
Energie ist die wahre Währung der Macht – und der Welt geht sie aus
Wie Energieflüsse, Entropie und ‚EROEI‘ den Niedergang des Westens, Chinas strategischen Aufstieg und das neue Zeitalter der Energiekriege erklären.
Was wäre, wenn die endlosen Finanzkrisen, geopolitischen Konfliktherde und Wellen der Desinformation keine voneinander unabhängigen Probleme wären, sondern Symptome einer tieferen Realität: des schleichenden Rückgangs der Energiequalität und des unaufhaltsamen Vormarschs der Entropie? In seinem Buch ‚Thermoeconomics in a Time of Monsters‘ präsentiert Warwick Powell ein kraftvolles, integrierendes Rahmenwerk, das offenbart, warum Gesellschaften aufsteigen und zerfallen, warum die alte Weltordnung zerbricht und warum die Kontrolle über Energieflüsse zum ultimativen strategischen Imperativ unserer Zeit avanciert ist.
Zunächst zwei zentrale Begriffe aus Powells Analyse:
Entropie bezeichnet in der Thermodynamik die natürliche Tendenz eines Systems zur Zunahme von Unordnung und nutzloser Energiezerstreuung (Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik). Gesellschaften müssen diesem Prozess permanent entgegenwirken, indem sie hochwertige (niedrig-entropische) Energie aufnehmen und in geordnete Strukturen – Infrastruktur, Lieferketten und Institutionen – umwandeln. Diese gegenläufigen Maßnahmen nennt man negentropische Interventionen. [Anm.: Negative Entropie = Ordnung – negentopische Intervention schafft bzw erhält Ordnung]
EROEI (Energy Return on Energy Invested – Energieertrag pro Energieaufwand) misst, wie viel nutzbare Nettoenergie nach Abzug der für Förderung, Verarbeitung und Infrastruktur eingesetzten Energie übrig bleibt. Ein sinkender EROEI bedeutet, dass immer mehr Energie investiert werden muss, nur um die gleiche Menge nutzbarer Energie zu gewinnen. Powell bringt es auf den Punkt: Ein fallender EROEI ist „the arithmetic of socio-economic entropy“ – die unsichtbare Mathematik des gesellschaftlichen Verfalls.

Über den Autor: Dr. Warwick Powell ist Adjunct Professor an der Queensland University of Technology (QUT) in Australien. Als Experte für Lieferketten, Pionier im Bereich Blockchain und langjähriger Analyst Chinas und der internationalen Politischen Ökonomie bringt Powell Jahrzehnte praktischer Erfahrung in globalem Handel, digitalen Technologien und Wirtschaftsregulierung in sein Schreiben ein. Seine Arbeit bewegt sich im Schnittpunkt von materiellen Systemen, Innovation und Geopolitik.
In seinem ambitionierten neuen Buch bietet Warwick Powell eine radikale Neuinterpretation von Ökonomie, Geopolitik und der Entwicklung der globalen Zivilisation. Er greift auf mehr als 300 Jahre ökonomisches Denken zurück – von Adam Smith und Karl Marx bis Giovanni Arrighi – und integriert dabei Thermodynamik, Informationstheorie und heterodoxe Geldanalyse. Powell betrachtet menschliche Gesellschaften nicht als abstrakte Marktsysteme, sondern als Energie-Transformationsmaschinen. Ökonomien sind in dieser Sicht offene metabolische Systeme, die in einem permanenten Kampf gegen die Entropie stehen. Der zentrale Treiber von Wohlstand, Stabilität und Macht ist der Fluss, die Qualität und der Überschuss an Energie. Wenn dieser Überschuss erodiert, geraten Gesellschaften unter strukturellen Stress, der sich in Finanzblasen, institutionellem Verfall, Desinformation und geopolitischen Konflikten äußert.
Der thermoökonische Kern
Im Zentrum von Powells Rahmenwerk steht ein thermodynamisches Verständnis wirtschaftlicher Aktivität. Gesellschaften benötigen zwei grundlegende Inputs: biologische Energie (Nahrung) für die Menschen und mechanische/chemische/elektrische Energie (Treibstoff) für Maschinen. Diese Inputs ermöglichen Produktion, soziale Reproduktion und – am entscheidendsten – die Erzeugung von Energieüberschuss. Ohne ausreichenden Überschuss bricht Komplexität zusammen.
