Empört Euch!

11. Februar 2022von 7.8 Minuten Lesezeit

Was haben der Essay von Stéphane Hessel mit dem Einkauf in einem Baumarkt zu tun? Sehr viel, wie das nachfolgende Interview zeigt. Stéphane Hessel rief in seinem Werk eindringlich zum friedlichen Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft auf und sein Aufruf ist so aktuell wie nie. Friedlicher Widerstand ist jedem in nahezu jeder Alltagssituation möglich. Denn eines darf man nicht übersehen: Es liegt an jedem Einzelnen.

Von Andrea Drescher

Im März 2021 titelte Die Presse die während der „Corona-Pandemie“ sicher nicht zu den besonders systemkritischen Medien gezählt werden kann, einen Artikel mit „Die Blockwart-Mentalität im Lockdown“. Darin ging der Autor auf Verhaltensweisen ein, die eigentlich nicht zum normalen Sozialverhalten in der österreichischen Gesellschaft gehörten. So las man:

„Aber das Fotografieren von Warteschlangen vor Liften und das WTFen darunter scheint bei vielen eher dazu gedacht, ein Gefühl von moralischer Überlegenheit zu zeigen. Und quasi in Blockwart-Manier und mit erhobenem Zeigefinger vor allem einmal den anderen die Schuld zu geben. Und was kommt als nächstes? Den Nachbarn zu Silvester in die Fenster fotografieren, wenn mehr als nur ein Besucher am Esstisch sitzt? WTF!“

Ob „Blockwart“, „inoffizieller Mitarbeiter“, „Abschnittsbevollmächtigter“ oder seit neuestem „2G-Kontrolleur“: es braucht einen gewissen Menschentyp, der an diesen Handlungen eine gewisse Genugtuung verspürt. Und seit März 2020 ist dieser Menschentyp spürbar wieder sehr gefragt.

Ebenfalls seit März 2020 wird auch der Typus „Untertan“ wieder gesellschaftlich bevorzugt. Gleichgültig, wie sinnhaft oder sinnlos eine Verordnung ist, sie ist einzuhalten. Unbedingt. Maskentragen – allein im Auto oder beim Spaziergehen im Wald. Wenn es heißt „Maske schützt“, dann schützt sie. Jeden und überall. Die Sinnfrage wird nicht gestellt.

Trifft Blockwart auf Untertan, verläuft die Situation entspannt. Der Blockwart ordnet an, der Untertan folgt. Problematisch wird es, wenn Blockwart auf Selbstdenker trifft, so geschehen am 9.2., als eine Wienerin einen Baumarkt betrat und dort aufgefordert wurde, neben verschiedenen anderen Dokumenten auch noch ihren Personalausweis zwecks Identitätsfeststellung vorzulegen. Da übertrat der dortige Blockwart – pardon – 2G-Kontrolleur eindeutig eine rote Linie. Er maßte sich Rechte an, die nicht einmal der Polizei zustehen:

In Österreich ist bzw. war – wer weiß das in dieser Verordnungsrepublik überhaupt noch – die Rechtslage in Bezug auf Identitätsfeststellung klar geregelt. So kann man beim rechtsinfokollektiv.org nachlesen:

Die Polizei darf aus bestimmten Gründen gemäß § 35 SPG und § 118 StPO  die Identität feststellen und kontrollieren. Die Polizei braucht also einen Grund und muss diesen auch nennen, wenn man danach fragt. Die wichtigsten Gründe sind:

    • Man wird aufgrund von bestimmten Tatsachen mit einer Straftat in Zusammenhang gebracht oder kann darüber Auskunft geben (§ 35 Abs 1 Z 1 SPG).
    • Die Polizei behauptet, man habe eine Verwaltungsübertretung begangen (§ 35 VStG).
    • Man befindet sich auf einem „internationalem Verkehrsweg“ (Bahnhof, Zug, Autobahn, Flughafen, etc) § 35 Abs 1 Z 7 SPG
    • Es wird auf Grund von bestimmten Tatsachen angenommen, man reist gerade und hat eine Grenze überschritten oder wird diese überschreiten (§ 35 Abs 1 Z 6 SPG)

Wie unschwer zu erkennen ist, fällt der Besuch eines Baumarktes nicht unter die Gründe, die einen Polizisten berechtigen, auf eine Identitätsfeststellung zu bestehen – geschweige denn einen 2G-Kontrolleur.

Jagdaufsichtsorgane dürfen – wie ich erfahren habe – ebenfalls einen Ausweis kontrollieren. Ein Baumarkt ist allerdings meines Wissens kein Jagdrevier.

