Europa ohne Öl

6. April 2026von 15,6 Minuten Lesezeit

Folge dem Öl – Teil 2: Wie der Westen sich selbst aus dem Spiel nahm – und wer davon profitiert

Am 1. April 2026 schrieb Donald Trump auf Truth Social: „All of those countries that can’t get fuel because of the Strait of Hormuz – I have a suggestion for you: Number one, buy from the US. We have plenty. And number two, build up some delayed courage, go to the Strait, and just TAKE IT.“ Und ergänzte: „The United States won’t be there to help you anymore.“

Dieser Satz ist kein Affront. Er ist keine Provokation. Er ist eine Zustandsbeschreibung – und Trump weiß das genau. Europa kann nicht. Weder kaufen, was es wirklich braucht, noch hin und holen, was es benötigt. Der erste Teil dieser Serie hat gezeigt, wie die US-Strategie China über Energieentzug einhegt – Venezuela, Iran, Panama als aufeinanderfolgende Schritte einer kohärenten Logik. Dieser zweite Teil zeigt, was mit dem anderen Ende dieser Strategie passiert ist: mit Europa.

Das Ergebnis ist klar. Ob es Plan oder Opportunismus war – das bleibt Aufgabe des Lesers zu beurteilen. Die Fakten sprechen für sich.

1. Der erste Schnitt: Nord Stream und das Ende der russischen Energiebrücke

Europa hat sich über Jahrzehnte auf russisches Erdgas als Rückgrat seiner Energieversorgung verlassen. Nicht aus Naivität, sondern aus ökonomischer Logik: russisches Gas war günstig, zuverlässig und über kurze Leitungswege lieferbar. Die Nord Stream Pipelines – Nord Stream 1 seit 2011 in Betrieb, Nord Stream 2 fertiggestellt aber nie kommerziell genutzt – waren die physische Verkörperung dieser Abhängigkeit. 55 Milliarden Kubikmeter Kapazität pro Jahr. Für Deutschland allein.

Im September 2022 wurden beide Pipelines gesprengt. Drei von vier Strängen zerstört, einer beschädigt. Es war der größte Angriff auf kritische Energieinfrastruktur in der Geschichte Europas in Friedenszeiten.

Wer es getan hat, ist juristisch nicht abschließend geklärt. Was dagegen klar ist: Das Ergebnis. Europa erhält kein russisches Gas mehr über diese Route. Und Russland, sanktioniert mit über 20 EU-Sanktionspaketen, hat seine Energieexporte konsequent nach Asien umgeleitet – nach China, Indien, in den Globalen Süden. Der Weg zurück ist politisch auf absehbare Zeit verbaut.

Die Konsequenzen für Europa sind messbar. Die Energiepreise explodierten 2022–2023 auf das Drei- bis Vierfache des Vorkriegsniveaus. Die Industrie – insbesondere die deutsche, die auf günstiger Energie als Wettbewerbsvorteil aufgebaut war – begann systematisch abzuwandern. BASF, der größte Chemiekonzern der Welt mit Stammsitz in Ludwigshafen, hat seine Produktion in China massiv ausgebaut. Was dort bleibt, ist zunehmend nur noch Verwaltung. Volkswagen schließt Werke in Deutschland. Die Chemieindustrie insgesamt – 45 Prozent des deutschen Industrieverbrauchs entfällt auf Erdgas – steht vor einer Standortfrage, die keine politische Rede beantwortet.

Energieversorgungsweg Ost: gekappt.

2. Der zweite Schnitt: Hormuz, Houthis und das Doppelschloss

Der erste Weg war Russland. Der zweite Weg war die Golfregion.

Seit dem 28. Februar 2026, dem Beginn der Operation Epic Fury, ist die Straße von Hormuz faktisch gesperrt. Rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels und 20 Prozent des globalen LNG-Handels passieren diese 33 Kilometer breite Meerenge an der Südküste Irans. Vor dem Krieg: täglich über 110 Schiffe. Heute: weniger als 10 – und die bezahlen dem iranischen IRGC bis zu 2 Millionen Dollar pro Durchfahrt in chinesischen Yuan.

Der zweite Engpass ist Bab al-Mandab, das „Tor der Tränen“ zwischen Jemen und dem Horn von Afrika – Eingang zum Roten Meer, Zugang zum Suezkanal. Rund 12 Prozent des weltweiten Seehandels laufen hier durch. Seit dem 28. März 2026 sind die Houthis aktiv in den Krieg eingetreten und haben Israel zweimal angegriffen. Die Drohung, auch Bab al-Mandab zu schließen, ist damit keine Theorie mehr, sondern ein aktivierter Mechanismus.