Die Thermodynamik setzt eiserne Gesetze für diesen Prozess. Das erste Gesetz erinnert uns daran, dass Energie nur umgewandelt, nicht erzeugt werden kann. Das zweite Gesetz besagt, dass Entropie – Unordnung, Degradation und Abfall – unausweichlich zunimmt. Menschliche Zivilisationen wirken dem entgegen durch negentropische Interventionen: den Aufbau von Infrastruktur, die Organisation von Lieferketten, die Entwicklung von Institutionen und die Schaffung geordneter Systeme, die vorübergehend große Energieüberschüsse erzeugen. Zivilisationen steigen auf, wenn diese Interventionen gelingen; sie verfallen, wenn sie es nicht schaffen, die energetische Effizienz aufrechtzuerhalten oder zu erneuern.
Powell führt den ‚Energy Return on Energy Invested‘ (EROEI) als zentrale Kennzahl ein. Ein sinkender EROEI – weniger Nettoenergie pro investierter Einheit bei Förderung oder Produktion – erzeugt wachsenden systemischen Stress. Traditionelle ökonomische Modelle, die Energieflüsse und materielle Grenzen ignorieren, sind seiner Ansicht nach grundlegend blind. Sie messen Wert allein am Preis, losgelöst von der physikalischen Realität, und können daher keine Energieschocks, Finanzinstabilitäten oder die tieferen Wachstumsgrenzen vorhersagen.
Die drei Kreisläufe der sozialen Reproduktion
Powell analysiert Gesellschaften anhand dreier ineinandergreifender Kreisläufe, die für Stabilität im Gleichgewicht bleiben müssen:
- Der materielle Kreislauf: Dies ist die „Realwirtschaft“ – Landwirtschaft, Industrie, Infrastruktur und Lieferketten –, in der Energie physisch in nützlichen Output umgewandelt wird. Er wird ständig durch Entropie herausgefordert: Verschleiß, Abfall und Degradation.
- Der finanzielle Kreislauf: Finanzen dienen als Anspruch auf zukünftigen Wert und als Mechanismus, Ressourcen für großangelegte Projekte zu mobilisieren. Finanzielle Ansprüche wachsen jedoch tendenziell schneller als die reale energetische Produktion und erzeugen „fiktives Kapital“, Vermögensblasen und letztlich Deleveraging-Krisen. Finanzialisierung kann energetische Defizite nicht lösen; sie verdeckt sie nur vorübergehend.
- Der Informationskreislauf: Information wird oft als entropiereduzierend angesehen, da sie Ordnung und Koordination schafft. Powell argumentiert dagegen: Das Erzeugen, Speichern und Validieren von Information verbraucht selbst Energie. Wenn die energetischen Kosten der Information ihren stabilisierenden Nutzen übersteigen, wird sie zu entropischem „Rauschen“ oder Desinformation. In einer Ära der Informationsüberflutung destabilisiert übermäßiges Rauschen Gesellschaften, indem es die Koordination zwischen materiellen und finanziellen Systemen untergräbt.
Ungleichgewichte zwischen diesen Kreisläufen – insbesondere die Dominanz von Finanzen und noisy Information über die materielle Realität – kennzeichnen Zeiten des Niedergangs.
Der historische Wandel: Von der klassischen Ökonomie zur neoliberalen Blindheit
Powell kontrastiert die klassische politische Ökonomie (Smith, Ricardo, Mill, Marx) mit der neoklassischen Revolution, die sich etwa zwischen 1890 und 1920 durchsetzte. Klassische Denker betonten Wertschöpfung, Überschuss, Arbeit und die materiellen Bedingungen für die gesellschaftliche Reproduktion. Sie warnten vor Rent-Seeking und ungezügelter Finanzialisierung.
Die neoklassische Ökonomie hingegen verschmolz Gebrauchswert und Tauschwert zu einem einzigen abstrakten Preissignal und löschte damit Unterschiede in Energiequalität, Arbeit und physikalischen Grenzen aus. In der neoliberalen Ära der 1970er- und 1980er-Jahre ging man davon aus, Märkte seien nahezu perfekt, Preise spiegelten alle relevanten Informationen wider und Ressourcengrenzen seien irrelevant. Das Ergebnis war chronische Unterinvestition in produktive Kapazitäten, eine Obsession mit Finanzmärkten, Infrastrukturverfall und die Deindustrialisierung des Westens. Powell argumentiert, dass dieser ideologische Wandel den Westen epistemisch fragil und unfähig gemacht hat, reale Verschiebungen der globalen Macht zu erkennen – vor allem Chinas Aufstieg.
