Freiheit und Unsicherheit

11. Januar 2023von 3,4 Minuten Lesezeit

Giorgio Agamben formuliert einen Gedanken zur Dialektik des zeitgenössischen Sicherheitsstaats: Dieser verbreitete einerseits Angst und Panik, um zugleich die Freiheit massiv einzuschränken. Damit wird das ursprüngliche Sicherheitsparadigma des Politischen radikal umgekehrt. 

Seine veröffentlichten Gedanken zur Covid-Politik ab Februar 2020 machten den italienischen Denker Giorgio Agamben für viele zum wichtigsten Philosophen unserer Zeit. Auf seinem Blog „Quodlibet“ verfasst er regelmäßig kürzere Beiträge über Staat, Politik und Gesellschaft. Diese veröffentlicht TKP immer wieder als deutsche Übersetzung, denn der Mainstream hat den Philosophen schon länger ausgestoßen. Nachdem er jahrzehntelang hofiert worden war.

Anfang Dezember schreibt Agamben im Text „Libertà e insicurezzaüber „extreme Entfaltung“ des politischen Sicherheitsparadigmas bei gleichzeitiger radikaler Umkehrung. Freiheit und Sicherheit stehen sich dabei nicht mehr polarisierend entgegen, denn die Regierungen wiegen nur noch zwischen Freiheit und Unsicherheit ab. Das einzig permanente Prinzip ist der Ausnahmezustand.

Freiheit und Unsicherheit

John Barclay definierte in seinem prophetischen Roman Argenis (1621) das Paradigma der Sicherheit, das die europäischen Regierungen später nach und nach übernehmen sollten, wie folgt: “Entweder gib den Menschen ihre Freiheit oder gib ihnen Sicherheit, wofür sie die Freiheit aufgeben werden.” Freiheit und Sicherheit sind also zwei gegensätzliche Paradigmen des Regierens, zwischen denen sich der Staat jedes Mal neu entscheiden muss. Will er seinen Untertanen Sicherheit versprechen, muss der Souverän ihre Freiheit opfern, und umgekehrt, wenn er Freiheit will, muss er ihre Sicherheit opfern.  Michel Foucault hat jedoch gezeigt, wie die Sicherheit (la sureté publique) zu verstehen ist, die die physiokratischen Regierungen, beginnend mit Quesnay, im Frankreich des 18. Jahrhunderts als erste ausdrücklich zu ihren Aufgaben zählten. Damals – genau wie heute – ging es nicht darum, Katastrophen zu verhindern, die im Europa jener Jahre vor allem aus Hungersnöten bestanden, sondern darum, sie grade erst zuzulassen, um dann sogleich zu intervenieren und sie in die für sie nützliche Richtung zu bringen. Das Regieren erhält hier seine etymologische Bedeutung zurück, nämlich „kybernetisch“: Ein guter Lotse (kibernes) kann Stürme nicht vermeiden, wo sie aber auftreten, muss er trotzdem in der Lage sein, das Schiff nach seinen Interessen zu lenken. Aus dieser Perspektive ging es vor allem darum, den Bürgern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, sie glauben zu machen, dass die Regierung über ihren Seelenfrieden und ihre Zukunft wacht.

Was wir heute erleben, ist eine extreme Entfaltung dieses Paradigmas und gleichzeitig seine rechtzeitige Umkehrung. Die Hauptaufgabe der Regierungen scheint darin zu bestehen, unter den Bürgern ein Gefühl der Unsicherheit und sogar der Panik zu verbreiten, das mit der extremen Einschränkung ihrer Freiheiten einhergeht, die gerade in dieser Unsicherheit ihre Rechtfertigung findet. Die sich entgegenstehenden Paradigmen sind heute nicht mehr Freiheit und Sicherheit, sondern um es mit Barclays Worten zu sagen: „Gib den Menschen Unsicherheit, und sie werden die Freiheit aufgeben.“ Es ist daher nicht mehr von Belang, dass sich die Regierungen als fähig erweisen, Probleme und Katastrophen zu meistern: Die Unsicherheit und der Notfall, die heute die einzige Grundlage ihrer Legitimität sind, dürfen keinesfalls beseitigt werden, sondern – wie wir heute mit der Ersetzung des Krieges gegen das Virus durch den Krieg zwischen Russland und der Ukraine sehen  – nur auf eine Art und Weise artikuliert werden, die konvergiert, aber jedes Mal anders ist. Eine solche Regierung ist im Wesentlichen anarchisch in dem Sinne, dass sie keine Prinzipien hat, an die sie sich halten kann, außer dem Ausnahmezustand, den sie produziert und perpetuiert.

Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die kybernetische Dialektik zwischen Anarchie und Ausnahmezustand eine Schwelle erreichen wird, über die hinaus kein Lotse mehr in der Lage sein wird, das Schiff zu steuern, und die Menschen werden in dem nun unvermeidlichen Schiffbruch sich erneut über die Freiheit befragen müssen, die sie so unklugerweise geopfert haben.