Darüber hinaus besteht für österreichische Staatsbürger keine generelle Ausweispflicht, d.h. niemand ist verpflichtet, einen Ausweis mit sich zu tragen. Man kann allerdings im Falle einer rechtmäßigen Kontrolle durch die Polizei im schlechtesten Fall auf die Polizeiinspektion mitgenommen werden.

Die eingangs erwähnte Wienerin gehört zu den Menschen, die sich dieser Rechtslage sehr wohl bewusst sind, sodass es mit dem 2G-Kontrolleur im Baumarkt zu einer entsprechenden Auseinandersetzung kam. Was passiert ist und warum sie das so aufregt, schilderte sie in einem kurzen Interview.

Wir kennen uns von der Wien-Demo, könntest Du Dich bitte aber trotzdem kurz vorstellen?

Mein Name ist Silvia, ich bin in Wien zuhause, von Beruf Bürokauffrau, aber aufgrund von Berufsunfähigkeit schon vor Corona aus dem Berufsleben ausgeschieden.

Was ist Dir passiert, dass Du mich so wütend angerufen hast?

Ich habe das Glück, dass ich zuhause bin und dem Wahnsinn großteils entkomme. Ich gehe fast nie in große Geschäfte, nur zu meinem Mini-Spar, ab und zum Billa oder zum Türken, die total nett und entspannt sind. Heute musste ich in den Baumarkt, weil ich meine Tür einbruchssicher machen wollte. Wir kamen hin, da steht ein junger Mann, vermutlich ein Lehrling, der als Erstes den 2G Nachweis sehen wollte. Die Kommunikation war am Anfang ganz normal, aber dann wurde er auf einmal respektlos und ziemlich frech. Ich dachte, „ok, ich habe es eilig, ich habe einen Genesenen-Schein“. Also habe ich den hergezeigt, weil ich keinen Stress wollte. Und dann sagt er auf einmal, er will einen Ausweis von mir. Da habe ich ihn angeschaut und gesagt: „Die Einzigen, die einen Ausweis von mir kriegen, sind Polizeibeamte! Woher haben Sie denn die Kompetenz erworben, um Ausweise zu kontrollieren?“

Wie hat er reagiert?

Da hat er nichts drauf sagen können und seine Vorgesetzte geholt. Außer, „ja, wir können ja überhaupt nichts dafür, es kommt von oben.“, es sei doch eh wurscht, man würde ja nur flüchtig drauf schauen. Ich darauf: „Wer sowas anordnen kann? Es ist ein Ausweisdokument und niemand außer der Polizei hat im Verdachtsfall das Recht, den Ausweis zu sehen.“

Kam die Polizei?

Von mir aus hätten wir die Polizei rufen können, aber wir hatten wirklich Zeitdruck. Die Antworten waren wirr, voller Widersprüchlichkeiten. Es ist ein Dokument, das ich doch nicht jedem Verkäufer zeige, der überhaupt keine Legitimation dazu hat, nur weil er vorgibt, er wäre legitimiert dazu. Ich bin wirklich zutiefst schockiert über die Vorgehensweise, die nichts mehr mit unserem Rechtsstaat zu tun hat. Was ich aber überhaupt nicht verstehe ist, dass die Mehrzahl der Leute die Ausweise ohne Diskussion einfach herzeigt.

Warum regst Du Dich so auf?

Ich glaube, wenn den „Untertanen“ einer sagt, sie müssen mit runtergezogener Hose dastehen, dann täten sie das auch. Und wenn man denen sagt, dass man jeden, der schief ausschaut, verprügeln kann, dann würden sie das auch tun. Das erschreckt mich wirklich. Was ist denn da los mit den Menschen?

Dir widerstrebt dieser blinde Gehorsam und dass die Menschen nach dem Motto ‚wir befolgen ja nur Befehle‘ handeln?

Genau! Genauso so ist es. Niemand hat Verantwortung für das, was er tut. Wir tun es nur, weil es uns aufgetragen wird, völlig gleichgültig, was uns aufgetragen wird. Ob es sich um einen Gesetzesbruch handelt, ob das diskriminierend ist, ob es gegen Menschenrechte geht, ist dabei völlig egal. Wenn es aufgetragen wird, tun wir es. Verantwortlich ist ein anderer, wir wissen zwar nicht wer, aber wir sind es nicht. Das ist doch Wahnsinn und ein ganzes Land ist in einem Zustand.

