Erstaunlicherweise sieht es so aus, als ob die USA und Südafrika im Konflikt zwischen Ruanda und dem Kongo auf der gleichen Seite in einem Konflikt stehen, der in Afrika um Bodenschätze und Souveränität tobt. Wir erklären die Krise, die für Europäer schwer zu durchschauen ist, weil Nachrichten immer nur einen kleinen Teil des Puzzles berichten.
Am 28. Oktober hat Washington das ruandische Verteidigungsministerium und die Militärbank Zigama Credit and Savings Society mit Sanktionen belegt. Allerdings war Ruanda ein US-Verbündeter. Das US-Außenministerium begründet den Schritt mit Ruandas Unterstützung für die M23-Miliz im Ostkongo. Wer das liest, könnte meinen, die USA und Südafrika, in fast jeder Weltfrage Gegenspieler, stünden im Kongo endlich auf derselben Seite. Das stimmt, aber nur an der Oberfläche. Beide wollen Ruandas Einfluss zurückdrängen. Warum sie das wollen, und was sie dafür tatsächlich noch tun, unterscheidet sich erheblich. Und eine verbreitete Darstellung muss vorab korrigiert werden: Südafrikas Soldaten kämpfen im Ostkongo nicht mehr.
Die Lage im Ostkongo
Die M23 kontrolliert seit dem Fall von Goma Anfang 2025 große Teile der Provinzen Nord- und Süd-Kivu, darunter Rohstoffgebiete wie die Coltan-Minen von Rubaya. Ruanda rechtfertigt sein Eingreifen traditionell mit der Bedrohung durch die Hutu-Miliz FDLR an der eigenen Grenze. UN-Expertenberichte und westliche Regierungen werfen Kigali dagegen vor, die M23 mit regulären Truppen zu stützen, und Kigali weist das seit Jahren zurück. Für Außenstehende schwer zu beurteilen. Zuletzt hat sich die Rebellenkoalition neu sortiert: Am 12. Oktober 2026 erklärte eine Nachfolgeorganisation, die „Front für die Neugründung der Nation“, die bisherige Kongo-Fluss-Allianz ersetzt zu haben. Der Konflikt ist also kein Auslaufmodell, sondern wird organisatorisch fortgeschrieben.
Südafrika: Souveränität, Führungsanspruch, und ein strategischer Rückzug
Die südafrikanische Position ist seit Jahren eindeutig: Pretoria steht an der Seite der Regierung in Kinshasa und sieht in Ruandas Auftreten einen Bruch der territorialen Integrität eines SADC-Mitgliedstaats. Die deutsche und internationale Berichterstattung verleumdet, höflicher ausgedrückt zeichnet das Bild einer Regionalmacht, die Ruanda als Förderer der M23 betrachtet und nicht als besorgten Nachbarn. Dahinter stehen drei Motive.
Erstens die Architektur der Region. Südafrika versteht sich als Schwergewicht der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC). Lässt man zu, dass ein Nachbar Teile eines Mitgliedstaats faktisch kontrolliert, steht die Glaubwürdigkeit der gesamten Gemeinschaft auf dem Spiel.
Zweitens die Rohstoffe. Aus Pretoria wirkt Ruandas Sicherheitsargument wie ein Vorwand: Ein Land ohne nennenswerte eigene Coltan- und Goldvorkommen taucht plötzlich als Exporteur dieser Mineralien auf. Die Vorwürfe, dass Gold aus M23-Gebieten über Kigali gewaschen wird, hat zuletzt auch das US-Finanzministerium in seine Sanktionsbegründung aufgenommen.
Drittens die persönliche Rivalität. Das Verhältnis zwischen Pretoria und Kigali ist seit Jahren vergiftet. Schon der Mordanschlag auf den ruandischen Dissidenten Kayumba Nyamwasa 2010 und der Tod seines Weggefährten Patrick Karegeya 2014 in Johannesburg belasteten die Beziehungen schwer. Südafrika wies damals ruandische Diplomaten aus.
