“Ein Krieg der Reichen gegen die Armen”

Wir haben in  der Corona Krise vor allem unser eigenes Land und bestenfalls noch die EU im Auge. Wir, und die EU, sind wirtschaftlich zwar massiv betroffen, aber weit nicht so arg wie die Regionen, die als globaler Süden bekannt sind. Die Maßnahmen der Regierungen und die Empfehlungen der WHO betreffen aber ganz massiv die armen Menschen und Länder. Ein Beispiel dafür ist Peru und dessen BewohnerInnen.

Die freie Journalistin Aya Velázquez, die  für „Welt“  und „Demokratischer Widerstand“ schreibt, hat das folgende Interview per WhatsApp geführt. Es erschien erstmals am 20.12.2020 in der Wochenzeitung “Demokratischer Widerstand”: https://demokratischerwiderstand.de/ . Mit ihrer:freundlichen Genehmigung veröffentliche ich den Text auch hier.

“Ein Krieg der Reichen gegen die Armen”

Von Aya Velázquez

Interview mit Magnolia und Wilson, einem indigenen Künstlerpaar aus der Gruppe der Shipibo, über die Auswirkungen der Corona-Krise in Peru

Peru war eines der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Länder Südamerikas. Die peruanische Regierung setzte auf einen an China orientierten „harten Lockdown“, inklusive sechs Monate andauernder Ausgangsperren und umfassender Berufsverbote. „Bald sterben mehr Menschen an Hunger als an Corona“, berichtete mir Wilson, ein befreundeter indigener Stickereikünstler aus der peruanischen Amazonasstadt Yarinacocha bereits im August. Das Interview entstand am 15.12.2020 auf Grundlage eines Whatsapp-Interviews auf Spanisch. Es erschien am 20.12.2020 im Demokratischen Widerstand.

Von Mai bis August hatten wir viele Coronavirus-Fälle und viele Tote. Es sind viele Menschen in meiner Gemeinde Yarinacocha gestorben, vor allem ältere und Menschen mit Diabetes. Es hat hier vor allem die Vulnerabelsten von uns getroffen: Menschen mit Vorerkrankungen, Übergewicht, und zu wenig Geld, sich die teuren Medikamente leisten zu können. Im Mai waren die Krankenhäuser überlastet, Menschen starben unversorgt an den Klinikeingängen. Eine Behandlung am Beatmungsgerät kostet 3.000 Soles (700€) — unerschwinglich für normale Menschen wie uns. Das ist der Grund dafür, dass so viele hier gestorben sind. Als es mit Covid-19 hier losging, haben sich die Medikamentenpreise über Nacht vervierfacht! Inzwischen gibt es nur noch vereinzelt Fälle, aber trotzdem weiterhin die strengen Regeln im Alltag. Die meisten Leute hier haben inzwischen genug davon. Weißt du, wir sind es nicht gewohnt, so zu leben! Die Leute hier wollen keine Maske mehr tragen. Im letzten Monat habe ich von keinem einzigen Corona-Toten mehr in meiner Stadt Yarina gehört. Die Leute haben inzwischen keine Angst mehr vor dem Virus, viel gefährlicher ist aktuell das Dengue-Fieber.

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Lockdown in Peru, Symbolbild / Photo: Aya Velázquez

Gibt es noch Ausgangssperren?

Wir befinden uns momentan in der Phase der „zielgerichteten Quarantäne“, in der je nach Region gesondert entschieden wird. Hier in meiner Region Ucayali zum Beispiel gibt es sehr wenige Fälle, deshalb dürfen wir zwischen 4 Uhr morgens und 22 Uhr abends wieder das Haus verlassen. Nachts herrscht hingegen Ausgangssperre. In Gegenden mit mehr Fällen als bei uns beginnt die Sperrstunde bereits ab 18h. Dort darf auch nur montags, mittwochs oder freitags jeweils eine Person pro Familie raus, um die Einkäufe zu erledigen. Zusätzlich wird an allen Eingängen zu Läden die Temperatur gemessen, ab 38°C darf man nirgendwo rein.

Du selbst fährst beruflich Mototaxi und hattest monatelang Berufsverbot. Darfst du inzwischen wieder arbeiten?

Im Moment noch nicht, da ich erst neue Corona-Dokumente besorgen und mein Fahrzeug an die neuen Auflagen anpassen muss: eine Kunststoff-Trennwand zwischen Fahrer und Kunden und ein Hinweisschild zur geltenden Maskenpflicht. Wenn die Polizei jemanden ohne all das antrifft, wird einem das Fahrzeug entzogen und eine hohe Strafe fällig, im Moment 4.000 Soles (ca. 900€).