Ich verstehe aber auch die andere Seite nicht. Es braucht ja auch die, die sagen: „Ja, Ausweis, ist kein Problem, ich soll auch die Hose runterziehen? Ja gerne.“ Wie krank ist diese Gesellschaft?

Bis jetzt hatte ich das Glück, mich damit nicht auseinandersetzen zu müssen. Ich nehme an dem Wahnsinn kaum teil, aber wenn ich dann in so einer Situation derart mit der Realität konfrontiert werde, die für mich völlig absurd war, da bin ich einfach nur wütend.

Wie ging es denn weiter?

Aus Zeitdruck habe ich meinen Führerschein ganz kurz gezeigt und sofort wieder eingesteckt. Er wollte nochmals nachsehen, aber damit war für mich eine Grenze erreicht und ich wurde richtig zornig. Was spielen sich solche Menschen auf? Was glauben die, wer sie sind? Das Stoppschild hat er dann auch verstanden.

Wie meinst Du das?

Normalerweise dient eine Gesellschaft dazu, Menschen, die sich übergriffig verhalten oder unverschämt autoritär agieren, daran zu hindern, ihre Unverschämtheiten auszuleben. Die Geschichtsbücher sind voll von solchen Menschen. Und kaum sind wir in einem kritischen gesellschaftlichen Zustand, der solch ein Verhalten auch noch legitimiert, geht es los. Und solche Menschen werden von der Regierung auch noch beklatscht. Das führt zu einer neuen Normalität, die ich definitiv nicht will. Ob Übergriffigkeit durch die Regierung oder durch den 2G-Kontrolleur im Baumarkt: Wir müssen uns dagegen wehren und verhindern, dass solch ein Verhalten normal wird.

Danke fürs Wehren – wir sehen uns auf der Straße!

Mein Resümee

Bei einem Baumarkt fällt die Ausweiskontrolle und die Kontrolle des 2G-Status unter das Hausrecht. Wie schon so oft, wälzt die Regierung die rechtliche Problematik auf die Firmen über. Ein Baumarkt darf sich Kunden aussuchen. Wer nicht „freiwillig“ seine Daten vorzeigt, darf rein formal abgelehnt werden, was natürlich im „ureigensten Interesse“ eines Baumarktes liegt.

Daher: Widerstand kann man überall leisten. Auch im Baumarkt.

Es gibt Menschen, die machen und Menschen, die mit sich machen lassen. Oder auch nicht. Es liegt an uns.


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10 Kommentare

  1. Mammalina 11. Februar 2022 at 13:51Antworten

    Abgesehen davon, dass es in einigen Situationen durchaus „normal“ sein kann, den Ausweis zu verlangen und vorzuzeigen, z. B. wenn ich ein Paket bei der Post abholen will – es dient einfach der Legitimation, dass die richtige Person das Paket entgegennimmt, auch wenn das nicht die Polizei ist, sehe ich auch die Gefahr, dass Maßnahmen überzogen werden, mehr noch als das Gesetz es verlangt.

    Mir wurde kürzlich bei einem Test gesagt, ich müsse ankreuzen, warum ich zum Test komme (es gab 3 Fragen zur Vorauswahl auf dem Formular). Ich habe widersprochen – das ist ganz allein meine Sache und geht niemanden etwas an. Und das ging dann auch durch.

    Ein anderer Fall:
    Einem Freund wollte man untersagen, auf dem Parkdeck eines Supermarktes in sein dort gekauftes Brötchen zu beißen! Wie ein Wachhund hat sich ein Kerl auf ihn gestürzt und ihn harsch zurechtgewiesen.

    Ich habe mich darauf beim Betreiber beschwert, dieser gab mir Recht! Seitdem sind die Wachhunde dort verschwunden.

    Wir sollten nicht in vorauseilenden Gehorsam verfallen – allerdings!

    • Max 11. Februar 2022 at 14:51Antworten

      Implantierungen von Chips sind am Haustier erfolgreich getestet.

      Das Volk schreit laut „Hurra!“, wenn das Innenministerium von der Abschaffung der Ausweispflicht berichtet.

      Jedoch wird der Ausweis durch den Chip ersetzt, und niemand weiß mehr, wann und wo er wie gescannt wurde.

      Auf unsere Sehnsucht nach Mittelaltermärkten hört dabei niemand mehr.

