2022 wurde zum Jahr der Ent-Westlichung

5. Januar 2023von 5,7 Minuten Lesezeit

Kürzlich war der indische Außenminister im ORF, dem österreichischen Staatsfunk, bei einem Interview mit dem Moderator Armin Wolf zu Gast. Die Kluft zwischen einer US-hörigen und einer selbständigen Politik im nationalen Interesse wurde dabei so deutlich wie in diesem Medium wahrscheinlich seit Jahrzehnten nicht mehr. Der indische Außenmister erklärte auf die Frage von Wolf nach einer Allianz zwischen Indien und Russland, dass sich sein Land nicht nach Allianzen definiere, was übrigens eine westliche Terminologie sei, sondern durch eigene Interessen und Handlungen.

Abgesehen von den USA und ihren angloamerikanischen Verbündeten und den EU- und NATO-Vasallen hat sich im Jahr 2022 die Entwicklung raus aus dem Dollar und weg vom Westen beschleunigt wie seit dem Beginn der Dominanz des Dollars nicht mehr. USA, NATO und die EU haben dabei tatkräftig mitgeholfen. Vermögen unliebsamer Staaten, wie etwa Russland oder Venezuela, werden einfach beschlagnahmt und nicht mehr hergegeben. Die USA haben den Überblick verloren, wen sie sanktionieren und haben eine eigene Regierungsfunktion eingerichtet, die kontrollieren soll, ob man sich mit den Sanktionen direkt schadet.

In der Hongkonger South China Morning Post ist ein interessanter Artikel erschienen von Wang Wen, Professor und geschäftsführender Dekan des Chongyang-Instituts für Finanzstudien an der Renmin-Universität. Der Titel „Neben China lehnen immer mehr Länder die von den USA geführte Ordnung ab – 2022 wird als das Jahr der „De-Westlichung“ in die Geschichte eingehen“ ist schon vielversprechend.

Der Autor führt aus, dass immer mehr Länder die westliche Weltordnung leise, aber bestimmt verschmähen. Das sei von Chinas sozialistischem Weg über Lateinamerikas Linksschwenk bis hin zur neutralen Haltung der ASEAN Staaten zu beobachten. Stattdessen setzen sie auf nationale Interessen, eine demokratischere Form der internationalen Politik und gegenseitigen Respekt. So kann man auch die Quintessenz des Außenministers von Indien in dem erwähnten Interview charakterisieren.

Wang Wen ordnet die Bedeutung des Jahres 2022 so ein:

„Die globale Bedeutung des Jahres 2022 wurde bisher grob unterschätzt. Seine Bedeutung für die Weltgeschichte übersteigt bei Weitem die des Jahres 2001, als die Anschläge vom 11. September stattfanden, und die des Jahres 2008, als die globale Finanzkrise ausbrach.

Stattdessen ist das Jahr 2022 vielleicht mit dem Jahr 1991 vergleichbar, als der Kalte Krieg endete. Wenn es ein Schlüsselwort gibt, dann ist es „Entwestlichung“.

Dabei geht es nicht nur um den radikalen Versuch Russlands, die von den USA dominierte internationale Ordnung durch den Einsatz militärischer Macht zu durchbrechen. Es geht auch um das beispiellose Aufbegehren nicht-westlicher Länder gegen die etablierte Ordnung auf der Suche nach einer unabhängigeren Position.“

Die zunehmend Widersprüche zwischen China und den dem Westen entgehen mittlerweile selbst den westlichen Konzernmedien nicht mehr. China sieht sich vor allem dank des 20. Parteitags auf einem verstärkten unabhängigen Weg, um „bis 2050 eine moderne sozialistische Macht zu werden“.

Ähnliche Tendenzen sind in Lateinamerika zu beobachten, obwohl die USA den Halb-Kontinent als ihren Hinterhof und ihr Einflussgebiet betrachten. Doch in „Brasilien bedeutet die Wiederwahl von Luiz Inacio Lula da Silva zum Präsidenten, dass 80 Prozent Lateinamerikas nun von linken Regierungen regiert werden – in den letzten Jahren haben auch Mexiko, Argentinien, Peru, Chile, Honduras, Kolumbien und andere Länder linke Führer gewählt. Sie treten dafür ein, sich von den Vereinigten Staaten zu distanzieren und eine größere Unabhängigkeit und Integration Lateinamerikas zu fördern.“

Für Südostasien hat der Verband südostasiatischer Nationen sorgfältig die gleiche Distanz zu China wie zu den USA gewahrt und seine neutrale Position durch regionale Solidarität und wirtschaftliche Vitalität gestärkt.

