Von „robustem Wachstum“ sprechen die Ökonomen des renommierten „Wiener Instituts für internationale Wirtschaftsvergleiche“ (WIIW) auf ihrer jährlich stattfindenden Pressekonferenz am 21. Oktober 2026; zumindest für die Länder Mittel- und Osteuropas schätzen sie die Lage so ein.
„Erstaunlich widerstandsfähig“ gegen die Unbillen der geopolitischen Verwerfungen erweisen sich in der Prognose vor allem Polen, Serbien und Kasachstan. „Auch Tschechien zeigt vor, wie es geht“, meint der stellvertretende Direktor Richard Grieveson in Hinblick auf das BIP-Wachstum. Die Schwäche der deutschen Autoindustrie kann ihnen überraschenderweise wenig anhaben. Anders ist das bei der Slowakei und Rumänien, die unter hohem Budgetdefizit leiden und 2026 negative Wachstumsraten aufweisen.
Während der vergleichsweise Kleinraum der osteuropäischen EU-Länder sich makroökonomisch relativ krisenfest zeigt, ist die weltsystemische wirtschaftliche Großwetterlage eine bedrohliche. Kriege im Nahen Osten und der Ukraine wirken sich auch jenseits der militärischen Einschläge verheerend aus. Als sichtbarstes Indiz dafür nennen die Spezialisten des WIIW die steigenden Energiepreise. Innerhalb von nur acht Monaten (von Februar bis Oktober 2026) legte der Rohölpreis (Brent-Futures) um 52% zu. Bei dem für den Handel in Europa ausschlaggebenden Börsenpreis für Gas – niederländische TTF-Gas-Futures – beträgt die Zunahme extreme 174%. Das treibt die Inflation in die Höhe, was wiederum dazu führt, eine für neue Investitionen wichtige Zinssenkung zu verunmöglichen.
Folgerichtig sind es nur wenige Branchen, in denen wirtschaftliches Wachstum generiert wird. Für Deutschland ist dies vor allem die Rüstungsindustrie, ein tödlicher Industriezweig, den auch die Spezialisten des WIIW als „nicht unbedingt nachhaltig“ bezeichnen. Weiters kann man einen gewissen Aufschwung in der Digitalwirtschaft beobachten, insbesondere dem Aufbau von Rechenzentren: „Das ist das neue deutsche Industriemodell“.
Der große Crash steht freilich noch in den Sternen bzw. demnächst bevor, nämlich die geopolitische und geoökonomische Auseinandersetzung EU-Europas mit China. Brüssel ist gerade dabei, einen protektionistischen Schirm gegenüber chinesischen Importen aufzurichten. „Made/Buy European“ soll das Handelsdefizit mit China in den Griff bekommen. Es betrug in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich 322 Mrd. Euro (pro Jahr), das sind fast eine Milliarde pro Tag. Eine von der Deutschen Industrie- und Handelskammer im Herbst 2026 durchgeführte Umfrage unter Industrieunternehmen legte nicht nur offen, dass 83% der Unternehmen den verstärkten Druck aus China spüren, sondern machte auch klar, dass sich 55% der Befragten für eine härtere EU-Gangart gegen China aussprachen, selbst dann, wenn diese auf eigene Kosten ginge, weil z.B. chinesische Komponenten nicht mehr so günstig erhältlich wären.
Abschließend widmeten sich die Ökonomen des WIIW dann noch den beiden kriegsführenden Ländern Ukraine und Russland. „Die wirtschaftliche Lage der Ukraine spitzt sich zu“, fassten sie zusammen, weil „Russlands massive Luftangriffe und die damit verbundenen Zerstörungen von Energieanlagen, kritischer Infrastruktur und Verladeeinrichtungen am Schwarzen Meer sowie die Blockade der Häfen die Wirtschaft immer härter treffen (…) Besonders schwer trifft die Zerstörung der Exportinfrastruktur des Landes die Landwirtschaft.“ Innerhalb eines Monats, zwischen Juli und August 2026, sanken die Getreideexporte um 70%. Wenn bereits die Reparatur von beschädigten Einrichtungen als einer der ökonomischen Triebkräfte einzuschätzen ist, dann sieht es sehr dunkel aus für die entsprechende – ukrainische – Volkswirtschaft.
Auch auf der anderen, der russischen Seite der Front, konstatiert der Experte Vasily Astrov einen „sehr konkreten negativen Effekt auf das russische Wachstum“ durch ukrainische Drohnenattacken. Investitionen gingen im ersten Halbjahr 2026 um 10% zurück, die Zinslast von 14% hemmt sie enorm. Fehlende neue Produktionskapazitäten sind eines der größten Probleme der russischen Volkswirtschaft und erstmals seit längerer Zeit steigt auch wieder die Arbeitslosigkeit im größten Land der Welt, so der Experte.
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Hannes Hofbauer ist Autor und Verleger in Wien in Wien. Unter anderem von ihm erschienen: „Im Wirtschaftskrieg. Die Sanktionspolitik des Westens und ihre Folgen. Das Beispiel Russland“.
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3 Kommentare
Bei der Inflation ist Wachstum allein durch eine zu niedrig gerechnete Inflation schon gegeben…
Ein System, das ‚Wirtschaftswachstum‘ ad Infinitum braucht, ist krank.
So ist es – es steuert unwiederbringlich auf den Abgrund zu. Dass jedes Wachstum Grenzen hat, wurde schon in den 70er-Jahren immer wieder betont, aber nun, da die Folgen besonders gravierend werden, ist „die“ Wirtschaft umso unfähiger, den Irrweg zu erkennen. Stichwort eben auch Internet und Globalisierung. Man muss bei allem „mitmachen“ bis zum bitteren Ende… der Kollateralschaden Mensch zählt nicht mehr…. sind eh viel zu viele… Endloses Wachstum und Luxus für Wenige, Hunger, Krieg und Verderben für „den Rest“. War es nicht immer schon so – bis dann der große Einschnitt kam. Nur dass heute vermutlich immer tiefere Einschnitte nötig sind – eben bis hin zu atomarer Zerstörung.
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