Sky Shield: Das nächste Milliarden-Debakel? Und kaum jemand schaut hin?

24. Februar 2026von 7,9 Minuten Lesezeit

Österreich steckt längst mitten in einem Rüstungsprojekt, das die Neutralität faktisch endgültig zu Grabe trägt, Steuermilliarden verbrennt und gegen die falschen Bedrohungen schützt. Die Parallelen zum Eurofighter-Skandal sind nicht zufällig – sie sind strukturell.

Am 20. Februar 2026 traten Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Europaministerin Karoline Edtstadler gemeinsam vor die Kameras – Schauplatz: die Schwarzenbergkaserne in Salzburg. Botschaft: Österreich investiert. Österreich schützt sich. Österreich handelt. Was sie nicht sagten: Allein für Salzburg sind rund 2,5 Milliarden Euro eingeplant. Die Beschaffung des Drohnenabwehrsystems „Skyranger“ – 36 Einheiten im mittleren dreistelligen Millionenbereich – ist bereits beauftragt, die Auslieferung beginnt 2026. Skyranger wurde im selben Pressegespräch als Teil desselben Aufrüstungspakets präsentiert – dieser Zusammenhang ist öffentlich hergestellt – nicht durch mich, sondern durch Tanner und Edtstadler selbst.

Die Planungen für Raketenabwehr kurzer und mittlerer Reichweite sind laut Bundesheer abgeschlossen, die Leistungsbeschreibung liegt bei der Rüstungsdirektion. Der Bunker in St. Johann im Pongau – von Edtstadler gerne als Beweis österreichischer Wehrhaftigkeit präsentiert – ist bereits als Einsatzzentrale für die Luftraumüberwachung im Betrieb und soll zur Schlüsselstelle der neuen Drohnenabwehr werden. Das Radarsystem wird im Rahmen des Projekts „Mars“ bis 2027 massiv ausgebaut.

Der Zug rollt. Und er hat den Bahnhof längst verlassen.

Österreich ist der European Sky Shield Initiative (ESSI) offiziell am 28. Mai 2024 beigetreten – Verteidigungsministerin Tanner unterzeichnete das Memorandum of Understanding in Brüssel.

Ohne vorherigen Parlamentsbeschluss.

Ohne Rechtsgutachten.

Ohne Kosten-Nutzen-Analyse.

Die Gesamtkosten für Österreich werden inzwischen mit bis zu 7 Milliarden Euro angegeben – wobei diese Zahl nur die Infrastruktur umfasst. Die Raketen selbst – das eigentliche Wirkungsmittel des Systems – sind darin nicht enthalten. Eine Arrow-3-Abfangrakete kostet zwischen 3 und 4 Millionen US-Dollar pro Stück. Eine komplette Patriot-Batterie inklusive Raketen liegt bei rund 1,1 Milliarden US-Dollar. Die tatsächlichen Gesamtkosten über 10 bis 15 Jahre wurden nie kommuniziert – nicht dem Parlament, nicht der Öffentlichkeit.

Die Neutralität – politische Beteuerung statt Rechtsgutachten

Wohlgemerkt: Österreichs Neutralität ist eine bewehrte Neutralität – das Recht und die Pflicht zur Landesverteidigung sind ausdrücklich im Neutralitätsgesetz verankert. Die Frage ist nicht ob Österreich sich verteidigen darf – sondern ob Sky Shield der richtige Weg ist. Die in diesem Artikel dargelegten Fakten sprechen eine deutliche Sprache.

Sie ist nicht nur ein Rechtsprinzip – sie ist Lebensversicherung. Ein kleines Land in der Mitte Europas, das sich aus Konflikten heraushält. Das hat Österreich Jahrzehnte des Friedens gebracht. Das leichtfertig aufzugeben – ohne Debatte, ohne Gutachten, ohne Parlamentsbeschluss – ist fahrlässig. Im besten Fall.

Das Kernproblem ist nicht technischer, sondern verfassungsrechtlicher Natur. Österreichs Neutralität ist kein historisches Relikt – sie ist eine strategische Ressource. Ein neutrales Österreich hat keinen Grund, zum militärischen Ziel zu werden. Ein Österreich, das operativ in ein integriertes europäisches Luftverteidigungssystem eingebunden ist, könnte im Konfliktfall als Teilnehmer einer integrierten Verteidigungsstruktur wahrgenommen werden.

Und genau das ist das Problem mit Sky Shield: Moderne Raketenabwehr funktioniert nicht im nationalen Alleinbetrieb. Sie erfordert koordinierte Radarnetzwerke, gemeinsame Führungssysteme und abgestimmte Abschussentscheidungen. Österreich würde damit operativ in eine Kommandostruktur eingebunden, die letztlich NATO-nah organisiert ist. Das ist keine Spekulation – es ist die technische Grundbedingung des Systems.