      Eine Volkswirtschaft braucht Fachkräfte, um dem Klima begegnen zu können, statt Ausweiskontrolleuren in Scheinberufen. Chip geht künstlich intelligent nebenbei, spätestens wenn wir schon tot sind. – Junge Menschen zeigen sich hier aufgeschlossener, sie haben noch viel Leben vor sich …

  2. OMS 90 11. Februar 2022 at 9:08Antworten

    Im Artikel fehlt noch der § 34b VStG Identitätsfeststellung bei Verwaltungsübertretungen. Nur zur Vervollständigung. – Das Problem sind die Vertreter des Handels und Gewerbes. Diese hätten vom Anfang an sagen müssen, dass Personenkontrollen nicht von Angestellten durchgeführt werden. Die 2G-Regelung im Verkauf ist verfassungswidrig, da ein negativ auf SARS-Cov-2 getesteter Mensch niemanden gefährden oder anstecken kann und somit von diesem keine pandemische Gefahr ausgeht. Mit 3G darf man arbeiten gehen, aber mit 3G im selben Geschäfts nicht kaufen! Wer hier nicht erkennt, wie falsch und hirnrissig so eine Regelung ist, dem ist nicht mehr zu helfen.

  3. Jo Ne 11. Februar 2022 at 8:31Antworten

    Dies kleine Büchlein passt nicht nur in jedes Bücherregal sondern gehört auch gelesen und verstanden! Übrigens deutsche Ausgabe von Jahre 2011. Dies lässt doch tief blicken.

    • andi pi 11. Februar 2022 at 13:52Antworten

      @jo ne: dem kann ich mich nur anschließen. habe dieses beeindruckende buch zwar nicht im bücherregal, aber sehr wohl seinerzeit gelesen UND (wie ich denke) auch verstanden. deshalb gehe ich derzeit (morgen wieder) für die wiederherstellung der seit märz 2020 abgeschafften grund-, freiheits- und menschenrechte immer wieder auf die straße.

    • Jo Ne 12. Februar 2022 at 8:20Antworten

      Kurzer Nachtrag an alle und @andi pi, der deutsche Titel wir als „Engagiert Euch“ vertrieben!

    • andi pi 12. Februar 2022 at 12:11Antworten

      @jo ne 12. Februar 2022 um 8:20 Uhr:

      das stimmt nur teilweise. „engagiert euch“ ist nämlich hessels nachfolgebuch zu „empört euch“.

    • Jo Ne 12. Februar 2022 at 15:33Antworten

      @andi pi vollkommen richtig! Die Richtung stimmt. Mir kam es, im Nachfolgebuch Gespräch mit Gilles Vanderpooten, auf das für mich positive Wort „Engagiert“ an. Es geht uns doch um die darin erhaltene Zitate im Buch „Widerstand darf aber nicht nur im Kopf passieren“ und „Wir müssen handeln und zwar mit den Mitteln der Demokratie“ (Vorwort Das Buch) ich danke und bin da völlig bei ihnen.

  4. Max 11. Februar 2022 at 8:21Antworten

    Ab 2015 fragte ich mich, was werden die Zuwanderungen sich für einen Sinn geben können als Fachkräfte?

    Wir haben viel Technik und sind Dienstleistgungsgesellschaft.

    Dienstleistungen sind auch Security und Prüfdienste mit Tendenz steigend.

    Neben Heer und Polizei wird eine Parallel-Dienstleistungsgesellschaft bei geringerer Bezahlung hochgezogen.

    Meine Empathie: Die Security- und Prüfmenschen gehen nach der Schicht nachhause. Sie hätten etwas Sinnvolles getan.

    Wenn der ehemalige KZ-Häftling aus Frankreich Hessel noch leben würde, ich würde ihn fragen, welche Alternativen wir zur Zuwanderung haben? Seine erlebte „Lösung“ müssen wir ablehnen, d.h. aber wir müssen nach Empörungen gesunde Alternativen anbieten, sonst versinken wir im Chaos eines Bürgerkrieges. Die Zuwanderung ist da und hört nie wieder auf.

    WIE SIEHT HEUTE EIN GUTER ARBEITSPLATZ AUS? 50 JAHRE BÜRO AM MONITOR?

  5. Lucie Zimmer 11. Februar 2022 at 6:19Antworten

    Ein weiteres Zeichen, wie krank manche Menschen in den 2 Jahren geworden sind.
    Meistens sind es eh immer diese Leute, die schon immer Aloch waren oder sein wollten.
    Die, die alles mitmachen, was von oben kommt, nennt man Systemlinge.
    Erst wenn sie persönlich betroffen sind, macht es Klick im Gehirn.Aber auch das nützt leider nicht viel.
    Ständiger Widerstand gegen solche Leute ist da schon das beste Mittel.

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