Schutz der Nordsee macht Fortschritte

30. Mai 2026von 5,8 Minuten Lesezeit

Ein neues Gerichtsurteil stärkt den Schutz der Doggerbank, der größten Sandbank in der zentralen Nordsee. Fischer dürfen dort in bestimmten Schutzgebieten vorerst keine zerstörerischen Schleppnetze mehr ausbringen, ohne vorher nachzuweisen, dass das Ökosystem dadurch keinen Schaden nimmt. Umweltschützer bewerten diese Entscheidung als Meilenstein für die Erholung der Meeresnatur und erhoffen sich eine Signalwirkung für ganz Europa.

Schleppnetze zerstören den Meeresboden, weshalb der Schutz der Doggerbank als biologischer Hotspot der Nordsee von zentraler Bedeutung ist. Um Einkommensverluste auszugleichen, stellen betroffene Fischer auf umweltschonendere Fangmethoden um und erschließen neue Vermarktungswege. Interessant scheint besonders, dass diesmal die Großindustrie ihre Interessen nicht durchsetzen konnte.

Was Schleppnetze im Meer verursachen

Grundschleppnetze gehören zu den zerstörerischsten Fanggeräten der industriellen Fischerei. Sie erzeugen schwerwiegende ökologische Schäden:

  • Zerstörung des Bodens: Schwere Gewichte und Scherelemente pflügen den Meeresboden um. Sie rasieren Korallen, Schwämme und Muschelbänke unwiederbringlich ab.
  • Hoher Beifang: Die Netze fangen unselektiv alles ein. Millionen Tonnen ungewollte Meereslebewesen – wie Jungfische, Seesterne oder Schweinswale – sterben als Abfall.
  • Trübung des Wassers: Aufgewirbelter Schlamm raubt Pflanzen das Licht für die Fotosynthese und verstopft die Kiemen von Fischen.

Warum die Doggerbank so wichtig ist

Die Doggerbank ist eine riesige, flache Sandbank in der zentralen Nordsee. Sie gilt als die ökologische „Geburtsstube“ des gesamten Nordseeraums:

  • Nahrungsreiches Flachwasser: Durch die geringe Wassertiefe dringt viel Sonnenlicht bis zum Boden. Das kurbelt das Wachstum von Phytoplankton massiv an.
  • Die Basis der Nahrungskette: Der Fischreichtum zieht Seevögel, Robben, Schweinswale und bedrohte Hai- und Rochenarten zur Nahrungssuche und Aufzucht an.
  • Strömungskreuzung: Hier treffen verschiedene Meeresströmungen aufeinander. Diese wirbeln Nährstoffe hoch und verteilen Fischlarven in der gesamten Nordsee.

Es gibt eine klare Trennung in der Fischerei: Riesige, industrielle Fabrikschiffe (oft „Supertrawler“ genannt) nutzen fast ausschließlich gigantische Schleppnetze, während die traditionelle, handwerkliche Küstenfischerei meist auf schonendere Methoden setzt.

Industrielle Fabrikschiffe („Schwimmende Fabriken“)

Diese Schiffe sind oft über 100 Meter lang und bleiben monatelang auf offener See. Die riesigen Supertrawler in der Nordsee stammen mehrheitlich aus den Niederlanden, Deutschland, Frankreich und Litauen. Es sind solche Schiffe, die auch die Lebensgrundlage von afrikanischen lokalen Fischern zerstörten und dazu führten, dass sie ihre Schiffe an Menschenhändler verkaufen und die Landflucht nach Europa angekurbelt wurde.

  • Einsatz von Großschleppnetzen: Sie ziehen kilometerlange Netze durch das Wasser, die so groß sind, dass mehrere Jumbo-Jets darin Platz hätten.
  • Direkte Verarbeitung: Der Fisch wird noch an Bord vollautomatisch sortiert, filetiert, verpackt, schockgefrostet und im riesigen Laderaum gelagert.
  • Extreme Effizienz: Ein einziges dieser Schiffe kann an einem einzigen Tag so viel Fisch fangen wie hunderte kleine Boote in einem ganzen Jahr.
  • Hoher Schaden: Wegen der enormen Netzgrößen und der hohen Geschwindigkeit ist der Beifang hier besonders hoch.

Kleine, handwerkliche Fischerboote

Unglaublich aber wahr. Es gibt sie noch. Und die lokale Küstenfischerei unterscheidet sich fundamental von der Industrie.

  • Schonende Fangmethoden: Kleine Fischer nutzen aus Platz- und Kostengründen meist Stellnetze, Reusen, Körbe oder Langleinen. Wenn sie Schleppnetze nutzen, dann in sehr kleinen, bodenschonenderen Varianten für Krabben oder Plattfische.
  • Tagesfahrten: Die Fischer fahren meist nachts oder frühmorgens raus und kehren nach wenigen Stunden in den Hafen zurück. Der Fisch wird fangfrisch an der Küste angelandet.
  • Geringer Beifang: Durch die selektiven Methoden (wie Haken oder Reusen) können ungewollte Arten oft lebend wieder ins Meer zurückgesetzt werden.

Wikipedia (Deutsche Naturschutzgebiete in der deutschen ausschließlichen Wirtschaftszone)

Der Konflikt

Dieser Unterschied führt oft zu großen Spannungen. Große Fabrikschiffe fischen oft die Küstengewässer leer und zerstören die marinen Ökosysteme, die die Existenzgrundlage der kleinen, lokalen Fischerbetriebe bilden. Das neue Verbot von Schleppnetzen in Schutzgebieten wie der Doggerbank trifft daher vor allem die industrielle Großfischerei, während es den Lebensraum für die nachhaltigere Küstenfischerei langfristig schützt.

Wie Fischer ohne Schleppnetze ihr Einkommen sichern

Die Einschränkungen zwingen die Fischerei zu einem Strukturwandel. Um wirtschaftlich zu überleben und den Markt zu beliefern, nutzen Betriebe verschiedene Strategien:

  • Umstellung auf alternative Fangmethoden:
    • Pelagische Netze: Fischer nutzen Netze, die frei im Mittelwasser schweben und den empfindlichen Meeresboden nicht berühren.
    • Langleinen und Fallen: Der Einsatz von selektiven Köderleinen oder Körben schont die Umwelt und reduziert den Beifang drastisch.
    • Stellnetze: Diese Barrieren verbleiben stationär im Wasser, fangen gezielter und verbrauchen beim Fischen kaum Treibstoff.
  • Direktvermarktung und Qualität statt Masse:
    • Nachhaltigkeits-Zertifikate: Fischer lassen sich zertifizieren (z. B. durch den Marine Stewardship Council). Zertifizierter Fisch erzielt im Handel deutlich höhere Preise.
    • Plattformen wie „Fisch vom Kutter“: Betriebe verkaufen ihren Fang ohne Zwischenhändler direkt an Endverbraucher oder die gehobene Gastronomie, was die Gewinnspanne pro Kilo maximiert.
  • Finanzielle Ausgleiche und Diversifikation:
    • Staatliche Übergangshilfen: Die Europäische Union unterstützt den Umbau von Fangflotten finanziell durch den Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (EMFAF).
    • Zweites Standbein: Einige Fischer nutzen ihre Schiffe abseits der Fangzeiten für den Tourismus (Ausflugsfahrten) oder für Wartungsarbeiten an Offshore-Windparks.

Die wichtigsten Orientierungspunkte für den Fischeinkauf sind:

Vertrauenswürdige Siegel (Wildfang)

  • MSC (Marine Stewardship Council): Das weltweit bekannteste blaue Siegel für zertifizierten Wildfang. Es garantiert, dass die Bestände nicht überfischt sind und die Fangmethode den Meeresboden schont.
  • Naturland Wildfisch: Ein sehr strenges deutsches Öko-Siegel. Es verbietet zerstörerische Fangmethoden komplett und legt hohe Sozialstandards für die Fischer fest.

Vertrauenswürdige Siegel (Aquakultur / Zucht)

  • ASC (Aquaculture Stewardship Council): Das Gegenstück zum MSC für Fisch aus Zuchtbetrieben. Es achtet auf umweltschonendes Futter, den Verzicht auf unnötige Antibiotika und guten Gewässerschutz.
  • Bio-Siegel (z.B. Bioland, Naturland, EU-Bio): Garantiert zertifizierte Bio-Aquakultur. Die Fische haben mehr Platz, erhalten ökologisches Futter ohne Gentechnik und Hormone sind streng verboten.

 Wer ganz genau sein will: Der Blick auf das Kleingedruckte (Das Etikett)

In der EU ist jedes Fischprodukt gesetzlich kennzeichnungspflichtig.

Die Fangmethode: Meide Begriffe wie „Grundschleppnetz“ oder „Pelagisches Schleppnetz“. Greife stattdessen zu Fisch, der mit „Haken und Langleinen“, „Stellnetzen“ oder „Reusen und Fallen“ gefangen wurde.

