Technologie und Regierung

15. Januar 2023von 4 Minuten Lesezeit

Will sich die Menschheit durch ihren technologischen Fortschritt nicht selbst zerstören, ist nur eine andere Form der Politik und des Regierens ein Ausweg, sagt Giorgio Agamben. 

Seine veröffentlichten Gedanken zur Covid-Politik ab Februar 2020 machten den italienischen Denker Giorgio Agamben für viele zum wichtigsten Philosophen unserer Zeit. Auf seinem Blog „Quodlibet“ verfasst er regelmäßig kürzere Beiträge über Staat, Politik und Gesellschaft. Diese veröffentlicht TKP immer wieder als deutsche Übersetzung, denn der Mainstream hat den Philosophen schon länger ausgestoßen. Nachdem er jahrzehntelang hofiert worden war.

Zu Beginn des Jahres verfasst Agamben einen Text mit dem Titel „Technologie und Regierung“ (Original: „La tecnica e il governo„). So wie wir heute regieren (lassen), so wird die Technik das Leben notwendig hemmen und die Gesellschaft in die Zerstörung führen. Nur eine andere Form der Politik kann das Dilemma lösen.

Technologie und Regierung

Einige der schärfsten Denker des 20. Jahrhunderts waren sich darin einig, die politische Herausforderung unserer Zeit in dem Vermögen zu sehen, die technologische Entwicklung zu beherrschen. “Die entscheidende Frage”, so heißt es, “ist heute, wie ein politisches System, wie auch immer es beschaffen sein mag, an das Zeitalter der Technologie angepasst werden kann. Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht. Ich bin nicht davon überzeugt, dass es sich um die Demokratie handelt“. Andere haben die Beherrschung der Technik mit dem Unterfangen eines modernen Herkules verglichen: „Wer es schafft, die sich jeglicher Kontrolle entziehende Technik zu bändigen und in eine konkrete Ordnung zu stellen, hat die Probleme der Gegenwart weit eher gelöst als derjenige, der versucht, mit den Mitteln der Technik auf dem Mond oder dem Mars zu landen“.

Die Sache ist, dass die Mächte, die die technologische Entwicklung scheinbar steuern und für ihre Zwecke nutzen, in Wirklichkeit mehr oder weniger unbewusst von ihr geleitet werden. Sowohl die totalitärsten Regime, wie der Faschismus und der Bolschewismus, als auch die so genannten demokratischen Regime teilen diese Unfähigkeit, die Technologie in einem solchen Ausmaß zu beherrschen, sodass sie sich letzten Endes wider Willen in die Richtung drehen, die von eben jenen Technologien verlangt ist, die sie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen gedachten. So sah der Wissenschaftler Lodewijk Bolk, der die Evolutionstheorie neu formulierte, in der Hypertrophie der technischen Entwicklung eine tödliche Gefahr für das Überleben der menschlichen Gattung. Die zunehmende Entfaltung sowohl der wissenschaftlichen als auch der sozialen Technologien führt in der Tat zu einer tatsächlichen Hemmung der Lebenskraft, insofern „die Menschheit, je weiter sie auf dem Weg der Technologie voranschreitet, immer näher an den verhängnisvollen Punkt herankommt, an dem Fortschritt Zerstörung bedeutet. Und es liegt sicher nicht in der Natur des Menschen, angesichts dessen stehen zu bleiben“. Ein lehrreiches Beispiel ist die Waffentechnologie, die Gerätschaften hervorgebracht hat, deren Einsatz die Zerstörung allen Lebens auf der Erde bedeutet – und damit auch derjenigen, die über sie verfügen und die, wie wir heute sehen, dennoch weiterhin damit drohen, sie zu nutzen.

