Bulgarien wählt gegen Brüssel: Radevs Erdrutschsieg stellt EU-Kurs im Ukraine-Krieg infrage

20. April 2026von 4,6 Minuten Lesezeit

Die Bulgaren haben gesprochen – zum achten Mal in fünf Jahren. Und diesmal mit einer Klarheit, die Brüssel und die transatlantischen Think-Tanks nicht erfreuen dürfte. Die neu gegründete Progressive Bulgaria (PB) des ehemaligen Präsidenten Rumen Radev hat bei den Parlamentswahlen vom 19. April mit rund 44 Prozent der Stimmen einen Erdrutschsieg eingefahren.

Hochrechnungen deuten auf eine absolute Mehrheit von mindestens 129 bis 134 der 240 Sitze hin – ein Ergebnis, das die etablierten pro-europäischen Kräfte wie GERB-SDS (ca. 13 %) und PP-DB (ca. 14 %) regelrecht pulverisiert. Radev, der im Januar von seinem Präsidentenamt zurücktrat, um selbst anzutreten, hat den Wahlkampf bewusst auf zwei Pfeiler gestellt: den Kampf gegen die oligarchische Korruption im Land und eine souveräne Außenpolitik, die nicht länger Brüssels Vorgaben blind folgt. Der ehemalige Kampfpilot gilt Brüsseler Kreisen als „Putins Trojanisches Pferd“ – ein Etikett, das daher rührt, da Radev seit Jahren die Sanktionen gegen Russland kritisiert, militärische Hilfe für die Ukraine ablehnt und eine Normalisierung der Beziehungen zu Moskau fordert.

Er hat wiederholt betont, dass der Krieg in der Ukraine nicht militärisch zu gewinnen sei und Bulgarien nicht zum verlängerten Arm Washingtons werden dürfe.

Was bedeutet das für die EU?

Bulgarien ist das ärmste Mitglied der Union. Seit Jahren zahlt es den Preis für eine Politik, die von Brüssel diktiert wird: teure grüne Energiewende, Sanktionen, die die eigenen Energiepreise in die Höhe treiben, und eine bedingungslose Unterstützung Kiews, die der bulgarischen Rüstungsindustrie zwar kurzfristig Aufträge beschert hat, langfristig aber die Abhängigkeit von westlichen Märkten verstärkt.

Radevs Sieg könnte nun genau diesen Kurs kippen. Eine PB-geführte Regierung würde voraussichtlich keine weiteren Waffenlieferungen aus bulgarischen Beständen an die Ukraine genehmigen – ein Punkt, den Radev bereits als Präsident konsequent blockiert hat. Bulgarien war einer der wichtigsten Lieferanten von sowjetischer Munition für Kiew. Das Ende dieser Lieferungen würde die NATO-Logistik empfindlich treffen und die EU vor neue Herausforderungen stellen.

Noch brisanter: Radev hat angekündigt, die Beziehungen zu Russland wieder aufzubauen. Das betrifft nicht nur diplomatische Kanäle, sondern vor allem Energie. Der TurkStream-Pipeline droht keine Stilllegung mehr, im Gegenteil: Bulgarien könnte sich wieder als Brücke zwischen Russland und Europa positionieren – zum Schrecken jener Kräfte in Brüssel, die auf totale Abkopplung setzen.

Die Sanktionspolitik der EU hat bisher vor allem den europäischen Bürgern geschadet: Studien beziffern den Jobverlust allein durch die Energie-Sanktionen bereits auf Millionen. Bulgarien hat das besonders schmerzhaft gespürt.

Radevs Wähler haben nun klargemacht: Wir wollen keine ideologische Konfrontation auf Kosten unserer Lebenshaltungskosten. (Vergleiche frühere Analysen zu Sanktionsfolgen auf TKP).

Folgen für den Ukraine-Krieg

Der Westen verliert damit einen weiteren zuverlässigen Partner im Osten. Nach dem Wahlsieg der EU-hörigen Kräfte in Ungarn (wo Orbán abgewählt wurde) schien es, als würde die „russlandkritische“ Front in der EU gestärkt. Radevs Triumph kehrt das Blatt um. Bulgarien könnte – ähnlich wie die Slowakei unter Fico oder Teile der serbischen Politik – zu einem Mahner für Verhandlungen werden statt für Eskalation. Radev hat nie ein Hehl daraus gemacht, dass er die Krim als „strategische Realität“ betrachtet und eine Friedenslösung fordert, die die Sicherheitsinteressen Russlands berücksichtigt.

Für die Ukraine selbst bedeutet das: weniger Munition aus dem Osten, weniger politische Deckung in der EU und ein weiteres Signal, dass die „Einheitsfront“ bröckelt. Die EU-Kommission wird nun hektisch Koalitionsmöglichkeiten in Sofia ausloten, um eine offene Blockadehaltung zu verhindern. Doch bei einer absoluten Mehrheit für PB hat Radev alle Trümpfe in der Hand. Er muss keine unangenehmen Kompromisse mit den alten Oligarchen-Netzwerken von GERB oder DPS eingehen.

