Treibt die NATO Europa in den Krieg mit Russland?

29. Mai 2026von 6,7 Minuten Lesezeit

Das Risiko eines umfassenden Krieges zwischen der NATO und Russland war noch nie so hoch – nicht einmal auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Während die europäischen Regierungen ihre Bevölkerungen mit der Fiktion eines „Stellvertreterkonflikts“ in Sicherheit wiegen, ist die Unterscheidung zwischen Stellvertreter und Hauptakteur längst kollabiert. Wir stehen einen Zwischenfall – real oder inszeniert – vor der Katastrophe.

Der italienische Ökonom und Geopolitik-Analyst Thomas Fazi hat in einer neuen Analyse zusammengefasst, was jedem nüchternen Beobachter der europäischen Sicherheitsarchitektur offenkundig sein sollte: Die Eskalationslogik ist den politischen Kontrollmechanismen davongelaufen. Was als „begrenzter“ Krieg in der Ukraine begann, hat sich zu einer direkten militärischen Konfrontation zwischen der NATO und Russland metastasiert – nur dass die Fiktion der „Nicht-Kriegführung“ aus Gründen der öffentlichen Beruhigung formal noch aufrechterhalten wird.

Die große Illusion: „Die Ukraine kämpft, wir helfen nur“

Das offizielle Narrativ ist bekannt: Die Ukraine verteidigt sich tapfer gegen die russische Aggression, und der Westen leistet großzügig „Hilfe“. Die Realität, die Fazi minutiös dokumentiert, sieht fundamental anders aus: Der Krieg ist in jeder operativen Hinsicht eine US-NATO-Operation in ukrainischen Farben.

Die NATO liefert nicht nur Geheimdienstinformationen, Satellitenunterstützung und natürlich das Geld für die Kriegsmaschinerie. In zunehmendem Maße liefert sie die Drohnen selbst. Selenskyj kündigte Pläne an, 2026 zehn Joint Ventures zur Drohnenproduktion in europäischen Ländern zu eröffnen – eine bewusste Verlagerung der Produktion, um sie der russischen Zerstörung auf ukrainischem Boden zu entziehen. Die europäischen NATO-Staaten sind damit nicht mehr nur Finanziers und Waffenlieferanten, sondern Produktionsstandorte eines Krieges, den sie offiziell nicht führen.

Die baltische Pulverfass-Zone

Die gefährlichste Entwicklung spielt sich im Baltikum ab. Hier überschlagen sich die Ereignisse:

  • Ukrainische Drohnen durchqueren den Luftraum baltischer NATO-Staaten, um russische Ziele anzugreifen – darunter die Ölterminals in Primorsk und Ust-Luga an der Ostsee

  • Allein im Mai 2026 lösten ukrainische Drohnen wiederholte Luftraum-Alarme über Estland, Lettland und Litauen aus

  • NATO-Kampfjets mussten mehrfach aufsteigen, mindestens eine ukrainische Drohne wurde am 19. Mai von einem NATO-Jet über Estland abgeschossen

  • Tage zuvor traf eine weitere ukrainische Drohne eine leere Öllageranlage in Lettland – der politische Fallout war derart massiv, dass die lettische Regierung über den Umgang mit der Krise stürzte

Dass ukrainische Drohnen über NATO-Territorium operieren, ist kein Zufall und keine Panne. Es ist gelebte Eskalation, bei der die Grenze zwischen „ukrainischen Operationen“ und NATO-Beteiligung vollends verschwimmt. Russland muss sich fragen, ob diese Drohnen tatsächlich von Kiew aus gesteuert werden – oder ob hier nicht längst NATO-Personal die Zielführung übernimmt.

Die „Northern Navies Initiative“: Seeblockade als Kriegserklärung

Als wäre die Luftraum-Problematik nicht genug, hat sich ein neues Bündnis formiert: die „Northern Navies Initiative“. Beteiligt sind Großbritannien, Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland, Island, Estland, Lettland, Litauen und die Niederlande. Das erklärte Ziel: Russland zwischen Arktis und Ostsee „einzudämmen“, potenziell durch Behinderung des kommerziellen Schiffsverkehrs und insbesondere der sogenannten „Schattenflotte“.

Das Anhalten russischer Schiffe – oder gar eine Seeblockade – wäre ein offensichtlicher Kriegsgrund. Kein souveräner Staat kann eine Blockade seiner Seehandelswege durch ausländische Marinestreitkräfte akzeptieren, ohne zu reagieren. Dass die NATO-Staaten dies dennoch vorbereiten, zeigt, wie weit die Risikobereitschaft – oder der Realitätsverlust – in den Planungsstäben fortgeschritten ist.