Bild blende12 / pixabay


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7 Kommentare

  1. Dr. No 11. Januar 2023 at 14:22Antworten

    Auf Neu Seeland dürften wir die Arbeit einer Schäferfamilie, und wie sie mit ihren Nutztiere umgehen, bewundern. Sie hatten ca. 3000 Schafe, was für dortige Verhältnisse recht bescheiden ist, die Tiere liefen das ganze Jahr auf den Grashügeln frei herum. Bis der Tag kommt, an dem sie ihren Dienst der Schäferfamilie erweisen, zu diesem Zweck hat die Familie eine Holzeinrichtung gebaut wo sie die Schafe nach Beliebigen sortieren können, Größe, Alter, Gesundheit, Farbmarkierung,…etc., aber wie die Familie schafft, diese unkontrollierbare freilaufende Herde zu sammeln und durch das enge Tor dieser Holzeinrichtung zu zwingen, ist recht interessant. Sie verwenden dafür die instinktive Angst der Schafe vor dem Wolf. Sie haben dafür 2 Hunderassen antrainiert, die diesen Job selbstlos und effizient für sie erledigen, eine Rasse ist recht groß und laut, diese Hunde laufen auf die Herde zu und bellen sodass die Herde in einer bestimmten Richtung anfängt zu laufen, für den Ausreißern kommt die andere Hunderasse ins Spiel, sie sind richtig schnelle Läufer ducken sich auf den Boden und simulieren einen lauernden Wolf, oder fletschern sie ihre Zähne und knurren die Schafe an um sie zu erschräken, damit sie bei der großen Herde bleiben, die ihre Richtung schon durch die laut bellenden Hunde vor gegeben wird. In weniger als einer Stunden wurde die gesamte Herde im Pferch gebracht und das Tor hinter ihr verriegelt, die Schafe wurden Alle geschoren dann sortiert und mit Sprayfarben markiert, die mit Blau wurden geimpft und danach auf die Wiese wieder freigelassen, die mit rot hatten einen Besuch beim Tierarzt, und dann wurden sie in einem LKW verladen, diese hat der Schäfer an einem Metzger verkauft.

    • Gabriele 11. Januar 2023 at 19:28Antworten

      So ähnlich wird es uns vielleicht auch bald gehen….schneller, als wir denken.

      • Karin Pfeiffer-Stolz 12. Januar 2023 at 21:06

        O Gott, das denke ich schon seit 2020. Und jetzt formulieren Sie es, geschätzte Gabriele …

  2. Gabriele 11. Januar 2023 at 14:19Antworten

    Muss mich korrigieren: Die Serie heißt “ V – Die Besucher“… Tele 5 – Mo ab 21.05 Uhr.

  3. Gabriele 11. Januar 2023 at 14:17Antworten

    Interessant, dass jetzt gerade eine ältere TV-Serie auf dem Kanal Tele 5 läuft mit Namen „V – Die Beobachter“ (zufällig entdeckt). Hier taucht eine wohlmeinende Spezies mit Raumschiffen auf, die sich mit den Menschen „befreunden“ und ihnen helfen und sie „schützen“ und „heilen“ will. In Wahrheit wollen sie uns jedoch mit einem Stoff impfen, der gefügig macht, um sich willige Sklaven zu erziehen und ein schöner weiblicher Guru steht an der Spitze dieser „besseren Individuen“ – ihre Gestalt jedoch ist nur Tarnung, unter der Haut sind sie….ja das Kitschigste halt: Reptilien.
    Allerdings ist hier alles, was real passiert, darin direkt perfekt nachempfunden – Stichwort Great Reset – ist schon bemerkenswert…also ruhig mal reinschauen.
    Es könnte direkt helfen, dass ein paar TV-Süchtige die Parallelen erkennen und aufwachen… falls noch ein Rest an Denkvermögen vorhanden ist.
    Wer diese Idee wohl gerade jetzt hatte?

  4. Ohlmann 11. Januar 2023 at 13:14Antworten

    Covid-Politik und Smartphone verändern die Gesellschaft. Unser Leben heißt seit der Pandemie Unsicherheit und Panik zu verbreiten. Nebenwirkungen spüren schon andere Massiv. Traurige Bilanz. Beispiel: Fahrschüler und -schülerinnen in Deutschland sind von Fahrlehrern weniger aufmerksam im Straßenverkehr als noch vor Jahren. Laut Fahrlehrerverbände ist der junge Mensch, der heute in die Fahrschule kommt, hat eine ganz andere Verkehrswahrnehmung als noch vor 20 Jahren – nämlich eine geringere. Er führte das auch auf die Handy-Nutzung zurück. Schauen nicht mal in ein Auto, ob die Kinder auf die Straße schauen. Nein, sie gucken auf ihr Smartphone. Sie gehen zu Fuß und gucken auf ihr Smartphone. Deshalb hätten junge Menschen nicht mehr diese natürliche Affinität zum Verkehrsgeschehen wie früher. Die Durchfallquote steigt nicht zuletzt deshalb seit Jahren Durchfallquote bei Führerschein-Prüfungen an. Im Vorjahr 37 Prozent der Theorie-Prüfungen wurden nicht bestanden – nach 29 Prozent im Jahr 2013. Bei der praktischen Prüfung für die Pkw-Führerscheinklasse B habe die Durchfallquote im vergangenen Jahr 43 Prozent betragen. Rosige Zeiten sehen anders aus. Das Leben fühlt sich ausgelutscht aus, dank Politiker.

  5. Fritz Madersbacher 11. Januar 2023 at 11:34Antworten

    „Die Hauptaufgabe der Regierungen scheint darin zu bestehen, unter den Bürgern ein Gefühl der Unsicherheit und sogar der Panik zu verbreiten, das mit der extremen Einschränkung ihrer Freiheiten einhergeht, die gerade in dieser Unsicherheit ihre Rechtfertigung findet“
    Das ist an und für sich nicht neu. Warum machen Regierungen das? Fällt ihnen das einfach selbst so ein, oder sind hier die Interessen viel mächtigerer Einrichtungen, z.B. großer Monopole, großer Konglomerate aus Finanz- und Industriekapital im Spiel, und die Regierungen sind nur ausführende Marionetten? Die sich selbst hochjubelnden „liberalen Demokratien“ sind letzten Endes latent faschistische Diktaturen zum Schutz der Interessen großer Monopole, die „repräsentative Demokratie“ ihr Feigenblatt …

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