Die ethnische Säuberung in Gaza wird offensichtlich

11. November 2024von 2,4 Minuten Lesezeit

Die Netanjahu- und israelkritische Tageszeitung Haaretz wirft dem israelischen Regime vor, dass der eigentliche Plan für Nordgaza nicht mehr vertuscht werden könne. 

Die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz veröffentlichte am Sonntag einen Leitartikel. Darin wirft man der Regierung Netanjahu vor, eine „ethnische Säuberung“ in Nordgaza durchzuführen, die mittlerweile „für alle zu sehen“ sei.

Die Zeitung ist die größte Tageszeitung Israels, die sich kategorisch gegen das ethnonationalistische Israel positioniert. Die Blattlinie ist für einen säkularen Staat und für die Gründung Palästinas – als das Gegenteil wofür Netanjahu steht.

Erst Ende Oktober hatte auf einer Konferenz in London der Herausgeber der Haaretz das israelische Regime als Apartheid bezeichnet, und sagte, „Israel bekämpft Freiheitskämpfer und bezeichnet sie als Terroristen“. Er erklärte, der einzige Weg nach vorn bestehe darin, Israel, seine politischen Führer und die Siedler zu sanktionieren.

Es folgte eine Welle der Kritik gegen die Zeitung. Auch die Redaktion kritisierte die Äußerung ihres Herausgebers.

Die Redaktion schreibt am Sonntag:

„Das israelische Militär führt im nördlichen Gazastreifen eine ethnische Säuberungsaktion durch. Die wenigen in dem Gebiet verbliebenen Palästinenser werden zwangsevakuiert, Häuser und Infrastruktur wurden zerstört, und in dem Gebiet werden breite Straßen gebaut, die die Trennung der Gemeinden im nördlichen Streifen vom Zentrum von Gaza-Stadt vollenden. “Das Gebiet sieht aus, als wäre es von einer Naturkatastrophe heimgesucht worden“, so Yaniv Kubovich, Militärkorrespondent von Haaretz, nach einem Rundgang mit israelischen Soldaten in der vergangenen Woche.

Es „war jedoch keine Naturkatastrophe, sondern ein vorsätzlicher Akt der menschlichen Zerstörung“, so Haaretz weiter und zitieren den hochrangigen Armee-Offizier Itzik Cohen, der Kommandeur der 162. Division: „Wir haben nicht die Absicht, den Bewohnern des nördlichen Gazastreifens zu erlauben, in ihre Häuser zurückzukehren. […] Wir haben ganz klare Befehle erhalten. Meine Aufgabe ist es, einen gesäuberten Raum zu schaffen.“

Letztverantwortlich für diese Kriegsführung sei Benjamin Netanjahu, der Chef der israelischen Armee. Auf die Frage, ob das Militär den „Plan der Generäle“ ausführe, der die ethnische Säuberung des Gebietes und die Tötung aller dort verbliebenen Palästinenser vorsieht, verneinte der Offizier und betonte, dass die Armee „auf Anweisung des Südkommandos und des Generalstabschefs“ handele.

„Es ist wichtig, die Dinge beim Namen zu nennen“, schreibt die Redaktion weiter hob hervor, dass die gewaltsame Vertreibung der Bewohner des nördlichen Gazastreifens unter der Leitung der Kommandeure durchgeführt wird, die “den Anweisungen der politischen Führung untergeordnet sind: Premierminister Benjamin Netanjahu“ und sein Verteidigungsminister.

„Anstatt über den ‚Plan der Generäle‘ zu sprechen, sollten wir über Netanjahus Befehle sprechen“, heißt es in dem Leitartikel.

Bild „IDF soldiers operating in Gaza.“ by Israel Defense Forces is licensed under CC BY-NC 2.0.