In Zentralasien haben die Staats- und Regierungschefs Kirgisistans, Kasachstans, Usbekistans, Tadschikistans und Turkmenistans den Konsultationsmechanismus der Staatschefs weiter gestärkt und wichtige Dokumente unterzeichnet, darunter einen Vertrag über „Freundschaft, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit für die Entwicklung Zentralasiens im 21. Man versucht gleichem Abstand zu Russland, den USA, Europa und anderen Mächten zu halten und gleichzeitig die regionale Integration zu fördern.“

Der Besuch des chinesischen Staatspräsidenten in Saudi Arabien und seine Gespräche mit dem Golf Cooperation Council (GCC) haben eine erstaunliche Wendung der Staaten dieser Region offenbar gemacht:

„Im Nahen Osten, der den Arabischen Frühling und den Anti-Terror-Krieg der USA erlebt hat, konzentrieren sich die 22 Länder der arabischen Welt zunehmend auf ihre strategische, unabhängige Entwicklung. Die Vision 2030 von Saudi-Arabien, die nationale Vision 2030 von Katar, die neue Vision 2035 von Kuwait, die Vision 2040 von Oman und die Vision 2050 der Vereinigten Arabischen Emirate sind langfristige Entwicklungspläne, die die Erwartungen der Welt geweckt haben.“

Wang Wen erwähnt Indien separat, da es sich, wie auch sein Außenminister klar gemacht hat, dem westlichen Druck widersetzt und sich den Sanktionen gegen Russland nicht anschließt. Indien hält an seiner Politik der Zusammenarbeit mit China und Russland fest. Als Präsident der Gruppe der 20, besser bekannt als G20, im Jahr 2023 hat Indien die große Chance, seinen Einfluss zu vergrößern.

Für Europa sieht der Autor einen Rückgang seines Anteils an der Weltwirtschaft. Im Jahr 2022 trat auch das weltweit größte Freihandelsabkommen, die „Regionale Umfassende Wirtschaftspartnerschaft“ (RCEP) mit den Staaten von Brunei, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, den Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam sowie Australien, China, Japan, Neuseeland und Südkorea in Kraft. Darin spiegelt sich der Verlust des westlichen Monopols auf den Freihandel wider.

Und weiter:

„Diese Entwestlichung erstreckt sich auch auf eine zunehmende Entdollarisierung des Welthandels, da sich die Länder vom US-Dollar abwenden, sowie auf eine „Entamerikanisierung“ der Technologie.

In den letzten 20 Jahren ist der Anteil des US-Dollars an den internationalen Währungsreserven kontinuierlich von über 70 Prozent auf unter 60 Prozent gesunken und befindet sich nach Angaben des Internationalen Währungsfonds derzeit auf einem 25-Jahres-Tief. Mit der vierten industriellen Revolution haben die europäischen und amerikanischen Länder auch ihren technologischen Vorsprung bei intelligenter Technologie, Quantencomputing, Big Data, 5G und mehr verloren.“

Die Zeit, in der der Westen das Sagen hatte, ist vorbei

Laut Wang Wen sind die nicht-westlichen Staaten als die große Mehrheit der Länder anders gegen die Hegemonie des Westens und nicht mehr unbedingt mit Konfrontation, Konflikten oder dem Beharren auf Kontrolle und Gleichgewicht vorgegangen.

„Stattdessen schütteln sie einfach die westliche Kontrolle ab, indem sie ihre nationalen Interessen zunehmend in den strategischen Mittelpunkt rücken. Eine demokratischere Form der internationalen Politik und gegenseitiger Respekt sind ihre Hauptforderungen.“

Nach Wang Wen ist die Bewegung der Entwestlichung unumkehrbar und wird sich nur weiterentwickeln. Den Eindruck hat auch durchaus der Außenminister Indiens zu vermitteln gewusst.

