Wie viele Menschen existierende Immunität gegen Covid-19 haben

Am Anfang hieß es: „niemand“. Denn das Coronavirus sei neuartig und daher dem Immunsystem nicht bekannt. Es stellt sich aber immer mehr heraus, dass das als SARS-Cov-2 bezeichnete Virus nicht so neuartig ist und es sehr wohl Immunität dagegen gibt. „Haben viele Menschen bereits eine Immunität gegen Covid?“ – so titelt der Editor vom British Medical Journal (BMJ), Peter Doshi, seine lesenswerten Übersicht über den Stand der Forschung in der Ausgabe vom 17.9.20. Er zeigt sehr klar auf, dass es an der Zeit sei, die zellvermittelte Immunantwort besser zu berücksichtigen als dies bisher geschah. Man könnte meinen, wir sind in einem Tatsachen-Lockdown.

Die Erkenntnis, dass das Immunsystem mit verschiedenen Waffen gegen Viren kämpft ist nicht eben neu. Die T- und B-Zellen sind schon lange als wirksame Mittel der Immunabwehr bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass die T-Zellen im Knochenmark über lange Zeiträume die Informationen über Pathogene aufheben können.

Bei der Schweinegrippe in 2009 hat es einige Jahre gedauert, bis erkannt wurde, dass die zelluläre Immunantwort für einen erheblich milderen Verlauf gesorgt hat, als diverse panische Prophezeiungen vorhergesagt hatten. Dabei ist die Messung von unspezifischen T-Zellen einfache Laborpraxis und wird meist sogar von den Krankenkassen bezahlt. Die Messung spezifischer T-Zellen ist allerdings etwas komplizierter als die von Antikörpern, weswegen sie lange Zeit nicht beachtet wurde.

Herdenimmunität grob unterschätzt

Ich habe hier schon länger über Studien zu T-Zellen-vermittelter Immunität berichtet und über die Forschungen der führenden Epidemiologinnen Suntra Gupta und M Gabrila M Gomes. In seinem BMJ Editorial macht Peter Doshi klar, dass es höchste Zeit ist, dass wir die Erkenntnisse zur zellulären Immunantwort einbeziehen. Insbesondere hebt er auch die Rolle der zellvermittelten Kreuz-Immunität durch andere Coronaviren hervor.

Peter Doshi führt weiter aus, dass man die Diskussion über „Herdenimmunität“ neu führen müsse, wenn man die zelluläre Immunität einbezieht. Natürlich müssen die Arbeiten noch überprüft werden, doch er erachtet es durchaus als möglich, dass unsere heutige Beobachtung von milden Erkrankungen bei steigenden Fallzahlen auch eine Folge der bisher unterschätzten zellulären Immunantwort sein könnte.

Er zitiert die Epidemiologin Sunetra Gupta aus Oxford, die sagt:

„Wir gehen allgemein davon aus, dass wir den Lockdown einführten, als die Zahlen am Steigen waren. So erwarten wir auch, dass die Zahlen nach dem Lockdown wieder ansteigen würden. Doch das ist nicht eingetreten. Die Frage ist, weshalb!“

Gupta erwähnt eine mögliche Antwort: Wenn sehr viel mehr Personen angesteckt waren und „nur“ eine zelluläre Immunantwort entwickelten, dann würde dies sehr gut erklären, weshalb die Zahlen rückläufig sind und später vorwiegend milde Erkrankungen beobachtet werden.

Peter Doshi fasst zusammen: Wir haben nun eine große Menge von Forschungsresultaten die uns optimistisch stimmen sollten. Die Zelluläre Immunantwort hinterlässt auf jeden Fall einen langjährigen Schutz. Und die neuen Resultate zur Kreuzimmunität könnten auch erklären, weshalb wir bei Kindern seltener Erkrankungen beobachten.

Studie aus Schweden unterstützt die Hypothese

Der Immunologe Marcus Buggert aus Schweden meint, dass die schwindenden Fallzahlen unmöglich durch die klassische „Herdenimmunität“ mittels Antikörper erklärt werden kann. Denn so strikte hätten sich die Schweden auch nicht verhalten und die social distancing Massnahmen würden abnehmen. «Maybe there is more immunity out there». Seine Studie ist erst als Preprint verfügbar.

Doch auch diese Schwedische Gruppe fand eine sehr ausgeprägte zelluläre Immunantwort bei mildem oder asymptomatischem Verlauf. Insbesondere bestätigen diese Autoren: Viele Personen, die im Haushalt einer infizierten Person lebten, haben auch eine Immunantwort, ohne dass man eine Infektion nachweisen konnte. Buggert meint, praktisch 90% der Haushaltskontakte haben eine Immunantwort.

Medien beachten Studien zu T-Zellen kaum

T-Zell-Studien haben in den Medien kaum Beachtung gefunden, im Gegensatz zur Forschung an Antikörpern, die die Nachrichten zu dominieren scheinen. Zwei neuere Studien berichteten, dass natürlich erworbene Antikörper gegen SARS-CoV-2 bereits nach 2-3 Monaten zu schwinden beginnen, was die Spekulationen in der Laienpresse über wiederholte Infektionen anheizt, so Doshi mit kritischem Unterton.

Aber T-Zell-Studien lassen eine wesentlich andere, optimistischere Interpretation zu. In der Singapur-Studie wurden zum Beispiel 17 Jahre nach der Infektion SARS-CoV-1-reaktive T-Zellen bei SARS-Patienten gefunden. „Unsere Ergebnisse werfen auch die Möglichkeit auf, dass langlebige T-Zellen, die nach der Infektion mit verwandten Viren gebildet werden, möglicherweise vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 schützen oder die Pathologie, die durch die Infektion mit SARS-CoV-2 verursacht wird, verändern können“, schrieben die Forscher.

Mehr Studien zu T-Zellen nötig

T-Zell-Studien könnten auch dazu beitragen, Licht in andere Geheimnisse von Covid-19 zu bringen, z.B. warum Kinder überraschenderweise von der Hauptlast der Pandemie verschont geblieben sind, warum Menschen anders betroffen sind und wie hoch die Rate asymptomatischer Infektionen bei Kindern und jungen Erwachsenen ist.

Zum Schluss greift Doshi noch einen anderen Gedanken auf. Theoretisch könnte der Placebo-Teil einer Covid-19-Impfstoffstudie einen einfachen Weg zur Durchführung einer solchen Studie bieten, indem die klinischen Ergebnisse von Menschen mit und ohne vorher bestehende T-Zell-Reaktivität auf SARS-CoV-2 verglichen werden. Eine vom BMJ durchgeführte Überprüfung aller primären und sekundären Ergebnismessungen, die in den beiden großen laufenden, placebokontrollierten Phase-III-Studien untersucht werden, legt jedoch nahe, dass eine solche Analyse nicht durchgeführt wird.

Könnte eine bereits bestehende Immunität einen besseren Schutz bieten als künftige Impfstoffe? Ohne Untersuchung der Frage werden wir es nicht wissen.

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