Hinzu kommt die Militarisierung Finnlands, das kürzlich der NATO beigetreten ist. Von finnischem Territorium aus werden Spionage- und Luftüberwachungsoperationen gegen Russland durchgeführt. Ein Land, das jahrzehntelang erfolgreich Neutralität praktizierte, wird in Rekordzeit zum strategischen Frontstaat umgebaut – mit dem unvermeidlichen Ergebnis, dass Moskau es nun als Bedrohung wahrnimmt.

An dieser Stelle sei auch an Emmanuel Todds Analyse der heutigen konfessionellen Kriegsbegeisterung von erinnert. Der französische Historiker, Demograph und Anthropologe sieht diese primär in den nordischen und protestantischen Regionen. Für Skandinavien beschreibt er die Sequenz: aktiver Protestantismus → Zombie-Protestantismus → Null-Protestantismus.

Die wahre Agenda: Amerikanische Energie-Hegemonie

Fazi legt in einem weiteren Beitrag für UnHerd die tieferen strategischen Zusammenhänge offen. Die europäische Aufrüstung ist nicht – wie gerne behauptet – ein Schritt zu mehr europäischer Autonomie. Sie ist das genaue Gegenteil: die Erfüllung der Rolle, die Washington Europa zugewiesen hat.

Verteidigungsminister Pete Hegseth machte zu Beginn der Trump-Administration unmissverständlich klar, dass die USA sich anderen Schauplätzen zuwenden müssten – gemeint waren Iran und letztlich China – und Europa daher die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Drucks auf Russland übernehmen müsse. Europa gehorchte pflichtschuldigst: erhöhte Verteidigungsausgaben, ein kürzlich genehmigter 90-Milliarden-Euro-Kredit für Kiew, verdoppelte Unterstützung.

Die im November 2025 veröffentlichte US National Security Strategy macht die Agenda glasklar: „Amerikanische Energie-Dominanz“ über Öl, Gas, Kohle und Nuklearenergie wird als oberste strategische Priorität definiert. Die Expansion amerikanischer Energieexporte wird ausdrücklich als Mittel zur „Machtprojektion“ bezeichnet.

Das erklärt nicht nur die US-Militärkampagnen gegen Venezuela und den Iran. Es erklärt vor allem, warum Washington ein strukturelles Interesse daran hat, den Stellvertreterkrieg am Laufen zu halten: Europa muss von russischem Gas abgeschnitten und auf amerikanisches LNG angewiesen bleiben. Die Sprengung der Nord-Stream-Pipeline war Teil dieser Strategie. Die Frage, ob der jahrzehntelange US-Kurs in der Ukraine – vom Sturz der demokratisch gewählten Regierung 2014 bis zur informellen Einbindung des Landes in die NATO – nicht von vornherein darauf angelegt war, Russland in einen Krieg zu locken, stellt sich mit zunehmender Dringlichkeit.

Außenminister Lawrow brachte es in einer Rede auf den Punkt: „Uns wurde offen der Krieg erklärt. Das Kiewer Regime wird als Speerspitze benutzt. Doch jeder weiß, dass diese Spitze ohne westliche Waffenlieferungen, Geheimdienstdaten, Satellitensysteme und die Ausbildung von Militärpersonal unbrauchbar ist.“

Der Kollaps der politischen Vernunft

Was die gegenwärtige Situation so einzigartig gefährlich macht, ist nicht nur die militärische Eskalation. Es ist der vollständige Kollaps der politischen Vorstellungskraft, die sie noch aufhalten könnte.

Im Kalten Krieg gab es „Realisten“ auf beiden Seiten. Es gab Backchannel-Kommunikation. Es gab ausgefeilte Protokolle zur Verhinderung direkter Konfrontationen. Es gab europäische Führungspersönlichkeiten mit dem Standing und dem Willen, Verhandlungslösungen vorzuschlagen.

Heute gibt es nichts davon. Keine Diplomatie. Keine ernsthafte europäische Stimme für einen Waffenstillstand. Keine Verhandlungen. Nur die Eigendynamik der Kriegsmaschine, verteilt über ein Dutzend Länder und Tausende Unternehmen – Waffenproduktion in finnischen Fabriken, deutschen Joint Ventures, britischen Werkstätten. Ein Konflikt, der ohne dringende politische Intervention keinen logischen Endpunkt kennt – außer der Katastrophe.

Die Verantwortung, so Fazi, liegt letztlich bei den europäischen Bürgern.

