Besitzen Körper-Zellen direkte EMF-Sensoren laut Cell-Studie 2026? Leserkommentar und TKP-Antwort darauf

8. Mai 2026von 6,7 Minuten Lesezeit

Am 26. April 2026 hat TKP über eine Studie berichtet, die das Märchen der Mobilfunk-Industrie zerstört, Mobilfunkstrahlung könne keine biologischen Schäden anrichten, da sie keine thermische Erwärmung des Gewebes im klassischen Sinne verursache. Neue Forschung findet immer mehr Wirkmechanismen für athermische Wirkungen.

Der Artikel ist hier nachzulesen und hat sich mit dieser bahnbrechenden, begutachteten Studie beschäftigt, die in der renommierten Fachzeitschrift Cell vom 14. April 2026 veröffentlicht wurde. Sie steht inhaltlich im Zusammenhang mit der neuen Reportage mit dem Titel „Die Witwenstrasse“, deren Premiere am 30. April 2026 in Thun stattfand. Sie deckt die Hintergründe eines Projekts auf, das die Mobilfunkindustrie und ihre Apologeten am liebsten für immer in der Versenkung verschwinden lassen würden: die ATHEM-3-Studie. Der TKP-Bericht dazu findet sich hier.

Und hier ist der Leserkommentar zum Artikel „Körper-Zellen besitzen direkte EMF-Sensoren – Cell-Studie 2026 zerstört „kein Wirkmechanismus“-Märchen der Mobilfunk-Industrie“:

„Ich habe mir mal die Mühe gemacht, sowohl den TKP-Artikel als auch die Originalpublikation zu lesen.

Die Originalstudie ist auch für mich als Neurowissenschaftler sehr komplex und nicht einfach verständlich. Soweit ich sie aber als Wissenschaftler verstehe, muss ich sagen, dass der TKP-Artikel die Studie erstens nicht korrekt wiedergibt, und zweitens Herleitungen daraus herstellt, für die es keine Grundlage gibt. Es stimmt, dass die Studie – ausschließlich im Mausmodell, und zwar an gentechnisch veränderten Mäusen, die so in der Wildbahn nicht vorkommen – zeigt, dass elektromagnetische Strahlung grundsätzlich Einfluss darauf haben kann, wie Erbgut abgelesen und im Körper Eiweiße gebildet werden können. Dass aber durch diese Studie der Schaden von Mobilfunkstrahlung auf den (menschlichen) Körper bewiesen wäre, ist aus folgenden Gründen wissenschaftlich *nicht tragbar*:

  1. In dieser Studie wurde u.a. absichtlich das Erbgut von Mäusen durch Gentechnik verändert, damit es auf eine präzise zugeschnittene elektromagnetische Signalabfolge reagiert, die ebenfalls im Labor entworfen wurde. Die Studie untersucht außerdem menschliche Zellen nur in der Zellkultur, die für die Komplexität des Organismus nicht repräsentativ ist (eine Nervenzelle „benimmt“ sich im Gehirn, in dem sie von Hüllzellen & Blutgefäßen umgeben ist zB anders als auf sich allein gestellt in einer Petrischale).

  2. Die Frequenz der elektromagnetischen Strahlung in der Studie betrug laut Autoren bis zu 200 Hz, war also sehr niederfrequent, während Mobilfunkstrahlung sehr *hoch*frequent ist (700 *Mega*Herz- 3,8 Gigaherz) – der Unterschiedsfaktor in der Strahlenfrequenz zwischen Studie und Mobilfunkstrahlung beträgt also bis zu 10 Millionen(!).

  3. Die Autoren postulieren selbst, dass ihre Experimentelle Studie selbst in dem von ihnen gewählten Setup erst auf Übertragbarkeit auf den Menschen überprüft werden muss: „further studies in large animal models, such as non-human primates, or pilot human clinical trials are warranted to validate the system’s efficacy and safety at a larger anatomical scale and to ensure its translational applicability.“

*Zusammengefasst* sind die Schlüsse, die der TKP-Artikel aus der Studie zieht, wissenschaftlich also m.E. nicht haltbar.Es tut mir Leid, dass ich mich daran so festgebissen habe, aber der TKP-Artikel leitet aus der Originalstudie Aussagen ab, die nicht daraus ableitbar sind, und das entspricht nicht den Anforderungen guter wissenschaftlicher Praxis.“——–

Hier meine Antwort dazu

Vielen Dank für Ihren ausführlichen und fachlich fundierten Kommentar!

