Wie Klimakredite den Amazonas zerstören

10. April 2026von 3,5 Minuten Lesezeit

Klimakredite (bzw. CO₂-Zertifikate) sind eine zentrale Erfindung der Klimaindustrie: Unternehmen kaufen sie, um ihre CO₂-Emissionen auszugleichen, und schützen angeblich Wälder. Die Wirklichkeit ergibt das Gegenteil: illegale Rodungen, Landraub, Betrug.

CO₂-Zertifikate retten nicht das Klima. Sie sind vermutlich dafür auch nie entwickelt worden (wie soll man das „Klima“ überhaupt retten können?). Sie retten auch nicht den Regenwald. Tatsächlich verwandeln Klimakredite den Amazonas nur noch einfacher in ein Spekulationsobjekt für das Großkapital. Der Fall Apuí im Süden des Bundesstaates Amazonas zeigt exemplarisch, wie das System versagt

.Im Zentrum steht die vermeintliche Fazenda Floresta Amazônica – eine 360.000 Hektar große Fläche, fast zehnmal so groß wie Wien. Die Kommune Apuí hielt dort angeblich Vermögenswerte im Wert von 8,5 Milliarden US-Dollar aus einem CO₂-Ausgleichsprojekt. Tatsächlich war vieles gefälscht: 68 Prozent des Gebiets gehörten öffentlichem Land einer 2005 gegründeten Landwirtschaftskooperative. Die Grundbucheinträge waren dubios – einer datierte auf 1841, noch vor Brasiliens Bodenrechtsgesetzen, ein anderer von 1963 bezog sich auf eine nicht existente Gemeinde.

So läuft es oft: Gefälschte Projekte auf öffentlichem Land erlauben Spekulation und „Holzwäsche“. Kartelle verdienen doppelt an Holz und Krediten, indigene Gemeinden verlieren Rechte und die Abholzungsrate steigt teilweise sogar.

Hinter dem Schwindel steckten Reag, Brasiliens größter Vermögensverwalter, und die Bank Master Group. Firmen wie Global Carbon und Golden Green – einst ein kleines Textilgeschäft – wuchsen innerhalb von vier Jahren auf einen Wert von fünf Milliarden Dollar (!) an. Im Januar 2026 brachen beide Firmen unter bundespolizeilichen Ermittlungen zusammen. Politiker, darunter sogar der Sohn von Präsident Lula da Silva, gerieten ins Visier.  Das US-Magazin Compact berichtet über den Fall ausführlicher.

Die „Operation Greenwashing“ der Bundespolizei legte 2024 das Ausmaß offen: Über eine Million Hektar Land wurden illegal besetzt, um CO₂-Kredite zu generieren. In Novo Aripuanã verwandelten Betrüger städtische Parzellen in 80.000 Hektar große „Landgüter“. Illegale Holzfäller nutzten die Projekte, um Holz aus geschützten Gebieten zu roden und gleichzeitig Kredite zu verkaufen. Der größte brasilianische Krediterzeuger, Carbonext unter Ricardo Stoppe, wurde bei Razzien mit illegaler „Holzwäsche“ in Verbindung gebracht – Millionen Tonnen Holz sollen so legalisiert worden sein.

REDD+-Projekte (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) bilden das Rückgrat des Systems. Sie versprechen, Rodung zu verhindern und Kredite für eingesparte Emissionen zu verkaufen. Tatsächlich hat sich dahinter aber ein Luftgeschäft entwickelt: Laut einer Guardian-Analyse waren bis zu 90 Prozent der Regenwald-Kredite bei Verra wertlos. Eine Untersuchung der Corporate Accountability ergab, dass über 70 Prozent der in Brasilien 2024/2025 gehandelten Kredite „problematisch“ waren – sie erfüllten keine echten Emissionsreduktionen (was vermutlich sogar gut für die Umwelt ist, für die Aufforstung des Regenwaldes dann aber doch nicht). In manchen REDD+-Gebieten lag die Abholzungsrate sogar höher als im restlichen Amazonas.

Zurück zum Wald in Apuí. Wäre der Wald gerodet worden, wenn er nicht von einem Klimakredit gedeckt gewesen wäre? Das lässt sich jedenfalls nicht beweisen. Viele Projekte liegen auf bereits geschütztem oder öffentlichem Land. Der Wald wäre also ohnehin nicht Industrieobjekt gewesen, jetzt ist er aber per Klimakredit gedeckt. Und Bewohner erhalten dann oft ebenfalls „Luft“, oder zumindest fast Luft: Statt Geld gibt es T-Shirts oder Kochtöpfe.

Indigene und landlose Familien verlieren Rechte, während Eliten und internationale Konzerne profitieren. Gewalt ist keine Ausnahme: Aktivisten wurden bedroht oder ermordet, weil sie Landtitel nicht abtreten wollten. Der Markt für CO₂-Kredite nähert sich einer Billion Dollar. Brasilien hat das größte Potenzial weltweit.

Entstanden ist ein „Klima-Finanz-Komplex“, der Spekulation und Raubbau legitimiert. Kartelle verdienen doppelt – an Holz und an Krediten. Man braucht auch nicht zu glauben, dass das System der Klimakredite anderswo anders funktionieren würde. Die Konzerne werden immer mehr Kredite kaufen – oft von Unternehmen, die gar nicht so weit von ihrem Umfeld entfernt sind –, um ihre „Klimabilanz“ zu verbessern und politische Regeln zu erfüllen. Die Umwelt wird dabei weiter wie wild beschädigt, nur eben jetzt mit Klimazertifikat.

Bild Dalia McGillParque Nacional do Jaú Dalia McGill (1)CC BY-SA 4.0

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Ein Kommentar

  1. Jakob 10. April 2026 um 15:18 Uhr - Antworten

    CO2 Zertifikate.
    Ein logisches Unding.
    Wenn ich die Umwelt zuviel verschmutze, kaufe ich mir solche und damit ist meine Umweltverschmutzung reduziert. Fantastisch.
    Ist für mich so als würde es IQ-Zertifikate geben.
    Ist mein IQ zu klein, so kaufe ich mir solche Zertifikate, und – schwupps – mein IQ ist im genialen Bereich. Fantastisch.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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