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Politik

Jeffrey Sachs: Europa hat keine Rolle in der multipolaren Welt gefunden

11 Kommentare 17. Oktober 2026 6 Minuten Lesezeit von Dr. Peter F. Mayer

In einem aktuellen Interview mit dem norwegischen Politikwissenschaftler Glenn Diesen zeichnet der Ökonom Professor Jeffrey Sachs ein ungeschminktes Bild Europas. Der Kontinent habe seine Rolle in der bereits eingetretenen multipolaren Welt nicht gefunden.

Stattdessen klammere er sich an eine überholte transatlantische Allianz, schneide sich von den wirtschaftlichen Lebensadern Russland und China ab und ignoriere die grundlegenden Verschiebungen der kommenden Jahrzehnte – insbesondere die demographische und wirtschaftliche Dynamik Afrikas und Eurasiens.

Sachs, der erst kürzlich in Brüssel war, fasst seine Eindrücke so zusammen: „Es gibt keine Richtung für Europa.“ Es existiere keine eigenständige Sicherheits- und Verteidigungsdoktrin jenseits der NATO, und die NATO selbst zerfalle. Die 27 Mitgliedstaaten hätten trotz über 60 Jahren Integrationsbemühungen keine echte Einheit in Außen-, Wirtschafts- oder Verteidigungspolitik erreicht. „Es ist nicht ganz verständlich, was die europäischen Führer gerade denken, außer dass sie in einem defensiven Modus sind. Sie denken nicht konstruktiv.“

Die falsche Wette auf die USA

Die gesamte Zukunftsstrategie Europas basiere auf der transatlantischen Allianz – und das aus zwei Gründen falsch. Erstens behandelten die USA Europa mit Verachtung und zeigten wenig Interesse; die Prioritäten Washingtons lägen im eigenen Hinterhof und in Ostasien. Zweitens spiele sich das eigentliche Geschehen der Weltwirtschaft, der Technologie und der Sicherheit nicht mehr primär im Westen ab. Europas Herausforderungen und Chancen lägen vor allem auf dem eurasischen Kontinent.

„Europas Zukunft sollte mehr auf seinen Beziehungen zu Russland, zu China, zu Indien und zum Rest des eurasischen Superkontinents beruhen als auf den USA“, so Sachs. Stattdessen baue man Mauern zu Russland – einem bis vor wenigen Jahren wichtigen Wirtschaftspartner – und wiederhole denselben Fehler nun gegenüber China. Die Angst vor Russland bezeichnet er als „Irrationalität, die extrem ernst ist“. Die wachsende China-Skepsis sei zur Hälfte bloße Anpassung an US-Neurosen und zur Hälfte europäischer Pessimismus und Protektionismus.

Afrika als übersehene Realität

Besonders deutlich wird die Kurzsichtigkeit bei Afrika. Der Kontinent habe heute rund 1,5 Milliarden Menschen – fast das Vierfache Europas – und werde Mitte des Jahrhunderts bei etwa 2,5 Milliarden und auf der UN-Projektion bis 2100 bei rund 3,5 Milliarden liegen (rund ein Drittel der Weltbevölkerung). Mitte des 20. Jahrhunderts machte Afrika noch 9 Prozent der Weltbevölkerung aus, heute 18 Prozent, 2050 ein Viertel.

Wenn die heutige große Jugendgeneration in Afrika eine solide Bildung erhält, sei die wirtschaftliche Zukunft hell und die Menschen blieben vor Ort. Bleibe die Bildung unzureichend, drohe sowohl eine soziale Katastrophe für diese Generation als auch geopolitische Instabilität. Europa habe die technischen Möglichkeiten, massenhaft qualitativ hochwertige Bildung zu unterstützen, tue dies aber nicht systematisch. „Diese ganzen Entwicklungsfragen sind durch den Krieg in der Ukraine völlig beiseitegeschoben worden. Das ist ein Fehler.“

Langfristiges Denken fehlt

Sachs erinnert an seine eigene Studie für die Asiatische Entwicklungsbank aus dem Jahr 1995 (Emerging Asia, veröffentlicht 1997). Damals prognostizierte er, dass Asiens Anteil an der Weltwirtschaft bis 2025 um 20 Prozentpunkte steigen würde. Die Studie erschien kurz vor der Asienkrise und wurde ignoriert. 25 Jahre später traf die Prognose fast punktgenau zu. Genau dieses vorausschauende Denken – „wo der Puck hingeht, nicht wo er ist“ (Eishockey Star Wayne Gretzky) – fehle in Europa und den USA. In China werde intensiv über 2049 nachgedacht und geplant.

