Wenn der Geheimdienstchef den Kronprinzen lobt: Ein saudischer Propagandatext und was er verrät

11. Mai 2026von 7,3 Minuten Lesezeit

Am 9. Mai 2026 erschien in der englischsprachigen Zeitung Arab News ein Meinungsbeitrag unter dem Titel „This is how Crown Prince Mohammed bin Salman succeeded“ [So war Kronprinz Mohammed bin Salman erfolgreich]. Verfasser ist Prinz Turki al-Faisal — ehemaliger Direktor des saudi-arabischen Geheimdienstes GIP, ehemaliger Botschafter in London und Washington sowie Gründer der King Faisal Foundation.

Der Text ist auf den ersten Blick eine Lobeshymne auf Kronprinz MBS. Auf den zweiten Blick ist er ein aufschlussreiches Dokument über die Selbstwahrnehmung der saudischen Führung, und über den reduzierten Einfluss der USA in der Zukunft. Der Text ist kurz, rhetorisch aufgeladen und inhaltlich übersichtlich. Turki al-Faisal argumentiert im Wesentlichen in drei Schritten:

Erstens: Saudi-Arabien habe den Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen und dem Iran auf der anderen Seite — der dem Artikel zufolge am 28. Februar 2026 ausbrach — von Anfang an aktiv zu verhindern versucht, und nach Ausbruch intensiv auf diplomatischem Weg zu beenden gesucht. Das Königreich habe dies „ohne Lärm, ohne Theatralik, ohne Prahlerei“ getan.

Zweitens: Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS) habe durch Weisheit und Weitblick verhindert, dass Saudi-Arabien in den Krieg hineingezogen wurde. Hätte das Königreich auf iranische Provokationen militärisch reagiert — wozu es laut dem Autor fähig gewesen wäre —, hätten saudische Ölanlagen und Entsalzungswerke am Persischen Golf zerstört werden können. Israelische Pläne, Saudi-Arabien in einen Krieg gegen den Iran zu treiben, seien durch MBS vereitelt worden.

Drittens: Saudi-Arabien leiste nun, gemeinsam mit Pakistan, aktiv Feuerwehrarbeit zur Deeskalation. Die Kritiker — im Text als „Kriegstreiber„, „Hunde“ und „Neider“ bezeichnet — hätten das Nachsehen.

Der Artikel schließt mit einem Gedicht des verstorbenen saudi-arabischen Prinzen Badr bin Abdul Mohsen, das singemäß lautet: Wer uns beneidet und verleumdet, dem schenken wir keine Beachtung.

Was der Artikel verschweigt

Wer Turki al-Faisal ist, sollte man wissen, bevor man seinen Text liest. Als langjähriger Direktor des saudischen Auslandsgeheimdienstes (1977–2001) war er selbst einer der zentralen Akteure der verdeckten Unterstützung für die afghanischen Mudschaheddin in den 1980er Jahren — jenes Programm, das wir in einem vorangegangenen Artikel als eine der folgenreichsten Terrorisierungsoperationen der Geschichte analysiert haben. Saudi-Arabien war damals, gemeinsam mit den USA und Pakistan, der Hauptgeldgeber für die Kämpfer, aus denen später al-Qaida entstand.

Dass ausgerechnet dieser Mann nun über die Weisheit saudischer Zurückhaltung schreibt, ist eine Pointe, die der Text selbst nicht kommentiert.

Ebenso unerwähnt bleibt der historische Kontext der saudisch-iranischen Beziehungen: Es war Saudi-Arabien, das über Jahrzehnte den sunnitisch-schiitischen Konfessionskonflikt im gesamten Nahen Osten mitfinanzierte und anheizte — durch die globale Verbreitung des Wahhabismus, durch Unterstützung sunnitischer Milizen in Syrien, Irak und Jemen und durch den verheerenden Krieg gegen den Jemen ab 2015, der bis heute Hunderttausende Tote und eine humanitäre Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes hinterlassen hat.

Der Autor als Spiegel der Institution

Der Artikel erschien zuerst in der arabischsprachigen Zeitung Asharq Al-Awsat und wurde in Arab News auf Englisch nachgedruckt. Beide Blätter gehören zur Saudi Research & Publishing Company (SRPC), die dem saudischen Staat nahestehend ist und seit Jahrzehnten als Sprachrohr der Königsfamilie gilt. Es ist kein unabhängiger Kommentar — es ist Hofberichterstattung mit internationalem Vertrieb.

Das ändert nichts daran, dass der Text interessant ist. Denn was eine Macht öffentlich sagt — auch wenn es Propaganda ist —, verrät etwas über ihre Interessenlage, ihre Selbstwahrnehmung und die Botschaften, die sie nach innen wie nach außen senden will.

Turki al-Faisal sendet in diesem Fall mehrere Botschaften gleichzeitig:

An das saudische Publikum: MBS ist ein weiser, vorausschauender Herrscher, der sein Volk vor dem Krieg beschützt hat. Die Kritiker, die lautere oder härtere Reaktionen forderten, lagen falsch.