Es ist also möglich, dass das Unvermögen, die Technik zu beherrschen (governare), dem Begriff der „Regierung“ (“governo”) selbst eingeschrieben ist, d.h. der Idee, dass die Politik ihrer Natur nach kybernetisch ist, dass sie die Kunst darstellt, das Leben der Menschen und ihrer Güter zu „beherrschen“ (kybernes ist im Griechischen der Lotse des Schiffes). Die Technik selbst kann nicht regiert werden, denn sie ist die eigentliche Form der Gouvernementalität. Was traditionell – von der Scholastik bis zu Spengler – als die im Wesentlichen instrumentelle Natur der Technik interpretiert wurde, offenbart das ihr inhärente instrumentelle Wesen unserer Auffassung von Politik. Entscheidend ist hier die Vorstellung, dass der technologische Apparat etwas ist, das gemäß seinem eigenen Zweck für die Zwecke eines externen Akteurs eingesetzt werden kann. Wie das Beispiel der Axt zeigt, die aufgrund ihrer Schärfe schneidet, aber vom Tischler zum Herstellen eines Tisches verwendet wird, kann das technische Instrument nur insoweit dem Zweck eines anderen dienen, als es den eigenen Zweck erfüllt. Das bedeutet letztlich – wie bei den fortschrittlichsten technischen Geräten -, dass die Technik ihren eigenen Zweck verwirklicht, indem sie scheinbar einem Zweck anderer dient. In demselben Sinne ist die Politik, verstanden als Oikonomia und Regierung, diejenige Operation, die einen Zweck verwirklicht, der sie zu transzendieren scheint, ihr aber tatsächlich immanent ist. Mit anderen Worten: Politik und Technik gehen ohne Rest ineinander auf, und eine politische Kontrolle der Technik wird erst möglich sein, wenn wir unsere instrumentelle, d.h. governamentale Auffassung von Politik aufgeben.


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5 Kommentare

  1. Fritz Madersbacher 15. Januar 2023 at 20:39Antworten

    „Will sich die Menschheit durch ihren technologischen Fortschritt nicht selbst zerstören, ist nur eine andere Form der Politik und des Regierens ein Ausweg, sagt Giorgio Agamben“
    Politik ist die Austragung der verschiedenen, einander widersprechenden (Klassen-)Interessen in einer Gesellschaft. Technologien sind ein wesentlicher Bestandteil der Produktivkräfte, deren Einsatz ihrerseits entsprechend den Produktionsverhältnissen erfolgt, die dieser Gesellschaft zugrundeliegen. Und diese Produktionsverhältnisse werden wiederum in erster Linie durch die Eigentumsverhältnisse geprägt, die in ihnen vorherrschen. In den heutigen westlichen kapitalistischen Gesellschaften und international verwobenen Ökonomien sind es natürlich die großen Industrie- und Finanzmonopole, die am meisten Macht besitzen, um die Politik als Austragung der Interessensgegensätze in ihrem Sinne zu beeinflussen und zu gestalten. Diese politische Macht benutzen sie natürlich auch dazu, „technologischen Fortschritt“ dort stattfinden zu lassen, wo er ihren Profitinteresssen dient.
    Das – dieser „technologische Fortschritt“ – muss nicht unbedingt im Interesse „der Menschheit“ liegen, wie z.B. die jüngste „Pandemie“-Inszenierung eindrücklichst vor Augen geführt hat. Ähnliches gilt selbstredend für andere „technologischen Fortschritte“, insbesondere für jene des „militärisch-industriellen Komplexes“.
    Was bedeutet so gesehen dann „eine andere Form der Politik und des Regierens“ als einzig möglicher Ausweg aus einer „Selbstzerstörung der Menschheit“ (Giorgio Agamben)? Darüber möge jeder selbst einmal nachdenken. Offensichtlich hat dieser Ausweg etwas (oder sehr viel) mit einer Änderung der Eigentumsverhältnisse und Brechung der politischen Macht der zugehörigen Klasse zu tun. Aber darüber dürfen wir ja nicht einmal nachdenken, abgesehen davon, dass uns das jetzt jahrzehntelang abgewöhnt und durch diverse Phrasen ersetzt worden ist …

  2. Jan 15. Januar 2023 at 17:50Antworten

    Wir werden auch eine andere Technik brauchen!

