Das kommende Mittelalter

10. Mai 2025von 3,3 Minuten Lesezeit

„Der politische, wirtschaftliche und geistige Zusammenbruch der europäischen Länder ist zum Beispiel schon heute absehbar, auch wenn sie noch einige Zeit überleben werden„, schreibt der Philosoph Giorgio Agamben. Was kommt, ist ein „Mittelalter“. 

Eine Passage aus Sergio Bettinis Buch L’arte alla fine del mondo antico (Kunst am Ende der antiken Welt) beschreibt eine Welt, die man nur schwerlich nicht als diejenige erkennen kann, die wir derzeit erleben. „Politische Funktionen werden von einer staatlichen Bürokratie übernommen; diese wird akzentuiert und isoliert (Vorwegnahme der byzantinischen und mittelalterlichen Höfe), während die Massen abstinent werden (Keim der volkstümlichen Anonymität des Mittelalters); innerhalb des Staates bilden sich jedoch neue soziale Kerne um verschiedene Tätigkeitsformen (Keim der mittelalterlichen Korporationen) und die Latifundien, die autark geworden sind, Vorläufer der Organisation einiger großer Klöster und des Feudalstaats selbst“.

Wenn die Konzentration der politischen Funktionen in den Händen einer staatlichen Bürokratie, ihre Isolierung von der Volksbasis und der wachsende Abstinenzismus der Massen perfekt zu unserer historischen Situation passen, genügt es, die Begriffe in den folgenden Zeilen zu aktualisieren, um auch hier etwas Vertrautes zu erkennen. Den von Bettini beschworenen großen Latifundien entsprechen heute wirtschaftliche und soziale Gruppen, die zunehmend autark agieren und eine von den Interessen der Gemeinschaft völlig losgelöste Logik verfolgen, und den sozialen Kernen, die sich innerhalb des Staates bilden, entsprechen nicht nur die Lobbys, die innerhalb der staatlichen Bürokratien agieren, sondern auch die Eingliederung ganzer Berufsgruppen in die staatlichen Funktionen, wie es in den letzten Jahren bei den Ärzten geschehen ist.

Bettinis Buch stammt aus dem Jahr 1948. 1971 erschien Roberto Vaccas Buch Il medioevo prossimo venturo, in dem der Autor eine katastrophale Entwicklung der fortschrittlichsten Länder vorhersagte, die nicht mehr in der Lage sein würden, die Probleme der Energieerzeugung und -verteilung, des Verkehrs, der Wasserversorgung, der Abfallentsorgung und der Informationsverarbeitung zu lösen. Wenn Vacca schreiben konnte, dass die Ankündigungen bevorstehender Katastrophen in jenen Jahren so zahlreich waren, dass sie eine regelrechte „ruinographische“ Literatur hervorbrachten, so haben sich heute die apokalyptischen Vorhersagen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Klima, mindestens verdoppelt.

Auch wenn Katastrophen – wie die durch die Kernenergie verursachten – wenn nicht wahrscheinlich, so doch möglich sind, so ist doch die Zerstörung der Systeme, in denen wir leben, denkbar, ohne dass sie notwendigerweise die Form einer Katastrophe annehmen muss. Der politische, wirtschaftliche und geistige Zusammenbruch der europäischen Länder ist zum Beispiel schon heute absehbar, auch wenn sie noch einige Zeit überleben werden. Wie können wir uns also den Beginn eines neuen Mittelalters vorstellen? Wie kann der politische Abstinenzismus, den wir um uns herum sehen, in eine „populäre Anonymität“ umgewandelt werden, die in der Lage ist, neue und anonyme Ausdrucks- und Lebensformen zu erfinden? Und wie kann die Isolierung der staatlichen Bürokratien und die Ausbreitung autarker Potentaten das Auftreten von Phänomenen einleiten, die den großen Klöstern ähneln, in denen der Exodus aus der bestehenden Gesellschaft neue Formen der Gemeinschaft hervorbringt? Sicher ist, dass dies nur geschehen kann, wenn eine zunächst kleine, aber wachsende Zahl von Individuen in der Lage ist, in den sich auflösenden politischen Formen das Vorzeichen neuer oder älterer Lebensformen zu lesen.

