Wiener Psychiater Bonelli seziert „Cancel Culture“ – Neues Buch „Bauchgefühle“

19. Oktober 2022von 4,3 Minuten Lesezeit

Raphael Bonelli legt mit „Bauchgefühle“ ein neues Buch vor, das versucht, den gesellschaftlichen Symptomen unserer Zeit auf den Zahn zu fühlen. 

Mit dem Covid-Manöver wurde auch der Wiener Psychiater DDr. Raphael Bonelli einem breiteren Publikum bekannt. Er zählte zu den ersten lautstarken und öffentlichen Kritikern des neuen Regimes. In seinem neuen Buch „Bauchgefühle“ versucht er Phänomene der aktuellen Zeit aus psychologischer Sicht auf den Grund zu gehen.

Schon jahrelang sei die Menschheit getrieben durch Konsum, Freizeitstress und Leistungsstress, so die Diagnose des Psychiaters. Die Menschen seien aufgefordert gewesen, Lust zu maximieren, bedient er ein klassisch psychoanalytisches Motiv. Doch aktuell würde dieser Imperativ zur Lustmaximierung von einer Unlustvermeidung abgelöst. Das „Bauchgefühl“ spielt hier eine besondere Rolle: “Doch wir müssen vorsichtig sein, denn der Bauch ist manchmal auch ein orientierungsloser Einflüsterer, ein blinder Führer und kopfloser Berater. Nicht jedes Bauchgefühl erspürt intuitiv das Richtige. Aber jedes Bauchgefühl fühlt sich so an.”

In den Kapiteln „Angst“ und „Hass“ zeichnet Bonelli die Symptome der Wohlstandsgesellschaft nach. Die Überfüllung mit stetiger Beschallung und Reizen jeglicher Art wirft uns auf uns selbst zurück. Der Umgang mit unseren Gefühlen wird auf der einen Seite überbewertet, auf der anderen Seite wurde er verlernt. Die Vernunft wird verstoßen, die Gefühle bestimmen uns. Und es regiert eine Überempfindlichkeit:

“Unsere Gesellschaft verliert zunehmend die Fähigkeiten der Klugheit und ihrer Geschwister. Wir konstruieren uns eine Welt, in der es ein klares Richtig und Falsch gibt, und stehen selbst natürlich immer auf der richtigen Seite. Wir halten uns an die Regeln – zumindest an die, die wir für richtig und wichtig erachten – und haben damit die Legitimation über andere Menschen, die sich nicht an diese Regeln halten, zu urteilen. Dafür gibt es eine gute Beschreibung: Selbstgerechtigkeit.”

Im Kapital „Angst“ diagnostiziert Bonelli:

„Immer mehr Menschen haben immer mehr Angst. Dafür gibt es viele Gründe. Wir fürchten uns vor Seuchen, vor Kriegen und Katastrophen genauso wie davor, nicht akzeptiert oder anerkannt zu werden. Diese Ängste können uns gefangen halten und unser Leben bestimmen. Dabei verursacht Angst ein Vermeidungsverhalten und ein neurotisches Sicherheitsbedürfnis. Erst wer lernt, der Angst in die Augen zu schauen und sich selbst unabhängig zu machen vom Urteil anderer, wird seinen Ängsten entkommen können und dabei die Person werden, die er sein möchte.

Bonelli seziert daraufhin die „Cancel Culture“. Alles, was als moralisch verwerflich gilt, darf unter keinen Umständen weiterverbreitet und schon gar nicht diskutiert werden.  Und alle, die sich durch ein solches Verhalten als scheinbar gefährlich outen, fallen dem Schicksal der Kontaktschuld zum Verhängnis: “Die Schuldigen werden auch – wie damals – an den Pranger gebunden, wo sie jeder sehen und verspotten kann. Das alles wird hinterlegt mit einer guten Portion Empörung, ein zutiefst narzisstischer Affekt, der sich über den anderen erhebt, echauffiert und dem selbstkritischen Hinterfragen fremd ist. Was richtig ist, bestimmt der Narzisst, der die Wahrheit selbstverständlich gepachtet hat. Ein Irrtum ist dabei ausgeschlossen, Argumente sind überflüssig, kritische Fragen oder gar Gegenargumente eine Beleidigung.