  • Das Fanggebiet (FAO-Zone): Auf der Packung steht eine Nummer. Die FAO-Zone 27 steht beispielsweise für den Nordostatlantik (inklusive Nordsee). Ob der Bestand dort gerade gesund ist, verraten digitale Einkaufsratgeber.

Digitale Helfer im Supermarkt

  • Fischratgeber-Apps: Die Apps von Umweltorganisationen (wie dem WWF oder der Verbraucherzentrale) nutzen ein einfaches Ampelsystem (Grün, Gelb, Rot). Du scannst im Laden einfach den Barcode oder gibst die Fischart ein und siehst sofort, ob der Kauf unbedenklich ist.

Fazit

Sicher käme man mit weniger Regeln und Gesetzen aus. Aber manchmal sind sie auch nützlich, z.B. um die Meere zu retten. Und wenn der Grund „Klima“ ist (weil die Schleppnetze CO2 lösen/aufwirbeln) sollte uns das auch recht sein.

Bild: Doggerbank (Dogger Bank IMMA North East Atlantic Ocean)


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4 Kommentare

  1. Hello 30. Mai 2026 um 10:41 Uhr - Antworten

    „Grundschleppnetze gehören zu den zerstörerischsten Fanggeräten der industriellen Fischerei. Sie erzeugen schwerwiegende ökologische Schäden:“

    Vor drei Tagen plante nach tkp die EU das Ende der Fischerei. „Die Kommission hatte bereits im Herbst 2025 massive Einschränkungen für Grundschleppnetze (Bottom Trawling) im westlichen Mittelmeer gefordert.“ Da war es also noch verpönt, das Ende der Grundschleppnetze zu fordern. Jetzt: siehe das obige Zitat.

    Genau wie für die EU immer Puttin an allem schuld ist, noch bevor irgendwelche Untersuchungen eingeleitet werden, genauso kommt es mir vor, will die EU für tkp immer nur das Böse, ohne vorher zu recherchieren, ob manche Vorhaben durchaus tauglich wären. Dabei schätze ich tkp durchaus. Vielleicht wäre es aber manchmal angebrachter, Artikel nicht immer gleich „rauszuhauen“, sondern vorher nachzudenken.

    • Jan 30. Mai 2026 um 19:41 Uhr - Antworten

      Solange die selbstvergöttlichte Cruella herrscht, sollte man nichts Gutes erwarten! Selbst wenn aus Marketinggründen einmal etwas Richtiges passiert, ist dies einem Rechts- und Wahrheitsprinzip und demokratischer Wahl unterlegen.

  2. Glass Steagall Act 30. Mai 2026 um 10:13 Uhr - Antworten

    Mich hat immer schon gewundert, wie die ideologischen Grünen und ihre Sitzblockaden-Jünger und die Klimasekten-Kleber, die faschistischen Antifaschisten und wie sie alle heißen, sich nie um die Problematik von Schleppnetzen oder um die Plastikschwemme in den Weltmeeren gekümmert haben! Stattdessen jagen sie unschuldige Bürger in ihrer Heimat wegen ein paar Milligramm CO2. Die wahren Umweltsünden laufen weit entfernt von ideologischen Heimat-Programmen sogenannter Möchtegern-Weltretter!

  3. local.man 30. Mai 2026 um 10:09 Uhr - Antworten

    Ich wohne tiefer im Lande und esse recht wenig Fisch und CO. Im Jahr vielleicht 1-2x oder gar seltener, da ich generell zu 90% roh pflanzlich lebe, gerade jetzt im Sommer ist das um so einfacher umzusetzen und hat stehts große Effekte auf die Gesundheit.
    Aber wenn dann nur noch Wildfang. Die Zuchtfischerei ist für mich viel zu riskant. Ich habe darüber schon Dokus gesehen, danach isst man das nicht mehr.

    Die Fangmethoden sind dann wieder noch anderes Thema. So wie in Asian ja die Wale übel verfolgt und dezimiert werden, haben wir hier und natürlich auch an den anderen Küstenregionen, vor allem drüben um Amerika, mit radikal profitorientierter Fischerei zu tun, die wie in sogut wie allen anderen Industrien, über alles geht, nur in der Werbung halt die Zauberwelt verkauft wird.

    Wie immer geht es auch anders, aber nur in der Theorie, da das aktuelle System jegliche Verbesserung verunmöglicht. Nicht weil mehr Menschen brauchen essen oder sowas, das sind die Ablenkziele.. Es geht in erster Linie immer um die Gier der Besitzenden dahinter und deren Speichellecker die alles absegnen, um sich auch den Privatjet leisten zu können und auf die Gala irgendeines Superreichen eingeladen zu werden.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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