Bild „Ausschnitt, Teppich von Bayeux, historische Kopie, handbestickt, um 1910“ is licensed under CC BY-NC-SA 4.0.

Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war der einzige lebende Weltphilosoph, der von Februar 2020 gegen das Covid-Regime angeschrieben hatte. Deshalb wurde er auch weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs gecancelt. Der Text Il medioevo prossimo venturo erschien Mitte Jänner am Blog von Agamben auf Italienisch.


Bitte unterstütze unsere Arbeit via PayPal oder Überweisung

Folge uns auf Telegram und GETTR



12 Kommentare

  1. Jan 11. Mai 2025 um 13:05 Uhr - Antworten

    In Europa hat sich die Bevölkerung innerhalb von 300 Jahren ab 1500 verdoppelt. Ursache waren Warmzeit und Industrialisierung. Lässt sich in jedem Geschichtsbuch nachlesen. Beides hat mehr Nahrungsmittel produziert und die „carrying capacity“, die biologische Tragfähigkeit, für den Menschen erhöht.

    Ursache der Industrialisierung war eine veränderte geistige Einstellung. Das hat zu einer Überbewertung der „richtigen geistigen Einstellung“ geführt. Ohne Sauerstoff in der Atemluft hätte die Industrialisierung auch nie stattfinden können, aber es ist müßig darüber nachzudenken, denn dann müssten wir Wasser, Butter und Schafwolle ebenfalls einschließen. Wir suchen nach „relevanten“ Parametern. Man könnte sich zB fragen, ob denn die Maschinenweberei ohne die Baumwoll-Sklaverei möglich gewesen wäre. Aber das spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Ganz sicher wäre die Industrialisierung nicht ohne Kohle und später ohne Öl möglich gewesen.

    Lasst uns über Komplexität nachdenken. Wir imaginieren drei Brüder, die sich in einer äußerst ressourcenreichen Wüste befinden, ohne Wald, ohne Kohle, ohne Öl. In dieser Wüste lassen sich alle Mineralien und Grundstoffe finden, außer Kohle und Öl. Damit sie diese Ressourcen nutzen können, müssen sie Energie herstellen. Sie überdenken Solarzellen. Dazu benötigen sie Glas und Siliciumwafer, Kupferkabel und Batterien. Glasherstellung ist ein energiereicher Prozess. Sie haben ja keine Energie. Solarzellen fallen bereits weg. Hätten sie Glas, würden sie möglicherweise an der Produktion von Schwefelsäure scheitern, obwohl es ein grundlegender Prozess ist: Man muss ihn kennen. Natürlich kann man vielleicht Grubenwasser finden, aber – es kommt einiges zusammen! Sie denken Windenergie an. Dazu benötigen sie zumindest Eisen, vielleicht auch Kupfer. Die Eisenproduktion ist ein energiereicher Prozess. Sie haben ja gerade keine Energie! Sie überlegen, ein Kernkraftwerk zu bauen, denn sie haben Uran. Dazu müsste sie es allerdings anreichern und sie haben keine Zentrifugen. Außerdem benötigen sie einen Haufen Bildung und entsprechende Bücher. Sie entscheiden, dass Nuklear nicht das Thema ist. Also Fusion. Fusion bekommen hochentwickelte Gesellschaften nicht hin! Also Energieernte im Weltraum. Sie schauen nach oben. Also Freie Energie!

    Die Nutzung von Kohle hat während der Industrialisierung zur Verfügbarkeit von Eisen und anderen Metallen geführt. Damit konnte man die Kohleförderung weiter ausbauen und die Eisenbahn einführen, die ein Beschleuniger der Industrialisierung war, da dadurch zentralisierte Produktion und dezentraler Absatz möglich wurde. Infolge entwickelte sich eine „Branche“ spezialisierter Werkstätten, die überhaupt erst in der Lage waren, die Experimente derjenigen „mit der richtigen Einstellung“ umzusetzen. Für ein Telefon benötigt man nicht nur Verständnis der elektromagnetischen Induktion, sondern auch einen Draht. Ein Draht ist vergleichsweise einfach herzustellen, aber nicht so ohne Weiteres in längen mehrerer tausend Kilometer.