Europa mit heute rund 450 Millionen Menschen (etwa 5 Prozent der Weltbevölkerung) werde seinen Anteil bis Ende des Jahrhunderts weiter sinken sehen. Selbst der gesamte „transatlantische Westen“, der 1950 noch die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachte, werde spät im 21. Jahrhundert bei 15 Prozent oder weniger liegen. „Das ist keine Zukunft. Das ist nur ein kleiner Teil einer hochdiversen Welt.“

Russland denkt realistischer

Russland habe die Lage klarer erkannt. Die enge wirtschaftliche, geopolitische und sicherheitspolitische Verbindung zu China sei keine bloße Notlösung aus US-Fehlern, sondern die richtige Orientierung eines eurasischen Landes. Wenn der Westen Pipelines sprengt, Sanktionen verhängt und inklusive Sicherheit verweigert, habe Russland eine große Welt außerhalb der EU zur Verfügung. „Das ist eine genauere Einschätzung.“

Um 2010/2015 hatte Europa noch richtig gelegen: wachsende Wirtschaftsbeziehungen zu Russland, deutsche Industrie auf günstiger russischer Energie, Investitionen in Russland und Ambitionen bei Zukunftstechnologien. All das sei verloren. Selbst Angela Merkel habe 2008 die NATO-Beitrittszusage an die Ukraine als schweren Fehler gesehen – „tantamount to a declaration of war“ aus russischer Sicht –, sei aber eingeknickt. Der Gruppenzwang und die Angst, den Platz am Tisch zu verlieren, verhinderten bis heute klare Worte. Viktor Orbán, der gegen Krieg mit Russland und für gute Beziehungen zu China plädierte, wurde zum Feindbild gemacht.

Mehr Europa, aber ein anderes

Sachs lehnt den simplen Ruf nach „weniger Europa“ ab, den viele Oppositionskräfte aus Frustration über die desaströse Brüsseler Politik erheben. In einer Welt der großen Mächte (Indien mit 1,5–1,7 Milliarden Menschen, China mit 1,4 Milliarden, ein stärkerer Afrikanischer Union, Russland mit 17 Millionen Quadratkilometern) würden 27 kleine Fürstentümer leicht zerlegt. Es brauche mehr und bessere europäische Strukturen – strategisch, wirtschaftlich und friedensorientiert. Genau diese Position habe derzeit fast keinen Platz in der europäischen Politik.

Das Interview mit Glenn Diesen ist hier abrufbar: Jeffrey Sachs: Europe as a Frontline in a Multipolar World?. Sachs’ eigene Analysen und Vorträge sind auf seiner Website jeffsachs.org und seinem YouTube-Kanal verfügbar. Glenn Diesens Podcast und Analysen erscheinen regelmäßig auf seinem Substack und X-Account.

Europas derzeitige Führung denkt in den Kategorien von 1990 und 2010 und behandelt die multipolare Realität als vorübergehende Störung. Sachs’ Diagnose ist klar: Ohne realistische Orientierung an Geografie, Demografie und den tatsächlichen Machtzentren der kommenden Jahrzehnte bleibt Europa ein Randphänomen ohne eigene Strategie.

Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇


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11 Kommentare

  1. Michael Rosemeyer
    Antworten

    Alles mit Ihren Artikeln gut erklärt!!

    Lügen und Verleumdungen zurDurchsetzung lebensfeindlicher Politik

    https://tkp.at/2025/11/04/luegen-und-verleumdungen-zur-durchsetzung-lebensfeindlicher-politik/

    Welche Staaten erkennen Taiwan an?