An die Region: Saudi-Arabien steht zu seinen Golfpartnern, hat ihre Transitrouten offengehalten und ist ein verlässlicher Anker der Stabilität.

An den Westen: Riad ist kein Werkzeug israelischer Kriegsplanung und hat sich dem Versuch widersetzt, in einen Krieg gegen den Iran hineingezogen zu werden. Saudi-Arabien ist ein eigenständiger, rationaler Akteur.

An den Iran: Wir haben euch nicht angegriffen, obwohl wir konnten. Ihr schuldet uns etwas.

Die Frage, die der Text nicht stellt

Die zentrale Behauptung des Artikels lautet: MBS habe Israel daran gehindert, Saudi-Arabien in einen Krieg gegen den Iran hineinzuziehen. Das ist, wenn es stimmt, bemerkenswert — und verdient eine ernstere Auseinandersetzung, als der Autor sie liefert.

Denn die geopolitische Versuchungsstruktur, die Turki al-Faisal andeutet, ist real. Israel hat ein strategisches Interesse daran, die sunnitischen Golfstaaten als Frontstaaten gegen den Iran zu positionieren. Die Abraham-Abkommen von 2020, ausgehandelt unter der Trump-Administration, folgten genau dieser Logik: Normalisierung des Verhältnisses zwischen Israel und arabischen Staaten als Teil eines antiiranischen Blocks. Saudi-Arabien war damals noch nicht dabei — aber die Gespräche über eine saudisch-israelische Normalisierung liefen intensiv, bis zum Hamas-Angriff vom Oktober 2023 und dem daraus folgenden Gazakrieg alles zum Stillstand brachte.

Wenn Turki al-Faisal nun schreibt, Israel hätte versucht, Saudi-Arabien in einen Krieg gegen den Iran zu treiben, und MBS habe dies vereitelt, dann ist das eine Aussage mit erheblicher geopolitischer Sprengkraft — die im Text selbst jedoch nicht weiter belegt, analysiert oder eingeordnet wird. Sie steht schlicht als Behauptung im Raum, umgeben von blumenreicher Rhetorik.

Propaganda als Quelle: Was man trotzdem lernen kann

Es wäre ein Fehler, den Text deswegen einfach wegzulegen. Propagandatexte aus dem Inneren von Machtsystemen sind, wenn man sie richtig liest, aufschlussreiche Dokumente. Sie zeigen, welche Narrative eine Macht für vertretbar oder notwendig hält, welche Kritik sie abwehren will und welchen Legitimationsbedarf sie verspürt.

Dass ein ehemaliger Geheimdienstchef öffentlich schreibt, Saudi-Arabien sei tatkräftig für Frieden und gegen den Krieg eingetreten, zeigt, dass Riad unter internationalem Legitimationsdruck steht. Dass er explizit Kritiker angreift — „Kriegstreiber„, „bellende Hunde“ —, zeigt, dass diese Kritik offenbar laut genug ist, um eine Antwort auf höchster Ebene zu erfordern.

Und dass der Text in einer dem Königshaus nahestehenden Zeitung erscheint, zuerst auf Arabisch und dann auf Englisch, zeigt, dass diese Botschaft sowohl für das heimische als auch für das internationale Publikum bestimmt ist.

Die USA: Abwesend im Text, allgegenwärtig in der Sache

Was den Artikel bei näherer Betrachtung besonders aufschlussreich macht, ist nicht nur, was er sagt — sondern wer darin fehlt. Die Vereinigten Staaten kommen im Text von Turki al-Faisal kaum vor, obwohl sie laut dem einleitenden Satz Kriegspartei sind: Der Autor spricht vom „US-israelischen Krieg gegen den Iran“ als gesicherter Tatsache, ohne diese Formulierung zu erläutern oder zu kontextualisieren. Das ist bemerkenswert. Denn wenn Saudi-Arabien — der engste arabische Verbündete der USA seit den Tagen von Roosevelt und König Abdulaziz auf dem Kreuzfahrer Quincy 1945 — in einem offiziösen Meinungsbeitrag die USA als Kriegspartei benennt und gleichzeitig seinen eigenen Abstand zu diesem Krieg betont, dann ist das eine diplomatische Botschaft von erheblichem Gewicht. Es bedeutet im Klartext: Riad hat sich von Washington in dieser Frage entkoppelt. Die bedingungslose saudisch-amerikanische Sicherheitspartnerschaft, die jahrzehntelang auf der Formel „Öl gegen Schutz“ beruhte und von den Denkfabriken des CFR-Netzwerks ideologisch abgesichert wurde, scheint in einer Phase der Neujustierung zu stecken. Dass Saudi-Arabien und Pakistan gemeinsam als Vermittler auftreten — und nicht etwa im Schlepptau Washingtons —, ist ein Signal, das weit über den vorliegenden Konflikt hinausweist: Die unipolare Ordnung, die Brzeziński in „Die einzige Weltmacht“ als dauerhaft und alternativlos beschrieben hat, bröckelt auch in der arabischen Welt. Die ehemaligen Klientelstaaten beginnen, eigene Außenpolitik zu betreiben.