    Die heutige Technik ist darauf fokussiert, mit Maschinen und Energie die Produktivität zu erhöhen und die Arbeit von Mensch und Tier zu entlasten.

    Das ist aber nicht Technik. Die Kajaks der Inuits sind ebenso Technologie, wie Kochen, Stricken und Heilkräuteranwendung oder Metallurgie. Es geht um Lösungen, die dem Menschen etwas ermöglichen. Das muss nicht immer durch eine elektrische Maschine sein. Die Industrie schafft sich selbst den Markt, den sie gerne bedienen möchte. Zum Beispiel, dass wir uns in eine warme Wohnung einen Kühlschrank stellen. Andere Technologien, wie die Speisekammer, wären denkbar. Klimaanlagen können durch bauliche Maßnahmen ersetzt werden.

    Wir könnten beispielsweise Gartenflächen, die zur regionalen Lebensmittelversorgung genutzt werden, anders besteuern und nicht zu Baulandpreisen verkaufen. Kompost ist auch eine Technologie.

    Die Wirkung von Heilkräutern wird längst nicht so gut erforscht wie die von patentgeschützten Medikamenten. Hier wäre eine Änderung der Technologie möglich.

    Der Niederwald zur regionalen Brennholzversorgung war eine Technologie. Im Prinzip ist das auch lesen und schreiben. Oder Kopfrechnen!

  3. Georg Uttenthaler 15. Januar 2023 at 16:05Antworten

    Ein neues, dunkles Zeitalter ist angebrochen. Eine nicht gewählte, private Schattenregierung, bestehend aus Milliardären in multinationalen Konzernen und internationalen NGO`s wie dem Weltwirtschaftsforum, Black Rock, Rockefeller-Stiftung, Soros hat die Macht an sich gerissen, ohne dass ein Schuss gefallen ist, ohne dass ein Tropfen Blut vergossen wurde.
    Alle Nationen sind korrumpiert, auf deutsch gekauft worden. Gewählten Beamten, Gesundheitsbehörden und den Mainstream-Medien kann man nicht mehr trauen. Vorgetäuschte Pandemien wie COVID-19 und die Angst vor Killerviren, Affenpocken oder neuerdings der Klima- Wahnsinn (googeln: 1100 Wissenschaftler können sich nicht irren..!) und was sie sich sonst noch ausdenken, werden als Vorwand benutzt, um Freiheit, Demokratie und nationale Souveränität durch einen globalen dystopischen Überwachungsstaat- Grüner Pass zu ersetzen. Willkommen am oder im Abgrund.

    Die Mehrheit der Menschen lebt in einem Kokon aus Selbstgefälligkeit und Gleichgültigkeit und ist sich des Schicksals, das sie erwartet, wenn sie nicht aufwachen, bewusst. Stattdessen verleugnen sie entweder die Realität oder vertrödeln ihre Zeit mit trivialen und wichtigen Fragen, ohne das große Ganze zu sehen. Doch die geisteskranken Technokraten um Schwab und Halali werden scheitern, denn….!

    Solange die Schwab- Jünger davon faseln, Menschen wie Maschinen- Roboter zu konstruieren, können wir sicher sein, dass sie scheitern werden, weil sie einfach nicht wissen, was Menschen sind, und sie deshalb nicht regieren können.

    Du und ich werden keine Käfer oder Mehlwürmer essen.
    Du und ich werden kein Plastik Fleisch essen,
    Du und ich werden nicht für immer Masken tragen und uns testen lassen.
    Du und ich werden uns keinen Chip unter die Haut schieben lassen.
    Du und ich werden uns nicht endlos experimentelle, höchst giftige Medikamente in den Arm schieben lassen.
    Du und ich sind Menschen, und wir sind frei und wollen das bleiben. Wir werden nicht als Sklaven einer verrückten Science-Fiction-Sekte um Bill Gates leben wollen.