    Solange Sauerstoff in der Atemluft verfügbar ist, müssen wir uns über seine Auswirkungen auf die Industrialisierung keine Gedanken machen. Würde dieser Sauerstoff aber am 1.1.2026 entfallen, wäre auch die Industrialisierung erledigt. Wenn Kohle und Öl entfallen, kann dies Auswirkungen auf die Industrialisierung haben – auch wenn Herr Grünschild und Herr Malthus darüber einmal einen ungenügenden Aufsatz geschrieben haben! Das ändert nämlich gar nichts an den faktischen Zusammenhängen. Ich frage mich immer, was man genommen haben muss, damit man auf sowas kommt?

    Komplexität und Verfügbarkeit sind zwei Schlagwörter, die in dem Moment eine Rolle spielen, in der wir Techniken verwenden, die nicht mehr drei Freunde in der Garage zusammenfrickeln können. Wenn wir aber Handel durch Zölle und Krieg begrenzen, wenn wir unsere Bibliotheken und Museen zensieren, wenn wir unsere Werkstätten und Minen zerbomben, dann haben wir Komplexität und Verfügbarkeit zerstört und können nur auf einem niedrigeren Niveau weiter tun.

    Es gibt esoterische Gruppen, die dies alles wissen, weil es seit 100 Jahren publiziert ist, und die darauf gemäß ihren Überlegungen reagieren. Das ändert aber nichts an den realen Zusammenhängen! Das fügt dem Problem nur noch ein Problem hinzu.

    Wir können also klar erkennen, was in der nächsten Zeit passieren wird: Die „Elite“ wird sämtliche Patentrezepte der Vergangenheit auf ein Problem anwenden, das sie noch nie gelöst haben und das damit natürlich nicht lösbar ist. Sie werden damit krass versagen! Dann werden andere mit weiteren Patentrezepten der Vergangenheit kommen, die natürlich auch nicht funktionieren werden!

    Noch vor wenigen Jahrzehnten war Österreich relativ autark. Es gab eine Reihe von Nebenerwerbsbauern, Obstbäume, Walnussbäume, Schafe, Ziegen und Rinder, die ohne Kraftfutter auskommen. Magalitzaschweine, die sich von Gräsern statt Soja ernähren. Runter mit der Komplexität! Mit diesen erneuerten Traditionen könnte Österreich nie 9 Mio Bürger ernähren – aber einen Beitrag dazu leisten! Dazu bräuchte es aber strukturelle Entscheidungen, die dies als Parallelsystem möglich machen.

    In dem Moment, wo komplexe Strukturen versagen, wird sich das Interesse von alleine verlagern.

    Wenn wir das nicht als Gemeinschaft, als Staat tun, werden sich selbstverständlich „neue soziale Kerne um verschiedene Tätigkeitsformen“ bilden, die die anderen ausschließen. Wie sollte es anders gehen?

  2. Michael Rosemeyer 11. Mai 2025 um 10:31 Uhr - Antworten

    Studie aus Afrika zeigt Temperaturabfall von 2,5 °C in 7000 Jahren
    2025_05_04
    https://tkp.at/2025/05/04/studie-aus-afrika-zeigt-temperaturabfall-von-25-c-in-7000-jahren/

  3. Gerhard Umlandt 11. Mai 2025 um 9:54 Uhr - Antworten

    Bei der Voll-Verdeppung der „BRD“ ist wohl
    eher von einer Reise in die Steinzeit auszugehen.
    „Uga aga!“
    „Uga uga, aga aga!“
    „UGA! UGA! UGA! UGA! UGA!“
    (jetzt weiter in Übersetzung aus der Steinzeitsprache):
    „Jetzt kommt schon wieder ein A….loch, das uns eine
    „drohende Erderwärmung einreden und uns mit
    CO²-Abgaben abkassieren will!“
    „Aber nicht mit uns! Da hat der sich verrechnet!
    Wir in der Steinzeit sind nicht SO BLÖDE, dass
    wir uns eine solche SCH..SSE einreden lassen!“

    • Varus 11. Mai 2025 um 18:32 Uhr - Antworten

      Weiterhin wird gerätselt, wie die ersten Buntschland-Bewohner, die Neanderthaler, eigentlich ausgestorben sind. Ich vermute, irgend ein Schamane hat sie überredet, sich „für Klima“ an irgend etwas anzukleben – angeklebt klappte es mit der Mammut-Jagd nicht mehr.

