Geld aus dem Nichts: Wie Banken die größte Umverteilungsmaschine der Geschichte betreiben

22. Mai 2026von 7,7 Minuten Lesezeit

Stellen Sie sich vor, Sie dürften sich selbst Geld auszahlen — und das völlig legal. Nicht durch Arbeit, nicht durch Ersparnisse, nicht durch einen Kredit, den Sie irgendwann zurückzahlen müssen. Einfach so, per Tastendruck. Genau das tun Geschäftsbanken jeden Tag. Und kaum jemand spricht darüber.

Der Bürger, der jeden Monat sein Gehalt auf sein Konto überwiesen bekommt, stellt sich Geld meist als etwas Konkretes vor: Es ist erarbeitet worden, hat einen Gegenwert, existiert irgendwo in einem Tresor. Diese Vorstellung ist falsch — und das nicht erst seit gestern. Sie ist systematisch falsch, und die Konsequenzen dieser Fehlannahme prägen unser gesamtes Wirtschaftsleben, ohne dass wir es merken.

Der Trick, der verschwiegen wird

Die meisten Menschen glauben, Banken würden Spareinlagen sammeln und diese dann als Kredite weiterreichen. Das klingt vernünftig, entspricht aber nicht der Realität. Wenn eine Bank einem Kunden einen Kredit über 200.000 Euro gewährt — etwa für den Kauf eines Hauses — dann überweist sie keine vorher angesammelten Ersparnisse. Sie schreibt schlicht 200.000 Euro auf das Konto des Kreditnehmers gut. Dieses Geld hat vorher nicht existiert. Es entsteht im Moment des Kreditvertrags, buchstäblich aus dem Nichts.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Die Deutsche Bundesbank schreibt es in ihren eigenen Publikationen: Geschäftsbanken schaffen Geld, indem sie Kredite vergeben. Die Bank of England erklärte es 2014 in einem aufsehenerregenden Papier, das in Fachkreisen für Unruhe sorgte. Die Zentralbanken der westlichen Welt bestätigen diesen Mechanismus — er heißt Giralgeldschöpfung, und er ist das Fundament unseres gesamten Finanzsystems.

Doch was auf dem Papier wie ein neutraler technischer Vorgang klingt, ist in Wirklichkeit ein tiefgreifender Eingriff in die Eigentumsverhältnisse einer Gesellschaft, obwohl es so gar nicht in der Verfassung vorgeschrieben ist.

Wer profitiert vom Geld aus der Luft?

Wenn eine Bank Geld schöpft, erhält sie dafür einen Gegenwert: den Schuldvertrag des Kreditnehmers. Der Kreditnehmer verpflichtet sich, das geliehene Geld — das nie existiert hat — zuzüglich Zinsen zurückzuzahlen. Diese Zinsen jedoch müssen aus der realen Wirtschaft kommen: durch Arbeit, durch Produktion, durch den Verkauf von Gütern und Dienstleistungen.

Das Ergebnis ist strukturell asymmetrisch. Die Bank schöpft Geld ohne vorherige Leistung und erhält dafür reale Werte zurück. Der Kreditnehmer erhält Zugang zu Kaufkraft — zahlt aber langfristig mehr zurück, als er erhalten hat. Bei einem Immobilienkredit über 30 Jahre kann die Zinsbelastung die ursprüngliche Kreditsumme leicht übersteigen. Die Bank verdient an Geld, das sie selbst erzeugt hat.

Nun könnte man einwenden: Aber das Risiko trägt doch auch die Bank! Wenn der Kreditnehmer nicht zahlt, verliert die Bank. Das stimmt — allerdings nur bedingt. Denn fällt ein einzelner Kredit aus, ist das ein Problem des Kreditnehmers und vielleicht der Bank. Fallen viele Kredite aus, wird es zum Problem des Staates — sprich: der Steuerzahler. Die Gewinne der Geldschöpfung sind privatisiert. Die Verluste werden sozialisiert. 2008 hat das die Welt in aller Deutlichkeit gesehen.

Inflation: Die unsichtbare Steuer auf Ersparnisse

Geldschöpfung hat eine direkte Konsequenz, die jeden trifft, der spart: Inflation. Wenn die Geldmenge schneller wächst als die Produktion realer Güter und Dienstleistungen, verliert jeder im Umlauf befindliche Euro an Kaufkraft. Das Geld auf dem Sparkonto wird weniger wert — nicht weil man etwas falsch gemacht hätte, sondern weil anderswo neues Geld in die Welt gerufen wurde.