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4 Kommentare

  1. David 11. November 2024 um 23:37 Uhr - Antworten

    Dieser Empörungs-Reflex bei allem, was Israel macht, ist schon merkwürdig: Hamas richtet ohne Grund ein Massaker an und schießt wahllos tausende Raketen auf Israel ab – Israel schlägt zurück und wirft Bomben – „wie können sie nur! Das sind Zivilisten!“ heißt es dann – also riegelt Israel den Norden ab, lässt Zivilisten an Kontrollpunkten raus, Kombattanten werden festgenommen – wer nicht rauskommt, wird ausgehungert und gibt auf – kluge Taktik, besser als Bombenwerfen – wieder Geschrei: „wie können sie nur! Aushungern!!! – ja was denn nun? Was soll Israel tun, um Hamas kampfunfähig zu machen?? Darauf hab ich auf dieser Seite noch keine Antwort bekommen. Warum nicht?
    Dann wird der Herausgeber des Haaretz zitiert, Israel bekämpfe „Freiheitskämpfer“ und bezeichne sie nur als „Terroristen“. Offenbar teilt der Autor dieses Artikels diese Auffassung. Darf ich ganz offen fragen:
    Eine Hamas-Regierung, die seit ihrer Machtergreifung vor fast 20 Jahren sich keinem demokratischem Votum mehr gestellt hat, die ihre eigenen Landsleute unterdrückt und ausbeutet, die in Israel das bekannte Massaker anrichtet und sich dann hinter der eigenen Bevölkerung feige versteckt und lieber tausende zivile Opfer hinnimmt als die Waffen zu strecken – für welche „Freiheit“ kämpfen die?? Befreiung von Israel kann es ja wohl nicht sein; Israel hat 2005 den Gaza-Streifen komplett geräumt. Seitdem hat Hamas freie Hand in Gaza. Ist es nicht vielmehr Ziel der Hamas, die Welt vom Staat Israel zu „befreien“ – sprich: die Welt von Juden „ethnisch zu säubern“?
    Oder platt ausgedrückt: Wer – wie die „Palästinenser“ – ständig „ethnische Säuberung“ fordert mit dem Slogan „From the river to the sea…“, muss sich nicht wundern, wenn die andere Seite – Israel – sich denselben Slogan zu eigen macht und ihrerseits die „ethnischen Säuberer“ „wegsäubert“!

    • Pfeiffer C 12. November 2024 um 18:49 Uhr - Antworten

      und ihrerseits die „ethnischen Säuberer“ „wegsäubert“!

      So einfach ist das also?

      Jonathan Cook, ein unabhängiger Journalist, Auslandskorrespondent und Autor, der sich auf das Schreiben über den Nahen Osten und den israelisch-palästinensischen Konflikt spezialisiert hat, der seit September 2001 in der hauptsächlich von israelischen Arabern bewohnten Stadt Nazaret im Norden Israels lebt, sagt aktuell:

      „Als ich vor mehr als einem Vierteljahrhundert begann, die israelische Geschichte zu studieren, lieferten Leute, die behaupteten, Experten zu sein, jede Menge Entschuldigungen dafür, warum man die Israelis nicht für die ethnische Säuberung verantwortlich machen könne, bei der 1948 rund 750.000 Palästinenser aus ihrer Heimat vertrieben wurden – die Palästinenser nennen das ihre Nakba oder Katastrophe.

      Mir wurde gesagt, die meisten Israelis seien nicht beteiligt gewesen und hätten nichts von den Kriegsverbrechen an den Palästinensern während der Staatsgründung Israels gewusst.

      Jeder Israeli weiß heute genau, was in Gaza vor sich geht – schließlich stellen ihre Kindersoldaten ständig Videos ins Internet, die ihre jüngsten Verbrechen zeigen, von der Sprengung von Moscheen und Krankenhäusern bis hin zu willkürlichen Schüssen auf Häuser. Umfragen zeigen, dass bis auf eine kleine Minderheit alle Israelis die Grausamkeit billigen , die Zehntausende Palästinenser, darunter auch Kinder, getötet hat. Ein Drittel von ihnen ist der Meinung, dass Israel in seiner Barbarei noch weiter gehen muss.

      Heute wird im israelischen Fernsehen darüber debattiert, wie viel Schmerz Soldaten ihren palästinensischen Gefangenen durch Vergewaltigung zufügen dürfen. Sie glauben mir nicht? Sehen Sie sich das auf Israels Kanal 12 an.

