Gestern schlugen die Wogen in der Atomkraftdiskussion in Deutschland wieder hoch. Wir schauen nach der Politik, nach Risiken und Zukunftsprojekten.
Bayern will die Atomkraft zurück, aber den Müll soll bitte jemand anderes nehmen. Markus Söder will laut ZDF sogar Mini-Atomkraftwerke im Freistaat. Ein Endlager hat seine Koalition dagegen aus geologischen Gründen ausgeschlossen. Söders Begründung steht seit Jahren fest: Geologisch passe Bayern nicht. Bayerns Umweltminister Glauber zweifelt die geologischen Grundlagen der Suche insgesamt an. Kritiker halten das für eine politische Vorfestlegung vor dem Ergebnis der wissenschaftlichen Prüfung. Das Standortauswahlgesetz bezieht kristallines Gestein, also Granit, ausdrücklich in die Suche ein, auch in Bayern und Sachsen. Söder möchte endlich die unbefleckte Empfängnis realisieren, meinen Kritiker.
Drei Fragen drängen sich auf: Wie riskant sind moderne Reaktoren? Was liegt schon auf dem Meeresboden? Löst die nächste Reaktorgeneration das Müllproblem? Ist die chinesische Thoriumreaktor-Entwicklung die Lösung?
a) Wie riskant sind moderne Reaktoren?
Die Zahlen der Hersteller sind beeindruckend. Für den Westinghouse AP1000 rechnet die US-Aufsicht in der Sicherheitsanalyse mit 2,41 × 10⁻⁷ Kernschäden pro Reaktorjahr, also einem Kernschaden in rund vier Millionen Betriebsjahren. Das wäre etwa das Hundertfache besser als bei heutigen Druckwasserreaktoren.
Drei Einschränkungen gehören dazu. Erstens sind das Rechenwerte aus der Entwurfsphase. Laut NRC gelten sie für interne Störfälle im Leistungsbetrieb und schließen Erdbeben, Brand und Flut aus. Zweitens stammen die realen Katastrophen von Three Mile Island, Tschernobyl und Fukushima von älteren Konstruktionen, und ob die neuen Werte im Betrieb halten, zeigt sich erst nach Jahrzehnten. Drittens sagen Kernschadenswahrscheinlichkeiten nichts über Krieg, Anschläge oder Betreiberversagen. Das Risiko eines einzelnen modernen Reaktors ist also sehr klein, aber nicht null. Für die neuen Konzepte, die Söder im Kopf hat (kleine modulare Reaktoren, Flüssigmetall-Kühlung), fehlt die Betriebserfahrung noch fast völlig.
b) Wo liegt das wirkliche Atomabfallproblem?
Bei den Unfällen sind die Zahlen überschaubar. Neun atomgetriebene U-Boote gelten als gesunken: USS Thresher (1963) und Scorpion (1968), die sowjetischen K-8, K-27, K-219 und Komsomolets sowie die russischen Kursk und K-159. K-429 wurde gehoben und fuhr weiter. Die Kursk wurde 2001 geborgen. Je nach Zählweise liegen also sieben bis acht Wracks mit Reaktoren am Grund, meist in Barentssee, Norwegischer See und Atlantik.
Der größere Posten ist der absichtlich versenkte Müll. Die Sowjetunion kippte laut einem russisch-norwegischen Katalog von 2012 vor Nowaja Semlja:
- rund 17.000 Container mit radioaktivem Abfall
- 19 Schiffe mit radioaktiver Ladung
- 14 Reaktoren, davon fünf mit abgebrannten Brennelementen
- dazu die K-27 mit zwei brennstoffgeladenen Reaktoren
Andere Quellen sprechen von 16 Reaktoren, davon sechs mit Brennstoff. Selbst Moskau kannte die Lage lange nur unvollständig. Auch andere Staaten leiteten Atommüll ins Meer, die meisten stellten das um 1985 ein. Die Sowjetunion und später Russland machten bis 1992 weiter.
Warten diese Wracks darauf, das Meer zu verstrahlen? Gemessen wurde bisher wenig. Norwegische Messungen am Kara-Meer-Müll zeigten nur begrenzte Cäsium-137-Erhöhungen, vor allem nahe den Containern. Die Komsomolets enthält Strontium-90 und Cäsium-137 in der Größenordnung von je rund 3 × 10¹⁵ Becquerel plus zwei Torpedos mit Plutonium. Norwegens Strahlenschutzbehörde sah bei der Untersuchung 1995 keine Gefahr. Heikler ist die K-27: Sie wurde mit Beton und Bitumen gefüllt, das sollte rund 50 Jahre vorhalten. Umweltschützer warnen zudem vor einer erneuten Kettenreaktion. Auf der K-159 liegen etwa 800 Kilogramm abgebrannter Brennstoff in über 200 Metern Tiefe. Das Problem ist kein akuter Weltuntergang, aber eine tickende Korrosionsuhr: Die Hüllen rosten, die Wracks wurden nie saniert, und Bergungen bergen eigene Risiken.
Der Zusammenhang zur Endlagerdebatte liegt auf der Hand. Was man nicht ordentlich endlagert, landet irgendwo, und irgendwann wird es teurer als jede Lösung heute gewesen wäre.
c) Wird das Endlagerproblem wirklich so groß BLEIBEN?
Laut ZDF will Umweltminister Carsten Schneider das Endlager bis spätestens 2050 festlegen, eingelagert würde erst um 2085. Bislang sind etwa 75 Prozent der Fläche Deutschlands ausgeschieden.
Die Hoffnung liegt in Reaktoren, die Abfall verbrennen. Schnelle Neutronen können langlebige Aktinoide wie Americium oder Curium spalten, der Müll strahlt dann deutlich kürzer. Das EU-Projekt MYRTE hält es für möglich, die Radiotoxizität von Hunderttausenden Jahren auf einige Hundert Jahre zu senken, allerdings als Wenn-dann-Aussage. Ein beschleunigergetriebenes System könnte demnach 40 bis 50 Prozent Abfall im Kern verarbeiten, normale Leistungsreaktoren nur zwei bis drei Prozent.
Der Stand der Dinge dämpft die Erwartung:
- MYRRHA (Belgien): Laut SCK CEN stand 2026 die erste Ausbaustufe an, eine Baugenehmigung für den Reaktor war für 2030 geplant, das Budget läuft bis 2038.
- BREST-OD-300 (Russland): Der Bleireaktor mit geschlossenem Brennstoffkreislauf sollte 2026 starten. Laut Nuclear Engineering International wird jetzt 2028 oder 2029 erwartet, die Wiederaufarbeitung folgt später. Der Bau läuft laut ingenieur.de weiter.
- BN-600/BN-800 und CFR-600 (Russland, China): Russische Forscher sehen Möglichkeiten für Transmutation in den bestehenden Schnellen Reaktoren. Chinas CFR-600 sollte 2023 ans Netz. Belastbare Betriebsdaten sind bisher unveröffentlicht.
Dazu kommen drei Haken. Transmutation braucht Wiederaufarbeitung, also das Abtrennen von Plutonium, und das ist proliferationspolitisch brisant. Spaltprodukte wie Cäsium-137 bleiben, die Endlagerpflicht bleibt also, nur kleiner und kürzer. Und vor allem: Deutschland hat kein solches Programm und sein Ausstieg hat den Müll erzeugt, den es nun nicht loswird. Denn ohne Kernenergieforschung, Entwicklung und Betrieb, wird es auch keine Wiederaufbereitung in diesem Sinne geben.
Was machen „die anderen“?
Wie die vier Atommächte Frankreich, Russland, China und USA mit ihrem Müll umgehen, unterscheidet sich stark, und kein Land hat das Problem bisher abschließend gelöst.
Frankreich setzt auf Wiederaufarbeitung in La Hague. Der Abfall wird dort verglast und muss 40 bis 50 Jahre abkühlen, bevor er unter die Erde kann. Als Endlager ist Cigéo in einer Tonschicht bei Bure geplant. Die Aufsichtsbehörde hat Ende 2025 ihr technisches Gutachten vorgelegt, für die zweite Jahreshälfte 2026 ist eine öffentliche Anhörung vorgesehen. Die Einlagerung soll laut Andra etwa 2035 bis 2040 beginnen.
Russland arbeitet ebenfalls mit Wiederaufarbeitung, in Majak/Osjorsk sind es laut Branchenzahlen rund 400 Tonnen pro Jahr. Ein Endlager für hochradioaktiven Abfall existiert nicht, als Standort hörte man, dass das Gebiet bei Krasnojarsk ins Auge gefasst wird.
In den USA ist die Lage am verfahrensten: Für Yucca Mountain wurde 2008 der erste Genehmigungsantrag der Welt für ein Endlager gestellt, die Arbeiten wurden aber vor mehr als zehn Jahren gestoppt. Der Müll lagert seither anscheinend dezentral an den Kraftwerken, und selbst Zwischenlager stoßen auf Widerstand.