Der Rentner, der sein Leben lang gespart hat, wird durch Inflation enteignet — schleichend, lautlos, ohne dass jemand dafür zur Verantwortung gezogen wird. Der Immobilienbesitzer hingegen, der vor Jahren einen Kredit aufnahm, profitiert: Seine Schulden werden in entwertetem Geld zurückgezahlt, während der Wert seiner Immobilie steigt. Grundsätzlich gilt: Das Geldschöpfungssystem belohnt Verschuldung und bestraft Sparsamkeit — eine Umkehrung jener bürgerlichen Tugenden, auf die westliche Gesellschaften jahrhundertelang gebaut wurden.

Die Europäische Zentralbank hat in den Jahren nach der Finanzkrise die Geldmenge dramatisch ausgeweitet, zunächst durch Niedrigzinspolitik, dann durch Anleiheankaufprogramme. Das Ziel war, die Wirtschaft zu stimulieren. Das Ergebnis war eine Assetpreisinflation: Aktien, Immobilien und Unternehmensanteile stiegen im Wert — all jene Vermögenswerte, die vor allem Wohlhabenden gehören. Lohnsteigerungen für Normalarbeitnehmer blieben aus. Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich in dieser Zeit nicht zufällig geöffnet. Sie wurde durch die Mechanik der Geldschöpfung aktiv vergrößert.

Die Frage, die niemand stellt

Warum entscheidet eine Privatbank darüber, wer Zugang zu neu geschöpftem Geld erhält? Wer eine Hypothek bekommt und wer nicht, wer ein Unternehmen gründen kann und wer scheitert, bevor er begonnen hat — das entscheidet kein demokratisch gewähltes Gremium, sondern ein Kreditausschuss einer Privatbank nach Rentabilitätskriterien.

Diese Lenkungsfunktion des Geldes ist enorm. Sie entscheidet mit darüber, welche Industrien wachsen, welche Regionen sich entwickeln, welche gesellschaftlichen Projekte finanzierbar sind. Und sie liegt vollständig in privater Hand. Zentralbanken setzen Rahmenbedingungen, aber die tatsächliche Allokation des neu geschöpften Geldes — wer es erhält und zu welchen Bedingungen — obliegt Geschäftsbanken, die in erster Linie ihren Aktionären verpflichtet sind.

Das ist keine Kritik am Unternehmertum an sich. Es ist eine Kritik an einem System, das eine der mächtigsten gesellschaftlichen Funktionen — die Lenkung von Kapital — ohne demokratische Kontrolle, ohne Transparenz und ohne Rechenschaftspflicht gegenüber der Öffentlichkeit betreibt. Wer Geld schöpfen darf, hat Macht. Wer Macht hat, sollte Verantwortung tragen.

Das stille Privileg der Banklizenz

Eine Banklizenz ist, wenn man genau hinsieht, das exklusivste Privileg, das ein moderner Staat vergeben kann. Sie erlaubt ihrem Inhaber, Geld zu erzeugen — eine Fähigkeit, die allen anderen Akteuren in der Wirtschaft verwehrt ist. Ein Handwerksbetrieb muss Leistung erbringen, um Einnahmen zu erzielen. Ein Landwirt muss säen, bevor er erntet. Eine Bank hingegen kann — innerhalb regulatorischer Grenzen — Kredit vergeben und damit Geld in Umlauf bringen, bevor irgendjemand irgendeine reale Leistung erbracht hat.

Dieses Privileg wird vom Staat verliehen, durch Regulierung gerahmt und durch Einlagensicherungssysteme implizit garantiert. Und dennoch wird der wirtschaftliche Ertrag aus diesem Privileg vollständig privatisiert. Die Gewinne fließen an Aktionäre, die Boni an Manager, die Dividenden an Investmentfonds — während der Staat, der das Fundament dieser Konstruktion erst möglich macht, leer ausgeht.

Man könnte fragen: Warum erhebt der Staat keine Gebühr für die Ausübung dieses Privilegs? Warum ist die Geldschöpfungsrente nicht Teil des öffentlichen Haushalts? Diese Frage ist nicht neu — Ökonomen wie Joseph Huber oder der frühere Chefökonom des IWF, Jaromir Benes, haben sie gestellt. Die Antworten blieben aus. Zu groß ist das Interesse derer, die vom Status quo profitieren.