Energie-Souveränität im Zeitalter der Energiekriege
In Powells Analyse leitet sich globale Macht letztlich aus der Kontrolle über den Nettoenergieüberschuss ab. Wenn der heimische EROEI einer Großmacht sinkt, verliert sie strukturelle Stärke und greift zunehmend auf Finanzialisierung zurück, gefolgt von imperialen Strategien, um externe hochwertige Energiequellen zu sichern.
Die Vereinigten Staaten befinden sich seiner Ansicht nach in dieser Phase. Trotz reichlicher Kohlenwasserstoffe leidet das US-Schieferöl unter fallendem EROEI. Die energetischen Kosten für Förderung und Raffinierung steigen, während die Infrastruktur hinterherhinkt: alternde Stromnetze, Transformatorenmangel, Kupferengpässe und der explosionsartige Strombedarf durch KI-Rechenzentren signalisieren wachsende Entropie. Die Antwort sei, so Powell, thermodynamischer Imperialismus – der Einsatz militärischer und finanzieller Hebel, um ausländische Energieressourcen und Engpässe zu kontrollieren und Rivalen den Zugang zu verwehren. Beispiele sind der Druck auf Venezuela (mit schwerem Rohöl, das für US-Raffinerien geeignet ist), Spannungen um den Iran und der strategische Fokus auf die Straße von Hormus und andere maritime Engstellen.
China hingegen erkannte seine Verwundbarkeit bereits vor Jahrzehnten – insbesondere die Abhängigkeit von US-kontrollierten Seewegen wie der Straße von Malakka. Ab den frühen 2000er-Jahren verfolgte es eine bewusste Strategie der Energie-Souveränität durch massive Investitionen in erneuerbare Energien, Elektrifizierung, heimische Lieferketten und die Belt-and-Road-Initiative zur Diversifizierung der Importrouten. Bis Mitte der 2010er-Jahre hatte China wettbewerbsfähige EROEI-Werte bei Solarenergie, Batterien und Elektrofahrzeugen erreicht und wurde zum globalen Marktführer in diesen Technologien. Es arbeitet nun an Systemen der nächsten Generation, darunter Thorium-Reaktoren, Fusionsforschung sowie großflächige Speicher- und Recyclingtechnologien. Powell betrachtet China als Land, das seine energetische Basis aktiv erneuert und eine aufsteigende EROEI-Trajektorie einschlägt – und sich damit einen entscheidenden strukturellen Vorteil in der entstehenden multipolaren Ordnung sichert.
Die „Zeit der Monster“: Übergang und Turbulenzen
Powell zufolge leben wir in Antonio Gramscis „Zeit der Monster“ – einem Übergangsstadium zwischen einer zerfallenden, US-dominierten, kohlenwasserstoffbasierten Unipolarität und einer aufstrebenden multipolaren Weltordnung, die auf modernen energetischen Grundlagen wie Elektrizität, erneuerbaren Energien und integrierten Industriesystemen basiert. Dieser Übergang erzeugt systemische Turbulenzen:
- Finanzblasen und Deleveraging
- Soziale Unruhen und institutioneller Kollaps
- Explosives Wachstum von Desinformation und ideologischer Radikalisierung
- Geopolitische Konflikte um Energieressourcen und Engpässe
- Widersprüche zwischen materieller Realität und überholten ideologischen Dogmen
Konflikte wie die um den Iran oder Venezuela sind nicht primär ideologisch oder eng „sicherheitspolitisch“ motiviert. Sie spiegeln tiefere strukturelle Zwänge wider: Der Rückgang der energetischen Effizienz im Westen treibt Versuche an, Zugang zu hoch-EROEI-Ressourcen zu sichern oder zu verweigern, strategische Geografie zu kontrollieren und innere Entropie nach außen zu verlagern. Energie-Störungen wiederum führen zu Nahrungskrisen (durch Düngemittelmangel) und breiterer Instabilität und erzeugen so eine sich selbst verstärkende Spirale aus Entropie und Konflikt.