Bild von Jill Wellington auf Pixabay

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8 Kommentare

  1. Georg Uttenthaler 6. Januar 2023 at 20:19Antworten

    Die westliche Welt bricht mit atemberaubender Geschwindigkeit zusammen, da all die Lügen, Wahnvorstellungen, Korruption und das Drucken von LUFT- Falschgeld (Wert von Klopapier!) einen Wendepunkt des Zusammenbruchs erreicht haben. Nichts funktioniert mehr. Die Regierungen der westlichen Welt sind kriminelle Kartelle,(vor der Haustüre.!) die vorsätzlich die Nahrungsmittel- und Energieressourcen abbauen, die notwendig sind, um die Hälfte der Menschheit am Leben zu erhalten. Im kommenden Winter werden die Europäer hungern und frieren, und zwar in einer Rekordzahl, die an das dunkle Zeitalter vor der Elektrizität- Industrialisierung und vor den fossilen Brennstoffen erinnert. Auch die Nordamerikaner werden nicht verschont bleiben, denn die Stromausfälle und die Lebensmittelknappheit werden sich in den kommenden Monaten dramatisch verschärfen.

    Nahrungsmittel, Fruchtbarkeit, Energie, Transport und Versorgungsketten werden in einem kontrollierten Abriss der westlichen Welt zerstört. An ihre Stelle treten die aufstrebenden BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und bald noch mehr), die den Großteil der Rohstoffe, des Erdgases, des Öls, der Düngemittel und des Goldes kontrollieren. Die Warteliste der Staaten, die in die BRICS- Allianz drängen wird jeden Tag länger.

    Westliche Regierungen führen nicht nur einen Völkermord gegen ihr eigene Bürger durch, sie ruinieren jene Wirtschafts- Teile, die noch Steuern zahlen. Bei einer Steuerquote von 40% und noch höher, wenn man die Steuer bei Verbrauchsartikel oder Benzin dazu rechnet, kommen Bürger oft auf eine 60- 70%ige Steuerbelastung. Das ist der Kipp- Punkt, der Bürger veranlasst, Steuern zu hinterziehen oder sie rebellieren.
    Wenn wir nicht die Stopp Taste drücken!!

  2. Rosa 5. Januar 2023 at 17:18Antworten

    Off topic, aber (propagandamäßig) beunruhigend: Die Vogelgrippe rückt nun vermehrt ins mediale Licht.

    „Die Vogelgrippe rückt wieder näher“, berichtet der ORF, in Tschechien sollen nach infiziertem Wildvogelfund 750.000 Hühner gekeult worden sein.

    • Rosa 5. Januar 2023 at 19:18Antworten

      Es scheint noch große Altbestände an Tamiflu zu geben, die verkauft werden müssen …

  3. Peter Ruzsicska 5. Januar 2023 at 15:59Antworten

    China ? Die sog. einfachen Menschen haben auch dort schon lagsam auch die Schnauze voll von Totalitären Kruditäten ihrer Zwingherrn – So schauts aus. Lässt sich übrigens zumindest jetzt noch unschwer recherchieren…
    Die Herrschaftsstruktur in China hat genauso vor, ihr Totales Regime auf das gesamte Erdenrund auszuweiten (vermutlich gab’s sogar darüber vor einiger Zeit einen tkp-Artikel) – Bis ca. 2050 wollen die genauso ihre eigene NWO.
    Da liegt doch fast der Gedanke nahe (Hausverstand), daß die derzeitigen Extremprofiteure – öffentlich bekannt wie unbekannt – mit allen „da Oben“ wurscht wo schon längst packeln. No, Na!

    • Andre 5. Januar 2023 at 16:55Antworten

      Bitte nicht für Menschen in fremden Ländern sprechen, was diese wollen, wovon diese die Schnauze voll haben und wovon nicht. Das ist Vereinnahmung und Anmaßung. Und mit Sicherheit haben Sie auch keinerlei Ahnung, was die Menschen oder vielmehr die Mehrheit der Menschen in China wollen und nicht. Ich übrigens auch nicht. Wir können und dürfen weder andere Menschen ändern, noch andere Länder. Wir können auch nicht so einfach andere Länder und Regierungsformen aufgrund unserer eigenen Moralvorstellungen oder Vorstellungen davon, welche Regierungsform denn angeblich die einzig wahre ist, verurteilen. Aber wir können und dürfen uns selbst ändern und unser direktes Umfeld verbessern. Und wenn wir als Gesellschaft mehrheitlich einen Konsens finden, z.B. was für uns für gesellschaftliche Regeln gelten sollen, welche Regierungsform wir uns wünschen, dann können und sollten wir dies bei auch nur bei uns angehen und nicht woanders.