Als Neurowissenschaftler haben Sie sich die Mühe gemacht, sowohl den TKP-Artikel als auch die Originalpublikation (Kim et al., Cell 2026) genau zu lesen – das ist nicht selbstverständlich und ich schätze das sehr. Ich antworte gerne Punkt für Punkt, weil das Thema wichtig ist und eine sachliche Diskussion verdient.

1. Zur korrekten Wiedergabe der Studie

Sie haben recht: Die Studie arbeitet mit gentechnisch veränderten Mäusen, in denen ein künstlicher, EMF-induzierbarer Genschalter (Ei-System) eingebaut wurde. Sie zeigt außerdem Ergebnisse an humanen Zellen in Zellkultur. Das ist ein synthetisches Setup, kein natürliches Umweltexperiment. Die Autoren selbst betonen, dass es sich um eine proof-of-concept-Plattform für die ferngesteuerte Genexpression handelt. Die Autoren betonen das selbst.

2. Frequenz und Relevanz für Mobilfunk

Während die Cell-Studie mit niederfrequenten Feldern (ELF, bis 200 Hz) arbeitet, nutzt Mobilfunk hochfrequente Trägerwellen (700 MHz–3,8 GHz). Beide Bereiche können jedoch über ähnliche molekulare Sensoren (Cyb5b und die S4-Sensoren spannungsgesteuerter Calciumkanäle) nicht-thermische Signale in die Zelle übertragen – vor allem, wenn die Hochfrequenz gepulst oder moduliert ist. Die pauschale Behauptung ‚nur thermische Effekte möglich‘ ist damit in beiden Frequenzbereichen widerlegt.

Der Artikel argumentiert jedoch nicht, dass diese eine Studie allein „den Schaden von Mobilfunkstrahlung beweist“. Er sagt: Die jahrzehntelange Behauptung „es gibt keinen plausiblen biologischen Wirkmechanismus“ für nicht-thermische Effekte ist damit widerlegt. Denn die Studie liefert genau das, was lange gefordert wurde – einen direkten molekularen Transducer (Cyb5b als EMF-Sensor in den Mitochondrien, der rhythmische Calcium-Oszillationen auslöst und gezielt Gene an- und abschaltet).

3. Ergänzende Mechanismen (S4-Sensoren)

Der Artikel erwähnt zusätzlich die seit Langem diskutierten S4-Spannungssensoren in spannungsgesteuerten Ionenkanälen (VGICs), die in der Literatur auch für gepulste hochfrequente Felder als empfindlich beschrieben werden. Cyb5b und S4-Sensoren zusammen bilden nach unserer Lesart das „fehlende Bindeglied“. Das ist eine Interpretation auf Basis der neuen Daten plus bestehender VGIC-Forschung – keine direkte Aussage der Kim-Studie, aber wissenschaftlich nachvollziehbar.

4. Übertragbarkeit auf den Menschen

Die Autoren schreiben selbst, dass weitere Studien in größeren Tiermodellen oder Pilotstudien am Menschen nötig sind (eine Standard-Formulierung bei translationaler Forschung). Das heißt aber nicht, dass der gefundene Mechanismus irrelevant wäre. Cyb5b kommt auch in humanen Zellen vor und wird von den Autoren explizit als möglicher natürlicher EMF-Sensor diskutiert. Die Studie zeigt, dass Zellen überhaupt in der Lage sind, EMF nicht-thermisch in präzise biologische Signale (Calcium-Oszillationen → Genexpression) umzusetzen. Das war der zentrale Streitpunkt der letzten 20–30 Jahre.

5. Andere Studien zu nicht-thermischen Effekten

Zusätzlich zur neuen Cell-Studie existiert eine umfangreiche Literatur zu nicht-thermischen biologischen Wirkungen bei hochfrequenten Feldern im Mobilfunkbereich. Besonders relevant sind:
• Die Arbeiten von Martin Pall zur Aktivierung spannungsgesteuerter Calciumkanäle (VGCC) über deren S4-Spannungssensoren – ein Mechanismus, der viele beobachtete Effekte (Calcium-Signaling, oxidativer Stress, Genexpression) bei niedrigen Intensitäten erklärt (z. B. Pall 2013, Journal of Cellular and Molecular Medicine).
• Reviews zum oxidativen Stress durch niederintensive RF-Strahlung.
• Die großen lebenslangen Tierversuche des US-NTP (2018) und des Ramazzini-Instituts, die bei Expositionen im Bereich realer Mobilfunkfelder Tumore (u. a. Herz-Schwannome und Gehirntumore) bei Ratten zeigten. Diese Befunde untermauern, dass plausible molekulare Mechanismen für nicht-thermische Effekte existieren – auch wenn die genaue Dosis-Wirkungs-Beziehung und Relevanz für den Menschen weiter erforscht werden muss.