    15.01.2024

    https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.konflikt-mit-china-welche-staaten-erkennen-taiwan-an.eddb5a14-f843-4ae6-a1af-2e3be99abfd2.html

    Nur 14 „Zwergen-Staaten“ haben Taiwan anerkannt

    • Vatikanstadt (1942)
    • Haiti (1956)
    • Paraguay (1957)
    • Guatemala (1960)
    • Honduras (1965)
    • Eswatini (1968)
    • Tuvalu (1979)
    • St. Vincent und die Grenadinen (1981)
    • St. Kitts und Nevis (1983)
    • Belize (1989)
    • Marshallinseln (1998)
    • Palau (1999)
    • Nauru (1980–2002, 2005)
    • St. Lucia (1984–1997, 2007)
  2. Hanspeter
    Antworten

    Fuck the EU, so die US Dilpomatin Victoria Nuland. Sie sprach es aus, was die Politiker der USA mit der neuen Weltordnung denken. Und das im Zusammenhang mit der Ukraine Krise.

    Die EU wird zwar von der Kriegswirtschafts Vdl. EU noch aufrechterhalten. Vor allem um Billionen aus Europas Länder heraus zu reißen und die Europäer verarmen zu lassen. Aber das Banker Kartenhaus EU ist bereits am Zusammenbrechen. Die sozialen, finanziellen und gesellschaftlichen Folgen dieses Experimentes sind fatal und dramatisch für die Europäer und den Ländern. Europas Herrscher Häuser haben sich Jahrhunderte Reichtümer und Macht in dieser WELT angehäuft. Aber seit Napoleons Zeiten und alle Kaiser und Könige Konsorten, dem 1.WK.und dem 2.WK. gehts mit mio. Toten gegeneinander und vor allem gegen Russland. Europas Herrscherhäuser waren zu lange ein unersättliches Raubtier und ging brutalst gegen die meisten Länder und deren Bewohner dieser Welt vor. Amerika, Asien, Australien, Afrika und Neuseeland sind Zeugnisse dieser Raubzüge und Vernichtung von mio. Menschen. Mit all seinen katastrophalen Folgen für die Menschen und Natur. Gelernt haben die Mächtigen, Geldeliten und Politiker nichts. Jetzt zerstören die Mächtigen, Geldeliten und Politiker mit aller Macht ganz Europa und die eigenen Länder wieder und deren hart erarbeiteten Frieden. Für ein friedliches und respektvolles Zusammenleben haben die europäischen und auch andere Politiker und deren Herren und Geldeliten kein Interesse,trotz der unrühmlichen Geschichte.

  3. cwsuisse
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    Oder war es der „Gruppenselbstmord“.

    1. Hello
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      Vielleicht war es „Gruppe amerikanischer Intellektueller“. So etwas auch nur anzunehmen, ist möglicherweise zu verdächxtig.

    2. Hello
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      Oder wie wäre es mit „Jeffry Sachs“?

    3. Hello
      Antworten

      Auch nicht.

      Da kann ich nicht mehr weiterhelfen. Aus Erfahrung weiß ich, dass es für gewöhnlich ganz harmlose Wörter sind.

  4. cwsuisse
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    Erstaunlich, dass „ein Haufen linksextremer Irrer“ einer Freischaltung bedarf.

  5. cwsuisse
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    Jeffry Sachs gehört zu der relativ kleinen Gruppe amerikanischer Intellektueller, die einen sehr guten Überblick aber leider derzeit keinen Platz in der US-Politik haben. Was Europa angeht, pflichte ich Andreas_Sch bei: Die EU, ein Haufen linksextremer Irrer, ist nicht reformierbar. Wollte sich ein Mitgliedsland dem Gruppenselbstmord entziehen, müsste es zunächst austreten.

  6. Andreas_Sch.
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    Im Gegensatz zu Prof. Sachs sehe ich im vielgeschmähten sog. „Flickenteppich“ die einzige Chance für Europa. Als kleines „Fürstentum“ stellt man für die Großen zunächst einmal keine Gefahr dar und kann erst einmal den eigenen Laden aufräumen. Außerdem muss man, wenn man „Europäische Integration“ mittel- bis langfristig als Option betrachtet, zunächst einmal wissen, was man wie genau integrieren und nicht integrieren will …

  7. Der Zivilist
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    Westeuropa ist mit der eigenen Multipolarität beschäftigt bzw. von ihr blockiert.

    1. cwsuisse
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      Das ist ein Faktor. Für entscheidender halte ich eine werteorientierte Politik (Religion), welche Wissenschaft, Logik und Sachzwänge ignoriert. In Europa ist eine Rückkehr ins intellektuelle Mittelalter festzustellen und der Papst residiert in Brüssel.

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