
Achillesferse des Welthandels – Karin Kneissl über globale Folgen der dramatische Eskalation in Westasien
Flavio von Witzleben spricht mit Dr. Karin Kneissl, der ehemaligen österreichischen Außenministerin. Sie analysiert die aktuelle Zuspitzung im Nahen Osten, die strategische Bedeutung der Straße von Hormus als wahre Achillesferse des Welthandels und die dramatischen Konsequenzen für den globalen Energie- und Warenhandel.
Kneissl, die letzte kompetente und intellektuell fähige Besetzung der Chefposition im österreichischen Außenministerium, berichtet aus erster Hand aus ihrer Region in Zentralrussland. Die Lage sei sehr unterschiedlich: In Moskau entspannter, in der Provinz spürbarer Diesel-Mangel mit langen Schlangen und teils exorbitanten Preisen (bis 160 Rubel pro Liter bei Profiteuren). Russland hat als zweitgrößter Dieselexporteur ein Dieselexportverbot verhängt, das seit zehn Tagen gilt und bereits weltweit zu Preissteigerungen führt.
Ein Kerosin-Exportverbot läuft bereits länger. Importverträge mit Kasachstan und Indien (dessen Raffinerien russisches Rohöl zu Treibstoff verarbeiten) sollen die Versorgung stabilisieren – vor allem für Landwirtschaft und Frachtverkehr in der Erntezeit. Die Preise belasten jedoch auch westliche Verbraucher und die Industrie, da Diesel in Deutschland besonders beliebt ist.
Die Straße von Hormus: Achillesferse des Welthandels und Bruch des Völkerrechts
Der Schwerpunkt der Folge liegt auf der Eskalation zwischen den USA und dem Iran. Die USA intensivieren Angriffe auf iranische Infrastruktur, insbesondere in der Nähe der Straße von Hormus – etwa auf Bandar Abbas, ein zentrales Ölterminal. Brücken des Nord-Süd-Handelskorridors (Verbindung Sankt Petersburg über Iran nach Indien) wurden zerstört oder beschädigt. Dieser Korridor ist für Russland, China und Indien von strategischer Bedeutung und konkurriert mit chinesischen Seidenstraßen-Projekten.

Die Straße von Hormus ist der entscheidende Engpass: Etwa 20–25 % des weltweiten maritimen Ölhandels passieren täglich diese Meerenge. Kneissl betont unmissverständlich:
„Es geht Trump ausschließlich um die Straße von Hormus. […] Ob es nun der Iran ist oder ob es die USA sind, die wir kontrollieren diese Straße […] ist ein Bruch des völkerrechtlichen Grundsatzes des Rechts auf freie Durchfahrt.“
Dieses Prinzip der innocent passage (unschuldige Durchfahrt) hat sich seit dem 15./16. Jahrhundert herausgebildet, um Piraterie und willkürliche Blockaden zu verhindern. Heute wird es von beiden Seiten mit Füßen getreten – mit dramatischen Folgen für die globale Versorgungsketten. Die Ölpreise steigen seit einer Woche wieder kräftig, was Sommerurlauber in den USA ebenso trifft wie die europäische Industrie.

Kneissl warnt vor einem „gewaltigen Patt“: Weder ist das iranische Regime gestürzt noch das Nuklearprogramm außer Kraft gesetzt. Stattdessen wird Infrastruktur zerstört und das Recht auf freie Schifffahrt systematisch untergraben.
Ukraine: Kabinettsumbau, Proteste und milliardenschwerer EU-Drohnenpakt
In Kiew baut Selenskyj sein Kabinett radikal um. Die seit Juli 2025 amtierende Ministerpräsidentin Yulia Svyrydenko wurde entlassen. Besonders brisant: Die Absetzung des Verteidigungsministers Mykhailo Fedorov (nur sechs Monate im Amt), der als Architekt der ukrainischen Drohnenrevolution galt. Die Financial Times bezeichnet den raschen Personalwechsel als potenziell selbstzerstörerisch.