Hormuz und Bab al-Mandab sind keine benachbarten Engpässe. Sie sind aufeinanderfolgende Chokepoints auf derselben Energiearterie – der Route, die Golfstaaten-Öl nach Europa bringt. Wenn Hormuz blockiert ist, verlässt das Öl den Persischen Golf nicht. Wenn Bab al-Mandab blockiert ist, erreicht es das Mittelmeer nicht. Beide gleichzeitig: Die Route bricht von Ende zu Ende zusammen.

Für die Analyse der militärischen Dimension dieses Doppelschlosses und seiner Konsequenzen für mögliche US-Bodenoperationen: Iran Insight: Bodentruppen und das Doppelschloss

Für die nuklearen Risiken am dritten Chokepoint der Region: Iran Insight: Was passiert, wenn Buschehr brennt

Saudi-Arabiens East-West-Pipeline – 7 Millionen Barrel täglich Kapazität, umgeht Hormuz vollständig – läuft seit dem 28. Februar auf voller Last. Das ist kein Zufall. Das ist Krisenvorsorge, die Riad seit Jahren aufgebaut hat. Für Saudi-Arabien gibt es einen Ausweg. Für die Öltanker aus Kuwait, den VAE oder Katar gibt es ihn nicht.

Energieversorgungsweg Süd: gekappt.

3. Spanien – das einzige europäische Land, das es begriffen hat

Während Deutschland, Frankreich und Großbritannien sich in diplomatischen Formulierungen verloren, hat Spanien eine einfache Entscheidung getroffen: keine US-amerikanischen oder israelischen Militäroperationen von spanischem Boden aus.

Die Flughäfen wurden für entsprechende Operationen geschlossen. Die Ansage war klar und öffentlich.

Das Ergebnis: Iran hat Spanien freie Hormuz-Durchfahrt gewährt. Während der Rest Europas über steigende Energiepreise klagt, kauft Spanien golfstaatliches Öl.

Das ist kein Zufall. Das ist die iranische Umsetzung eines einfachen Prinzips: Wer nicht kämpft, wird nicht bestraft. Das ist gleichzeitig die praktische Widerlegung der These, Europa könne keine neutrale Position einnehmen. Spanien hat es getan. Es funktioniert.

Was sagt das über die anderen? Darüber möge der Leser urteilen.

4. Europas militärische Handlungsunfähigkeit – Zahlen statt Rhetorik

Trump sagt: „Go get your own oil.“ Was klingt wie eine Herausforderung, ist in Wirklichkeit eine Unmöglichkeit – und Trump weiß das.

Die Bundeswehr verfügt nach den Erkenntnissen eigener Analysen (Kriegstüchtig auf dem Papier, Siegfähig in der Planung) über Munition für zwei bis drei Tage intensiven Kampfes. Nicht Wochen. Nicht Monate. Tage. Die Luftwaffe kann mit ihren vorhandenen Raketen etwa vier Tage Luftkrieg führen, danach sind die Bestände erschöpft. Die Marine? Nach Angaben des Verteidigungsausschusses: rund fünf Tage Seegefecht, dann sind die Flugabwehrraketen leer – und es gibt keinen Nachschub, weil das Aufmunitionieren im Ausland aufgrund von Gefahrgutregeln nicht möglich ist. Die Fregatte kommt nach Deutschland zurück, munitioniert auf, fährt wieder runter. Das dauert Wochen.

Die Logistik: Eine Brigade benötigt täglich 125.000 Liter Kraftstoff. Neun NATO-fähige Brigaden erfordern rund 810 Tankfahrzeuge. Vorhanden: zwischen 100 und 120. 87 Prozent fehlen.

Die Artillerie: Bedarf bis 2031 an 155mm-Geschossen: 230.000 Stück. Vorrat: etwa 20.000. Fehlmenge: 91 Prozent. Im Ukraine-Krieg verschießt Russland täglich 10.000 bis 20.000 Granaten. Alle deutschen Vorräte würden für einen einzigen Tag reichen.

Die Kampferfahrung: Von 93.000 Afghanistan-Veteranen hatten maximal 1.300 bis 1.900 Soldaten echte Gefechtserfahrung – heute noch aktiv und einsatzfähig. Das sind ein bis zwei Prozent der Bundeswehr.