Das Urteil des Wieners fällt dramatisch aus: Nicht nur, dass dieses Phänomen zu psychischen Problemen führt, sich in unsere Beziehungen und die Erziehung unserer Nachkommen einschleicht – es setzt sich in den Medien fest und wird dadurch auch stetig reproduziert. Die neue Normalität heißt „woke-sein“ und geht mit der Selbstverständlichkeit von „canceln“, „ghosten“ und moralischem Bubble-Verhalten einher. Während aber widersprüchliche Meinungsänderungen kein Problem sind, denn Verbindlichkeit ist nicht mehr en vogue bzw. einfach „shady“ oder „cringe“, wie es im Neusprech heißt.

“Man braucht sich nur umzuschauen: Überall ist von Polarisierung, Spaltung, Polemik die Rede. Verachtung und Empörung ist allgegenwärtig. Jedes politische und gesellschaftliche Ereignis ist zu einer potenziellen Sprengfalle geworden, die Familien und Freunde unversöhnlich auseinanderbringt – dabei kann es sich um eine politische Wahl handeln, genauso aber um alltägliche Entscheidungen wie der Fleischkonsum, die Wahl des Autos und des Urlaubs oder auch die Meinung über Dinge, die man selbst gar nicht beeinflussen kann.“

Auch die eskalierte Angst vor dem Virus und daraus resultierenden Gesellschaftsdynamiken werden im Buch thematisiert. Social Media fungiert hier ein weiteres Mal als Echokammer der (Selbst-)Gerechten: “Und bald schon wirkt jeder Mensch, der eine andere Meinung oder Weltsicht hat, selbst wenn es sich um Differenzen in den nichtigsten Fragen handelt, für uns wie ein seltsamer Abweichler, als eine Bedrohung unserer geschützten und vertrauten Seifenblasenwelt.”

Auch praktische Lebenshilfen gibt Bonelli dem Leser mit auf dem Weg. Allerdings scheinen diese doch häufig etwas zu einfach gedacht, und werden der Komplexität der Gesellschaft vielleicht nicht ganz gerecht. Hier könnte man dem Buch gewisse Schwächen attestieren.

Anhand vieler Fallbeispiele aus dem Praxisleben untermauert Bonelli seine Diagnosen. Seiner Sprache lässt sich gut folgen, was das Buch zu einem populär-psychologischen Handbuch für die breite Gesellschaft machen könnte.

Das Buch findet man unter: https://www.raphael-bonelli.com/bauchgefuehle/


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9 Kommentare

  1. Parzival 22. Oktober 2022 at 10:01Antworten

    Wer in den letzten Jahren nicht unter einem Stein gelebt hat, keine kritischen Medien gelesen hat, der wird sich auch jetzt nicht von dieser wohl gelungenen Analyse beeindrucken lassen. Die Leute reden nicht mehr darüber, gehen sich thematisch aus dem Weg. Was wirklich fehlt ist – „Wie kann ich eine Revolte gegen die moderne Welt anzetteln?“

  2. wellenreiten 20. Oktober 2022 at 10:50Antworten

    Ich hab mir 2020/21 einige Videos von Herrn Bonelli angesehen. Gut, dass er ein bisschen Kritik an den Corona-Maßnahmen geübt hat, aber er war damit zurückhaltend, schwammig, teilweise mMn feige und klang etwas realitätsfremd, selbstgefällig und wie eine Stimme aus dem Elfenbeinturm. Er hat keine klare Stellung bezogen und hat kein Rückgrat gezeigt, sondern wollte es sich spürbar nicht mit gewissen Kreisen verscherzen und es allen recht machen. Sowas funktioniert nur selten. Deeskalation ist schön und gut, aber ab einem gewissen Punkt kommt man damit nicht weiter. Mit seiner naiven, unterwürfigen, salbungsvollen religiösen Schlagseite kann ich überhaupt nichts anfangen. Ich erinnere mich, dass sich Herr Bonelli einmal selbst die Frage gestellt hat, ob er in den 1930er Jahren ein Mitläufer gewesen wäre. Ich würde sagen: JA, er wäre einer gewesen.
    Wenn ich einen Psychiater brauchen würde, würde ich mir definitiv einen anderen aussuchen.

