Der Marktanalyst und ehemalige Hedgefonds-Manager Alex Krainer hat in einem Gespräch mit Glenn Diesen die aktuellen Demonstrationen und Unruhen in Frankreich und darüber hinaus in Europa analysiert.
Das Interview mit dem Titel „The Economic & Political Unraveling of Europe“ (siehe unten) zeichnet ein düsteres Bild: Die Proteste sind nicht bloß spontane Ausbrüche von Unzufriedenheit, sondern Ausdruck einer tiefen systemischen Krise, die durch Schulden, Deindustrialisierung und geopolitische Fehlentscheidungen angetrieben wird.
Krainer sieht die wirtschaftlichen Belastungen in Frankreich als zentralen Treiber. Die Zinsen auf französische Staatsanleihen sind in den letzten Monaten stark gestiegen – allein in zehn Monaten um nahezu 40 Prozent, der 10-Jahres-Zins lag zeitweise bei fast 5 Prozent. Die öffentliche Verschuldung beträgt rund 3,6 Billionen Euro und liegt knapp unter 120 Prozent des BIP. Pro Kopf entspricht das etwa 52.000 Euro Schulden. Gleichzeitig macht die Staatsausgabenquote fast 57 Prozent des BIP aus. Das System sei in einem selbstverstärkenden Kreislauf gefangen: Fallende Anleihe- und Aktienkurse erodieren die Sicherheiten im Bankensystem – Alex Krainer Der Niedergang Europas und seine geostrategischen Auswirkungen.
Laut Alex Krainer gehören zu den wichtigsten wirtschaftlichen Faktoren, die in den gängigen Darstellungen als Ursache für die politischen Unruhen in Frankreich genannt werden und zur schwierigen Lage beitragen, unter anderem:
-
Einbruch der Staatsanleihen: Die französischen Staatsanleihen brechen ein.
-
Steigende Zinsen: Die Zinsen schießen „in die Höhe“.
-
Vertikal steigende Credit Default Swaps: Die Credit Default Swaps auf französische Anleihen „schießen in die Höhe“.
-
Energiepreise und Inflation: In den gängigen Darstellungen wird oft auf steigende Energie- und Dieselpreise sowie auf die allgemeine Inflation hingewiesen.
-
Schwierige wirtschaftliche Rahmenbedingungen: Auch diese allgemeinen Rahmenbedingungen werden als treibender Faktor genannt.
Krainer äußert jedoch Skepsis daran, dass diese Faktoren, die bereits seit einiger Zeit bestehen, die einzige oder Hauptursache für die plötzliche Eskalation der aktuellen Unruhen sind, und deutet an, dass hinter den Protesten möglicherweise eine Inszenierung steckt.
Die Proteste, die sich von Frankreich auf weitere europäische Länder ausbreiten, hält Krainer nicht für rein spontan. Er zieht Parallelen zu den Unruhen von 2023 und verweist auf Berichte über organisierte Gewalt und ein plötzliches Abflauen der Ausschreitungen. Es bestehe der Verdacht, dass politische Akteure oder staatsnahe Netzwerke die Unruhen steuern oder zumindest instrumentalisieren könnten – etwa um Ausgangssperren, Demonstrationsverbote und härtere Repression zu rechtfertigen. Gleichzeitig übe das Kapitalmarkt-Druck von oben und der soziale Druck von unten einen perfekten Sturm auf die Regierung aus.
Europa habe sich durch seine Außenpolitik selbst isoliert. Während die USA pragmatisch Handelsbeziehungen mit Russland anbahnen (etwa Diesel-Deals), bleibe Europa in einer konfrontativen Haltung verhaftet und verzichte auf wirtschaftliche Kooperation. Der Krieg um den Iran habe zudem von einer möglichen Reindustrialisierung abgelenkt, die zunächst angedeutet worden sei. Krainer kontrastiert das hamiltonsche „American System“ (staatlich geförderte Entwicklung und Infrastruktur) mit dem britischen Freihandelsmodell, das Europa in eine Falle der Deindustrialisierung und Abhängigkeit geführt habe.
Ein Regierungswechsel allein werde die fundamentalen Probleme nicht lösen. Das System sei immun gegen die Absichten gewählter Politiker: Defizitausgaben und Schuldenwachstum setzten sich fort, unabhängig davon, ob „linke“ oder „rechte“ Regierungen an der Macht seien. Die Gefahr einer Stagflation – stagnierendes Wachstum bei gleichzeitig steigenden Preisen – sei real. Geldmengenausweitung und Austerität könnten Ersparnisse vernichten, öffentliche Dienstleistungen aushöhlen und die soziale Instabilität weiter anheizen.
Trotz der düsteren Diagnose äußert Krainer vorsichtigen Optimismus. Soziale Medien und das Internet machten es den Behörden schwerer, Narrative zu kontrollieren. Öffentliche Ablehnung eines Krieges gegen Russland könne den Konflikt umlenken – weg von einem äußeren Feind und hin zu einer Auseinandersetzung zwischen der Bevölkerung und den politischen sowie wirtschaftlichen Eliten. Neue Regierungsformen, möglicherweise mit mehr direkter Demokratie, seien langfristig denkbar. Der Übergang werde jedoch hart und langwierig, besonders falls es zu einer Ausweitung der Kriege komme.
Krainers Analyse fügt sich in ein Bild, das viele Beobachter teilen: Europa hat durch Energiepolitik, Sanktionen und ideologische Fixierungen seine industrielle Basis und seine geopolitischen Spielräume mutwillig zerstört. Die Unruhen in Frankreich und anderswo sind keine isolierten Ausbrüche, sondern das sichtbare Symptom eines Systems, das seine eigenen Bürger systematisch überfordert und gleichzeitig jede echte Kurskorrektur blockiert. Ob daraus ein Neuanfang oder ein tieferer Absturz wird, bleibt offen – die Grundlagen für beides sind gelegt.
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Frankreich: Angst vor Netzabschaltung treibt Downloads von BitChat in die Höhe
1 Kommentar
Der Niedergang der Rechtsstaatlichkeit in der EU ist meines Erachtens das wichtigste Anzeichen für das Vorhandensein einer Systemkrise.
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.