Und das nach der „Zeitenwende“, nach 100 Milliarden Sondervermögen, nach „Germany is back“. Fünf Patriot-Systeme wurden an die Ukraine abgegeben. Panzerhaubitzen, Leopard-Panzer, Munition – verschenkt, ohne Ersatz. Die 10. Panzerdivision wurde 2025 als „einsatzbereit“ deklariert, indem alle anderen Verbände kanibalisiert wurden. Außerhalb dieser einen Division liegt die Einsatzbereitschaft bei rund 50 Prozent.

Das Vereinigte Königreich und Frankreich sind besser aufgestellt – aber nicht so gut, dass ein erzwungenes Öffnen der Straße von Hormuz gegen den Willen Irans, der IRGC-Marine und ihrer Schnellboote, Drohnen und Anti-Schiff-Raketen eine realistische Option wäre. 22 Länder haben sich dem US-Koalitionsrahmen für Hormuz angeschlossen – darunter VAE, Bahrain, Kanada, Australien und mehrere europäische Staaten. Aber selbst diese Koalition hat die Meerenge nicht geöffnet.

Europa kann nicht hingehen und sich das Öl holen. Nicht militärisch. Nicht logistisch. Nicht politisch.

5. Die wirtschaftliche Auszehrung – drei Jahrzehnte in einem Satz

Die Energiekrise ist nicht der Beginn von Europas wirtschaftlicher Schwächung. Sie ist das vorläufige Ende eines langen Prozesses.

Deutschland war über Jahrzehnte das Rückgrat der europäischen Industrie – aufgebaut auf drei Säulen: günstige Energie aus Russland, freier Zugang zu Weltmärkten über offene Handelswege, und technologische Exportstärke in Automobil, Maschinenbau und Chemie. Alle drei Säulen stehen unter Druck.

Die Energiepreise sind seit 2022 strukturell höher als in den USA, China oder dem Nahen Osten. Die Folge: Standortverlagerungen. BASF Ludwigshafen wird zunehmend zur Verwaltungszentrale, während die Produktion in China expandiert. Volkswagen schließt Werke. Die Stahlindustrie kämpft ums Überleben. Thyssenkrupp, BASF, Bayer – alle unter massivem Kostendruck.

Die Ukraine-Unterstützung hat Europa zusätzlich belastet. Nicht nur durch direkte Militärhilfe, sondern durch die Sanktionen, die Europa ebenso getroffen haben wie Russland – wenn nicht mehr. Das russische BIP ist 2022 um rund 2 Prozent geschrumpft. Die europäische Industrie hat Energiepreisexplosionen, Lieferkettenprobleme und Nachfrageeinbrüche gleichzeitig verkraftet.

Und nun kommt der Golfschock on top: Ölpreis über 100 Dollar seit dem 28. Februar, Treibstoffpreise in Deutschland zeitweise auf Allzeithöchststand, EU-Energieminister in Krisensitzung.

Wer Energie hat, kann produzieren. Wer keine hat, kauft – oder schrumpft.

6. Die US-Seite der Gleichung – Öl als Staatsdoktrin

Während Europa seine Energieversorgung systematisch verloren hat, hat die USA unter Trump die ihre systematisch aufgebaut.

„Drill, baby, drill“ ist keine Parole. Es ist Staatsdoktrin. Die USA sind seit Jahren der weltgrößte Ölproduzent – über 13 Millionen Barrel täglich. Venezuela, einst Hochburg des staatlichen Ölnationalismus, steht nach der US-Operation Anfang 2026 faktisch unter US-Energiekontrolle – rund 4.000 Kilometer von den US-Häfen entfernt, deutlich näher als der Persische Golf. Lieferwege kurz, Transportkosten gering, Abhängigkeit vom mittleren Osten eliminiert.

Trump hat es am 1. April offen gesagt: „Iran has been essentially decimated. The hard part is done. Go get your own oil.“ Und: „Buy from the US. We have plenty.“

Das ist kein Zynismus. Das ist Angebot und Nachfrage. Europa braucht Öl. Die USA haben Öl. Europa kann es nirgendwo anders herbekommen – zumindest nicht ohne Risiko, nicht ohne Kosten, nicht ohne Abhängigkeit.

In einer freien Marktwirtschaft hätte die US-Industrie den europäischen Produktionsstandorten nie die Stirn bieten können. Günstige europäische Energie, hochentwickelte Infrastruktur, qualifizierte Arbeitskräfte – das war ein Wettbewerbsvorteil, der nicht leicht zu schlagen war. Wenn allerdings die Energiekosten in Europa auf das Drei- bis Vierfache steigen, während die USA günstigste eigene Energie haben, verschiebt sich das Gleichgewicht fundamental. Die US-Industrie bekommt eine Chance, die sie im fairen Wettbewerb nicht hätte.

Ob das kalkuliert war oder sich aus einer Abfolge von Entscheidungen ergeben hat – der Leser zieht seine Schlüsse. Das Ergebnis ist identisch.

7. Der strategische Rahmen – was Brzezinski, Mackinder und Ismay wussten

Diese Entwicklungen sind nicht ohne historischen Rahmen zu verstehen.

Zbigniew Brzezinski hat in „The Grand Chessboard“ (1997) explizit beschrieben, dass eine Annäherung zwischen Deutschland und Russland – eine deutsch-russische Achse – die größte Bedrohung für amerikanische Hegemonie in Eurasien darstellen würde. Russland allein ist handelbar. Deutschland allein ist handelbar. Beide zusammen, mit russischen Rohstoffen und deutscher Technologie und Industriekapazität, wären eine Macht, die den geopolitischen Rahmen des 21. Jahrhunderts neu definieren könnte.

Halford Mackinder hat 1904 in seiner Heartland-Theorie formuliert: Wer Osteuropa beherrscht, beherrscht das Herzland. Wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Weltinsel. Wer die Weltinsel beherrscht, beherrscht die Welt. Die Ukraine ist, wenn man diese Karte betrachtet, kein zufälliger Konfliktherd. Sie ist geografisch ein Keil – der direkteste Landweg zwischen dem deutschen Wirtschaftsraum und dem russischen Ressourcenraum. Ein physischer Keil im wahrsten Sinne.

Ein dritter Baustein dieses Rahmens ist Syrien – weniger sichtbar, aber strategisch nicht minder bedeutsam. Chinas Belt and Road Initiative plant einen Landkorridor von Zentralasien über den Iran und Syrien ans Mittelmeer – eine Alternative zu den seegestützten Energierouten, die Iran und China verbindet. Nach dem Sturz Assads im Dezember 2024 übernahm Hayat Tahrir al-Sham unter Ahmed al-Sharaa die Kontrolle über Syrien. Al-Sharaa stand bis 2023 auf der US-Terrorliste mit einem Kopfgeld von 10 Millionen Dollar. Heute ist er Syriens De-facto-Präsident. Ob das Zufall ist oder Ergebnis – der Landkorridor, den China und Iran gemeinsam entwickeln wollten, ist damit vorerst unterbrochen. Die Belt and Road Initiative verliert ihren westlichen Endpunkt. Auch das ist ein Ergebnis, das sich in eine kohärente Logik einfügt.

Lord Hastings Ismay, erster NATO-Generalsekretär, hat den Zweck des Bündnisses auf drei Formeln reduziert: „Keep the Americans in, the Russians out, the Germans down.“

Und dann, am 1. April 2026, geht Trump einen Schritt weiter. Im Interview mit The Telegraph sagt er, ein NATO-Austritt der USA sei „beyond reconsideration“ – also längst beschlossene Sache in seiner Gedankenwelt. Auf die direkte Frage ob er erwäge, die USA aus dem Bündnis zu ziehen: „Oh, absolutely, without question. Wouldn’t you do that if you were me?“ NATO sei ein „paper tiger“. „I was never swayed by NATO. I always knew they were a paper tiger, and Putin knows that too, by the way.“

Hintergrund: Europa hat die US-Militärflugzeuge für Operationen gegen Iran nicht durchgelassen. Spanien, aber auch andere Länder haben die Nutzung ihrer Basen verweigert. Trump reagiert mit der maximalen Drohung – dem Ende der Beistandsgarantie, die Europa seit 1949 als selbstverständlich betrachtet hat.

Ismay hätte es gewusst: „Keep the Americans in“ war immer die erste Bedingung. Wenn die erste Bedingung wegfällt, ist die Architektur des westlichen Sicherheitssystems offen.

Alle drei Ziele sind 2026 erfüllt. Die USA sind in Europa präsent wie seit Jahrzehnten nicht. Russland ist isoliert, sanktioniert und in einem Zermürbungskrieg gebunden. Und Deutschland? Deutschland diskutiert über Wehrpflicht, kann keine Artilleriegranaten kaufen, verliert seine Industrie – und erklärt auf dem FAZ-Kongress, „das ist nicht unser Krieg.“

Ob Brzezinski und Mackinder als Blaupause dienten oder ob sich die Geschichte einfach nach ihren eigenen Gesetzen bewegt – das Ergebnis entspricht der Theorie.

8. Merz, Rammstein und die Frage der Ehrlichkeit

Bundeskanzler Friedrich Merz hat in diesem Krieg eine Position eingenommen, die einer näheren Betrachtung standzuhalten hat.

Einerseits erklärt er: „Das ist nicht unser Krieg.“ Deutschland sei nicht Teil des Konflikts und wolle es nicht werden. Das ist eine legitime Position – sie hat nur einen Haken. Denn gleichzeitig operieren US-amerikanische Reaper-Drohnen von deutschem Boden aus. Ramstein Air Base, eines der wichtigsten US-Logistikzentren weltweit, ist in Deutschland. AFRICOM ist in Stuttgart. Die USA unterhalten über 40 Militäreinrichtungen auf deutschem Territorium.

„Das ist nicht unser Krieg“ und „von unserem Boden aus gestartet“ schließen sich logisch aus.

Merz hat auf dem FAZ-Kongress gesagt, was Trump im Iran tut, sei „eine massive Eskalation mit offenem Ausgang“ – richtig. Er hat bezweifelt, dass Regime-Change das Ziel sein kann – analytisch korrekt. Er hat gleichzeitig angedeutet, die Bundeswehr könnte nach dem Krieg bei der Minenräumung in Hormuz helfen – womit er implizit eine deutsche Rolle im Nachgang des Krieges akzeptiert, den er „nicht unser Krieg“ nennt.

Das ist keine politische Kritik. Das sind Widersprüche, die der Leser einordnen möge.

9. Das Gesamtbild – Europas Abgang von der geopolitischen Bühne

Wo steht Europa am 1. April 2026?

Energieversorgung Ost: weg. Energieversorgung Süd: weg. Militärische Handlungsfähigkeit: minimal. Industrielle Wettbewerbsfähigkeit: unter massivem Druck. Politische Geschlossenheit: Spanien macht sein Ding, die anderen streiten über gemeinsame Erklärungen.

Die einzige verbleibende Energieoption ist Import aus den USA. Das ist teurer als russisches Gas und teurer als Golf-Öl. Es bedeutet strukturelle Abhängigkeit von einem Partner, der gerade öffentlich erklärt hat: „The USA won’t be there to help you anymore.“

Europa ist nicht auf dem Abstellgleis gelandet. Es wurde dorthin geführt – durch eine Abfolge von Entscheidungen, deren Ergebnis heute sichtbar ist: Nord-Stream-Sprengung, Russland-Sanktionen, Ukraine-Militärhilfe bis zur Selbstentleerung, Hormuz-Schließung durch den Iran-Krieg. Ob diese Abfolge koordiniert war oder ob jedes Glied unabhängig entstand – das Resultat ist eine europäische Wirtschaft ohne günstige Energieversorgung, eine europäische Armee ohne Kampffähigkeit, und eine europäische Politik ohne strategischen Kompass.

Wer profitiert? Die USA haben Öl zu verkaufen, Märkte zu erschließen und eine Industrie, die plötzlich konkurrenzfähig ist. China kauft iranisches und russisches Öl zu Discountpreisen – abgeschirmt vom Dollar-System, in Yuan abgewickelt. Russland hat seine Energieexporte nach Asien umgeleitet und kämpft in der Ukraine mit europäischem Geld und amerikanischer Munition, aber ohne europäische Truppen gegenüber.

Europa zahlt die Rechnung. Und kauft das Öl der USA.

Ausblick: Teil 3 – Die Golfstaaten zwischen den Fronten

Was mit Europa passiert ist, passiert mit den Golfstaaten in einem anderen Register. Sie sind nicht auf dem Abstellgleis – sie sind der Kampfplatz. Bahrain, Katar, Kuwait, die VAE: bombardiert, unter Druck gesetzt, zwischen US-Sicherheitsgarantien und iranischen Drohungen. Und intern gespalten: Saudi-Arabien und die VAE wollen den Krieg beendet sehen – aber Iran geschwächt. Katar und Oman wollen Diplomatie, so schnell wie möglich.

Trump hat durch den Krieg einen Keil in die Golfregion getrieben, der die OPEC-Kohärenz gefährdet und die regionale Sicherheitsarchitektur fundamental neu schreibt.

Das ist der Stoff für Teil 3.

