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Politik

Seit wann werden eigentlich Ereignisse aufgezeichnet?

0 Kommentare 25. Oktober 2026 4 Minuten Lesezeit von Gerd und Renate Reuther

Die Gegenwart vergeht, die Vergangenheit bleibt. Die längste Zeit wurde Vergangenes nur erinnert und erzählt. Schriftliche Aufzeichnungen kennen wir bei uns erst, seit Kirchenangestellte zur Feder griffen. Allerdings schrieben sie dann über Ereignisse, die sie gar nicht erlebt hatten. Wie glaubhaft ist unsere Geschichte?

Geschichtsschreibung hat viel mit unserem Verhältnis zur Zeit zu tun. Nur wer an einen Anfang und ein Ende der Menschheit glaubt, beschäftigt sich mit Vergangenheit und Zukunft. Naturreligiöse Menschen leben dagegen in Zyklen von „Stirb und Werde“. Jedes Ende ist ein neuer Anfang. So wie Sonne und Mond auf- und untergehen oder das Frühjahr auf den Winter folgt. Das Individuum registriert bestenfalls seine Lenze, die es erlebte, nicht aber Epochen oder Jahrhunderte. Herrscher zählten die Jahre ihrer Macht oder bis zum 14. Jahrhundert in England nicht einmal diese.

Spätes Erscheinen von Historikern

Geschichtsschreibung ist ein spätes Phänomen der Menschheit. Damit ist auch klar, dass wir vor dem Jahr 1000 unserer Zeitrechnung keine Historiker und Chronisten haben konnten. Alle Ereignisse, die weiter als etwa ein Jahrtausend zurückliegen, kennen wir nicht von Zeitzeugen. Daher sind die unter Peudonymen schreibenden Autoren hinsichtlich geographischer Angaben und Datierungen vage geblieben. Was nicht konkret benannt wird, kann nicht so leicht als Unwahrheit überführt werden. Es handelt sich um Fabeln.

Die drastischen Konsequenzen sind bis heute noch nicht in Schule und Studium angekommen. Romulus und Remus, der Trojanische Krieg und sämtliche Gestalten der frühen römischen Königszeit bzw. Republik gehören dem Reich der Sagen an.i Der Historiker Theodor Mommsen (1817-1903), Doyen der Römerhistoriker, erhielt für seine Geschichte bis zum Ende der römischen Republik den Nobelpreis für Literatur. Die Kaiserzeit bis zum angeblichen Untergang brachte er trotz fast 50 verbleibender produktiver Lebensjahre nie zu Papier.

Die vermeintlichen „Chroniken“ über Ereignisse und Personen einer sagenhaften Antike und des Frühmittelalters sind rückwirkende Konstrukte, die nur selten auf frühere Aufzeichnungen zurückgreifen. „Weltchronisten“ beschrieben biblische Ereignisse mit gleicher Authentizität wie spätere Vorgänge, über die sie zu berichten vorgeben. Die christlichen “Weltchroniken“ brachen ab, als zum Ende des 15. Jahrhunderts die behaupteten 7000 Jahre der Menschheitsgeschichte abgelaufen waren. Stadtschreiber und Berichterstatter an Herrscherhöfen standen im Dienst der lateinischen Westkirche und hatten zumindest die Niederen Weihen. Erst seither dürfen wir auf die eine oder andere verlässliche Quelle hoffen.

Ein akademischer Anspruch ist zwei Jahrhunderte jung

Besonders in deutschen Landen verblieben die neu installierten historischen Fakultäten allerdings in einer Staats- und Herrschaftsgeschichte verhaftet, die frühere Herrscher in bestes Licht rückte. Leopold von Ranke (1795-1886), der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft, wurde mit höchsten staatlichen Ehrungen überschüttet, weil er die vom preußischen König gewünschte Propaganda bediente. Von 1832-36 gab Ranke die „Historisch-politische Zeitschrift“ heraus, die revolutionäre Bestrebungen bekämpfen sollte. Die gerne zitierte Forderung, Historiker hätten zu zeigen, „wie es gewesen ist“, wurde allenfalls in Details erfüllt.ii Leitgedanke war eine passende Vergangenheit, wie „sie gewesen sein sollte“. Eine Sozialgeschichte der Untertanen muss man bis heute mit der Lupe suchen.

Ein Wissenschaftsanspruch, der selten erfüllt wurde, kehrte erst allmählich in die Vergangenheitsbewältigung ein. Allerdings stand die Archäologie als junge Disziplin von Beginn an im Bann schriftlicher Quellen und sollte bestätigen, was dort geschrieben stand. Unbefangener beurteilte Funde konnte es erst geben, als der Kirchenkonzern um 1865 eingestand, dass es vor einer Antike Menschen gegeben haben konnte. Erst jetzt datierte man Funde in eine Stein- und Urzeit. Ausgegrabenes durfte nun keltisch, germanisch und slawisch sein.

Fazit

Personen und Ereignisse, die vor dem Jahr 1000 unserer Zeitrechnung in Geschichtsbüchern geführt werden, sind mit größter Skepsis zu betrachten. Mehr dazu in „Tatort Gelehrtenstube. Weitere Ermittlungen in der Vergangenheit„.

Referenzen

ii Knudsen J: The Historicist Enlightenment. in: Baker KM, Reil PH (Hrsg.): What’s Left of Enlightenment? A postmodern Question. S. 45; University Press; Stanford 2001

Bild: Rijksmuseum, CC0, via Wikimedia Commons

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Univ.-Doz.(Wien) Dr. med. Gerd Reuther ist Medizinaufklärer und Medizinhistoriker. Dr. Renate Reuther ist Historikerin. Zusammen haben sie vier Bücher verfasst.


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