Große Proteste fegten durch das Land. Fedorov hatte nicht nur mit dem Generalstabschef Alexander Syrskyi (sowjetisch geprägt, aus dem Oblast Wladimir stammend) massive Konflikte, sondern auch die brutale Rekrutierungspraxis kritisiert – Väter werden auf dem Weg zur Schule verhaftet, Mütter werfen sich vor Autos.
Parallel unterzeichnete Ursula von der Leyen bei ihrem elften Kiew-Besuch eine Absichtserklärung für eine strategische industrielle Partnerschaft im Verteidigungsbereich: Gemeinsame Produktion von Drohnen und Gegendrohnensystemen bis Ende 2026 sowie Anti-Ballistik-Raketen bis 2028. Die EU-Kommission zahlte am selben Tag eine weitere Milliarde Euro explizit für Drohnen. Es handelt sich um das erste derartige Rahmenabkommen auf EU-Ebene.
Deutschland: Vom Automobil- zum Rüstungsstandort – Katar blockiert VW-Deal in Osnabrück
Ein weiterer zentraler Punkt: Die deutsche Automobilindustrie richtet sich massiv auf Rüstung um. Im VW-Werk Osnabrück (knapp 2000 Beschäftigte) droht das Aus. Nun soll dort Komponenten des israelischen Iron-Dome-Systems gebaut werden – eine Absichtserklärung mit Rafael Advanced Defense Systems wurde unterzeichnet.
Der katarische Staatsfonds (Katar Investment Authority) ist mit 17 % der drittgrößte Aktionär von VW und hat zwei Sitze im Aufsichtsrat. Katar stellt sich gegen den Deal wegen der angespannten Beziehungen zu Israel. Das Land Niedersachsen (20 % Anteil) prüft einen Einstieg, um den Umbau zu unterstützen.
Kneissl sieht darin eine fundamentale Neuausrichtung: „Jeder deutsche Automobilkonzern […] richtet sich neu aus in Richtung Rüstung.“ Statt Testberichten zu sparsamsten oder schnellsten Modellen stehen nun NATO-Panzer und Drohnen im Fokus von Automagazinen. Die Weltwirtschaft fragmentiert sich weiter – und Deutschland versucht, seine Exportweltmeister-Position durch den Einstieg in die Kriegswirtschaft zu retten.
Fragmentierung der Weltwirtschaft und der Niedergang des Rechts
Karin Kneissl zieht eine klare Bilanz: Die Zerstörung des Prinzips der freien Durchfahrt auf See, die Instrumentalisierung von Handelsrouten als geopolitische Waffen und die Umwandlung ziviler Industrien in Rüstungsbetriebe sind Symptome einer tiefgreifenden Verschiebung. Die Katze beißt sich in den Schwanz – steigende Energiepreise treffen alle, inklusive der US-Verbraucher, die Trump eigentlich schützen wollte.
Der Westen tritt Völkerrecht mit Füßen, während gleichzeitig von „regelbasierter Ordnung“ gesprochen wird. Die Folgen reichen weit über die aktuellen Konflikte hinaus: Versorgungsketten brechen, Inflation steigt, und die Weltwirtschaft fragmentiert sich weiter in konkurrierende Blöcke.
Die 180. Folge von Unipolar Multipolar zeigt einmal mehr, warum Kneissl eine der wenigen Stimmen ist, die geopolitische Zusammenhänge ohne ideologische Scheuklappen analysiert.
Hier der Podcast „Unipolar Multipolar“ – Folge 180 mit Dr. Karin Kneissl (19. Juli 2026):
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
„Kneissl, die letzte kompetente und intellektuell fähige Besetzung der Chefposition im österreichischen Außenministerium“. Sehr freundlich formuliert hinsichtlich der anderen Außenminister, insbesondere wenn man an die derzeitige Ministerin denkt. Oft denkt man, es kann ja nicht noch grauslicher werden – und immer wieder wird die Annahme falsifiziert….