Ein Franz-Ferdinand-Moment?

2. Oktober 2025von 9,8 Minuten Lesezeit

Geschichte wiederholt sich nicht 1:1, man sollte aber heute Entwicklungen vermeiden, die früher in eine Katastrophe geführt haben. Dafür ist das Aufzeigen von Parallelen von zentraler Bedeutung.

Am 29.09.25 war auf  Politico zu lesen, dass nicht namentlich genannte EU-Diplomaten in mögliche Schritten zur Abschreckung Russlands als „mit potenziellen Katastrophen gespickt“ bezeichneten, wobei einige EU-Vertreter unter vorgehaltener Hand vor einem möglichen „Franz-Ferdinand-Moment“ warnten – also einer plötzlichen Eskalation, die den Kontinent in einen großen Krieg hineinziehen könnte. Die EU-Vertreter beziehen sich damit auf die Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo, die eine rasche Kette von Bündnissen und Ultimaten auslöste, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führten. Seinerzeit war Österreich-Ungarn mit Deutschland verbündet. Auf der anderen Seite hatte Serbien ein Bündnis mit Russland, Russland mit Frankreich und Frankreich mit dem Britischen Empire.

Die Kettenreaktion eines Konflikts zwischen Serbien und Österreich war absehbar. Aber auch die explosive Lage Anfang des 20. Jahrhunderts hatte eine Vorgeschichte.

Bismarck und George Bush sen.

Otto von Bismarck nannte den Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Im Zeitalter der Atomwaffen ist jeder Krieg dagegen ein Versagen der Politik. Außenpolitik muss die Lage eines Landes realistisch einschätzen und Kriege verhindern. Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, nur gemeinsame Interessen oder Abhängigkeiten. Es ist die Aufgabe der Außenpolitik, Bündnisse mit anderen Staaten zu schließen um gemeinsame Interessen durchzusetzen, sowie Abhängigkeiten zu vermeiden oder abzubauen.

Jedes Sendungsbewusstsein ist gefährlich. Das galt für einst Wilhelms und später Baerbocks „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ wie aktuell für die westlichen Werte, die angeblich weltweit durchgesetzt werden sollen. Der politische Westen repräsentiert nur ca. 15 % der Weltbevölkerung. Damit kann er keinen Anspruch auf eine globale Führungsrolle beanspruchen. Tut er das, wird sich der Rest der Welt gegen den Westen verbünden.

George Bush senior hat nach 1990, als er Gorbatschow versprach, die NATO würde sich keinen Zoll nach Osten ausdehnen, wie einst Bismarck versucht, den Bogen nach dem politischen Sieg über die Sowjetunion nicht zu überspannen. Im Ersten Irak-Krieg hat er sich noch von den Arabern bewegen lassen, Saddam Hussein an der Macht zu belassen.

Sein Sohn proklamierte 11 Jahre Später einen „Kreuzzug“ gegen den Islamismus, den Jimmy Carter Ende der 70er im Kampf gegen die Sowjetunion (erst in Afghanistan, aber mit strategischer Stoßrichtung auf die zentralasiatischen Sowjetrepubliken) durch die CIA erschaffen hat. Spätestens nach dem 11.09.2001 hat die Außenpolitik der USA einen Richtungswechsel vorgenommen, der mit dem Wechsel von Bismarck zu Wilhelm II vergleichbar ist.

Natürlich waren bzw. sind Bismarck, Wilhelm II und alle US-Präsidenten einschließlich Donald Trump Imperialisten. Sie spielen mit dem Leben anderer Völker. Außenpolitik ist Interessenpolitik; das haben Bismarck und auch Stresemann oder Brandt beachtet. Pippi Langstrumpf war dagegen eine schlechte Außenministerin, denn man kann sich die Welt nicht so machen, wie sie einem gefällt.

Ein Pulverfass!

Bismarck hat nach den Vereinigungskriegen gegen Dänemark, Österreich und Frankreich mögliche Bedenken wegen einer weiteren deutschen Expansion zerstreut. Er wusste, dass er das Wohlwollen des Britischen Empire brauchte und keinen Ärger mit Russland haben sollte. Zu diesem Spannungsfeld britischer Machtpolitik sagte er einst ohne jede Illusion: „Menschlichkeit, Frieden und Freiheit ist immer ihr Vorwand, wenn es nicht Christentum und Ausbreitung der Segnungen der Gesittung unter Wilden und Halbbarbaren sein kann, zur Abwechslung. In Wahrheit aber schrieben die Times und die Königin im Interesse von England, das mit dem unseren nichts gemein hatte. Das Interesse Englands ist, dass das Deutsche Reich mit Russland schlecht steht, unser Interesse, dass wir mit ihm so gut stehen, als es der Sachlage nach möglich ist.“ (Max Lenz und Erich Marccks: Das Bismarck-Jahr, Hamburg 1915, S. 190)

Wilhelm II hat das Land dagegen in eine Konfrontation mit England, Frankreich und Russland geführt. Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung der Gründerjahre hielt er sich für stark genug, aus einer Position der Stärke mit dem Empire zu verhandeln. Das wollten sich die Briten nicht gefallen lassen. Am 28.09.25 beleuchtete Wolfgang Effenberger den britischen Anteil an der Eskalation, die man aber mit mehr Diplomatie von deutscher Seite hätte verhindern können.

Und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es auf dem Balkan panslawistische Strömungen, die nach dem Rückzug des Osmanischen Reiches einen gemeinsamen Staat für die süd-(jugo)slawischen Völker forderten. Russland sah sich mit den slawischen und den orthodoxen Ländern des Balkans (auch Griechenland und Rumänien) verbunden. Österreich-Ungarn fürchtete separatistische Bestrebungen auch in Slowenien, Kroatien und Bosnien – ein Pulverfass!

Wilhelm II und Donald Trump

Die USA spielen aktuell die Rolle des deutschen Kaiserreichs, China, Russland und Indien bilden eine neue Tripple-Entente und die EU ist in einer Position wie Österreich-Ungarn.

Die Rollen sind allerdings vertauscht, denn die USA wollen wie vor 120 Jahren die Briten ihre Vormachtstellung verteidigen. Wird Kiew das nächste Sarajevo? Das wäre nicht im Interesse der USA, aber 1914 hat auch der Schwanz mit dem Hund gewedelt.

So schrieb Wilhelm II am 28.07.1914 zur serbischen Antwort auf das österreichische Ultimatum an seinen Außenminister mit dem Auftrag um Weiterleitung an Wien: „… die Kapitulation demüthigster Art liegt darin orbi et urbi verkündet, und durch sie entfällt jeder Grund zum Kriege.“  Trotzdem begann Österreich-Ungarn mit dem Angriff auf Serbien und Wilhelm II ließ sich in den Ersten Weltkrieg hineinziehen.

Spätestens nach der Entstehung der Triple-Entente 1907 hätte Deutschland die Verständigung suchen müssen. 1914 wäre es für Österreich-Ungarn und für Deutschland, besser gewesen, wenn beide Länder nicht verbündet gewesen wären; Franz-Josef hätte dann nicht eine so große Klappe gehabt. Heute hat Friedrich Merz die große Klappe.

Donald Trump betrachtet China als Hauptgegner der USA, und den Nord-Pazifik mit Hawaii und Guam als amerikanisches Binnenmeer. Außenpolitisch konzentriert er sich deshalb auf die Länder, mit denen er China aus dem Pazifik fernhalten will, also Japan, Südkorea, Taiwan, die Philippinen und Australien. Aus historischen Gründen ist eine Einbindung Vietnams in die US-Strategie ausgeschlossen. Das hinduistische Indien wäre dagegen für das buddhistische Südostasien der natürliche Partner.

Für den Fall eines Krieges mit China um Taiwan will Trump erreichen, dass Russland und Indien neutral bleiben. Er benötigt Europa nur, um Russlands Militär im Westen zu binden und ihm eine Unterstützung Chinas auch logistisch unmöglich zu machen. Ohne Russland wird auch Indien neutral bleiben. Hätte China im Ernstfall nur Nordkorea an seiner Seite, müsste es den USA zur Vermeidung eines Krieges Zugeständnisse in Bezug auf Taiwan machen. Und Trump will erreichen, dass die europäische Rolle im Machtspiel der USA von den Europäern bezahlt wird.

Es ist also nicht die Friedensliebe des US-Präsidenten, wenn er den Ukraine-Krieg beenden will. Er muss nach seiner Interessenlage eine Balance halten. Eigene europäische Interessen hat er nicht. Trump will Russland schwächen und gleichzeitig nicht in die Ecke drängen. Er will nicht mehr als einen Waffenstillstand, damit Russland weiterhin einer aufgerüsteten EU-NATO gegenübersteht. Er will aber nicht über die NATO in eine Eskalation hineingezogen werden.

Wilhelm II hatte keine Interessen auf dem Balkan. Er sah aber ein erstarkendes Russland, das er in ein Bündnis mit Frankreich und England getrieben hatte, als Bedrohung an. Beide hatten wenig Sympathien für Serbien, und Wilhelm wollte die Triple-Entente mit einer Kriegsdrohung spalten.

1914 hatte die Donaumonarchie kein Interesse, sich durch die Annektion weiterer südslawischer Gebiete mehr Unruhe ins Land zu holen. Man wollte vor Allem einen Regimewechsel in Belgrad. Darin liegt eine Parallele zur Ukraine von 2014, als die EU nicht wirklich an einem Beitritt des Landes interessiert war. So wie Wilhelm II Russland schwächen wollte, wollte es auch Barack Obama.

Joe Biden bzw. seine Einflüsterer hatten in der Ukraine noch die Initiative. Eine Eskalation mit der Gefahr eines Atomkrieges sollte am Ende verhindert werden. Trump gibt dagegen die Initiative eher aus der Hand. Anders als Wilhelm II gibt er den Europäern keinen Blanko-Scheck, er hält sie aber auch nicht an der Leine.

Neuer Franz-Ferdinand-Moment

Im 21. Jahrhundert ist nicht damit zu rechnen, dass ein Attentat auf einen Politiker einen Krieg auslösen kann. Eine Gefahr ist aber die russische Exklave Kaliningrad und der Schiffsverkehr in der Ostsee.

Der Anspruch der EU, ihre Sanktionen auch außerhalb ihres Territoriums in internationalen Gewässern durchsetzen zu wollen, ist völkerrechtlich ein Akt der Piraterie. Es wäre auch völkerrechtswidrig, die Bevölkerung der Enklave Kaliningrad von der Versorgung mit zivilen Gütern abschneiden zu wollen.

Die Behinderung des Zugangs für Kriegsschiffe oder Militärflugzeuge wäre nur im Krieg zulässig. Sollte die EU eine Blockade über die Exklave Kaliningrad verhängen oder sollte ein russisches Schiff oder Flugzeug, das sich nach internationalem Recht in oder über internationalen Gewässern befindet, von NATO-Truppen angegriffen werden, könnte das wie 1914 ein fatale Kettenreaktion auslösen. Eine solche Aktion könnte Russland nicht unbeantwortet lassen. Das war mit der Aussage der EU-Diplomaten von den „potenziellen Katastrophen“ wahrscheinlich gemeint.

Sofern sich diese Erkenntnis bis in die Führungsebene herumspricht, müsste eine radikale Kursänderung die logische Konsequenz sein. Der Kern wäre ein Waffenstillstand in der Ukraine, der die russischen Sicherheitsinteressen berücksichtigt. Erst nach diesem wesentlichen Zugeständnis können auch russisches Zugeständnisse erwartet werden. Nach bald 4 Jahren Propaganda-Krieg wäre es aber eine Kunst, das den Menschen zu verkaufen.

Schlussfolgerung

Vor 1914 hätte sich Österreich-Ungarn um einen Interessenausgleich mit Russland bemühen und sich von der einseitigen Bindung an Deutschland lösen sollen. Das hätte die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts verhindert.

Heute geht es um die Verhinderung der Urkatastrophe des 21. Jahrhunderts! Es ist nicht im wirtschaftlichen, und erst Recht nicht im Sicherheitsinteresse Deutschlands und Europas, sich vor den Karren der USA spannen zu lassen. Es ist zudem unsicher, ob Trumps Rechnung einer Spaltung Russlands und Chinas aufgeht, zumal Europa einen endlosen Ukraine-Krieg nicht bezahlen kann.

Der Plan Wilhelms, die Triple-Entente mit einem österreichischen Krieg gegen Serbien zu spalten, in dem Russland von seinen Partnern keine Rückendeckung für die Unterstützung Serbiens erhalten würde, ist auch nicht aufgegangen.

Zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, nur gemeinsame Interessen oder Abhängigkeiten. Es ist die Aufgabe der Außenpolitik, Bündnisse mit anderen Staaten zu schließen um gemeinsame Interessen durchzusetzen, sowie Abhängigkeiten zu vermeiden oder abzubauen. Bündnisse, die zu gefährlich werden, müssen rechtzeitig aufgegeben werden. Nicht nur die Ratten sollten das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen.

Im deutschen und europäischen Interesse wäre eine europäische Neutralität sowie eine Normalisierung der Beziehungen mit Russland. Das Bismarck-Zitat „Das Interesse Englands ist, dass das Deutsche Reich mit Russland schlecht steht, unser Interesse, dass wir mit ihm so gut stehen, als es der Sachlage nach möglich ist.“ hat wenig an seiner Aktualität verloren.

Das ist die aktuell wichtigste Lehre aus der Geschichte!

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Prof. Dr. Werner Müller, ehem. Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Mainz, seit 2023 pensioniert und wohnhaft in Spanien.


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7 Kommentare

  1. Jurgen 3. Oktober 2025 um 19:33 Uhr - Antworten

    Geschichte reimt sich eben… und der innere Wert von Fiat-Geld ist eben NULL, aber die Dummheit der Menschen ist grenzenlos…

  2. Varus 3. Oktober 2025 um 5:28 Uhr - Antworten

    Hätte China im Ernstfall nur Nordkorea an seiner Seite, müsste es den USA zur Vermeidung eines Krieges Zugeständnisse in Bezug auf Taiwan machen.

    In der neuen Nationalen Strategie der USA steht allerdings, dass die Amis sich auf die westliche Hemisphäre und die Heimatfront konzentrieren. Also Kampf um Chicago statt Taiwan (Trump will ernsthaft dorthin Truppen schicken). Mehr kann sich ein bankrottes Land im Shutdown mit Chaos in den Metropolen nicht leisten.

    • Jurgen 3. Oktober 2025 um 19:35 Uhr - Antworten

      US Heimatfront? Das geht gegen Mexiko (Edelmetalle), Grönland (seltene Erden) und Kanada…

  3. Varus 3. Oktober 2025 um 5:19 Uhr - Antworten

    Sollte die EU eine Blockade über die Exklave Kaliningrad verhängen oder sollte ein russisches Schiff oder Flugzeug, das sich nach internationalem Recht in oder über internationalen Gewässern befindet, von NATO-Truppen angegriffen werden, könnte das wie 1914 ein fatale Kettenreaktion auslösen.

    Zweites ist gestern geschehen – nicht in der Ostsee, sondern westlich von Frankreich, durch französische Staatspiraten. Chinesische Besatzung, die Flagge von Benin, russisches Öl für Indien. Eigentlich hat sich damit Frankreich gleich mit Russland, Indien und China angelegt.

  4. Jan 2. Oktober 2025 um 19:57 Uhr - Antworten

    Über den Start von WK1 entschieden, wenn überhaupt, fünf Personen. Es ist unklar, ob der Österreichische Kaiser darunter war.

    Bereits 11 Jahre zuvor war audgesprochen worden wie WK1 enden würde. Kaiser Karl war nicht umsonst so gottesfürchtig.

    Die Interessen der Kaiser spielten keine Rolle. Es ging um ökonomischen Aufschwung, besonders in Russland, um geopolitische Überzeugungen und esoterische Verpflichtung – von einer Hintermannschaft.

    Wenn man nachvollzieht, welche Handlungsoptionen mächtige Leute gehabt haben, dann bedenkt man nie Erpressung. In die wird aber, man denke an Epstein, massiv investiert. Der Bruder des britischen Herrschers. Einmal angenommen, jemand hätte Bilder?

    Eine der sichersten Faktoren in der Berechnung vergangener und zukünftiger Geschehnisse stellt der Zugang zu Energie, Kohle, Öl, Wasser, Eisen, und anderen Ressourcen dar.

  5. Fritz Madersbacher 2. Oktober 2025 um 19:18 Uhr - Antworten

    Es ist zwar sehr wichtig, aus der Vergangenheit zu lernen, aber einige der strapazierten Parallelen zur Situation vor dem ersten Weltkrieg sind nicht unumstritten, teilweise an den Haaren herbeigezogen.
    Man kommt der Sache näher, wenn man die imperialistischen Interessen der beteiligten Mächte untersucht, und wie sich diese Mächte dadurch gegenseitig ins Gehege kamen. Das ist auch die wichtigste Parallele zu heute: es sind imperialistische Interessen, die zu Krieg führen, mit einer fatalen Zwangsläufigkeit …

  6. triple-delta 2. Oktober 2025 um 18:23 Uhr - Antworten

    Zitat: „Otto von Bismarck nannte den Krieg eine Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“
    Das ist falsch. Diese Definition von Krieg stammt von Clausewitz und ist in seinem Buch „vom Kriege“ enthalten.
    Der Autor überbewertet die Rolle von Einzelpersonen für geschichtliche Prozesse.

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