Was zu ändern wäre

Eine grundlegende Reform des Geldschöpfungssystems ist kein utopisches Projekt. Mehrere konkrete Ansätze wurden in der wirtschaftswissenschaftlichen Debatte ernsthaft diskutiert. Das sogenannte Vollgeld-Modell würde Banken das Recht nehmen, selbst Geld zu schöpfen. Nur die Zentralbank dürfte neues Geld in Umlauf bringen — demokratisch kontrolliert, transparent, an wirtschaftlichen Zielen orientiert. In der Schweiz gab es 2018 sogar eine Volksinitiative dazu, die zwar scheiterte, aber zeigte: Das Thema ist gesellschaftsfähig.

Und schließlich: Eine Haftungsreform, die sicherstellt, dass die Gewinne der Geldschöpfung nicht privatisiert werden, während die Verluste vergesellschaftet werden. Too big to fail darf kein Freifahrtschein für riskantes Verhalten auf Kosten der Öffentlichkeit sein.

Die nächste Krise als Türöffner

Es wäre naiv zu glauben, dass die strukturellen Verwerfungen des heutigen Geldschöpfungssystems einfach so weiterbestehen können. Die Geldmengen wachsen schneller als die reale Wirtschaft, die Schuldengebäude — von Staaten, Unternehmen und Privathaushalten — erreichen historische Dimensionen, und die Zinslast frisst sich tiefer in öffentliche Haushalte, als es die meisten Bürger ahnen. Eine weitere große Krise ist nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann.

Die nächste Krise — ob Bankenkollaps, Staatsschuldenkrise oder ein systemischer Vertrauensverlust in bestehende Währungen — könnte als Begründung dienen für einen Schritt, der längst vorbereitet wird: die Einführung programmierbarer digitaler Zentralbankwährungen, sogenannter CBDCs. Was harmlos als „Modernisierung des Zahlungsverkehrs“ vermarktet werden dürfte, wäre in Wirklichkeit die Vollendung eines Kontrollsystems, das bisher noch Lücken kannte.

Bargeld kann man verstecken, tauschen, verschenken — ohne dass jemand zuschaut. Eine programmierbare digitale Währung hingegen erlaubt es, jeden Cent zu verfolgen, Ausgaben an Bedingungen zu knüpfen, Geld mit Ablaufdatum zu versehen oder bestimmte Käufe schlicht zu sperren. Wer nicht systemkonform agiert, könnte vom Zahlungsverkehr ausgeschlossen werden — nicht durch ein Gerichtsurteil, sondern durch einen Algorithmus. (Siehe EU-Sanktionen gegen Journalisten.) Das Geldschöpfungssystem von heute wäre dann nicht mehr nur eine stille Umverteilungsmaschine — es wäre das Fundament einer finanziellen Infrastruktur totaler Steuerung. Die Frage ist nicht, ob diese Technologie kommt. Sie kommt bereits.

Die Frage ist, ob die Gesellschaft begreift, was auf dem Spiel steht — bevor die nächste Krise als Vorwand genutzt wird, um keine Zeit mehr für diese Debatte zu lassen.

Fazit

Denken Sie selbst!

(Dieser Artikel greift eine Frage auf, die im Artikel vom 21. Mai 2026 bewusst ausgeklammert wurde: wie Geld tatsächlich entsteht. Er versteht sich als eine Ergänzung dazu)

Bild: Wikipedia (Auszug)

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6 Kommentare

  1. Jurgen 22. Mai 2026 um 20:51 Uhr - Antworten

    Fiat-Giralgeldsysteme sind Schneeballsysteme mit großem Crescendo zum Schluß (Hyperinflation). Edelmetalle sind der Ausweg. Ihr Wert ist inert und unveränderbar.

  2. Glass Steagall Act 22. Mai 2026 um 12:18 Uhr - Antworten

    Anhand der weltweit steigenden Schulden kann man gut erkennen, dass dieses Geldsystem auf Zerstörung ausgelegt ist! Denn auf einem endlichen Planeten mit endlichen Ressourcen, endlichen Märkten und endlicher Kaufkraft, kann es kein ewiges Wachstum geben! Und wenn kein ewiges Wachstum möglich ist, darf es auch keine Geldschöpfung aus dem Nichts und kein Zins und Zinseszins geben!
    Und was die Umverteilung von arm zu reich angeht, sie beschleunigt sich am Ende eines solchen Systems bis zu dem Punkt, an dem das System mit einem Knall abstürzt!