Zusammenfassung meiner Position

Der TKP-Artikel zieht keine direkte Kausalitätslinie „diese Studie = Mobilfunk macht krank beim Menschen“. Er sagt: Die pauschale Behauptung „kein Mechanismus möglich“ (die von ICNIRP, Mobilfunk-Industrie und manchen Behörden jahrelang als Totschlagargument benutzt wurde) ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar. Es gibt jetzt nachgewiesene molekulare Sensoren (Cyb5b + VGCC/S4) und nachvollziehbare Wege zu nicht-thermischen Effekten. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Zellbiologie.

Ob und in welchem Ausmaß reale Mobilfunk-Expositionen (pulsierte Hochfrequenz, niedrige Intensitäten) diese Sensoren in der Praxis triggern, muss selbstverständlich weiter erforscht werden – genau wie Sie es fordern. Aber die Grundlage „es kann gar nicht wirken“ ist weg.

Mit freundlichen Grüßen

Soweit  die Antwort.

TKP-Gastautorin Mascha Orel hat mit Filmemacher Klaus Scheidsteger für TKP über die Schäden von 5G und die neue Reportage mit dem Titel „Die Witwenstrasse“, gesprochen:

Die wichtigsten Erkenntnisse und Studien zum 5G-Mobilfunk sind in diesem TKP-Buch zusammengefasst:

5G Freqenzen: Und die Auswirkungen auf unsere Gesundheit Informationen und Studienergebnisse 2. Auflage

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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5 Kommentare

  1. Patient Null 8. Mai 2026 um 10:45 Uhr - Antworten

    Während die Cell-Studie mit niederfrequenten Feldern … vor allem, wenn die Hochfrequenz gepulst oder moduliert ist.

    Eine niederfrequent modulierte Hochfrequenz und eine Niederfrequenz ist allerdings nicht das gleiche. Um aus einer modulierte Hochfrequenz die aufmodulierte Niederfrequenz rückzugewinnen braucht es elektromagnetische Bauteile (im einfachsten Fall ein Stück Metall). Die sind nicht im Körper vorhanden. Man bräuchte für einen Nachweis tatsächlich eine Studie mit Hochfrequenz und in praxisrelevanten Dosen. Jeder Frequenzbereich bei EMF wirkt anders.

  2. Amokimpfender Amtsarzt 8. Mai 2026 um 10:38 Uhr - Antworten

    siehe Übersichtsstudie Yakymenko et al (2015). Oxidative mechanisms of biological activity of low-intensity radiofrequency radiation. Electromagn Biol Med. Aug 19, 1 – 16

    https://de.scribd.com/document/516364152/60001122232

    • K Kaefer 8. Mai 2026 um 11:27 Uhr - Antworten

      Top-Studie, vielen Dank. Eindeutiger geht’s nun wirklich nicht. PDF auch direkt abrufbar unter bei researchgate net

      Hier auch massenhaft Material:
      https://mdsafetech.org/cellular-mechanisms-oxidation/

      Generell waren die Osteuropäer wohl sehr viel früher schon sehr viel weiter. Nur als Beispiel: auch wenn’s etwas off-topic ist, zur immer noch ungelösten Frage der „contagion“: „Kaznacheyev experiments“

      „The Kaznacheyev experiments (> 20,000 apparently) in the Soviet Union proved conclusively that virtually any cellular disease or death pattern can be transmitted electromagnetically, and induced in target cells absorbing the radiation.“
      https://officialbrendanmurphy.substack.com/p/how-illness-actually-spreads

  3. Amokimpfender Amtsarzt 8. Mai 2026 um 10:28 Uhr - Antworten

    Ich verstehe die Diskussion immer noch nicht. Die (nicht-thermische) Schädlichkeit von Mobilfunk ist doch längst auf einer sehr viel simpleren Ebene erwiesen:
    Ab Strahlungsintensitäten von 1 mW/m² bzw. 1000 µW/m2 beginnt oxidativer Stress = lt. Schulbuchwissen Vorstufe zu Krebs und vielen anderen gesundheitserosiven Prozessen. WLAN, Bluetooth und Smartphone emittieren im Nahbereich 20.000 bis 300.000µW/m2.

    EUROAPEM bzw. die Salzburger Ärztekammer empfiehlt u.a. aus diesem Grund 0,001 max. 0,01 mW/m² als Richtwert.

  4. Gabriele 8. Mai 2026 um 9:42 Uhr - Antworten

    Ausgezeichnet! So fundiert wie dzt. möglich.

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