China ist am konsequentesten und verfolgt seit 1987 offiziell einen geschlossenen Brennstoffkreislauf, baute eine Wiederaufarbeitungs-Pilotanlage in Lanzhou und erhebt eine Abgabe auf Atomstrom für die Entsorgung. Für das Endlager in der Beishan-Region (Provinz Gansu) wurde die Baugenehmigung 2015 erteilt, 2021 folgte der Antrag auf die Betriebsgenehmigung. Nach dem Stand von WISE soll es allerdings frühestens 2050 in Betrieb gehen. Aber das soll nur eine Übergangslösung sein.
China setzt auf die Thoriumreaktortechnik als Zwischenstufe bei der Energieerzeugung bis zur Entwicklung von Plasmareaktoren. Das Land hat bei der Entwicklung von Thorium-Flüssigsalzreaktoren (Molten Salt Reactors, MSR) weltweit die Führung übernommen und betreibt den aktuell einzigen funktionsfähigen Thorium-Flüssigsalzreaktor der Welt (TMSR-LF1) in der Wüste Gobi. Richtig, in einer Wüste! Denn der Reaktor benötigt kein Wasser zur Kühlung, eines der Probleme herkömmlicher Reaktoren. Das Salz ist Brennstoff und Kühlmittel zugleich: Das Thorium ist in einer heißen Fluoridsalzschmelze (ca. 600–650 °C) gelöst. Diese Flüssigkeit transportiert die Wärme selbst. Der radioaktive Abfall von Thorium-Reaktoren strahlt nicht für Hunderttausende von Jahren, sondern baut sich größtenteils innerhalb von etwa 300 Jahren auf das Niveau von natürlicher Hintergrundstrahlung ab. Natürlich gibt es Probleme, und Experten schätzen die Realisierung im kommerziellen Maßstab frühestens in 10 Jahren als realistisch an.
Die Zwischenlösungen
Wenn die Strahlungsintensität durch Vorbereitung reduziert werden kann, so dass Transporte ungefährlich werden, könnte man natürliche eine zentrale Endlagerung unter der Aufsicht der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEA) ins Auge fassen. Aber leider verhindert geopolitische Feindschaft derzeit eine ernsthafte Kooperation.
Zusammenfassung
Das Endlagerproblem wird bei sinkender Müllmenge und kürzerer Strahlungsdauer kleiner, aber es verschwindet nicht komplett, und für die nächsten 10 Jahre ist es faktisch unverändert. Wer Atomkraft will, muss sagen, wohin der Müll soll. Das gilt für Bayern genauso wie für Sachsen, Niedersachsen oder Schleswig-Holstein. Die Wracks im Nordmeer zeigen, was aus der Haltung „Hauptsache woanders“ wird. Leider versucht jedes Land seine technologische Entwicklung zu schützen und denkt nicht daran, es als globales Problem zu erkennen.
Bild: Screenshot von Video von Söders Auslassungen
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2 Kommentare
Schön und übersichtlich erklärt das die KI.
Ich war immer AKW-Gegnerin, weil nichts sicher ist und sollte jedoch der GAU passieren, so würden die Folgen enorm sein. Vor allem bleibt die Gegend über Jahrhunderte verseucht. Aber, im Falle Schlands wäre es überlegenswert, zumal Schland früher mal gewissenhafte Techniker besaß. Die dt. AKWs zählten zu den sichersten der Welt. Sie wurden zerstôrt von den Windkraftfanatikern, wobei Windmühlen auch sehr schädlich für die Umwelt sind und zwar nicht als GAU, sondern permanent. Mittlerweile sind die besten dt. Techniker allerdings ausgewandert…
Am sinnvollsten ist sicher die Wiederaufarbeitung. Das sollte natürlich vorher geklärt werden, bevor man ein neues AKW baut. Es ist kostspielig, aber die Kosten-Nutzenrechnung ist gewiss günstiger als bei Windrädern, wenn man ehrlich rechnet.
Weiters forscht man schon eine Ewigkeit mit ITER an Kernfusuionsreaktoren. Dort sind die Wissenschaftler allerdings auch hoch subventioniert und wie träge Beamte, die nichts Produktives zuwege bringen. Man redet sich sogar auf die Covid-Plandemie raus, dass man nichts weitergebracht hat. Da sind sicher auch die Chinesen schneller.
Muss man Musk fragen, ob er einen Suttledienst für den Mond einrichten könnte und was es kostet.
Es gab auch schon jede Menge -A-Bombentests im Meer. Was die Erde alles aushält, ist faszinierend, würde Spock sagen.
Shuttle, Fusion…etc
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