Die Sicht des Westens: Die Mission ist gescheitert und beendet
In Westen ist die Darstellung verbreitet, Südafrika führe weiterhin die SADC-Mission SAMIDRC an und kämpfe aktuell gegen die M23. Das ist überholt. SAMIDRC wurde im Dezember 2023 entsandt. Im Januar 2025 fielen bei den Kämpfen um Goma 14 südafrikanische Soldaten. Im März 2025 beendete ein SADC-Sondergipfel das Mandat und ordnete den schrittweisen Abzug an. Die Soldaten saßen drei Monate lang in ihren Stützpunkten fest. Ihr Abzug führte durch Ruanda nach Tansania, eskortiert von ruandischen Kräften, ein Bild, das Kigali propagandistisch nutzen konnte.
Es kam noch dicker: Anfang 2026 kündigte Südafrika auch den einseitigen Ausstieg aus der UN-Mission MONUSCO an, offiziell zur „Neuausrichtung der Ressourcen“ der Streitkräfte nach 27 Jahren Beteiligung. Laut südafrikanischen Medien markierte der 2. Juli 2026 den endgültigen Abzug, das Ende des längsten Auslandseinsatzes der südafrikanischen Armee. Rund 1.700 Soldaten kehrten nach einem als chaotisch beschriebenen Abzug heim.
Die Lektion für Pretoria ist unbequem. Politische Entschlossenheit ohne ausreichende Mittel, Luftunterstützung und Rückhalt der Partner endet in Särgen und einem Rückzug unter den Augen des Gegners, erklärt man im Westen. Südafrikas Stimme im Kongo-Konflikt bleibt diplomatisch gewichtig, es bekennt sich weiter zur Unterstützung der SADC-, UN- und AU-Vermittlung. Militärische Schlagkraft vor Ort bringt es aber nicht mehr mit. Südafrika selbst sieht es nicht als Scheitern und schmählichen Abzug an, sondern als strategischen Rückzug aus einem Konflikt, der sich offensichtlich durch die Einmischungen von Großmächte noch lange hinziehen wird.
Die USA: Frieden gegen Rohstoffe
Washingtons Politik im Kongo folgt einer anderen Logik. Es geht nicht um regionale Ordnung, um die Sicherung von Grenzen und Souveränität, sondern um Zugang. Der Ostkongo und das angrenzende Land sind reich an Kobalt, Kupfer, Coltan und Lithium, Rohstoffen, bei denen die USA ihre Abhängigkeit von China verringern wollen. Das Dreieck aus Friedensvermittlung, Sicherheitsgarantien und Bergbauzugang ist das Kernstück dessen, was Beobachter als „Frieden gegen Rohstoffe“ beschreiben. Südafrika stört hier mit seinen völkerrechtlichen Grundsätzen.
Im Dezember 2025 wurden unter US-Vermittlung die sogenannten Washington-Akkorde zwischen Kinshasa und Kigali unterzeichnet, flankiert von einer strategischen Partnerschaft zwischen den USA und der DR Kongo. Der Vertrag sah den Abzug ruandischer Truppen vor, im Gegenzug lockten Investitionen in Infrastruktur und Bergbau. Die taz hatte früh darauf hingewiesen, wie stark das Abkommen von wirtschaftlichen Interessen getragen ist.
An der Front änderte sich aber zunächst wenig. Daraufhin zog Washington die Schrauben an. Am 2. März 2026 sanktionierte das US-Finanzministerium die ruandische Armee selbst sowie vier hochrangige Offiziere, ein Schritt von beispiellosem Umfang gegen einen jahrzehntelangen Sicherheitspartner. Ein Beispiel dafür, wie schnell ein angeblicher Verbündeter zum Feind der USA werden kann, wenn es mit der Inbesitznahme von Rohstoffen liebäugelt, meinen Kritiker der US-Politik. Am 28. Oktober folgten Sanktionen gegen das Verteidigungsministerium und die Zigama-Bank. Laut Treasury hat das Ministerium angeblich den Einsatz tausender Soldaten in Nord- und Süd-Kivu an der Seite der M23 angeordnet. Ob die M23 eine Rebellengruppe oder eine Terrororganisation ist, scheint Ansichtssache zu sein. Die Bank soll Zahlungsströme der Sicherheitskräfte und den Goldschmuggel abgewickelt haben. Ein deutschsprachiges Portal berichtet zudem über chinesische Waffenlieferungen an die M23. Das ist eine Behauptung, für die keine Beweise vorgelegt wurden. Südafrika lässt nun die USA „die Arbeit machen“, meinen Beobachter, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Wohlwissend, dass auch eine erodierende Weltmacht für Rohstoffe demnächst faire Konditionen bieten muss.
