welcher die traditionelle Kultur nicht nur gefördert wird, sondern auch mit großem Stolz hochgehalten und weiterentwickelt wird.
Vor meinem Besuch in Xizang durfte ich mich mit Professoren der tibetologischen Fakultät der Sichuan-Universität austauschen, von denen die Hälfte selbst ethnische Tibeter waren. Diese berichteten davon, dass der Austausch mit westlichen Kollegen für sie wenig fruchtbar sei, da ihre Berichte über die Geschichte und Gegenwart Xizangs entweder ignoriert oder als Propaganda abgetan werden. In Bezug auf die vom westlichen Mainstream indoktrinierten China-Hasser wird es mir hier sicher nicht anders gehen. Jedoch hoffe ich, zumindest kritisch denkenden Menschen eine andere Sicht auf die Lage der Tibeter nähergebracht zu haben. Ansonsten steht jedem frei, entweder Xizang oder eines der tibetischen Minderheitengebiete in den angrenzenden Regionen zu besuchen, um selbst die Lebendigkeit der tibetischen Kultur zu erleben und sich mit den Tibetern vor Ort auszutauschen.
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Photo: gv
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Georg Vavra, MA (*1993) ist ein Wiener Historiker mit Schwerpunkt auf Osteuropa und das Habsburgerreich sowie marxistischer Aktivist, u.a. in der Donbass-Solidarität. Zudem verbindet ihn viel mit China, und zwar neben Sprachkenntnissen und akademischen Auftritten auch private Beziehungen.
Für alle, die Wert auf „eine“ Wahrheit legen, hier ein Ausschnitt aus dem aktuellen Bericht von „Save Tibet.at“ über die derzeitige Lage:
Der gesamte Text ist für alle Schönfärber und Innen zu finden unter: tibet.at/tibet/land-und-leute/aktuelle-situation/
„Keine Aussicht auf Besserung
Die Situation der Tibeter in Tibet hat sich seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking weiter verschlechtert. In den Städten kann bereits von einer Totalüberwachung der Menschen, unter anderem mit massivem technischem Einsatz, gesprochen werden. In den Dörfern werden tibetische Familien gezwungen, sich gegenseitig zu kontrollieren und alle Unregelmäßigkeiten an die Behörden zu melden.
Die Bewegungsfreiheit der Tibeter ist stark eingeschränkt. Chinesen dürfen sich in Tibet in der Regel überall frei bewegen, Tibeter müssen in ihrem eigenen Land unzählige Kontrollen über sich ergehen lassen. Ohne zahlreiche Genehmigungen dürfen sie sich außerhalb ihres Wohngebietes nicht bewegen und auch nicht arbeiten. Die Grenzen zu den Nachbarländern werden rigoros überwacht, der Einsatz von Killerdrohnen ist dort bereits üblich. In den letzten Jahrzehnten flüchteten einige tausend Tibeter pro Jahr ins Exil. Infolge der verschärften Rahmenbedingungen ist diese Zahl in den letzten Jahren immer mehr gesunken. 2 Millionen Nomaden, die letzte Bastion der tibetischen Kultur in Tibet, wurden in den letzten Jahren in feste, gefängnisartige Siedlungen zwangsumgesiedelt.
Viele Tibeterinnen und Tibeter empfinden die Situation in ihrem Land angesichts der steigenden Repression und schrittweisen Marginalisierung ihrer Lebensweise und Kultur als hoffnungslos. Etliche von ihnen, meist Mönche und Nonnen, haben in den letzten Jahren die Selbstverbrennung als letzten Ausweg gesehen, die Weltöffentlichkeit auf die Situation in Tibet aufmerksam zu machen und sie aufzurütteln. Über 150 Menschen waren es bis jetzt, die diesen drastischen Schritt setzten. Die meisten von ihnen starben an ihren schweren Verletzungen, unbeachtet von den meisten Medien in aller Welt…“
Mit schönen abschließenden Grüßen… mir werden die Lügen hier einfach zu viel.
Der Bericht wird bestätigt durch viele andere Reiseberichte. zuletzt dem von Abt: https://forumgeopolitica.com/de/artikel/tibet-alltag-glaube-und-kultur-teil-ii Aber viel zu wenig Menschen haben das zur Kenntnis genommen.
Na, jetzt muss ich wirklich lächeln…Alles ist nur hell, gut und schön….vor allem „modern“, solange man die Tibeter nicht selber fragt. Wer „offiziell2“ hinfährt, wird sie schwerlich treffen bzw. mit denen reden dürfen, die freiwillig etwas anderes erzählen könnten. Ähnlich wie in Davos, wenn die WHO anmarschiert…
Großer Applaus! Perfekte China-Propaganda. Fast so gut wie in den „Qualitätsmedien“ über Corona.
Schon unglaublich, wie subtil Gehirnwäsche funktionieren kann, wenn es um konstruierte Weltbilder geht. Oder glaubt wirklich jemand, dass China heute auch nur irgendetwas auslässt, um im Westen perfekt dazustehen? Wäre bloß Europa mit seinen „westlichen Werten“ ähnlich geschickt – das bleibt natürlich ein Wunschtraum. Und KI hilft fleißig beim zerebralen Abbau.
Was zu loben ist, wäre natürlich die TCM und das fundamental logische Denken der Chinesen in allen Dingen – auch der Medizin. Dort ist auch abartigste „Forschung“ problemlos möglich, denn ein Menschen- oder gar das Leben anderer Kreaturen gilt absolut nichts, wenn es „dem Volkswillen dient“. Und es gibt ebenso viele gute Menschen, wie überall sonst, doch was kümmert das schon „die Führung“. Grausamkeit scheint diesem „Global Player“ seit jeher inhärent zu sein. Über Bill Gates schimpfen wir, den chinesischen Machthabern verzeihen wir offenbar alles – schließlich wird der Westen sie noch dringend brauchen angesichts unserer Misswirtschaft und Kriegstreiberzukunft.
Ich warte nur darauf, dass demnächst Nordkorea als Vorzeigeland auf den Plan tritt. Dort sind auch alle sehr glücklich“, wenn man „hinfährt und fragt“. Findet sich dafür ein Autor?
Bin schon neugierig auf die Kommentare.