Fazit: Höfische Rhetorik im Zeitalter der Kriege

Turki al-Faisals Text ist kein Journalismus und kein Analysetext. Er ist ein Instrument der Staatsraison, geschrieben von einem Mann, der sein Leben lang in den Apparaten der Macht gearbeitet hat, und veröffentlicht in einem Medium, das dieser Macht gehört.

Das macht ihn nicht wertlos — aber es verpflichtet zur Lektüre mit kritischer Distanz. Wer die saudi-arabische Position im aktuellen Nahost-Konflikt verstehen will, findet hier einen Mosaikstein. Wer die Wahrheit über diesen Konflikt sucht, muss anderswo weitersuchen.

Was bleibt, ist eine beunruhigende Nebennotiz: Der Mann, der diesen Appell zur Besonnenheit schreibt, war derselbe, der in den 1980er Jahren mitgeholfen hat, ein Netzwerk bewaffneter islamistischer Gruppen in Afghanistan aufzubauen, das die Welt seither nicht mehr losgelassen hat. Dass er heute über die Weisheit der Zurückhaltung philosophiert, ist — um es vorsichtig zu formulieren — eine historische Ironie von beträchtlichem Ausmaß. Andererseits könnte es ein Beweis für den Einfluss Chinas sein, das die Versöhnung zwischen dem Iran und Saudi-Arabien vermittelte und möglicherweise immer noch hinter den Kulissen aktiv ist. Aber das wäre Thema eines eigenen Artikels.


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4 Kommentare

  1. Jan 12. Mai 2026 um 8:33 Uhr - Antworten

    In Nahost liegen die größten Ölvorkommen der Erde. Ein Land versucht diese Region zu dominieren. Dazu wird die Region von Armeen umklammert, die Souveränität des Nachbarn Oman verletzt, in dessen Hoheitsgewässern man Steuern von Exporten der Nachbar einhebt und die Nachbarn werden signifikant bedroht. Asien steht vor beispiellosen wirtschaftlichen Problemen.

    Es handelt sich um selbstlose Selbstverteidigung gegen die israelisch geführte durchgeknallte Blondine, klar!

    Der Iran besteuert die saudischen Exporte und bedroht die Öl- und Trinkwasserinfrastruktur. Bin Salman ist angesichts dieser Zwickmühle nichts eingefallen. Er hat in Schockstarre ausgeharrt, bis die Gefahr vorüber ist und seinen Kumpel gebeten, diese Schwäche in Weisheit umzudeuten.

    Wenn der Iran die Region dominiert, werden nicht genehme Staaten kein Öl mehr erhalten. Das ist angekündigt, ein globaler Gestaltungsanspruch.

    Der Irankrieg hat noch nicht einmal angefangen!

  2. Jurgen 11. Mai 2026 um 20:35 Uhr - Antworten

    Solange die reichen Saudis ihr Geld in den USA bzw. US Banken halten, haben die USA den Daumen drauf auf Saudi-Arabien. Dito wenn sie immer weiter Öl gegen US$ verkaufen.

  3. Daisy 11. Mai 2026 um 17:16 Uhr - Antworten

    In Ôsterreich ist diese Eigenschaft sehr gängig…man nennt es „durchlavieren“. So kamen wir auch zu unserem Schlawinertum, das uns aber halt vor div. Havarien schützt…

    D.h. man schlängelt sich unbeschadet an allen Hindernissen vorbei wie ein glitschiger Fisch. Am End war man gar nicht dabei und eh immer schon im Widerstand. Aus saudischer Sicht ist das ja klar. Sie sind sich nur nicht sicher, ob die Amis gewinnen. Aber sie glauben auch nicht an einen Sieg des Iran. Bloß aus dem ursprünglichen Plan wurde nichts. Saudi-Arabien war anfänglich für einen Krieg gegen den Iran, nun eben nicht mehr…
    Das alles heißt, sie wissen jetzt nicht, wer gewinnt…

    Angeblich sind die Briten und Franzosen auf dem Weg. Sie wollen beim Mniensuchen helfen….und Isr plant vielleicht einen Großangriff.

    Ich hoffe, Trump findet bei seinem XI-Besuch eine Lösung. Es gibt ein Patt und es geht jetzt nur darum, da wieder gesichtswahrend herauszukommen. Indes verhungern Menschen wegen der Düngerknappheit, Betriebe gehen dauerhaft pleite, Arbeitslose, Elend…

    Bibi möchte unbedingt das angereicherte Uran haben. D.h., er möchte nicht aufhören.

  4. Varus 11. Mai 2026 um 15:55 Uhr - Antworten

    Israel hat ein strategisches Interesse daran, die sunnitischen Golfstaaten als Frontstaaten gegen den Iran zu positionieren.

    Man braucht nur auf die verbreitet kolportierten Karten von „Groß-Isr“ zu schauen – etwa 1/3 von Saudi-Arabien gehört dazu. Es wäre suizidal, für „Groß-Isr“ und gegen den Widerstand zu kämpfen.

    Enttäuschend aber, dass die Amis nur für wenige Stunden rausgeworfen wurden und nicht dauerhaft.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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