  4. triple-delta 10. Mai 2025 um 21:29 Uhr - Antworten

    Der Kapitalismus hat sein technologisches Ende erreicht und kann ohne offene Diktatur politisch nicht mehr stabil gehalten werden. Man muss also nur in die Endphasen der vorhergehenden Gesellschaftsordnungen schauen, um analoge Entwicklungen zu finden und die weitere Entwicklung vorherzusagen.

    • Varus 11. Mai 2025 um 18:39 Uhr - Antworten

      Man muss also nur in die Endphasen der vorhergehenden Gesellschaftsordnungen schauen, um analoge Entwicklungen zu finden und die weitere Entwicklung vorherzusagen.

      Das ist leicht – der real existierende Sozialismus ist zusammengebrochen und existiert fast nirgends mehr – vielleicht mit einigen Resten in Nordkorea. Etliche andere Länder setzten irgendwann auf Marktwirtschaft.

    • Varus 11. Mai 2025 um 18:51 Uhr - Antworten

      Böses Medium bringt heute den Artikel „LINKE wählt BlackRock – verkommen, verdorben, verfallen“ von Uli Gellermann, wie sich die real existierenden SED-Marxistenden:innen-Leninenden:innen dem Very Big Kapital mit BlackRock & Co andienen.

      „… Flugs richtet sie sich auf die nächsten Deals ein: „Die CDU muss begreifen, dass sie an uns nicht vorbeikommt.“ Schmierste meine Hand, schmier‘ ich deine Hand; beide sind voller Korruptionsdreck. …“

  5. Jurgen 10. Mai 2025 um 17:34 Uhr - Antworten

    „Kommend“? Wir sind aus dem tiefsten Mittelalter noch niemals rausgekommen! Diese Dark Ages sind seit 2000 Jahren am Laufen, es basiert auf der Ausbeutung der Menschen für Wohnen und Essen.

  6. Ogmios 10. Mai 2025 um 16:48 Uhr - Antworten

    Wie ich immer wieder sage, die Menschen sind verdammt dazu, ihre Geschichte zu wiederholen, wenn sie aus daraus nicht lernen.
    Wir können nur noch versuchen, dass wir das vorhandene Wissen möglichst sicherstellen und schützen.
    Ich selbst fing damit an, Bücher zu sammeln, hauptsächlich Naturwissenschaft und Technik, aktuell besteht meine Sammlung aus ca. 5.500 Fach- und Sachbüchern.
    Wir werden das gut gebrauchen, sobald der Zusammenbruch eintritt.

    • Jurgen 10. Mai 2025 um 17:40 Uhr - Antworten

      Na ja, ganz soviele habe ich nicht, vielleicht ein Sechstel davon, aber dafür habe ich mir noch eine ganze Bibliothek klassischer Musikaufnahmen fast aller, westlicher und europäischer Komponisten zugelegt und dazu die positive Musik aus den 70/80ern.
      Und nicht zu vergessen, Bio-Saatgut alter Sorten.

    • Stunning Greenhorn 10. Mai 2025 um 18:27 Uhr - Antworten

      Eine wunderbare Idee, die mich auch seit der Großen Seuche beschäftigt. Man müsste ein Netz aus vertrauenswürdigen Personen knüpfen und ein Bibliothekssystem ins Lebens rufen, damit man die Übersicht behält, welcher Band an welchem Ort steht. Es würde auch die systematische Bestandserweiterung verbessern, wenn man weiß, was fehlt.

    • Vortex 11. Mai 2025 um 17:46 Uhr - Antworten

      Ein guter Ansatz, alles Wertvolle an Wissen zu speichern, damit es erhalten bleibt, leider versickert(e) aus vergangenen Kulturen ebenfalls sehr wertvolles an Wissen, welches die Menschheit noch nicht einmal vollständig rekonstruierte (1), vielleicht sind noch solche Wissensfragmente & Ideen (2) bei ungewöhnlichen (einstigen) Erfindern zu entdecken …

      1) Geschichtsfälschung? (tinyurl.com/me8cmhht)
      2) Vergessenes Wissen? (tinyurl.com/6vupm376)

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge