Leitzins geht hoch – Mehr Probleme für den Euroraum

6. Mai 2022von 3.3 Minuten Lesezeit

Die EZB muss jetzt das tun, was sie womöglich am meisten fürchtet: den Leitzins erhöhen. Das könnte die alte Eurokrise sofort wieder hochgehen lassen. Ob es gegen die Inflation nützt, ist dagegen mehr als fraglich. 

Die US-amerikanische FED hat es bereits getan, jetzt ist die Europäische Zentralbank (EZB) schon fast gezwungen nachzuziehen. Die Billiggeldpolitik, ausgelöst durch den niedrigen Leitzins der Zentralbanken, wird beendet. Der europäische Leitzins ist seit 2016 bei 0 Prozent, frisches Geld konnte daher billig von der EZB genommen werden.

Wirtschaftschaos

Die FED hat den Zins nun um 0,5 Prozent erhöht, um der hohen Inflation in den USA entgegenzutreten. Es ist der größte Zinssprung seit 22 Jahren und dennoch ein kleiner. Nun liegt der Leitzins bei 0,75 bis 1 Prozent. Das die Wirtschaft und auch die Wirtschaftswissenschaftler vor einem relativen unübersichtlichen Chaos stehen, zeigt sich auch an den unterschiedlichen Einschätzungen. Die einen nennen das Vorgehen der FED einen „aggressiven Schritt“, für andere war es das „Minimum“:

Die EZB wird nachziehen, hat aber wohl berechtigte Sorgen. Inflation und die drohende weitere Entwertung des Euros gegenüber dem Dollar, durch die FED-Erhöhung, zwingen sie förmlich dazu. Der Schritt könnte aber alte Wunden wieder aufreißen: die Staatschulden der europäischen Länder, die schon einmal eine „Eurokrise“ ausgelöst hatten.

Blasen, Blasen, Blasen

Der griechische Schuldenstand erreicht wieder fast jene 373 Milliarden Euro, bei denen das Land im Jahr 2011 gestanden war. Der nicht vorhandene Leitzins konnte dieses Problem verdecken. Italien ist beispielsweise um fast 50 Prozent mehr verschuldet als im Jahr 2011. Wenn die EZB den Zins erhöht, wird es für die Staaten schwieriger ihre Schulden zu bedienen. Gleichzeitig meinen Beobachter, dass auch die Immobilienblase platzen könnte.

Durch das viele billige Geld in den letzten Jahren, kam es zu einer massiven Überbewertung am Immobilienmarkt. Kredite, die nicht an einen Fix-Zins gekoppelt sind, werden teurer. Auch der Aktien- und der Kryptomarkt sind für viele nur aufgrund der billigen Dollars und Euros so hoch bewertet. Sie sprechen von mehreren Hundert Prozent Überbewertung.

Gold und Silber werden wieder beliebt, weil die Menschen ihr Geld vor Banken, Staat und Inflation in Sicherheit bringen wollen. Dann gibt es allerdings auch Marktbeobachter, die steigende Kurse in den nächsten Monaten vorhersagen. Vor den „Midterms-Wahlen“ in den USA sei die Börsen immer auf Höhenrausch gegangen. Es sind unsichere Zeiten jedenfalls: NASDAQ und Bitcoin setzten setzten nach der Aktion der FED erstmal zum Absturz an.

Ob die EZB mit einer Erhöhung des Leitzinses, die Inflation stoppen kann, ist auch kein Naturgesetz. Sie dürfte sich nicht durch hohe Nachfrage, sondern durch mangelndes Angebot entwickelt haben. Lieferketten, Lockdowns, Sanktionen setzen der Wirtschaft zu. Macht die EZB das Geld nun teurer, drosselt man (so das Lehrbuch) die Investitionen, das lässt zwar die Märkte abflauen, jedoch auch die Nachfrage. Weshalb man die Inflation bekämpft. Ob das gut geht, ist jedoch sehr zweifelhaft.

Mehr privat und digitales Geld

Staatspleiten wären (für die EZB) jedenfalls der schlimmste Ausgang. Dann wäre der Euro womöglich tot. Abgewendet könnten diese natürlich durch privates Kapital werden. Ob amerikanische, französische, deutsche oder chinesische Konzerne, sie dürften wohl sogleich am Tableau stehen, sobald die Staaten ihre Ausgaben wieder „reduzieren“ müssen. Man könnte etwa im Gesundheitswesen sparen, im Bildungsbereich, bei der Polizei. Private Vorsorge, private Kindergärten private Sicherheitsfirmen könnten würden einspringen. „Public-Private-Partnership“ ist spätestens seit Covid besonders en vogue.

Norbert Häring, Wirtschaftswissenschafler, sieht eine ganz andere Perspektive: Im nächsten Jahr werden die rechtlichen Grundlage für den digitalen Euro geschaffen. Schon im Herbst starten verschiedene Städte mit Sozialkredit-Token. Ziel sie die Verknüpfung von digitalem Euro und Sozialkredit-Token. Die Währung dann wohl Gehorsam. Eine Krise im EU-Geldsystem würde dieses Szenario wohl realistischer machen.

Bild wikimedia

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4 Kommentare

  1. Andreas I. 7. Mai 2022 at 11:02Antworten

    Und das sind nur die Betrachtungen von US-$ und € bzw. USA und EU.
    Bislang ist ja auch der US-$ die weltweite Leitwährung und der € an zweiter Stelle, was Verbreitung und Nutzung angeht.
    Aber das ist für andere eher ungünstig (insbesondere wenn Währungsreserven in $ oder € angelegt sind und dann durch Inflation schrumpfen). Stichworte China, Russland & Sanktionen usw..

  2. Taktgefühl 6. Mai 2022 at 21:35Antworten

    Die Krisen sind künstlich geschaffen worden und aus der Hybris David Rockefelles geboren: Alles, was wir brauchen, ist eine richtig große Krise und die Nationen werden die neue Weltordnung akzeptieren.

    Faktisch haben die Parteien nicht ein einziges Problem gelöst. Die sind auf Krisen programmiert und werden auch kein Problem lösen. Dafür sind die viel zu doof. Die können nur Krisen auslösen.
    Man muß sich nur den Windräder-Schwachsinn angucken.

    Die wirklich große Krise war die Globalisierung. Die hat die gesamte Erde gestresst. Die Globalisierung war der Kardinalfehler.
    Um die neue Weltordnung brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Die heißt, ausser Spesen, nichts gewesen.

    „Die Selbstklugen wandeln tief im Nichtwissen und dünken sich dabei gelehrt. Sie laufen in ihrer Verblendung wild wie Blinde, die ein Blinder führt.“ Veden

  3. Jurgen 6. Mai 2022 at 15:08Antworten

    Gibt es nicht z.Zt. die 5-fache Geldmenge zu vor 2008 in EU? Das bedeutet eine massive Inflation um 400%, damit der Geldwert den Sachwerten wieder einigermaßen entspricht.
    Das Angebot wurde künstlich verknappt, um genau das zu provozieren und schnell. Die kleinen Leute werden in kürze ganz verarmen und man sollte schleunigst anfangen sich wieder selbst zu versorgen!
    Auch auf dem Balkon kann man Gemüse, Salat, Bohnen und Tomaten ziehen. Oder im Garten hinterm Haus.

    • .strano 6. Mai 2022 at 18:09Antworten

      Im Vergleich zu 2003, 2004 (1 Billion) eher eine verachtfachung auf jetzt ca. 8 Billionen. (2008 ca 1,5 Billionen). Also eher 700%. Jedenfalls näher beim Faktor 10. Eigentlich wärs sinnvoller noch ein paar Billionen reinzuschießen und dann von heute auf Morgen eine 0 zu streichen.

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