Quellen
[1] Zbigniew Brzezinski – The Grand Chessboard (1997), Basic Books
[2] Halford Mackinder – The Geographical Pivot of History (1904), The Geographical Journal
[3] Lord Hastings Ismay – NATO-Gründungsdoktrinen, zitiert in: Timothy Garton Ash, Free World (2004)
[4] Michael Hollister – „Siegfähig“: Eine Realsatire in 7 Akten (2025): https://www.michael-hollister.com/de/2025/12/28/siegfaehig/
[5] Michael Hollister – Kriegstüchtig auf dem Papier, Siegfähig in der Planung (2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/01/04/kriegstuechtig-auf-dem-papier-siegfaehig-in-der-planung/
[6] Michael Hollister – Iran Insight: Bodentruppen und das Doppelschloss (2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/03/29/iran-insight-bodentruppen-und-das-doppelschloss/
[7] Michael Hollister – Iran Insight: Was passiert, wenn Buschehr brennt (2026): https://www.michael-hollister.com/de/2026/03/29/iran-insight-kommentar-was-passiert-wenn-bushehr-brennt/
[8] Al Jazeera – Trump tells allies „get your own oil“ (01.04.2026): https://www.aljazeera.com/news/2026/4/1/trump-tells-allies-get-your-own-oil-says-iran-war-could-end-in-2-3-weeks
[9] NBC News – Iran’s Tehran toll booth, Hormuz (29.03.2026): https://www.nbcnews.com/world/iran/irans-tehran-toll-booth-forces-tankers-pay-millions-leave-strait-hormu-rcna265258
[10] Bloomberg – Saudi Pipeline to Bypass Hormuz Hits 7 Million Barrel Goal (28.03.2026): https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-03-28/saudi-pipeline-that-bypasses-hormuz-hits-7-million-barrel-goal
[11] Tagesspiegel – Merz wirft Trump „massive Eskalation“ vor (28.03.2026): https://www.tagesspiegel.de/internationales/liveblog/verhaltnis-wird-konfrontativer-merz-wirft-trump-massive-eskalation-im-iran-krieg-vor-10586281.html
[12] IISS Military Balance 2024 – Bundeswehr Einsatzbereitschaft: https://www.iiss.org
[13] Augen geradeaus! – Munition Bundeswehr: https://augengeradeaus.net/2024/01/munition-fuer-die-bundeswehr-wie-viel-fehlt-und-was-kostet-das/
[14] Defence Network – Marine Munitionsversorgung: https://defence-network.com/unzureichende-munition-nicht-nur-in-der-bundeswehr/
[15] Michael Hollister – Follow the Oil Teil 1 (24.03.2026): https://tkp.at/2026/03/24/folgt-dem-oel-wie-washington-chinas-energieversorgung-demontiert
[16] The Telegraph – Trump interview: I am strongly considering pulling out of NATO (01.04.2026), via Reuters: https://www.investing.com/news/world-news/trump-says-us-strongly-considering-nato-exit-telegraph-newspaper-says-4592267

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.


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5 Kommentare

  1. Der alte Marxist 6. April 2026 um 18:01 Uhr - Antworten

    Man sollte dabei nicht übersehen, dass die USA viel mehr Öl importieren als exportieren. Von Autarkie kann keine Rede sein. Sie mögen der größte Ölproduzent sein, aber sie sind auch die größten Verbraucher. Drum steigen auch dort die Öl- bzw. Benzinpreise. Das Öl von Venezuela ist kurzfristig in größeren Mengen nicht verfügbar. Vielleicht glaubt Trump, dass „Drill, baby, drill“ sofort Ergebnisse bringt. Aber Trump glaubt viel. Und wenn die ganze Welt in die Rezession schlittert, fährt auch das US-(Finanz)Kapital in die Hölle. US-Wirtschaft ist schließlich mehr als Industrie.

  2. joseph53 6. April 2026 um 17:40 Uhr - Antworten

    Allein die Überschriften in
    Herrn Hollisters Ausführungen zeigen mir den viel zu großen Pessimismus für Europas Zukunft.

    A) Die Straße von Hormus ist für Europa nicht geschlossen – wir müssen nur diplomatisch rasch und klug handeln.

    Wenn wir dem Iran helfen würden, USA und Israel endlich in die Schranken zu weisen, wäre Frieden und steigender Wohlstand für alle Staaten der Region in Aussicht.

    B) Russland wird natürlich auch Bedingungen stellen, um uns wie gehabt gut zu versorgen.
    Diese Bedingungen sind allesamt gut und rasch erfüllbar erfüllbar!

    C) Der größte Störfaktor ist in der Großzionistischen Ideologie zu sehen, die in den europäischen Regierungen und vor allem in den MSM viel zu stark vertreten ist.

