
Die Rache des Kolonisten
Was steckt hinter dem jüngsten Angriff von Terroristen und Separatisten in Mali gegen die Zentralregierung? Aktuelles, Geschichte und Aussichten für ein Gebiet Afrikas, in dem wichtige Bodenschätze liegen, welche die Aufmerksamkeit der Kolonialländer auf sich ziehen.
Mali steckt seit 2012 in einer Dauerkrise durch den Aufstand der Tuareg und Angriffen von Dschihadisten. Nach den Machtübernahmen durch das Militär 2020/2021 hat die Militärjunta unter Assimi Goïta Frankreich und die ECOWAS hinausgeworfen, sich mit Russland verbündet und zusammen mit Burkina Faso und Niger die AES gegründet – mit dem erklärten Ziel größerer Souveränität und Abkehr von westlicher Einflussnahme. Trotzdem (oder gerade deswegen) hat sich die Sicherheitslage nicht verbessert: JNIM kontrolliert große Teile des Landesinneren, es gibt wirtschaftliche Blockaden (z. B. Treibstoff), ethnische Spannungen und nun diese beispiellos koordinierte Großoffensive zusammen mit Tuareg-Rebellen, ganz offensichtlich unterstützt von „dritten Kräften„. Die Angriffe zeigen, wie fragil die Lage der Junta ist, auch trotz russischer Unterstützung.
Diese Situation ist eine direkte Folge der Zerstörung der staatlichen Einheit Libyens durch die NATO während deren Regime-Change-Bombardierungen und Ermordung von M. Gaddafi. Und nicht zu vergessen die Ermordung seines Sohnes durch „unbekannte Kräfte“ gerade vor wenigen Wochen.
Die Terrorinvasion
Am 25. April fanden nun koordinierte Angriffe von JNIM, einer al-Quaida nahestenden Gruppe, also ähnlich wie die HTS, die kürzlich die Macht in Syrien übernahm, und der Tuareg-Rebellen der Azawad Liberation Front / FLA statt. Sie griffen gleichzeitig Ziele in Bamako, Kati, Mopti, Sévaré, Gao, Kidal und einen Flughafen an. Dabei wurde der Verteidigungsminister Sadio Camara getötet.
Al Jazeera hat ein einem längeren Artikel die Situation zusammengefasst. Darin wird erklärt, dass die mit Al-Qaida verbundene Gruppe Jama’at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) sich zu den Angriffen in Kati nahe der Hauptstadt sowie auf den Flughafen Bamako und weitere Orte im Norden, darunter Mopti, Sevare und Gao, bekannt hat. Auch Tuareg-Rebellen erklärten sich für die jüngsten Angriffe verantwortlich.
Der derzeitige Regierungschef Assimi Goita war 2021 durch einen bewaffneten Putsch an die Macht gekommen. Er versprach, die Sicherheit angesichts des wachsenden Einflusses von Gruppen in einem der am stärksten geschwächten Länder der Welt zu erhöhen. Goita hat sich bisher nicht öffentlich geäußert, berichtet Al Jazeera.
Die Lage in Mali
Am Samstagmorgen teilte die malische Armee mit, dass nicht identifizierte „terroristische“ Gruppen mehrere Militärstellungen in Bamako und im Landesinneren angegriffen hätten. „Die einzige gute Nachricht ist, dass sie [die bewaffneten Gruppen] bisher keine größeren Städte unter ihre Kontrolle bringen konnten“, fügte er hinzu, berichtet Al Jazeera.
„In einer von der „SITE Intelligence Group“ veröffentlichten Erklärung bekannte sich die JNIM zu Angriffen in Kati, Bamako und weiter nördlich gelegenen Orten wie Mopti, Sevare und Gao. Die JNIM ist der Sahel-Ableger von al-Qaida und laut der Konfliktbeobachtungsorganisation ACLED die aktivste bewaffnete Gruppe in der Region. Seit September greifen JNIM-Kämpfer Treibstofftransporter an und legen Bamako seit Oktober 2025 lahm. Sie verhängte außerdem eine Wirtschafts- und Treibstoffblockade, indem sie wichtige Fernstraßen abriegelte, die von Tankwagen genutzt werden, die Treibstoff aus dem benachbarten Senegal und der Elfenbeinküste in das Binnenland der Sahelzone transportieren. Wochenlang konnten die meisten Einwohner Bamakos keinen Treibstoff für Autos oder Motorräder kaufen, da die Vorräte erschöpft waren und die normalerweise geschäftige Hauptstadt zum Stillstand brachten.
Trotz mehrerer Monate der Ruhe sahen sich die Einwohner Bamakos im März mit einem Dieselmangel konfrontiert, da der Treibstoff vorrangig für den Energiesektor bestimmt war. Am Samstag teilte das JNIM mit, die Stadt Kidal sei in einer gemeinsam mit der Azawad-Befreiungsfront (FLA), einer von Tuareg dominierten Rebellengruppe, koordinierten Operation „eingenommen“ worden. Mohamed Elmaouloud Ramadane, ein Sprecher der FLA, erklärte in den sozialen Medien, die Gruppe habe mehrere Stellungen in Kidal und Gao unter ihre Kontrolle gebracht. Al Jazeera konnte diese Behauptung nicht unabhängig überprüfen.
