Der „Geldmann des Ajatollahs“: Bessent als Propaganda-Speerspitze

23. Juli 2026von 6,6 Minuten Lesezeit

JD Vance behauptet, dass die amerikanischen Siedler mit ihrer christlichen Missionierung „Kindesopfer“ unter den (implizit) Wilden beendet hätten. Und der US-Finanzminister, der sich gerne mit Wirtschaftskrieg brüstet, behauptet wieder einmal was von „Millionen“ des „Ajatollah“. Die Erzählungen der Herrschenden nähern sich immer mehr denen der Monarchen des Mittelalters.

Es ist eine jener Meldungen, die binnen Stunden um die Welt gehen, weil sie genau die Erzählung bedienen, die man von ihr erwartet: Amerikas Finanzminister Scott Bessent verkündet im US-Frühstücksfernsehen, man habe den „Geldmann des Ajatollahs“ gefunden und verfolge dessen Immobilienimperium rund um den Globus. Bei Fox Business sagte er es am 21. Juli 2026 wörtlich so:

Wir haben den Finanzier des Ajatollahs ausfindig gemacht. Wir verfolgen die Immobilien des Ajatollahs weltweit. Wir hoffen, bald eine Liste seiner Immobilien im Wert von über 100 Millionen Dollar veröffentlichen und die Adressen angeben zu können. Wir sichern dieses Vermögen für das amerikanische Volk.“

Binnen Stunden verbreitete sich die Aussage über halb Twitter/X, garniert mit dem üblichen Kriegsrhetorik-Vokabular. RedState feierte Bessent als „wirtschaftlichen Attentäter„, der dem Regime „den finanziellen Hammer“ verpasse, garniert mit zusätzlichen 130 Millionen Dollar an angeblich eingefrorenen Krypto-Guthaben, die den Revolutionsgarden (IRGC) zugeordnet werden. Ein Format, das sich in den vergangenen Monaten wiederholt hat – und genau das ist der erste Ansatzpunkt für eine kritische Lektüre.

Was tatsächlich vorliegt – und was nicht

Sieht man sich die Aussage genau an, fällt auf: Es handelt sich nicht um eine Ermittlungsmitteilung, keine Gerichtsakte, keine Pressemitteilung des Office of Foreign Assets Control (OFAC) mit Fallnummer, sondern um eine mündliche Ankündigung in einem freundlich gesinnten Talkshow-Format. Bessent selbst formuliert im Konjunktiv der Zukunft: Man „hoffe, bald“ die Adressen „drucken“ zu können. Das ist keine abgeschlossene Beweisführung, sondern eine Ankündigung künftiger Beweise – ein feiner, aber entscheidender Unterschied, den auch das kryptonahe Fachmedium Bitcoin Magazine in seiner Berichterstattung festhält: Das Finanzministerium habe weder die 130-Millionen-Dollar-Wallet noch die angeblichen Immobilienadressen bislang dokumentiert. Die Zahlen zu Inflation und Währungsverfall, die Bessent im selben Atemzug nennt, stammten ebenfalls „aus seinen eigenen Worten, nicht aus iranischen Daten„, wie das Magazin trocken anmerkt.

Mit anderen Worten: Was öffentlich als „Fund“ verkauft wird, ist bislang eine unbelegte Behauptung eines Kabinettsmitglieds im Rahmen einer erklärtermaßen politischen Kampagne – Bessent nennt sie selbst „Economic Fury“, zu Deutsch etwa „wirtschaftliche Wut„.

Ein Muster, kein Einzelfall

Wer die vergangenen sechs Monate verfolgt, erkennt schnell ein wiederkehrendes Schema. Bereits im Januar 2026, mitten in den damaligen Massenprotesten im Iran, hatte Bessent gegenüber Newsmax erklärt, man sehe „die Ratten das sinkende Schiff verlassen“ – Millionen, gar zehn Millionen Dollar würden von der iranischen Führung außer Landes geschafft. Auch damals blieben die Angaben vage, ohne belastbare Dokumentation einzelner Transaktionen oder Kontonummern. Es folgten im Frühjahr weitere Ankündigungen, im Sommer neue Sanktionslisten – jedes Mal mit ähnlicher Dramaturgie: eine plakative Schlagzeile, gefolgt von wenig überprüfbarer Substanz.