Warum Thermoökonomie wichtig ist
Powells Synthese ist nicht nur akademisch. Sie erklärt, warum konventionelle ökonomische Modelle immer wieder Energieschocks und systemische Krisen nicht vorhersagen können. Sie zeigt, wie Kreditexpansion und fiktives Kapital als vorübergehende Pflaster über energetische Zwänge dienen. Am wichtigsten ist: Sie verankert Geopolitik in der materiellen Realität statt in abstrakter Ideologie. Der Wettbewerb zwischen Staaten ist im Kern ein Kampf darum, wer am besten hochwertige Energieflüsse organisieren und aufrechterhalten kann – in einer Welt, die von thermodynamischen Gesetzen regiert wird.
Energie-Souveränität – die sichere Kontrolle über eigene hochwertige Energiequellen und Infrastruktur – ist daher nicht optional, sondern existentiell. Nationen, die erfolgreich negentropische Kapazitäten aufbauen (robuste, geordnete Energiesysteme und Lieferketten), werden für die Zukunft besser positioniert sein. Jene, die an überholten Modellen festhalten und auf externe Abhängigkeiten oder Zwang setzen, riskieren Fragilität und Niedergang.
In Powells Narrativ sind die miteinander verflochtenen Krisen der Welt – ökonomisch, politisch, informationell und geopolitisch – keine separaten Phänomene. Sie sind miteinander verbundene Ausdrucksformen eines einzigen zugrunde liegenden Prozesses: des Kampfes um die Aufrechterhaltung oder Rückgewinnung energetischer Souveränität, während die alte Energieordnung zerfällt und eine neue entsteht. Das Verständnis dieser thermoökonomischen Linse könnte entscheidend sein, um die turbulente „Zeit der Monster“ zu meistern, die vor uns liegt.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Felix Abt ist ein in Asien lebender Unternehmer, Autor und Reiseblogger auf Substack: https://felixabt.substack.com.
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„Energie ist die wahre Währung der Macht – und der Welt geht sie aus“
Sie geht ihr nicht aus, sie wird ihr, insbesondere im Westen, der vernichtet werden soll, nur noch in homöopathischen Dosen gewährt, aber nicht aus Gründen der Thermoökonomie, sondern weil eine Bande von raffgierigen Psychopathen, die Geld aus der dünnen Luft erzeugen und gegen Zins uns Zinseszins an alle anderen verleihen darf, den Hals nicht vollkriegen kann.
Wer weiß, dass Banken nicht das Geld ihrer Einleger verleihen sondern Geld auf Kreditantrag erzeugen und es dem Antragsteller gegen eine Gebühr und Zins und Zinseszins auf einem Inhaberkonto, das der Bank gehört, zur Verfügung stellen?
Was meinen Sie, wenn Sie endlos Geld erzeugen und verleihen dürften, wie lange würden Sie benötigen, um die Welt komplett aufzukaufen?
Diese Begriffe sind seid langem in Diskussion und sie helfen nicht wirklich.
Wenns als Einstieg dient, ist das eine gute Idee! Ich freue mich, dass tkp diese Debatte wahrnimmt.
Das Problem ist aus meiner Sicht, dass es keine Lösung gibt! Man zücke den Taschenrechner und frage sich, wie realistisch die Ideen sind. Natürlich wollen alle positive Utopien und daher werden sie von Autoren und Politik verbreitet.
Es ist ganz sicher eine gute Idee, im Sinne der russischen Datscha oder des österreichischen Nebenerwerbs oder der deutschen Kleingartenbewegung den Subsistenzanteil zu erhöhen!
Der Vorteil: Man weiß, was drin ist, es reduziert Transport und Logistik und es stellt die Nahrungsmittelproduktion außerhalb der Lieferketten. Warum soll man nicht Pullover von eigenen Schafen stricken, einen Korb flechten oder Schuhe besohlen?
Es gibt viele unbewohnbare Planeten, welche neue Metalle beherbergen und bekannte Energiereserven aufstocken könnten.
Siehe Ego-Shooter:
Infinite Warfare (ab 18 Jahre)
Die Menschen waren laut Museumsausstellung (Mission auf dem Mond) einst ca. 6 Mrd. auf der Erde. Prototypen von Jets wurden in den Weltkriegen immer wieder verfeinert und als 16 Mrd. Menschen auf der Erde lebten gingen die Ressourcen zu Neige, dass 1000 Siedler auf den Mars gebracht wurden.
Danach kapselten sie sich von den Menschen der Erde ab und
gründeten die SDF (sie wollen die absolute Macht über alles).