Coronavirus-Antikörpertests zeigen nur ein Fünftel der Infektionen laut Studie der Uni Zürich

Ende Mai publizierten Schweizer Immunologen um Professor Onur Boyman die bisher wohl wichtigste Studie zur Covid19-Letalität. Diese Preprint-Studie kam zum Ergebnis, dass die üblichen Antikörper-Tests, die Antikörper im Blut messen (IgG und IgM), etwa ein Fünftel aller Covid19-Infektionen erkennen können.

Ob eine Person wirklich Kontakt mit dem Coronavirus hatte, lässt sich auch mit einem Antikörpertest nicht genau ermitteln. Das könnte auch erklären, warum immer wieder bei Tests ein „grenzwertiges“ und damit unklares Ergebnis erzielt wird. Das Problem dabei: über die Letalität von Covid-19 ist nur schwierig endgültige Aussagen zu treffen.

Aussagen zur Letalität

Stanford-Professor John Ioannidis publizierte im Mai eine Übersicht der bisherigen Covid19-Antikörper-Studien. Demnach liegt die Letalität von Covid19 (IFR) in den meisten Ländern und Regionen bei unter 0.16%. Für drei Hotspots fand Ioannidis eine Obergrenze von 0.40%.

Dies steht in scharfen Gegensatz zur jüngsten Veröffentlichung des Imperial College, die elf europäischen Ländern inklusive Österreich bis Anfang Mai etwa 3,1 Millionen Todesfälle verhindert hätten. Von dort kamen schon seit SARS1 immens hohe Voraussagen für Sterblichkeit, die jeweils um mindestens den Faktor Hunderttausend zu hoch waren. So auch diesmal die Vorhersagen und jetzt die Rechtfertigung.

Auch die US-Gesundheitsbehörde CDC reduzierte in ihrem neuesten Bericht die Covid19-Letalität (IFR) auf 0.26% (best estimate). Selbst dieser Wert ist noch als Obergrenze zu sehen, da die CDC konservativ von 35% asymptomatischen Fällen ausgeht, während die meisten Studien auf 50 bis 80% asymptomatische Fälle hindeuten.

Die Schweizer Studie

Jeder, der sich mit dem Coronavirus infiziert, bildet Antikörper, die mit einer Blutuntersuchung nachgewiesen werden können. Das ist bisher allgemeiner Wissensstand. Immunologen der Universität Zürich haben nun eine frühere Studie bestätigt, dass insbesondere Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf nachweisbare Antikörper im Blut haben, während milde Fälle dies kaum jemals tun. Aber mehr als 80 Prozent der Covid-19-Fälle sind mild.

Für die Studie, die jetzt als Preprint veröffentlicht wurde, untersuchte das Team um Onur Boyman, Professor an der Abteilung für Immunologie des Universitätsspitals in Zürich, zwei verschiedene Gruppen. Die erste Gruppe bestand aus Patienten mit leichtem oder schwerem Fortschreiten der Krankheit; Die Teilnehmer der zweiten Gruppe waren Angehörige der Gesundheitsberufe und dem Coronavirus ausgesetzt. In beiden Gruppen suchten die Forscher nicht nur wie bei den üblichen Antikörpertests nach Antikörpern im Blut, sondern auch in Augen, Nase und Mund.

Die Immunologen konnten erstmals für Covid-19 nachweisen, dass infizierte Menschen auch Antikörper in den Schleimhäuten haben.

Die Abwehrlinien des Immunsystems

Unser Immunsystem bildet verschiedene Antikörper (Immunglobuline): IgM, IgA oder IgG haben unterschiedliche Fähigkeiten, treten in verschiedenen Stadien der Infektion und vor allem an verschiedenen Stellen im Körper auf.

Die IgM sind die erste Verteidigungslinie. Sie sind die größten Antikörper und können daher mehr Viren gleichzeitig blockieren, können aber aufgrund ihrer Größe nicht leicht in das Gewebe eindringen. Sie verschwinden auch am schnellsten wieder. IgA und IgG sind kleiner und binden stärker, IgA kommt hauptsächlich in den Schleimhäuten vor, IgG ist am wendigsten und kann überall hin gelangen. In der neuen Studie trat IgA in milden Fällen etwa acht Tage nach Auftreten der Symptome auf und konnte in wenigen Fällen, jedoch nur vorübergehend, im Blut nachgewiesen werden.