Dass dieses Faktum eine verfassungsrechtliche Prüfung erfordert, liegt auf der Hand. Genau deshalb wurde im Parlament offiziell nach einem Gutachten des Verfassungsdienstes gefragt. Die Antwort: Es gibt keines. Österreich hat lediglich eine politische Zusatzerklärung unterzeichnet, dass die Neutralität gewahrt bleibe. Eine politische Beteuerung ist kein Rechtsgutachten. Sie klärt nichts, sie verpflichtet zu nichts, und sie schützt im Ernstfall niemanden.

Eine Entscheidung dieser Tragweite ohne verfassungsrechtliche Absicherung zu treffen ist entweder grobe Fahrlässigkeit – oder die bewusste Umgehung einer Antwort, die politisch unbequem wäre.

Was das System kann – und was nicht

Österreich hat tatsächlich massive Lücken in der Luftverteidigung – das ist unbestritten. Das vorhandene System des Bundesheers hat eine Reichweite von maximal 6 Kilometern horizontal und 3 Kilometern vertikal. Das ist gegen moderne Bedrohungen schlicht bedeutungslos.

Aber Sky Shield ist die falsche Antwort auf echte Fragen.

Was das System kann: Konventionelle ballistische Kurzstreckenraketen älterer Bauart, bestimmte Drohnentypen, ältere Marschflugkörper. Das ist nicht nichts – aber es ist auch nicht das, womit ein tatsächlicher Großkonflikt im 21. Jahrhundert geführt würde.

Was das System nicht kann, ist entscheidend: Hyperschallraketen fliegen mit mehr als Mach 5, in niedrigen Flughöhen, auf unvorhersehbaren manövrierbaren Bahnen. Patriot und Arrow 3 wurden für ballistische Raketen mit vorhersehbarer parabolischer Flugbahn konzipiert. Gegen Hyperschallraketen sind sie konzeptionell ungeeignet.

US-General John Hyten, damals Befehlshaber des US Strategic Command, erklärte vor dem US-Kongress öffentlich, dass die USA über kein Abwehrsystem verfügten, das den Einsatz solcher Waffen verhindern könne – die einzige Antwort sei nukleare Abschreckung. Russland und China verfügen heute über einsatzfähige Hyperschallraketen. Interkontinentalraketen fliegen durch den Weltraum – kein europäisches System ist dafür ausgelegt. Und günstige Massendrohnen, wie sie im Ukraine-Krieg massenhaft eingesetzt werden, mit einer Patriot-Rakete für 4 Millionen Dollar abzuschießen, ist strategischer Unsinn.

Das österreichische Bundesheer listet in seiner offiziellen Kommunikation Hyperschallflugkörper als Bedrohung auf, gegen die Sky Shield Schutz bieten soll. Das steht in direktem Widerspruch zu den technischen Fakten und zur offiziellen US-Verteidigungsanalyse.

Die Profiteure – und es sind nicht die Österreicher

Die Hersteller stehen fest: Raytheon (USA) und das israelisch-amerikanische Konsortium Rafael/IAI. Ein öffentliches Ausschreibungsverfahren hat es nicht gegeben – und das ist kein Zufall, sondern Konstrukt.

Verteidigungsministerin Tanner unterzeichnete das Memorandum of Understanding am 28. Mai 2024 in Brüssel – ohne vorherigen Parlamentsbeschluss, ohne Rechtsgutachten, im Alleingang. SPÖ-Wehrsprecher Laimer forderte sie damals öffentlich auf, Sky Shield dem Parlament vorzulegen.

Die Schweiz, ebenfalls neutral, wählte ausdrücklich den parlamentarischen Weg. Österreich nicht. Mit ihrer Unterschrift hat Tanner ein Konstrukt in Kraft gesetzt, in dem die Hersteller von vornherein feststehen. Eine öffentliche Ausschreibung ist in diesem Rahmen faktisch ausgeschlossen – und war es von Anfang an. Das ist keine Nachlässigkeit. Das ist eine Entscheidung – getroffen von einer einzelnen Ministerin, vorbei am Parlament, vorbei an der Öffentlichkeit.

Aus keinem der vorliegenden Berichte geht hervor, dass seitens der anwesenden Medien kritische Fragen zu diesen Punkten beim Pressegespräch gestellt wurden.

7 Milliarden Euro – und in Zukunft noch viel mehr – fließen ins Ausland. Österreichische Steuerzahler finanzieren amerikanische und israelische Rüstungskonzerne. Die österreichische Industrie ist an diesem Milliardenprojekt kaum bis gar nicht beteiligt.