      • Peter Ruzsicska 5. Januar 2023 at 18:17

        Ihre Argumentation scheint bloß in sich selbst schlüssig.
        Jedoch in Ihrer generellen Verneinung überhaupt über sog. Fremde Menschen zu berichten zu sollen, was nach Ihrer Darstellung „Vereinnahmung und Anmaßung“ wäre, gemutet mir etwas zu stark gewürzt.
        Zusätzlich mir zu unterstellen ich wolle Menschen ändern etc. gemahnt fast schon an akademische Auftragstrollerei… Na, Servas!
        Auch unterstellen Sie mir, ich wolle irgendwelche Regierungsformen in fernen Ländern ändern – Was?
        Sie gemahnen an einen in Therapie Befindlichen, der den Auftrag seines Therapeuten an sich selbst ausführt und noch dazu sich einredet, die Umwelt zu negieren und vorerst seine eigene Innerlichkeit zu strukturieren, welcher damit noch seine Umgebung nervt, alle hätten so zu verfahren, was er selbst nötigst habe – Echt klaß!
        Irgendwie gemahnen Sie auch an einen mediokren NLP-Seminaristen, im Rahmen von Feldexkursionen Erfahrung zu sammeln.

        Bitte, lassen Sie die Kirche im Dorf.

        Abgesehen davon, ist es diesen Menschen – welche schon durch ihre Gebärden signalisieren, daß die ihre Schnauze aber sowas von voll haben – nicht einmal gleichgültig ist, was wir in Österreich oder sonst wo dazu meinen (Umgekehrt gilt das genau so).

        Nachweislich seriöser Berichte (Videos, Berichte bestätigt – bitte selbst recherchieren) haben nicht Wenige von denen allemal die Schnauze voll – zumindest vom Druck unterschiedlichster Bevormundung – Das ist schon allein durch basale Interpretation der Handlungsweisen interpretierbar – (z. B. häufig suizidale Stürze aus Hochhäusern; sich mit bloßen Händen gegen schwerbewaffnete Ordnungskräfte werfen; ganze Straßenzüge mit knieenden Menschen, welche durch Ganzkörpermaskierte perlustriert wie mit Teststäbchen drangsaliert werden etc…) und daher global relevant, besonders in Zeiten wie diesen.

        Sie haben wohl ein Problem damit, daß Personen hier zu Lande diese Begebenheiten als warnendes Zeichen zu sehen sich erträchtigen, daß solchärtliches auch bald zum alltäglichen Szenario hier zu Lande führen könnte.

        Aufgrund Ihrer triefend moralisierenden Argumentation gebreitet sich in mir der leicht mutmaßende Eindruck, ob Sie vielleicht dem Mainstream einschließlich vorauseilendst betulichst politischer Überkorrektheit frommen Beugedienst leisten.

    • Fritz Madersbacher 5. Januar 2023 at 17:40Antworten

      @Peter Ruzsicska
      5. Januar 2023 at 15:59
      Der Artikel handelt vom wohlverdienten Niedergang des westlichen Kolonialismus und Imperialismus. Wie wir sehen, erfolgt dieser wie jeder Niedergang von Imperien nicht sang- und klanglos, sondern er beinhält viele gefährliche Entwicklungen, deren Ausgang wir (noch) nicht kennen. Was daraus entsteht, zeichnet sich in groben Zügen ab, birgt viele Chancen, aber ebenfalls auch Gefahren. Wichtig für uns ist, die Situation realistisch zu sehen, auch die vielen Opfer, die uns jetzt durch das Mitgehangen-Mitgefangen „unserer“ west-hörigen Polit-Akteure einbrockt werden, und dass wir gestützt auf eine glaubwürdige und ehrliche, von uns erkämpfte Neutralität positiven Einfluss auf diese Entwicklungen zu nehmen versuchen. Das ist der beste Beitrag zur Zukunft, den wir für uns selbst und die ganze Welt leisten können …

      • Peter Ruzsicska 5. Januar 2023 at 18:19

        Chapeau! 100pro!!!!!

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