    D) Nachdem wir deren Agitation nicht rasch genug unterbinden können, sind ALLE EHRLICHEN AKTEURE in Politk und Medien Europas zu motivieren, rasch Alternativ-Politik – über alle Parteigrenzen hinweg – zu machen.

    E) Ich hab diese Gruppe an anderer Stelle schon „Allianz der Klügeren“? genannt – sie sollte sofort
    z) die Regierungen zu den schärfsten Protesten und Sanktionen für den Stopp des Angriffskriegs gegen Iran und Libanon zwingen.
    y) Vorgespräche mit Russland zur Beendigung des Ukrainekriegs und der Reaktivierung der Energielieferungen führen.
    x) Vorgespräche mit dem Iran wegen der Handelswege durch die Hormusstraße und den Bab al Mandab führen.
    w) die Aussichten aus y und x den Regierungen mitteilen oder ggf öffentlich
    verkünden.

    F) Als natürliche Folge werden die Nicht-Volksvertreter bekannt und abgewählt, die MSM ihre Bedeutung verlieren, die 4. Macht im Staat wiederbelebt und die Information der Menschen verbessert. Alle Brandmauern werden abgetragen – es entstehen wieder konstruktive Koslitionen etc. etc.

    G) In der Folge sind alle Bündnisse mit USA und Israel zu beenden, alle US-Militärbasen in Europa zu schließen.
    Ob Rest-NATO ohne USA oder EU-Beistands-Verträge bzw. wehrhafte Neutralität ist zu didkutieren.

    H) Das subsidiäre Europa der Vaterländer
    mit effektiver, demokratischer Regierung (ohne Kommission und Lobbyisten Parlament) wird zügig umgesetzt.

    Das ist sicher keine vollständige Liste, aber eines ist damit klar: es gibt in allen Parteien auch Klügere.
    SPANIEN HAT ES UNS BEWIESEN 👍!!!

  3. Jan 6. April 2026 um 16:36 Uhr - Antworten

    Yanbu liegt in der Mitte des Roten Meeres und kann von einer Sperre von Bab al-Mandab nicht betroffen sein. Allerdings trifft dies für Lieferungen zu, die von Fujairah in Oman abfahren. Nur kommt von dort fast kein Öl für Europa. Der Irak expotiert über die Kirkuk-Ceyhan-Pipeline ins Mittelmeer. Damit sind die Versorgungslininen für Rohöl vom Iran-Krieg nicht betroffen. Europa dürfte keinen Mangel spüren. Es ist auch unwahrscheinlich, dass diese Mengen nach Asien umgeleitet werden. Allerdings verteuert die Pipeline-Nutzung den Import.

    Selensky hat mehrere Öl-Pipelines und Häfen für den Ölexport nach Europa zerschossen. Die Fehlmengen dort sind sicher größer als aus Nahost.

    Richtig ist die Analyse, was den Import von Öl- und Gasprodukten aus Saudi-Arabien und Kuweit betrifft, besonders Diesel und Dünger, da Yanbu und Ceyhan über Pipelines versorgt werden, durch die nur Rohöl fließt. Es muss also in Europa raffiniert werden.

    Die ganze Analyse ist komplex und es gibt kein richtiges Monitoring-System.

    Richtig ist die Analyse damit auch, was den LNG-Import aus Nahost betrifft. Vor der Zerstörung von Nordstream, für die der BGH zumindest eine Mitschuld bei Selensky sieht, kamen 45% der EU-Erdgasversorgung aus Russland. US-LNG kann etwa 25% bereitstellen. Damit fehlt Erdgas, günstiges schon sowieso.

    Aus meiner Sicht ist es ein Skandal, dass die EU Selensky dafür zahlt, die EU-Energieversorgung zu zerstören!

    Es ist für die EU im Gegensatz zu Malaysia oder Vietnam oder Bangladesh sicher möglich, Ersatzlieferungen aus anderen Regionen zu erhalten. Auch können bestehende Produktionen ein wenig hochgefahren werden. Ich sehe aus dem Iran-Krieg für die EU weniger Konsequenzen als durch Selensky. Dass Spekulanten das Öl nicht anliefern wollen, ist ein anderes Thema.