    • Gabriele 20. Oktober 2022 at 11:31Antworten

      @wellenreiten: Das haben Sie perfekt zusammengefasst. :-)
      Bonelli gilt ja als „Star“ in seinen Reihen und bei vielen seiner Vorträge betont er immer seine katholischen Sichtweisen über Ehe, Sex, Familie und was man tun oder nicht tun soll. Überflüssig…seine Videos haben mir anfangs auch gefallen, er ist aber oft so salbungsvoll und langatmig, dass man einschlafen möchte – er hätte auch ganz gut Prediger werden können. Eine gewisse Abgehobenheit und Arroganz ist diesem Berufsstand generell eigen…

  3. Tony V 19. Oktober 2022 at 20:51Antworten

    Endlich mal jemand der mit dem Finger auf die „Empörer“ zeigt.

  4. Gabriele 19. Oktober 2022 at 19:39Antworten

    Bonelli ist gut, aber eine ziemlich große Spur zu erzkatholisch…er denkt und lebt insofern auch in einer gewissen Blase. Wirklich gegen das Impfen war er auch nie (brav der Vatikan-Linie folgend?).

    • Hollie 20. Oktober 2022 at 10:57Antworten

      Ist „erzkatholisch“ nicht auch so ein Cancel-Culture-Kampfbegriff?
      Wenn nicht: was (genau) ist denn (falsch/schlecht an) „erzkatholisch“?

      Im Übrigen halte ich katholisches (christliches) Leben mit dem Blick nach oben und in die Ewigkeit, dem Gebot zur Gottes- und Nächstenliebe (auch Liebe zu sich selbst/Selbstannahme), dem Aufruf zur Demut und Geduld, der Gewissenserforschung und Beichte usw. für eines der besten Mittel im lebenslangen Kampf gegen selbstgerechte Blasenbildung (auch wenn man es wie alle guten Mittel ins Gegenteil pervertieren kann).

      • Gabriele 20. Oktober 2022 at 11:37

        @Hollie: Glauben Sie mir, ich bin ein tiefgläubiger – aber nicht kirchen- und vorschriftsgläubiger Mensch. „Gott“ sehe ich so, wie er sich mir immer wieder zeigt, da braucht mir kein Herr Bonelli oder sonst jemand etwas erklären (was er in seinen Vorträgen aber regelmäßig direkt oder indirekt rüberbringt). Das meine ich mit „erzkatholisch“. Und nun verwenden Sie leider selbst diesen Begriff auf „kämpferische“ Art. Mit diesem ganzen Schubladen-Denken sollten wir einfach aufhören…Herr Bonelli ist mir zu salbungsvoll.

    • Hollie 20. Oktober 2022 at 14:45Antworten

      @Gariele: In ein paar Zeilen darf man nicht viel hineininterpretieren; vielleicht ist deshalb diese „Warnung“ überflüssig: ein rein individuelles Gottesbild ist vielleicht die schlimmste aller Blasen, das Maximum an Schubladen, eine absolute Vereinzelung. Ist die Bibel auch „erzkatholisch“, weil darin Menschen -unter Gottes Einfluss- etwas über Gott „erklären“ und weil darin Vorschriften/Gebote formuliert sind?
      Wäre es nicht gut, würden mehr Menschen versuchen, sich an die von Ihnen angesprochenen kath./christlichen Sichtweisen über die Gemeinschaft Frau-Mann-Kind zu halten? Auch, weil gerade mit bindungsschwachen, vereinzelten Menschen können „die da oben“ doch machen, was sie wollen.

  5. Heiko 19. Oktober 2022 at 18:26Antworten

    Wir erleben eine völlig neue Art der Faschisierung der Gesellschaft. Die letzten fast 80 Jahre wurden erfolgreich genutzt, um die Zerstörung der Zivilgesellschaft wissenschaftlich auszuarbeiten und zu planen. Natürlich wird der Eindruck vermittelt, dass das alles schicksalhaft und Gott gegeben ist. Letzten Endes dient alles dem Machterhalt des Kapitals und der Rettung des Kapitalismus. Wenn es die Videotheken noch gäbe, dann wären die dysstopischen Science-Fiction Filme der 80 Jahre für die jüngere Generation aufschlußreich. Soilent Green lief ja zufälliger Weise vor Kurzem auf ARTE oder 3SAT.

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