Die infizierten Personen mit milden Fällen hatten jedoch normalerweise überhaupt kein IgG im Blut – tatsächlich die Antikörper, die am längsten nachweisbar sind. Andererseits fanden die Wissenschaftler IgA in den Nasenschleimhäuten von leicht betroffenen Patienten und vor allem von Mitarbeitern des Gesundheitswesens, auch wenn die Patienten keine Symptome zeigten. Damit konnten die Immunologen erstmals für Covid-19 nachweisen, dass infizierte Personen – wie aus anderen Erkrankungen bekannt – auch Antikörper in den Schleimhäuten haben. Die üblichen Antikörpertests weisen jedoch nur im Blut nach. Dort fanden die Wissenschaftler nur bei Schwerkranken deutlich nachweisbare Mengen an IgG, die ebenfalls frühzeitig auftraten. „Die aktuellen Antikörpertests decken bei weitem nicht alle Fälle ab“, sagt Studienleiter Boyman.

Daher kann davon ausgegangen werden, dass fünfmal mehr Personen als in breit angelegten Antikörpertests nachgewiesen wurden, bereits Kontakt mit dem neuen Coronavirus hatten. Dies liegt daran, dass weniger als ein Fünftel aller infizierten Menschen schwer krank werden und folglich eindeutig nachweisbare Antikörper im Blut haben. Wenn man das Beispiel Genf nimmt, wo im April rund fünf Prozent der Bevölkerung einen positiven Antikörpertest hatten, könnten es tatsächlich 25 Prozent der Bevölkerung sein.

Gleichlautende Ergebnisse in China

Die Schweizer Forscher sind allerdings nicht die ersten, die zu diesem Schluss kamen. Die Frage stellten sich auch Forscher in Shanghai. Die Fudan University analysierte Blutproben von 175 Patienten, die von der Shanghai Public Health Clinical Centre entlassen wurden. Bei einigen wurden überhaupt keine Antikörper festgestellt. Alle hatten nur geringfügige Symptome, die jungen kaum welche. Aber je deutlicher die Symptome gewesen waren, desto mehr Antikörper wurden gefunden.

Auch von anderen Viruserkrankungen ist bekannt, dass ein schweres Fortschreiten der Krankheit auch zu stärkeren Immunantworten führt.

Laut Boyman könnte die Anzahl der Infektionen sogar das Fünffache der bekannten Zahlen überschreiten. Dies hängt damit zusammen, wie unser Immunsystem funktioniert. Neben Antikörpern gibt es auch die zelluläre Immunantwort, die sogenannten T-Lymphozyten. Wenn eine Person nur diese T-Lymphozyten als Überreste einer Infektion hat, sind keine Antikörper nachweisbar. Trotzdem könnte zumindest eine teilweise Immunität bestehen.

Wie lange dauert der Schutz?

Es gibt noch keine schlüssigen Antworten auf diese Fragen, aber es gibt dennoch bestimmte Hinweise. Aus anderen Viruserkrankungen ist bekannt, dass ein schweres Fortschreiten der Krankheit auch stärkere Immunantworten hervorruft.  „Aber Antikörper in den Schleimhäuten, nicht nur im Blut, können im Prinzip auch Schutz bieten“, sagt Boyman. Je jünger die Teilnehmer der aktuellen Studie waren, desto wahrscheinlicher fanden die Forscher Antikörper in ihren Schleimhäuten.

Die neue Studie liefert auch einige Hinweise auf ein weiteres Rätsel. „Da Kinder häufig an Infektionen der oberen Atemwege leiden, haben sie möglicherweise schützende IgA-Antikörper in ihren Schleimhäuten“, schreiben die Autoren. Diese Antikörper könnten durch eine fittere Immunabwehr in den Schleimhäuten verursacht werden und bieten daher zumindest teilweisen Schutz. „Dies könnte unter anderem erklären, warum Kinder selten schwere Krankheiten entwickeln.“

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