Auffällig ist zudem, dass die nun kolportierten „100-Millionen-Dollar-plus„-Immobilien verdächtig genau der Größenordnung entsprechen, die bereits eine Bloomberg-Recherche vom März 2026 über das Londoner Immobilienportfolio von Mojtaba Khamenei beschrieben hatte – gestützt auf die Einschätzung „eines führenden westlichen Geheimdienstes“ und Grundbuchrecherchen, nicht auf eine neue Treasury-Ermittlung. Die Times of Israel bezifferte den damals bereits bekannten Immobilienwert auf gut 138 Millionen Dollar. Es entsteht der Eindruck, dass Bessent hier über weite Strecken monatealte, öffentlich bereits bekannte angebliche aber nie bewiesene Rechercheergebnisse als frischen eigenen „Fund“ präsentiert.

Welcher Khamenei überhaupt?

Ein Detail, das in der Aufregung um die Schlagzeile leicht untergeht, aber für die Einordnung zentral ist: Ali Khamenei, seit 1989 Oberster Führer des Iran, wurde am 28. Februar 2026 bei den israelisch-amerikanischen Luftangriffen auf Teheran getötet. Er war bekannt für seine sparsame und unauffällige Lebensweise. Vermögen angeblich von ihm kontrolliert könnten höchsten verschleierte Staatsvermögen sein, meinen nicht-westliche Analysten. Sein Sohn Mojtaba wurde nach seiner Ermordung, bei der er ebenfalls verletzt worden war vom Expertenrat zum neuen Obersten Führer bestimmt. Bessent spricht in seiner Aussage lediglich vom „Ayatollah“ (englische Schreibweise)– ohne zu spezifizieren, ob es sich um das (verstorbene) Vermögen Ali Khameneis oder um jenes seines Sohnes und Nachfolgers handelt. Was auch dafür spricht, das es sich allenfalls um verschleiertes Staatsvermögen handeln könnte. Ein Kommentator der Seite KSEV Radio bemerkte dazu süffisant, es handle sich um den „Pappkarton-Ajatollah (sofern er überhaupt noch lebt)“ – ein Scherz, der ungewollt genau den Punkt trifft: Die Aussage ist so unpräzise gehalten, dass sie sich praktisch nicht falsifizieren lässt, aber auch keine seriöse Zuordnung erlaubt.

Was seriösere Recherchen tatsächlich hergeben

Das heißt nicht, dass am Vermögensthema grundsätzlich nichts dran ist. Es gibt seit Jahren solide recherchierte Berichte über das Firmengeflecht Setad (offiziell: Execution of Imam Khomeini’s Order), über das ein erheblicher Teil des iranischen Staatsvermögens läuft und das dem Obersten Führer direkt unterstellt ist. Bemerkenswert dabei: Selbst Reuters stellte in seiner mehrjährigen Setad-Recherche ausdrücklich fest, es gebe keine Belege dafür, dass Ali Khamenei die Organisation zur persönlichen Bereicherung genutzt habe – sie habe ihm zwar enorme Machtmittel verschafft, doch die oft kolportierte Gleichsetzung „Khamenei = Milliardär“ ist selbst in der kritischsten seriösen Berichterstattung deutlich vorsichtiger formuliert, als es die politische Talkshow-Rhetorik suggeriert.

Zum Sohn Mojtaba existieren tatsächlich belastbarere Einzelrecherchen: Die Bloomberg-Investigation von Januar/März 2026 sowie Berichte von Euronews zeichnen ein Netzwerk um den mutmaßlichen Strohmann Ali Ansari nach, der im Oktober 2025 von Großbritannien sanktioniert wurde und dessen Londoner Immobilienportfolio mit über 150 Millionen Pfund beziffert wird. Auch hier gilt jedoch: Ansaris Anwälte haben jede persönliche oder finanzielle Verbindung zu Khamenei wiederholt und ausdrücklich bestritten – die Zuordnung beruht auf Indizien, Insider-Aussagen und der Einschätzung eines nicht namentlich genannten Geheimdienstes, nicht auf gerichtsfest bewiesenen Eigentumsverhältnissen.