    So traurig es ist, gibt es in Österreich nur eine Partei, die nicht von diesen geisteskranken Eliten gesteuert wird und das nicht will…!

  4. Vietato Fumare 15. Januar 2023 at 14:20Antworten

    Das Problem der Technik kann man in Wirklichkeit nur nur lösen, wenn man den mittlerweile meistgeschmähten und in intellektuellen Kreisen regelrecht verhasst Begriff des Geistes an die andere Seite setzt. Beides sind zunächst Gegensätze: Je mehr Technik, desto mehr erlischt der menschliche Geist und umgekehrt: Je mehr der menschliche Geist kultiviert wird (in Form individueller Entwicklung, Tugenden etc.), desto weniger Technik werden wir für notwendig erachten. Insofern ist der gigantomanische Technikwahn eigentlich nur ein Kompensationsversuch zur Übertünchung der geistigen Leere, die heute um sich gegriffen hat.
    Aber momentan haben wir es ja noch, dieses Ärgernis des menschlichen Geistes, „dieses konfusen Einwohners“ (Jacques Lusseyran), der uns in die Katastrophe des Bewusstseins und damit einhergehender Fragen von Moral und Verantwortung gestürzt hat, aus der wir nun mittels KI wieder fliehen und zu virtuellen Affen werden wollen.

    So inkompatibel dieser menschliche Geist ebenso wie der menschliche Organismus auch mit dem Computer sind, die Fortschrittsfreunde aus Silicon Valley haben durchaus recht mit ihrer Ansicht, dass es trotzdem möglich ist, Mensch und Maschine zu koppeln. Das ist technisch möglich bzw. wird angesichts der Milliardenetats an Forschungsgeldern, mit denen dies derzeit vorangetrieben wird, immer mehr möglich werden. Wenn wir diese Mensch-Maschine-Kopplung allerdings ohne Berücksichtigung des menschlichen Geistes vollziehen (ich weiß schon, den würden wir ja laut derzeit herrschender Lehre am liebsten eliminieren bzw. für nicht existent erklären), dann könnte sich in der Tat etwas Verheerendes vollziehen. Dann würde die Menschheit in Form mechatronisierter, kybernetisch vernetzter Körper zwar weiterexistieren, aber vollkommen entgegen dem naturgemäß vorgesehen Sinn – und dann tatsächlich unter Ausmerzung des menschlichen Geistes, denn dieser kann unter rein technischen Bedingungen nicht existieren, er verträgt Technik nur zu einem gewissen Grade. Der Mensch würde dann – wiederum ganz wertfrei gemeint – „unmenschlich“ werden. Da nützt es auch wenig, diese Unmenschlichkeit in euphemistischer Weise als übermenschlich zu bezeichnen. Eine neue Evolutionen sich selbst replizierender Maschinenintelligenzen würde beginnen, die man dann wie auch immer bezeichnen möchte, aber eben nicht mehr als (geistbegabte, also mit freiem Willen, Empathie und Liebesfähigkeit begabte) „Menschen“.

    Der Mensch würde dann in Konsequenz wohl eher dem entsprechen, was uns die Star Trek-Autoren mit der Spezies der „Borgs“(*) bereits recht anschaulich vor Augen gerückt haben. Was die „Borgs“ sind? Das sagt uns „der Doktor“ in Raumschiff Voyager: „Die Borg, das sind die Miesepeter der Galaxie.“

    Ob wir Miesepeter des Universums oder freie, liebesfähige Wesen werden wollen … – das steht nun gesagt ganz in unserem freien Willen. Beide Wege stehen uns offen.

  5. Peter Ruzsicska 15. Januar 2023 at 14:01Antworten

    Danke, Herr Agamben, für Ihre erhellenden Betrachtungen, welche der Ruhe in den zahllosen Augen wütender Orkane in Gegenwart waltender Kräfte nahezu heimatliche Anmut zu verleihen vermag.

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