Das Muster ist bekannt: Der Eurofighter lässt grüßen

Der Vergleich mit den Eurofightern ist nicht polemisch – er ist strukturell berechtigt. Das Muster ist nahezu identisch: Eine milliardenschwere Rüstungsbeschaffung mit scheibchenweiser Kostenkommunikation. Das Parlament als Zaungast, nicht als Akteur. Fraglicher Nutzen gegen die tatsächlichen Bedrohungsszenarien. Und die Hauptprofiteure sitzen im Ausland.

Der wesentliche Unterschied: Beim Eurofighter war die Grundfunktion – ein Flugzeug, das fliegt – unbestritten. Bei Sky Shield wird ein System verkauft, das gegen die wahrscheinlichsten modernen Bedrohungsszenarien nachweislich nicht wirksam ist. Das ist, nüchtern betrachtet, noch gravierender.

Und noch ein ‚Und‘ gibt es: ein Budgetdefizit von 4,7 Prozent des BIP, ein laufendes EU-Defizitaufsichtsverfahren, eine Bevölkerung, die unter steigenden Preisen stöhnt – und eine Regierung, die gänzlich unbeeindruckt davon mit eiskaltem Grinsen weitere Milliarden in ein System pumpt, das gegen die falschen Bedrohungen schützt – wenn überhaupt.

Was jetzt zu fordern ist

Ein Projekt dieser Dimension – verfassungsrechtlich ungeklärt, parlamentarisch nicht legitimiert, kostenmäßig unvollständig kommuniziert, technisch in wesentlichen Punkten unwirksam – darf nicht einfach durchgewunken werden.

Politische und juristische Forderungen

Was sofort eingefordert werden muss: Ein verbindliches Gutachten des Verfassungsdienstes zur Vereinbarkeit mit der österreichischen Neutralität – nicht eine politische Beteuerung, sondern ein rechtsverbindliches Dokument.

Eine vollständige Kosten-Nutzen-Analyse, die auch die Raketenkosten und den Betrieb über 15 Jahre umfasst.

Und eine echte parlamentarische Debatte – keine nachträgliche Absegnung vollendeter Tatsachen.

Wer hier Verantwortung trägt, muss Rechenschaft ablegen. Parlamentarier aller Fraktionen sind aufgefordert, diese Fragen mit Nachdruck zu stellen – und sich nicht mit Durchhalteparolen abspeisen zu lassen.

Was Österreich derzeit bekommt, wenn nicht sofort die Bremse gezogen wird: wohl unvermeidbar den nächsten Rüstungsskandal, ein hochoffizielles Begräbnis der letzten Neutralitäts-Zuckungen, ein Budgetdefizit, das nicht mehr zu retten ist – und im Kriegsfall ein Land, das als Teilnehmer wahrgenommen werden könnte – und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch so behandelt wird.

Was jeder Bürger tun kann

Demokratie funktioniert nur, wenn Bürger hinschauen. Informieren Sie sich – die vollständige Analyse mit allen Belegen liegt als PDF vor. Teilen Sie diese Informationen – in Ihrem Umfeld, in sozialen Netzwerken, bei Veranstaltungen. Fragen Sie Ihre gewählten Vertreter, was sie konkret tun, um die massiv offenen Fragen zu klären. Unterstützen Sie unabhängige Medien und Bürgerjournalisten, die berichten, wo andere schweigen.

Dass ein aufmerksamer Bürger diese Fragen stellen muss, weil Parlamentarier und etablierte Medien es mehrheitlich nicht tun, sagt alles über den Zustand unserer demokratischen Kontrolle. Aber es zeigt auch: Aufklärung ist möglich – wenn genug Menschen hinschauen und weitergeben.

Die vollständige Analyse mit sämtlichen Quellenangaben und Belegen steht als PDF zum Download bereit – für alle, die tiefer einsteigen und sich selbst ein Bild machen wollen:

SkyShield_Analyse_02-2026

Quellen:

  1. Bundesheer OTS-Presseaussendung, 20. Februar 2026
  2. ORF Salzburg, 20. Februar 2026
  3. Salzburg24, 20. Februar 202
  4. meinbezirk.at – Projekt Mars

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Andreas S., aufmerksamer Bürger, unabhängiger Autor und Rechercheur*


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Ein Kommentar

  1. Der Zivilist 24. Februar 2026 um 11:44 Uhr - Antworten

    Auch in Österreich ‚UNSERE Demokratie‘ ?

    Die MIKs verschaffen sich gegenseitig Geschäft und nie waren die Bedingungen dafür besser, als heute, wo die Miniaturisierung ganz neues Kriegsgerät für neue Arten der Kriegsführung hervorbringt.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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