Neue EU-Saatgutregelung schränkt Biodiversität willkürlich ein

12. Dezember 2025von 4,4 Minuten Lesezeit

Die EU-Landwirtschaftsminister beschränken bäuerliche Rechte und stärken gleichermaßen die Marktmacht der Saatgut-Industrie. Für Konsumenten gibt es weniger Auswahl und höhere Preise, wie immer bei neuen Vorschriften der EU.

Ein Arbeitsverbot für kleine Getreidezüchter, ein Tauschverbot für Landwirte und ein bürokratischer Albtraum für lokale Saatgutproduzenten: Das am Mittwoch in Brüssel verabschiedete Mandat des Rats der 27 EU-Landwirtschaftsminister zum neuen Saatgutrecht schränkt die Sortenvielfalt massiv ein und spielt der Agrochemie-Lobby in die Hände. Die Trilog-Verhandlungen zwischen EU-Parlament, Rat und Kommission über den endgültigen Gesetzestext für die neue „Verordnung über die Erzeugung und das Inverkehrbringen von Pflanzenvermehrungsmaterial“ starten im neuen Jahr.

Die Europäische Kommission hatte im Juli 2023 einen Vorschlag zum neuen EU-Saatgutrecht vorgelegt, der die Erhaltung und Verbreitung der Kulturpflanzenvielfalt massiv bedroht. Er missachtet das völkerrechtlich verankerte Recht der Bauern, ihr eigenes Saatgut zu ernten, zu verwenden, zu tauschen und zu verkaufen. hatte die ARCHE NOAH wie berichtet mobil gemacht..

Nun sind wir einen Schritt weiter: „Die Position der Landwirtschaftsminister gefährdet jene, die die landwirtschaftliche Vielfalt am Leben halten. Wir rufen zur Vernunft, um Resilienz in der Landwirtschaft sowie Vielfalt und Geschmack auf dem Teller zu schützen“, so die niederösterreichische ARCHE NOAH, die sich der Pflege der Biodiversität und alter Sorten verschrieben hat.

Statt Landwirte und Züchter zu schützen, sieht die Ratsposition für kleine Betriebe dieselben bürokratischen Auflagen vor wie für globale Konzerne. Die geplanten neuen Aufzeichnungs- und Berichtspflichten sowie Vorschriften zur Rückverfolgbarkeit von Saatgut treffen kleine Höfe mit voller Wucht, kommentiert ARCHE NOAH Saatgutrechts-Expertin Magdalena Prieler das heutige Verhandlungsergebnis.

Gerade kleinere Unternehmen leisten durch die Erhaltung und Vermarktung alter, samenfester Sorten einen unschätzbaren Beitrag. Sie verkaufen im Schnitt trotz ihrer geringen Größe eine größere Auswahl an Kulturarten als Konzerne auf dem Saatgut-Weltmarkt.

Landwirtschaftsminister schränken bäuerliche Arbeit ein

Der Rat der Landwirtschaftsminister will weiters die Vermarktung neu entwickelter vielfältiger Getreidesorten oder Ölpflanzen verhindern. Die im Gesetzesvorschlag vorgesehene Möglichkeit, von den starren Einheitlichkeitsvorschriften für neue Sorten abzuweichen, soll laut Rat nur mehr für Obst und Gemüse gelten.

„Diese Einschränkung kommt einem Arbeitsverbot für Vielfalts-Züchter gleich. Regionale Betriebe, die anpassungsfähiges Saatgut von Spezialkulturen anbieten oder Sorten für innovative, umweltschonende Anbausysteme wie Marktgärtnereien entwickeln, werden vom Markt ausgeschlossen. Landwirte würden mit dieser Regelung von der Saatgut-Industrie komplett abhängig“, erklärt Prieler.

Zudem verbietet die Ratsposition Landwirten, ihr Saatgut – auch nur in kleinen Mengen – mit anderen Bauern außerhalb ihrer Region zu tauschen. Der Tausch von sonstigem Vermehrungsmaterial wie Edelreiser von Obstbäumen wird komplett verboten. Der Anbau von Kulturen und Sorten aus anderen Regionen kann jedoch ein wichtiges Tool für Landwirte zur Anpassung an klimatische Veränderungen sein.

Der Kampf der Oligarchen gegen Landwirte seit den 1950er Jahren

Die neuen Regeln richten sich nicht nur gegen die Landwirte, sondern mindestens genauso gegen die Konsumenten. Ihnen wird des Recht auf freie Wahl ihrer Lebensmittel genommen.