Hat euch die Regierung während des Lockdown und des Berufsverbots finanziell unterstützt?

Nein. Zwar verkündete die Regierung eine Unterstützung für die Allerärmsten — aber nur für diejenigen, die in den Augen der Regierung die Allerärmsten darstellen. Diese erhielten pro Familie zweimal eine Summe von 360 Soles (ca. 80€). Wir haben uns schon gefreut, schließlich sind wir ja arm! Wir haben also unseren Antrag gestellt, aber der wurde abgelehnt, weil eine Regierungsbehörde hier bei uns in Yarina vor fünf Jahren einen Zensus durchgeführt hatte. Sie haben damals viele Fragen zu unseren Besitzverhältnissen gestellt: Haben Sie einen Fernseher? Haben Sie eine Küche mit Gaskocher? Sie haben alles genau notiert. Auch, dass wir im Hof eine kleine Kokospalme zu stehen haben. Diese Daten leiteten sie nun an die Antragsbehörde weiter. Wir erhielten also von der Behörde die Antwort, die „sozioökonomische Prüfung“ hätte ergeben, wir seien nicht arm und uns stünde daher während des Berufsverbots keinerlei staatliche Unterstützung zu. Das stand da genauso drin: „no pobre — nicht arm“.

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Dona Florentina, eine der Ältesten des Dorfes Paoyhan, hat die Corona-Krise unbeschadet überstanden. Photo: Aya Velázquez

Und ich nehme an, es gibt auch nur reiche Nachbarn in deiner Gegend.

Genau, wir Shipibo hier im Vorort von Yarinacocha sind alle reich! (lacht bitter) Das war mit das Traurigste, dass von den Shipibo hier in meiner Gegend fast niemand staatliche Unterstützung bekommen hat. Wir sind ihnen immernoch nicht arm genug. Hier in Peru musst du schon in einer Lehmhütte wohnen oder auf der nackten Erde schlafen, um in den Augen unserer Regierung bedürftig zu gelten. Und jetzt kommt das Schlimmste: viele Staatsbedienstete, Bürgermeister und dergleichen, die eh schon gut bezahlt werden, haben die 360 Soles einfach mit eingestrichen!

Wie hast du während der Krise deine Familie ernährt?

Ich habe zusammen mit meinem Onkel vier Stunden mit dem Auto entfernt von hier auf einer Maisplantage gearbeitet. Dort haben sie uns 35 Soles am Tag bezahlt — von 7 Uhr früh bis 17 Uhr auf der Plantage. Das ist viel Arbeit für wenig Geld, und man ist die ganze Woche weg von der eigenen Familie.

Wie wird es jetzt weitergehen? Kommt die Corona-Impfung?

Die peruanische Regierung hat für Januar und Februar angekündigt, Millionen von Corona-Impfungen durchführen zu wollen. Sie sagen uns zwar, diese Impfung wird nicht obligatorisch sein. Aber indirekt ist sie sehr wohl obligatorisch — und zwar für jeden, der wieder arbeiten, reisen, ein Krankenhaus betreten oder seine Kinder von der Schule abholen will. Aber gleichzeitig sagen sie dir, es sei ja nicht obligatorisch.

Müssen sich auch die Kinder gegen Covid impfen lassen?

Ja, wenn die Kinder wieder zur Schule gehen wollen, müssen sie sich gegen Covid-19 impfen lassen. Wir haben alle große Angst davor. Zusätzlich soll im Unterricht nächstes Jahr auch noch die Maskenpflicht gelten! Die Kinder waren von Anfang Mai bis Ende November nicht in der Schule und durften sich nur in einem Radius von 500m rund um unser Haus bewegen. Sie bekamen Lernvideos aufs Handy zugeschickt. Vielen Kindern ging es in dieser Zeit sehr schlecht, hatten Depressionen. Niemand hier will die Impfung für Kinder, aber wir haben keine Wahl. Wir werden erpresst mit ihrer Bildung und ihrem Wohlergehen.

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Shipibo Kinder aus Yarinacocha. Photo: Aya Velázquez

Meinst du, die Behauptung der Freiwilligkeit könnte ein rechtlicher Trick sein, um für eventuelle Schäden nicht haften zu müssen?

Bestimmt! Kürzlich meinte ein bekannter Journalist zu unserem Gesundheitsminister, dass wir Bürger Perus, die nun zur Impfung gedrängt werden, erst einmal sehen wollen, wie sich der gesamte Regierungsapparat, alle Minister und Autoritäten impfen lassen! Sollen sie doch in ihrer Funktion als Volksvertreter erstmal mit gutem Beispiel vorangehen! Vorher wollen wir diese Impfung auch nicht haben.