Die private Seite: Vectus Global und Erik Prince
Parallel läuft eine zweite Schiene, die nicht zur offiziellen Diplomatie gehört. Laut New York Times, NDTV und Courthouse News hat der Blackwater-Gründer Erik Prince mit seiner Firma Vectus Global einen mehrjährigen Vertrag mit der Regierung Tshisekedi. Die Firma liefere Drohnen, bilde kongolesische Einheiten aus und erhalte im Gegenzug Zugang zu Bergbaukonzessionen und eine Rolle bei der Kontrolle des Mineralienschmuggels. Ob das ohne das Wissen und die Zustimmung des Weißen Hauses geschah, das zur gleichen Zeit mit den Gegner verbündet war, ist „umstritten“.
Die Risiken dieses Modells sind im September sichtbar geworden. Berichten zufolge geriet am 17. September 2026 ein Vectus-Team in Süd-Kivu in einen Hinterhalt. Der frühere US-Soldat und Kampfsportler Tim Kennedy wurde dreimal angeschossen, ein früherer neuseeländischer Soldat getötet. Ein Lagebericht des Critical Threats Project spricht von rund 20 Opfern unter den Söldnern. Kigali wiederum beschuldigt Kinshasa, über US-Dienstleister Hunderte kolumbianische Söldner ins Land geholt zu haben, eine Behauptung, für die bisher vor allem ruandische Medien als Quelle dienen.

Der Konflikt um Rohstoffe
In den üblichen Erklärungen kommt die kongolesische Bevölkerung vor allem als Schauplatz vor. Dabei sind es Millionen Vertriebene, die den Preis des Konflikts zahlen, und es ist eine Armee in Kinshasa, die mit Korruption und mangelnder Schlagkraft kämpft. Aber auch Kigalis Sicherheitsargument ist nicht vollständig erfunden: Die FDLR existiert, und UN-Berichte haben dokumentiert, dass kongolesische Streitkräfte zeitweise mit Milizen aus ihrem Umfeld kooperierten. Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Das rechtfertigt keine Besatzung, erklärt aber, warum die Ruanda-Frage nicht ausschließlich in „Aggressor gegen Opfer“ gesehen werden kann. Wie so oft gibt es eine Grauzone.
Unbequem ist auch die Frage, was ein Frieden bedeutet, der als Rohstoffvertrag konstruiert ist. Wenn Bergbaukonzessionen den Preis für Sicherheit bilden, entscheidet am Ende nicht die Bevölkerung des Ostkongo über den Umgang mit ihrem Boden, sondern ein Geflecht aus Regierung, Konzernen und Söldnerfirmen und Sanktionen der USA. Aus der Perspektive des Globalen Südens ist das ein vertrautes Muster.
Zusammenfassung
Die neue Gemeinsamkeit zwischen Pretoria und Washington ist real, aber dünn. Südafrika hat die Grenzen seiner militärischen Möglichkeiten erlebt und hat sich für einen strategischen Rückzug entschieden, um nicht unter imperiale Räder zu geraten. Die USA setzen auf Finanzdruck und wirtschaftliche Verflechtung und lassen Raum für private Söldnerorganisationen. Ob daraus Frieden entsteht, hängt davon ab, ob die Sanktionen Kigali tatsächlich zum Abzug bewegen und ob die Rohstoffe am Ende der Region nützen oder nur den Eigentümern wechseln.
Verschwörungstheorie: Es wäre zynisch, wenn sich später einmal herausstellen würde, dass die USA als bisherige Verbündete Ruandas ein abgekartetes Spiel gespielt hatten, um Uganda näher an die USA zu bringen.
Bild: Screenshot von Video über Video eines afrikanischen Analysten, mit mehr Details
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1 Kommentar
Irgendwoher muss das Uran und die Seltenerden ja kommen, jetzt halt aus Südafrika und Grönland beabsichtigt, obwohl Grönland die Förderung von Rohstoffen bei Urangehalt parlamentarisch verboten hat.
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