Wie auch bei fast allen neuen Verordnungen, die aus Brüssel kommen, ist die Handschrift der Industrie und ihrer Oligarchen-Aktionäre unverkennbar.

Die Kontrolle über das Saatgut ist eines der wichtigsten Mittel um die bäuerliche Landwirtschaft einzuschränken oder gar zu vernichten. Mit den jüngsten Maßnahmen zur Zerschlagung des Bauernstandes, der Anstrengungen zur Umwandlung der Landwirtschaft in industrielle Großproduktion sowie den weltweiten massiven Protesten dagegen, sind Landwirtschaft und Ernährung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. „Reset the Table“ ist Bestandteil des „Great Reset“ und man glaubt offenbar es im Windschatten der Corona Maßnahmen und der massiven Verwerfungen durch die Sanktionen gegen Russland rasch durchziehen zu können.

Mit welchen Methoden gearbeitet wird und was die Folgen sind, ist hier zu Indien und hier zum EU Green Deal nachzulesen.

Der Bestsellerautor, renommierte Ethnologe und Kulturanthropologe Wolf-Dieter Storl beschreibt in seinem Buch „Mein amerikanischer Kulturschock“ die drei Maßnahmen, mit denen der damalige Präsident John F. Kennedy die Initiative in den 1950-Jahren ergriffen hatte. Die erste Säule war das zivile Friedenskorps, das Peace Corps, die zweite schon eine militärische Eliteeinheit, die Green Berets, die dritte jedoch das Saatgut:

Und die dritte Säule werden die Fortschritte im Bereich der Landwirtschaft sein. Wir müssen – erklärte der Professor [der Storl in das Programm einwies] – die Hochertragssorten, das ‚Wundersaatgut‘ (miracle seed), das von dem Pflanzenzüchter Dr. Norman Borlaug in Zusammenarbeit mit der Rockefeller Stiftung und der Ford Stiftung entwickelt wurde, den rückständigen Bauern in Afrika, Asien und Südamerika zukommen lassen. …

Die EU arbeitet schon seit einiger Zeit an der Fortsetzung dieses Programms. Die Rolle des Peace Korps übernehmen die Landwirtschaftskammern, die der Terroreinheit Green Berets hat man wohl oder übel der Polizei übertragen.

Bild von MYCCF auf Pixabay

Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Die Ursprünge des Great Reset liegen in den USA in den 1950er Jahren

Neues geplantes EU-Saatgutrecht schadet der Pflanzenvielfalt und den Bauern

Der Kampf um die Beherrschung von Düngemittel und Saatgut

Propaganda für „pflanzenreichere Ernährung“ zum „Klimaschutz“ vor COP30: ein Widerspruch in sich selbst

Widerstand gegen die „Food Transition“: Gentechnologie und Abhängigkeit

7 Kommentare

  1. David.K 12. Dezember 2025 um 21:18 Uhr - Antworten

    Dazu fällt mir, wie so oft, die Szene von „Ritter der Kokosnuß“ ein, als König Artus zur anarchosyndikalistischen Kommune kommt und er auf seine Behauptung, er sei König von Britannien, gefragt wird, wer das gesagt hätte.
    Ich unterstütze Arche Noah als Mitglied und Obstbaumpate, verstehe aber nicht, wieso sie den ganzen Aufwand betreiben, das machtlose EU-Parlament zu überzeugen, gegen diesen Gesetzesentwurf zu stimmen. Was Rat und Kommission entscheiden, sollte uns gleichgültig sein, da sie von uns keine Legitimation bekommen haben und nur für die Globale Machtelite arbeiten. Wer hat gesagt, daß sie solche Gesetze verabschieden dürfen? Wir nicht! Also sollten wir diese Verbrechersyndikate ignorieren, jeder der kann im kleinen Saatgut vermehren und die Saatgutunternehmen endlich gegen diese ganzen Vorschriften aufstehen und weiter ihre wertvolle Arbeit verrichten.

    Und zu den Bauern sei gesagt, daß sie sehr wohl Saatgut vermehren und tauschen können, wenn sie auf Förderungen verzichten, aufgrund derer sie eben kontrolliert werden. Dafür müßte man auch einmal das eigene Geschäftsmodell überdenken.

    Zu guter Letzt ist auch an die Konsumenten zu appellieren, die doch endlich einmal die eigenen Bauern unterstützen sollen, als ihr Geld in den Rachen von Supermärkten zu werfen und sich nicht über die Preise von wirklich gut produzierten, gesunden Lebensmittel aufregen brauchen.

    Ziviler Ungehorsam ist die Lösung! Hat gegen die Giftspritzen auch geholfen!