      Wenn die Existenzängste der Israelis und Juden auch drei Vierteljahrhunderte nach dem Holocaust noch immer Mord, Vergewaltigung und ethnische Säuberung der Palästinenser erfordern, dann müssen wir dieses Trauma als das Problem betrachten – und dürfen ihm nicht länger nachgeben.

      Die Menschen in Gaza fliehen aus ihren Häusern – oder zumindest die kleine Zahl derer, deren Häuser noch nicht zu Ruinen zerbombt sind – nicht, weil sie keine Bindung zu Palästina hätten. Sie fliehen aus einem Teil des Käfigs, den Israel für sie geschaffen hat, in einen anderen Teil, und zwar aus einem einzigen Grund: weil sie alle – Männer, Frauen und Kinder – panische Angst davor haben, von israelischen Militärs abgeschlachtet zu werden, die ihrem Leid und ihrem Schicksal bestenfalls gleichgültig gegenüberstehen.

      Es kann heute nicht ernsthaft argumentiert werden, dass Israel seine Verbrechen in Gaza – von der Bombardierung von Zivilisten bis zu deren Aushungerung – mit Bedauern begeht oder dass seine Führer das Beste für die palästinensische Bevölkerung wollen. Israel steht vor dem höchsten Gericht der Welt wegen Völkermords vor Gericht , und zwar genau deshalb, weil die Richter dort vermuten, dass Israel gegenüber dem palästinensischen Volk die schlimmsten Absichten hegt.

      Über die Gründung Israels hat man uns jahrzehntelang belogen. Es war immer ein Siedlerkolonialprojekt . Und wie bei anderen Siedlerkolonialprojekten – von den USA und Australien bis nach Südafrika und Algerien – betrachtete es die einheimische Bevölkerung immer als minderwertig, als nicht menschlich, als Tiere und war auf ihre Vernichtung aus“.

      Quelle: jonathancook-substack-com. Aug 08, 2024 – „Nothing’s changed since 1948 – except now Israel’s excuses don’t work“ – We have been lied to for decades about the creation of Israel.

    • Fritz Madersbacher 12. November 2024 um 20:00 Uhr - Antworten

      @David
      11. November 2024 um 23:37 Uhr
      „Darf ich ganz offen fragen: Eine Hamas-Regierung …“

      Darf ich ganz offen fragen: warum glaubt denn – mit Ausnahme einiger weniger westlicher Komplizen – die ganze Welt nicht mehr die vom Kolonialstaat Israel zurechtgelegten – von Ihnen dargestellten – Antworten? Weil sie nur mehr einen großen „antisemitischen Sumpf“ darstellt, wie die israelischen Schlächter meinen, oder weil sie – ähnlich wie bei den Nazi-Schlächtern – unterscheiden kann zwischen zur Selbstrechtfertigung zurechtgelegten Verdrehungen und den Tatsachen, zwischen rassistischer Menschenverachtung und Achtung der Mitmenschen (wie es die Gebote des Judentums vorschreiben würden), zwischen Gut und Böse? Die Antwort ist sehr einfach, das Erwachen der verblendeten Anhänger Israels wird furchtbare Erkenntnisse mit sich bringen …

  2. Pfeiffer C 11. November 2024 um 18:04 Uhr - Antworten

    und zitieren den hochrangigen Armee-Offizier Itzik Cohen, der Kommandeur der 162. Division: „Wir haben nicht die Absicht, den Bewohnern des nördlichen Gazastreifens zu erlauben, in ihre Häuser zurückzukehren. […] Wir haben ganz klare Befehle erhalten. Meine Aufgabe ist es, einen gesäuberten Raum zu schaffen.“

    Sukott oder Laubhüttenfest gehört zu den jüdischen Festen. (Heuer Mi., 16. Okt. 2024 – Mi., 23. Okt. 2024) -Damit sind verschiedene Riten des Gedenkens an das historische Ereignis oder der Versöhnung für den Erhalt reichlicher Regenfälle und Ernten verbunden.