Videos, die online veröffentlicht und von Al Jazeera verifiziert wurden, zeigten bewaffnete Männer, die am Samstag das Nationale Jugendlager in Kidal betraten. Al-Jazeera-Korrespondent Haque merkte an, dass die FLA im Norden des Landes offenbar an Boden gewinnt. „In den sozialen Medien kursieren Videos, die zeigen, wie einige dieser Kämpfer in die Residenz des Gouverneurs von Kidal eindringen“, sagte er.“
Kidal, so der Bericht weiter, sei zwar nicht die größte Stadt im Norden, aber sie habe eine hohe Symbolkraft, denn wer Kidal kontrolliere, beherrsche den Norden. Im Gespräch mit Al Jazeera am Samstag in Dakar erklärte Ibrahim Yahaya, stellvertretender Direktor für die Sahelzone bei der International Crisis Group, die Offensive füge sich in ein breiteres Muster eskalierender Gewalt ein. Die Zeitung zitiert ihn mit den Worten: „Auch wenn es schwerfällt, von einer völligen Überraschung zu sprechen, denke ich, es ist nur eine weitere dramatische Episode in einer Reihe spektakulärer Angriffe, die wir in den letzten Jahren von der JNIM gegen die Regierung erlebt haben“.
Welche Rolle spielten russische Söldner bei den Angriffen?
Zeugen berichteten Al-Jazeera-Korrespondent Haque, dass russische Söldner in Bamako, in der Nähe des Flughafens, wo sie eines ihrer Hauptquartiere haben, an Kämpfen beteiligt waren. Aber auf Grund von Problemen an der russisch-ukrainischen Front seien einige Soldaten aus Mali abgezogen worden, was die Sicherheitslage negativ beeinflusst habe. Laut Haque scheinen die russischen Söldner die Stadt Kidal oder zumindest das Militärlager, in dem sie sich mit den malischen Streitkräften befanden, aufgegeben zu haben.
Al Jazeera zitiert weiter: „Die Tuareg-Kämpfer hatten sie zur Waffenabgabe aufgefordert. Ob sie dieser Aufforderung nachgekommen sind, ist unklar, aber fest steht, dass die Russen die Stadt Kidal verlassen“, sagte er und fügte hinzu: „Dass russische Söldner nicht mehr gegen bewaffnete Kämpfer kämpfen, ist ein bedeutendes Zeichen.“ Allerdings widersprechen diese Aussagen anderen Berichten, welche behaupten, dass die russischen Soldaten ganze Städte und Dörfer von den Angreifern zurückerobert hatten.
Im letzten Jahr war die russische Wagner-Gruppe aus Mali abgezogen, weil die Aufgaben als erfüllt bezeichnet wurden. Allerdings operieren quasi die gleichen Kämpfer nun unter der Flagge des Afrika-Korps wieder in Mali. Neben Mali ist das Afrika-Korps auch in anderen afrikanischen Ländern aktiv, darunter Äquatorialguinea und die Zentralafrikanische Republik.
Rückblick in die Geschichte der Region
Seit der Unabhängigkeit 1960 erlebte das westafrikanische Land wechselnde Phasen politischer Stabilität und Instabilität, unterbrochen von Rebellionen, Finanzkrisen und Militärputschen. 2012 starteten ethnische Tuareg-Separatisten, verbündet mit Kämpfern eines Al-Qaida-Ablegers, einen Aufstand und brachten den Norden des Landes unter ihre Kontrolle. Kämpfer der bewaffneten Gruppe Ansar Dine drängten die Tuareg-Rebellen jedoch rasch zurück und nahmen wichtige Städte im Norden ein, was Anfang 2013 auf Bitten der Regierung eine französische Militärintervention auslöste. Ansar Dine und mehrere andere Gruppen schlossen sich später zur JNIM zusammen.
Im September 2013 wurde Ibrahim Boubacar Keita zum Präsidenten gewählt. Seine fragile demokratische Herrschaft endete 2020. Unter seiner Regierung vermittelten die Vereinten Nationen 2015 ein Friedensabkommen zwischen der Regierung und den nördlichen Tuareg-Gruppen, die für ein unabhängiges Azawad kämpften.
Präsident Keita wurde abgesetzt. Nach monatelangen Massenprotesten gegen die gravierenden wirtschaftlichen Probleme des Landes und den Vormarsch bewaffneter Gruppen im Norden putschte das Militär im August 2020. Im September desselben Jahres wurde der pensionierte Oberst Bah Ndaw als Interimspräsident vereidigt, Goita als Vizepräsident. Sie sollten eine Übergangsregierung leiten.
Im Mai 2021 putschte sich Goita erneut an die Macht. Mali wird derzeit von Goitas Militärregierung regiert. Diese hatte ursprünglich versprochen, im März 2024 zur Zivilregierung zurückzukehren, hielt dieses Versprechen jedoch nicht, was auch unter dem Eindruck des permanenten Krieges im Land zu sehen ist.
Nachdem Goita im Dezember 2021 die französischen Truppen zum Abzug aufgefordert hatte, lud er russische Söldner zur Unterstützung der Militärverwaltung im Kampf gegen bewaffnete Gruppen ein. Dadurch entstand ein Sicherheitsvakuum. Im Januar 2024 kündigten die Machthaber Malis zudem das Friedensabkommen von 2015 mit den Tuareg-Rebellen und warfen ihnen vor, die Bestimmungen nicht einzuhalten. Das Abkommen führte erneut zu einer Verschlechterung der Sicherheitslage im Land. Im September 2025 verhängte die JNIM die oben erwähnte Treibstoffimportblockade, die das Leben in Bamako lahmlegte.
Mali hatte sich im vergangenen Jahr zusammen mit Niger und Burkina Faso formell vom westafrikanischen Regionalblock ECOWAS getrennt und die Allianz der Sahelstaaten (AES) gegründet. Anfang dieser Woche nahm der malische Außenminister Abdoulaye Diop jedoch an einem Sicherheitsforum im Senegal teil. Dort erklärte er, der Austritt sei „endgültig“, fügte aber hinzu, die AES könne einen konstruktiven Dialog mit der ECOWAS über die Freizügigkeit und den Erhalt des Binnenmarktes fortsetzen.
Al Jazeera kommentiert dies wie folgt:
„‚Schon allein die Teilnahme des malischen Ministers an dieser Konferenz signalisiert, dass sie um ihre Sicherheit fürchten und sich öffnen müssen‘, sagte Adama Gaye, politischer Kommentator für die Sahelzone und Westafrika, gegenüber Al Jazeera. ‚Es ist auch ein Zeichen dafür, dass sie die ECOWAS wieder ansprechen wollen.‘ Gaye fügte hinzu, dass die von Goita geführte Militärregierung ‚in ihrem eigenen Land keine Legitimität besitzt. Sie haben in Bezug auf wirtschaftlichen Fortschritt, Frieden und Stabilität katastrophal abgeschnitten‘, fügte er hinzu und beschrieb die aktuelle Lage in Mali als ‚äußerst katastrophal. Diese Angriffe untergraben ihre Behauptung, Mali kontrollieren zu können‘, sagte er.“
Aussichten für das Land
Mali ist doppelt so groß wie Frankreich. Die Bevölkerung konzentriert sich im Süden des Landes. Der Norden war historisch noch nicht durch Kolonialmächte vollständig kontrolliert worden und kann wohl auch nicht durch die Zentralregierung dauerhaft kontrolliert werden. Es drängen sich Vergleiche mit dem Süd-Sudan auf. Dessen Unabhängigkeit durch westliche Mächte gefördert wurden, um den Sudan zu schwächen. Ähnliches könnte sich derzeit auch in Mali abspielen. Begonnen hatte alles mit den Bomben auf Libyen im Jahr 2011, welche das Land bis heute ins Chaos stürzten und spalteten.
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Wenn es um die Frage geht, wo die Islamisten ihre Untersützung bekommen, lohnt ein Blick ins Nachbarland Mauretanien:
Der neue Hafen zum Abtransport des Goldes und Urans aus Mali wurde von einer chinesischen Firma gebaut. Mautetanien ist eine islamistische Kopfabschneider-Diktatur. Auf Schwulsein steht die Todesstrafe. Gefördert wird das Regime dort u.a. vom Europarat im Cybercrime-Programm: hier helfen die europäischen Staaten (auch die Schweiz ist Mitglied) der immer noch grössten Sklavenhaltergesellschaft der Welt (20 % der Bevölkerung in Mauretanien sind Sklaven), das Land unter Kontrolle zu halten; Technologietransfer und Ausbildung werden zur Verfügung gestellt, um Dissidenten zu überwachen und zu verfolgen. Es wird schliesslich ein stabiler Hafen für all die schönen Rohstoffe gebraucht, die die frühere Kolonialmacht Frankreich vor der Machtübernahme des Militärs in Mali dort hinbringen liess – unter Zuhilfenahme der Bewachungsdienstleistungen der Deutschen Bundeswehr. Der Abtransport ist seither jedoch unterbrochen. Die mit Mitteln auch des Europarates geförderten Islamisten bilden nun ein Gegengewicht. Vielleicht gelingt der Zugriff auf Gold und Uran ja wieder, so die Hoffnung der Europäer. Man hat ja auch mit Al Qaida in Syrien gute Erfahrungen gemacht und arbeitet auch dort zusammen.