„Unsere Regierungen handeln nicht in unserem Namen und nicht in unserem Interesse. Es liegt an uns – vor dem nächsten Zwischenfall, der nächsten Fehlkalkulation, der nächsten Drohne, die in den falschen Luftraum eindringt –, von ihnen zu verlangen, dass sie vom Abgrund zurücktreten.“

Es ist nicht die Frage ob, sondern wann

Die Mechanismen der Eskalation sind wohlverstanden: Jede Stufe auf der Leiter wird mit der zuversichtlichen Annahme genommen, die andere Seite werde schon zurückweichen. Jeder Schritt macht den nächsten wahrscheinlicher und den Raum für Deeskalation enger. Die westlichen Führungen haben sich durch eine Mischung aus Wunschdenken und institutioneller Trägheit eingeredet, Russland werde weiterhin jede Provokation schlucken, ohne in gleicher Münze zu antworten.

Doch jede Woche, die ohne diplomatische Ausfahrt verstreicht, bringt uns näher an den Moment, in dem diese Annahme bis zur Zerstörung getestet wird.

Es ist nicht übertrieben zu sagen: Wir sind einen Zwischenfall – real oder inszeniert – von einer Situation entfernt, die rasch in einen umfassenden Krieg eskaliert. Das Risiko ist keine ferne Abstraktion. Es ist gefährlich, unmittelbar und real. Und es wird Zeit, dass die Bevölkerungen Europas begreifen, was in ihrem Namen und mit ihrem Geld vorbereitet wird.

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5 Kommentare

  1. Fritz Madersbacher 29. Mai 2026 um 17:09 Uhr - Antworten

    „Unsere Regierungen handeln nicht in unserem Namen und nicht in unserem Interesse … es wird Zeit, dass die Bevölkerungen Europas begreifen, was in ihrem Namen und mit ihrem Geld vorbereitet wird“

    Und wenn sie es begreifen bzw. begriffen haben, auch handeln! Das wird schwer für Menschen, die nicht mehr gewohnt und bereit sind, für ihre Interessen zu kämpfen, so wie das einst der Fall war, mit der Perspektive, eine bessere Gesellschaft und Zukunft zu schaffen. Heute werden die Hoffnungen nur mehr an (Schein-)Wahlen geknüpft, die gar nicht stattfinden würden, wenn wirklich etwas dadurch geändert werden könnte – auch das müssen wir erst begreifen …

  2. Hello 29. Mai 2026 um 16:05 Uhr - Antworten

    „An dieser Stelle sei auch an Emmanuel Todds Analyse der heutigen konfessionellen Kriegsbegeisterung von erinnert. Der französische Historiker, Demograph und Anthropologe sieht diese primär in den nordischen und protestantischen Regionen. Für Skandinavien beschreibt er die Sequenz: aktiver Protestantismus → Zombie-Protestantismus → Null-Protestantismus.“

    Herr Mayer scheint sich in die These von Emmanuel Todd rettungslos verliebt zu haben. Wie begründet er eigentlich, dass Skandinavien im Null-Protestantismus angelangt ist? An deren Kriegsbegeisterung? Und die Kriegsbegeisterung begründet er mit Null-Protetantismus?

    Sind in Skandinavien die gewöhnlichen Bürger kriegsbegeistert (und daher im Null-Protestantismus angekommen) oder wieder einmal nur diejenigen, die nicht in den Krieg müssen, davon aber gut verdienen?

    Wie begründet Emmanuel Todd die Ablehnung der Kunst im Protestantismus? Ist er unmusikalisch und hat nie Bach gehört (zB Ich stehe an deiner Krippe hier – Text vom lutherischen Theologen und Dichter Paul Gerhardt)

    Wozu diese Spaltung entlang den Konfessionen? Ich finde das schade. Wem nützt denn das?

  3. Daisy 29. Mai 2026 um 13:28 Uhr - Antworten

    Russland in den Fußstapfen Trumps??
    Aus den Drohungen von massiven Schlägen gegen Kiew wurde bisher nix. Stattdessen schlug eine russ. Drohne in Rumänien ein und dort möchte man nun Art. 5 aktivieren.

    Wenn das den offiziellen Krieg der NATO gegen Russland auslöst, kannst sicher sein, Putin ist wie Mörkl eine Premiummarionette des WEF.

    • Daisy 29. Mai 2026 um 13:34 Uhr - Antworten

      Ja, jetzt wissma auch, warum sich die EU-Botschafter in Kiew nicht gefürchtet haben. Sie alle wissen Bescheid…Putin arbeitet für das WEF und tut ihnen nix.

    • Daisy 29. Mai 2026 um 13:39 Uhr - Antworten

      EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verurteilte einen mutmaßlichen russischen Drohnenangriff auf rumänisches Gebiet, sicherte Rumänien ihre volle Solidarität zu und kündigte weitere Maßnahmen gegen Russland sowie das „21. EU-Sanktionspaket an“.

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