Auf der ganzen Welt finden momentan große Demos gegen die Corona-Maßnahmen statt, in Argentinien wurde kürzlich der Lockdown infolge der heftigen Bürgerproteste beendet. Wie sieht es bei euch in Peru aus?

Demonstrationen gegen die Corona-Politik gibt es hierzulande noch nicht, aber es gibt Demos. Das Hauptthema ist die um sich greifende Korruption — mit der Corona natürlich auch zusammenhängt! Vielleicht liegt es auch daran, dass die Impfung noch nicht unmittelbar bevorsteht, die kommt erst im Januar oder Februar. Wir werden sehen, was dann passiert. Die meisten Leute hier sind jedenfalls gegen die Impfung. Es spricht sich herum, das sie nicht besonders effizient sei und sogar die DNA verändern soll. Viele Leute hier glauben, das sei alles schon lange im Vorfeld geplant gewesen. Dass die Impfung quasi längst vorher fertigproduziert war. Sie wollen uns nur glauben machen, dass sie die Impfung in einer Ausnahmegeschwindigkeit hergestellt hätten, aber in Wirklichkeit war sie schon da. Wir sind doch nicht so blöd, alles zu glauben. In einer solchen Krise sterben immer als erstes die Ärmsten der Armen. Ich glaube, dass es sich hier um einen Krieg handelt.

Inwiefern um einen Krieg?

Um einen Krieg der Reichen gegen die Armen. Viele Menschen hier glauben, dass dieses Virus geschaffen wurde, um die Ärmsten der Armen auszulöschen. Der Profit, der dabei entsteht, geht an die großen Pharmakonzerne. Wir Armen sind in den Augen der Reichen nur unnötige Konsumenten, wir sind überflüssig für die. Sie wollen uns loswerden.

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Magnolia, Wilson und ihre Kinder

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4 Kommentare zu „“Ein Krieg der Reichen gegen die Armen”

  1. In dem Interview ist einiges zu hinterfragen ohne damit die wichtige Information aus Peru zu schmälern.

    „Peru war eines der am stärksten von der Corona-Krise betroffenen Länder Südamerikas. [Hier bleibt offen: von der Infektionskrankheit oder den staatlichen Maßnahmen betroffen] Die peruanische Regierung setzte auf einen an China orientierten „harten Lockdown“, inklusive sechs Monate andauernder Ausgangsperren und umfassender Berufsverbote. [Hier sieht man, dass das Leben der Menschen insbesondere durch administrative Maßnahmen negativ beeinflusst wurde] „Bald sterben mehr Menschen an Hunger als an Corona“, [starben überhaupt Menschen an – und nur an Corona? Wie viele?] berichtete mir Wilson, ein befreundeter indigener Stickereikünstler aus der peruanischen Amazonasstadt Yarinacocha bereits im August.

    […]

    Magnolia und Wilson, wie hat sich die Corona-Krise bei euch in Peru ausgewirkt?

    Von Mai bis August hatten wir viele Coronavirus-Fälle und viele Tote [also viele Test-Positive, die als Fälle gezählt werden]. Es sind viele Menschen in meiner Gemeinde Yarinacocha gestorben, vor allem ältere und Menschen mit Diabetes [das klingt nach einer Übersterblichkeit. Aber durch was? Corona oder Politik? Virus oder Panik und Überreaktion?]. Es hat hier vor allem die Vulnerabelsten von uns getroffen: Menschen mit Vorerkrankungen, Übergewicht, und zu wenig Geld, sich die teuren Medikamente leisten zu können [für Covid-19-Behandlung braucht es gar keine besonders teuren Medikamente wie man heute weiß. UU sind teure Medikamente sogar schädlich oder wenigstens unnütz dabei]. Im Mai waren die Krankenhäuser überlastet, Menschen starben unversorgt an den Klinikeingängen. Eine Behandlung am Beatmungsgerät kostet 3.000 Soles (700€) — unerschwinglich für normale Menschen wie uns [die Behandlung durch Beatmung mit Intubination hat sich als eher schädlich als nützlich herausgestellt. Aber vielleicht meint er die nichtinvasive Sauerstoff-Gabe]. Das ist der Grund dafür, dass so viele hier gestorben sind [das würde ich hinterfragen. Aber der Interviewte ist ja auch kein Arzt. Er äußerst sich aufgrund der allgemeinen Informationen die dort wahrscheinlich noch mehr Schlagseite haben als hierzulande].

    Dies nur als kleiner Ansatz, wie der Text auch zu lesen wäre …

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