Die politische Funktion der Aussage

Eingebettet ist Bessents Auftritt in einen Moment erheblichen Drucks für die US-Regierung: Der im Juni 2026 vereinbarte Waffenstillstand mit dem Iran war zum Zeitpunkt der Aussage bereits wieder kollabiert, Mojtaba Khamenei hatte Washington offiziell Vertragsbruch vorgeworfen, die Kampfhandlungen waren in eine neue, mittlerweile mehr als eine Woche andauernde Eskalationsphase eingetreten. In genau dieser Gemengelage präsentierte Bessent im selben Interview auch Zahlen zu angeblich um 40 Prozent eingebrochenen chinesischen Ölkäufen aus dem Iran sowie zu einer Inflation von „über 180 Prozent“ – Zahlen, die, wie erwähnt, ebenfalls nicht mit iranischen Originalquellen unterlegt sind. Der „Fund“ des Ajatollah-Vermögens fügt sich damit weniger in eine Ermittlungslogik als in eine Kommunikationsstrategie, die dem eigenen Publikum in einer festgefahrenen Kriegssituation greifbare Erfolgsmeldungen liefern soll.

Zusammenfassung

Bessents Behauptung, man habe „Hunderte Millionen“ an Khamenei-Vermögen gefunden, hält einer nüchternen Prüfung nicht stand – nicht weil die zugrundeliegende Vermutung notwendigerweise falsch wäre, sondern weil sie schlicht unbelegt ist. Es fehlt an:

  • einer veröffentlichten OFAC- oder Gerichtsakte,
  • konkreten, nachprüfbaren Adressen oder Kontonummern,
  • einer Klärung, ob Vater oder Sohn gemeint ist,
  • und einer Abgrenzung von bereits Monate zuvor öffentlich bekannten Rechercheergebnissen (Bloomberg, März 2026), die hier möglicherweise als neuer „Fund“ wiederverwertet werden.
  • einer Erklärung, ob es sich um privates oder Staatsvermögen handelt

Was bleibt, ist eine mündliche Ankündigung im Rahmen einer explizit als „Economic Fury“ bezeichneten Druckkampagne, vorgetragen in einem regierungsfreundlichen Interviewformat, zu einem Zeitpunkt, an dem die eigene Iran-Politik unter erheblichem Rechtfertigungsdruck steht. Bis Washington tatsächlich Dokumente, Adressen oder Kontobewegungen vorlegt, bleibt der „Millionen-Fund“ das, was er auf Basis der derzeit verfügbaren Quellenlage ist: eine politische Behauptung, keine belegte Tatsache.

Bild: Screenshot von Fox-News-Beitrag über Bessent

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3 Kommentare

  1. Der Zivilist 23. Juli 2026 um 17:55 Uhr - Antworten

    Na Und ? Trump soll ja auch einige Immobilien besitzen.

    Bessent prahlt mit künftigem Raub und Diebstahl, einfach widerlich !

  2. Andreas_Sch. 23. Juli 2026 um 12:08 Uhr - Antworten

    „Der „Fund“ des Ajatollah-Vermögens fügt sich damit weniger in eine Ermittlungslogik als in eine Kommunikationsstrategie, die dem eigenen Publikum in einer festgefahrenen Kriegssituation greifbare Erfolgsmeldungen liefern soll.“

    Kann man denn hoffen, dass sie wirklich schon so verzweifelt sind? Nur wenn, dann sollte man sich der Konsequenzen bewusst werden …

  3. Jakob 23. Juli 2026 um 11:48 Uhr - Antworten

    Beim lesen dieses Berichtes hatte ich den Eindruck:
    Jetzt kratzen sie (die USaner) schon die letzten ‚Groschen‘ zusammen derer sie habhaft werden können.

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