    Die Energieversorgung besteht nicht nur aus selbst produzierten und importierten Energieträgern, sondern auch aus Waren, für deren Herstellung und Transport Energie aufgewendet werden musste. Würde man diese im eigenen Land produzieren, würde sich der Verbrauch erhöhen müssen. Zu dieser „embedded energy“ gibt es sehr verschiedene Angaben. Aus meiner Sicht sollte man den Primärenergieverbrauch noch einmal verdoppeln, um diese „embedded energy“ abzuschätzen. Da ein Großteil der Waren in Asien hergestellt wird, das tatsächlich unter dem Embargo leidet, wird die EU der Energiemangel also vor allem über den Warenfluss treffen.

    Nun ist es so, dass der Iran es sich nicht mit allen verderben will, und offenbar etliche Schiffe trotzdem durchkommen. Das sind vor allem Schiffe der Golfstaaten selbst und der Asiaten.

    In Asien wird man logischerweise die Nahrungsmittelproduktion vor Exporte nach Europa stellen. Es ist sehr, sehr schwer, das Ergebnis abzuschätzen. Mit „20% des globalen Ölexports“ kommt man auch nicht weiter.

    Ich persönlich habe vor etwa 20 Jahren aus gut informierten Kreisen die Information bekommen, dass „die Ölkriege kommen werden“. Das war weniger eine strukturelle Prognose als eine esoterische.

    Was die Amis mit Europa vorhaben, ist ein langes Thema. Dabei ist unklar, ob die Amis hinter den europäischen „Versagern“ stehen oder zB esoterische Gruppen. Auf jeden Fall stehen die Wähler hinter der zerstörerischen Politik. Wenn Konservative und Sozis hinter der Zerstörung der EU-Wirtschaft stehen, kann man das kaum den Amis anlasten. Wer hier die Vorbereitung eines „Neustarts“ sieht, muss sich fragen, ob ein solcher überhaupt möglich ist. Wenn VW 50.000 Menschen entlässt, sollte man nicht erwarten, dass diese ein Jahr später wieder eingestellt werden.

    Aus meiner Sicht wird in der EU und vielleicht auch in Asien die Bevölkerung reduziert. Aus Gründen der Überbevölkerung wäre das nicht notwendig, da die Fertilitätsraten nur in Afrika hoch sind. Vielleicht sind es religiös-esoterische Motive?

    • weirdo 6. April 2026 um 17:15 Uhr - Antworten

      Dass Europa auf der Abschussliste steht, ist für jeden selbst denkenden Menschen schon lange klar. Ich frage mich jetzt nur noch: Sind unsere Politiker wirklich so dämlich? Also die ganz oben wohl nicht. D.h. von wem bekommen sie die Befehle? Von den jüdischen Machthabern, die jetzt endlich Genugtuung bekommen oder einfach nur, wie im Artikel geschrieben, den amerikanischen Strategen, die Deutschland und Russland auf Abstand halten wollen. Die Kollateralschäden der restlichen europäischen Länder sind Nebensache. Und Bevölkerungsreduktion… die ergibt sich eh von selbst durch die zunehmende Verdummung. Und die Fertilitätsraten sind nicht nur in Afrika hoch, sondern überall dort, wo Ausgewanderte sich nieder gelassen haben. Da werden jedes Jahr neu befüllte Kinderwägen geschoben, egal in welchem europ. Land. Das kann jeder selbst beobachten. Die ganze Wahrheit werden wir wohl nie wissen. Dafür sind auf dieser Welt einfach zu viele Interessen im Spiel.

    • Daisy 6. April 2026 um 18:01 Uhr - Antworten

      @esoterische Gründe tippe ich auf was Biblisches, Rache bis ins x-te Glied. Es soll ja primär D zerstört werden, nicht nur mit Deindustrialisierung, sondern auch mit div. anderen Agenden von Sxrxs & Co. Schließlich soll es in den Krieg gegen Russland geschickt werden. Die Marionetten wollen ernsthaft junge dt. Männer kriegstüchtig machen. Sie haben jetzt ein Ausreiseverbot eingeführt.

      D ist der Motor der EU, weswegen es sie auch mit in den Abgrund zieht.
      Doch geht die Sache nicht rasch genug. Die Zahl 2030 muss eingehalten werden. Der Iran-Krieg beschleunigt dieses Projekt. Heuer noch wird es zu Enteignungen und totaler Digitalisierung kommen, begleitet von Auständen und Plünderungen. Die Reduktion wird dann sichtbar werden.

      Selbst, wenn der Krieg morgen stoppt, wird es in ein paar Monaten zu einer großen Hungersnot kommen, vor allem in Afrika, aber weltweit, weil es keinen Dünger mehr gibt. Es ist anzuraten, einen Vorrat anzulegen für Reis, Getreide…Grundnahrungsmittel.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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