    Ein einfaches Beispiel dafür ist das Spiel „Monopoly“. Am Ende gibt es nicht zwei Gewinner, sondern nur einen, der alles besitzt! Der Spruch vom WEF „du wirst nichts besitzen …“ zeigt nur auf, was in diesem System automatisch passieren wird! Die meisten Menschen haben nur nicht verstanden, dass hier unser fehlerhaftes System dargestellt wird! Ein System, in dem es keine Gerechtigkeit gibt und auch nicht gewollt ist! Dieses System ist von den gleichen Leuten aufgesetzt worden, die auch davon profitieren!

  3. BN 22. Mai 2026 um 11:15 Uhr - Antworten

    Eine Bank kann, wie oben beschrieben, durch die Buchung Forderungen (gegenüber Bankkunden) an Verbindlichkeiten (Geld auf Konto des Bankkunden) Geld schöpfen. Durch Clearing/Netting werden die Beträge dann bei Überweisungen entweder intern verrechnet oder gegenüber weiteren Banken gesammelt und gegenseitig verrechnet. So weit so gut. Doch das jetztige Problem ist, dass die Sicherheiten, welche die Banken für obigen Vorgang einfordern, immer schlechter werden. So sitzen die Banken auf einen Berg von tlw zweifelhaften Forderungen, welche sie gerne los werden wollen. In der USA wurden vor einigen Jahren hierfür zB die Immobilienkredite gebündelt, mit gutem Ranking versehen und an Privatkunden weiter veräußert. Die Banken hatten dadurch eine Sorge weniger, während viele Sparer daraufhin ihre Gelder verloren.
    https://fastercapital.com/de/inhalt/Verbriefung–Subprime-Kreditgeber-und-der-Aufstieg-der-Hypothekenverbriefung.html
    Dies ist wohl der Sargnagel unseres wirtschaftlichen Lebens. Reichtum landet in den Händen weniger, welche es nicht mehr gewinnträchtig mangels rentabler Anlagen investieren können. So wundern mich die Pläne des WEF, …. nicht mehr. Es bleibt nur noch übrig die Staaten von ihrem Besitz und deren Beteiligungen zu erleichtern, sowie sich das rentable Privateigentum anzueignen. Dies gelingt durch Verschuldung, Krieg, hohen Steuern und Abgaben, …
    Und doch gäbe es evtl. eine Lösung ua durch Gleichstellung der Arbeitnehmer gegenüber den Investitionen obige Situation rückgängig zu machen. Doch ist dies gewollt?

  4. local.man 22. Mai 2026 um 10:47 Uhr - Antworten

    Ein weiterer Irrglaube ist ja der festsitzende Glaube, sich Geld „verdient“ zu haben.
    IdR. bekommen wir es zugeteilt und das nach vordefinierten Richtlinien, ob Lohn, oder ALG2 Bezug spielt da keine Rolle. Die andere Seite nimmt es dann im großen Stile wieder weg, stiehlt es also und das akzeptiert vom Rest, durch zu viel Manipulation und Erzeugen einer Normalität und Idiologie.
    Mit Leistung und Verdienen hat das nichts zu tun, nur mit Glaube an dieses Prinzip…

    Man müsste dazu erstmal den Leistungsbegriff aufbrechen und definieren und dann in welche Relation setzen?
    Es ergibt einfach keinen echten Sinn mehr irgendwann, nur gemachte und vergiftete Scheinrealität zum Wohle Weniger eben.

  5. Informationsbefreier 22. Mai 2026 um 10:29 Uhr - Antworten

    Hier haben wir es amtllich: Die Bundesregierung hat die Better Than Cash Alliance in den letzten zehn Jahren mit insgesamt mehr als 2 Mio Euro gefördert: https://fragdenstaat.de/a/369946

  6. Christine 22. Mai 2026 um 10:18 Uhr - Antworten

    „Die Bank schöpft Geld ohne vorherige Leistung und erhält dafür reale Werte zurück.“

    Wer wie ich jedes Jahr eine Geldwäscheschulung machen muss, der kennt das Prinzip schon: So wird illegales Geld in legales Geld verwandelt.

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