Ein Weckruf für Brüssel

Die bulgarischen Wähler haben nicht für „russische Propaganda“ gestimmt, sondern für Realpolitik und gegen jahrelange Instabilität und Korruption. Die etablierten Parteien, die jahrelang mit EU-Geldern und transatlantischer Rückendeckung regierten, sind abgestraft.

Das ist keine Überraschung für jeden, der die Stimmung in Osteuropa verfolgt: Die Menschen wollen keine weiteren Sanktionsrunden, keine höheren Energiepreise und keine Kriegsrhetorik auf Kosten ihrer Zukunft.

Radevs Sieg ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Brüsseler Strategie der moralischen Überlegenheit und der wirtschaftlichen Selbstschädigung an ihre Grenzen stößt. Ob die EU daraus lernt oder mit noch mehr Druck und Zentralismus antwortet, wird sich zeigen. Eines ist jedoch klar: Der Ukraine-Krieg wird nicht in Sofia entschieden – aber die bulgarischen Wähler haben gerade deutlich gemacht, dass er nicht länger bereit ist, dafür die Rechnung zu bezahlen. Die Entwicklungen in Sofia werden wir weiter beobachten. Denn sie betreffen nicht nur Bulgarien – sie betreffen die gesamte europäische Energie- und Sicherheitspolitik.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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8 Kommentare

  1. Dr. Rolf Lindner 21. April 2026 um 0:55 Uhr - Antworten

    Ich habe während drei Reisen (1978, 1980, 1982) in dieses Land mit Aufentahlten in sechs Orten nur Gutes vom Land und dessen Bürgern erfahren. Es mag sein, dass dieses Land nominell arm ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Bulgaren das so empfinden, denn dieses Land ist so reich an natürlichen Schätzen wie kaum ein zweites. Ich wünsche dem Wahlsieger und dem bulgarischen Volk viel Erfolg bei der Abnabelung von Brüssel.

  2. VerarmterAdel 20. April 2026 um 12:30 Uhr - Antworten

    Läuft doch.

    Der Cordon Sanitaire wird etabliert, mit deutschem Geld und deutschen Unternehmen geflutet, und wenn dann am Ende Mauer hochgezogen wird, um Russland und das gehirnamputierte Beklopptistan für immer zu trennen, steht der von ferngesteuerten Schwarzköpfen und Berufsschwerstverbrecher regierte führende Klimagottestaat ganz alleine da.

  3. therMOnukular 20. April 2026 um 11:42 Uhr - Antworten

    Naja, ein Trump hat vor der Wahl auch gesagt, er würde die sinnlosen Kriege und Regime-Changes beenden……

    Schau ma mal. Ich traue keinem mehr.

    • Glass Steagall Act 20. April 2026 um 12:40 Uhr - Antworten

      Das mit dem Trauen würde ich erst einmal nur auf die Politik beziehen. Keinem mehr zu trauen wäre eine Katastrophe.

  4. triple-delta 20. April 2026 um 11:23 Uhr - Antworten

    Den Bulgaren geht es schlechter als zu Zeiten des Sozialismus. Dummerweise ist auch noch Deutschland das Patenland für Bulgarien. Die Osteuropäer werden hoffentlich bald begreifen, dass ihre Zukunft im Osten liegt.

  5. peru3232 20. April 2026 um 11:13 Uhr - Antworten

    Der Grund warum Brüssel nicht direkt einschreitet, wird eh direkt im Artikel erwähnt, bzw. eigentlich 2:
    a) Es ist das ärmste Land der EU – was heisst, sie bekommen die meisten Förderungen -> und so hat die EU die Regierung auch direkt am Gänglband. Heißt, macht ihr nicht mit, werden die Mittel ausgesetzt wie in Ungarn. Und damit gleich weiter mit
    b) schnell aufeinanderfolgende Wahlen sind dort üblich – und wenn Dank fehlender „rechtsstaatlichkeit“ nichts mehr am Teller findet, kann die Regierung zur Not auch wieder aufgelöst werden. Und wenn auch da nix kommt, wird sich sicher auch niemand wundern, wenn die armen Schlucker auch einen Maidan veranstalten werden
    Nene, nur Eingreifen wenn es sein muss -> also falls es den Bulgaren damit wirklich „besser“ gehen sollte, denn soetwas darf natürlich nicht passieren

  6. mattes 20. April 2026 um 10:20 Uhr - Antworten

    Es gibt ab und zu auch gute Nachrichten.
    Bulgarien wird mir immer sympathischer.

  7. Glass Steagall Act 20. April 2026 um 10:09 Uhr - Antworten

    Wie kommt es eigentlich zu dem Ergebnis dieser Wahl, wenn man sie mit der wahrscheinlich manipulierten Wahl in Ungarn vergleicht? Hat die EU-Kommission nicht aufgepasst oder hatte sie Bulgarien nicht auf dem Schirm? Oder betrachtet man Bulgarien nicht als Störenfried?

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