    Itamar Ben-Gvir, Minister für Nationale Sicherheit, nahm an einem zweitägigen Treffen an der Südgrenze Israels mit dem Titel „Vorbereitung unserer Neuansiedlung in Gaza“ anlässlich dieses jüdischen Feiertags teil. Er sagte:

    „Was wir in diesem Jahr gelernt haben, ist, dass alles von uns abhängt. Wir sind die Eigentümer dieses Landes. Ja, wir haben eine schreckliche Katastrophe erlebt. Aber wir müssen verstehen, dass ein Jahr später so viele Israelis ihre Mentalität geändert haben. Sie haben ihre Denkweise geändert. Sie verstehen, dass es Ergebnisse bringt, wen sie als rechtmäßige Eigentümer dieses Landes handeln.“

    Mit Blick auf die palästinensischen Gefangenen fuhr er fort:

    „Wir haben ihre Marmeladensandwiches genommen. Wir haben ihre Schokolade genommen. Wir haben ihre Fernseher genommen. Wir haben ihre Tischtennisplatten und die Zeit für den Sport genommen. Ihr solltet sehen, wie sie weinen und in ihren Zellen weinen. Das ist unser Beweis: Wenn wir uns entscheiden, dass wir es können, haben wir Erfolg.“

    „Wir werden die freiwillige Umsiedlung aller Bürger von Gaza fördern. Wir werden ihnen die Möglichkeit bieten, in andere Länder zu ziehen, weil dieses Land uns gehört“,

    schloss er.

    Daniella Weiss, die Passionaria der Siedlerbewegung, sagte:

    „Wir sind mit einem klaren Ziel hierhergekommen: Den gesamten Gazastreifen zu besetzen… Jeden Zentimeter von Nord bis Süd. Wir sind Tausende Menschen und wir sind bereit, nach Gaza zu gehen. Der 7. Oktober hat die Geschichte geändert. Als Folge des brutalen Massakers haben die Araber von Gaza ihr Recht verloren, für immer hier zu sein, sie werden nicht hierbleiben.

    Yitzhak Wasserlauf, Minister des Negev, Galiläa und der nationalen Widerstandsfähigkeit, sagte:

    „2.000 Jahre lang haben wir davon geträumt, in unsere jüdische Heimat zurückzukehren. Ich weiß, dass diejenigen, die nicht mit uns übereinstimmen, es Messianismus nennen. Ich nenne es Zionismus. Wir sind wahre Zionisten. Wir lieben unser Land, wir lieben unsere Leute und wir schätzen das Leben. Und wir haben die Verantwortung, eine sichere, jüdische Nation auf dem Land zu schaffen, das Gott uns gegeben hat.“

    May Golan, Ministerin für soziale Gleichstellung und die Förderung der Frau, sagte:

    „Wir werden sie dort schlagen, wo es weh tut: auf ihrem Land. Wer sein Stück Land benutzt, um einen neuen Holocaust zu planen, wird von uns mit Gottes Hilfe eine weitere Nakba [Katastrophe] erhalten.“

    Bereits im Februar 2024 hatte die Siedlerbewegung in Jerusalem eine „Konferenz für Israels Sieg – Siedlungen bringen Sicherheit: Rückkehr in den Gazastreifen und Nord-Samaria“ organisiert. Darin drohten sie den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich mit der Wiederbelebung der Terrorgruppe Stern.

    Die „Konferenz für Israels Sieg – Siedlungen bringen Sicherheit: Rückkehr in den Gazastreifen und Nord-Samaria“ war nicht nur ein Treffen jüdischer Suprematisten. Ein Rabbiner (Uzi Sharbaf), der in Israel wegen seiner Verbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, sprach im Namen der Nachfolger der Stern-Gruppe, welche die britischen Herrscher des Mandatsgebiets Palästina ermordet hatte.

    Es war eine Kriegserklärung an die Angelsachsen. Mit seiner Teilnahme an dieser Veranstaltung bedrohte Premierminister Benjamin Netanjahu Washington und London. Präsident Joe Biden hat sofort alle Spendenaktionen und Geldtransfers an diese Extremisten verboten. Das ist das erste Mal, dass die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen Israelis verhängen.

    Quelle – Ausgabe 105 von „Voltaire, actualité internationale“.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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