    Bleibt ungeimpft,
    David

    • Gabriele 13. Dezember 2025 um 8:03 Uhr - Antworten

      Richtig – Vieles ist hier eine Frage des Wollens, genau wie in der Tierhaltung.
      Wer zu bequem ist, mit viel Aufwand zu produzieren (was am Ende aber immer weniger Aufwand bedeutet, wenn sich alles eingespielt hat), sondern lieber den protzigen Riesenhof vorzeigen will, dem ist das alles leider egal. Es gibt zu viele Bauern, die nur die Hand aufhalten und jammern…

    • peru3232 13. Dezember 2025 um 12:23 Uhr - Antworten

      Zitat:“wenn sie auf Förderungen verzichten“ das klingt richtig, aber leider ist das System mittlerweile so in alle Bereiche eingedrungen, dass es diese Wahl (nicht nur bei den Bauern) gar nicht mehr wirklich gibt. Steuern und Abgaben sind exorbitant hoch – dass es überhaupt noch klappen kann, gibt es eben einen erklecklichen Teil davon als „Förderungen“ zurück. System ist also praktisch: nur wenn Du „freiwillig“ „brav“ bist, voll gläsern und überwachbar, lassen wir Dir ausreichenden Gewinn (durch die „Förderungen“) ansonsten, Pech gehabt – du hast ja die Wahl gehabt, selber schuld ;-)

      Aber wie gesagt, dieses System funktioniert ja nicht nur bei den Bauern so. Es ist perfide und perfekt dazu. Nur so funktioniert ja auch „unsere“ Demokratie und vor allem das „Sozial“system…

  2. Hausmann_Alexander 12. Dezember 2025 um 18:28 Uhr - Antworten

    „Er missachtet das völkerrechtlich verankerte Recht der Bauern,…“

    Rückwirkend müsste da doch was zu machen sein?

    Geht das nicht Richtung Monopol
    (Kartellamt)?

  3. Jan 12. Dezember 2025 um 17:16 Uhr - Antworten

    Bei Arche Noah, Samengreisslerei, Maria Arnold Samenhaeufl, Reinsaat, Magic Garden Seeds, Rühlemann’s Kräuter, Zollinger Bio Saatgut gibts samenfestes Saatgut, oft angepasst an österreichische Standorte. Vielleicht einfach einmal ein paar Säckchen bestellen und nicht so auf den Preis achten?

    Und nicht alle Marillenbäume umschneiden!

    In den Supermärkten gibts auch viel samenfestes Saatgut, in beschränkter Auswahl, einfach einmal mitnehmen und im Topf, auf der Fensterbank, am Balkon oder in Vorgarten Erfahrungen sammeln.

    Schlecht zu bekommen, für die Selbstversorgung aber wichtig, sind trockenbare Bohnensorten, zB in der Samengreisslerei. Das ist dann allerdings vielleicht schon für Kleingärtner? Feuerbohnen und Tomaten kann man auch am Balkon probieren. Salat und Kohl locken am Balkon gerne Kohlweißlinge an, keine gute Idee für den Einstieg. Knoblauch stecken könnte man vielleicht sogar im Park oder in den Beetflächen im Gemeindebau. Kürbisse wachsen fasst überall, solange man sie gießt.

    Wichtig sind auch alte Kartoffelsorten, die robuster sind als die Hochzuchtsorten, und kaum noch zu haben sind. Gibts als Samen zB bei Magic Garden Seeds.

    Und wer sich traut: Waldstaudenkorn und Buchweizen. Ersteres aber schwer zu bekommen.

    Mit Frust ist allerdings zu rechnen! Macht nichts, einfach weiter tun.

    Es wäre schön, wenn die Nachfrage steigt, damit die alternativen Erzeuger weitermachen können. Wenn ein paar Leute samenfestes Saatgut im Haus hätten, hält ja ein wenig. Nicht zusehr auf die Landwirte verlassen!

    Vielleicht zu Weihnachten Saatgut schenken?

  4. Monika 12. Dezember 2025 um 17:03 Uhr - Antworten

    ich bin samenerhalterin innerhalb des deutschen vereins VEN. habe sehr viele sorten, die ich seit jahrzehnten erhalte, teilweise noch von meinem opa. baue sehr viel an, aber nur in ganz geringen mengen. ich bin davon voll betroffen und werde nicht weitermachen können. aus vorbei

    • Wolfgang 12. Dezember 2025 um 20:40 Uhr - Antworten

      Auch im kleinen (kleinsten) Rahmen ist das Erhalten der Samen nicht mehr möglich? Wer kann das kontrollieren?

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge