Polens „Ukrainische Legion“ ist gescheitert

5. Oktober 2024von 3,8 Minuten Lesezeit

Die Formierung einer „ukrainischen Legion“ aus Polen hätte nur funktionieren können, wenn Polen Ukrainer im wehrfähigen Alter einberufen hätte.

Der polnische Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz räumte letzte Woche ein, dass die „ukrainische Legion“, die sein Land im letzten Sommer nach dem Sicherheitspakt zwischen den beiden Nachbarländern zu bilden versprach, gescheitert ist. In seinen Worten: „Die [anfänglichen] ukrainischen Erklärungen waren sehr hoch [und deuteten darauf hin], dass es [genügend Freiwillige] geben würde, um eine Brigade zu bilden, d.h. ein paar tausend Menschen. Aber so viele Freiwillige gibt es gar nicht“. Er warf der Ukraine auch vor, ihre Rekrutierungskampagne nicht früher gestartet zu haben.

Kaum Kampfwille

Von den schätzungsweise 300.000 Ukrainern im wehrfähigen Alter in Polen gingen nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums nur 138 Bewerbungen über die Website des neu eröffneten Rekrutierungsbüros in Lublin und weitere 58 über die Konsulate ein. Das ist weit entfernt von den „mehreren Tausend“, von denen der polnische Außenminister Radek Sikorski sagte, sie hätten sich für die „Ukrainische Legion“ angemeldet, kurz nachdem er im Sommer deren Gründung angekündigt hatte. Aus diesem Debakel lassen sich mehrere Schlüsse ziehen.

Erstens und ganz offensichtlich wollen die in Polen lebenden Ukrainer im Wehrpflichtalter nicht für ihr Heimatland kämpfen. Sie sind aus einem bestimmten Grund außerhalb ihres Landes geblieben, und zwar um nicht in den Tod geschickt zu werden. Diese Menschen haben gesehen, was an der Front passiert. Sie wissen, dass sie eine geringe Chance haben, ihren Einsatz zu überleben. Es gibt keinen Grund für sie, ihr Leben zu riskieren, wenn es im Lande noch genügend Ukrainer im wehrfähigen Alter gibt, die an ihrer Stelle zwangsrekrutiert werden können.

Zweitens scheint sich die ukrainische Regierung selbst im Stillen mit dieser Realität abgefunden zu haben, weshalb sie nicht die erforderlichen Ressourcen für die Rekrutierung für dieses Projekt investiert hat. Obwohl es leicht zu einem weiteren korrupten Unternehmen hätte werden können, von dem Beamte profitieren würden, wurden praktisch keine Anstrengungen unternommen, es zu nutzen. Über die Gründe dafür kann nur spekuliert werden, aber es könnte daran liegen, dass das vorhersehbar peinliche Ergebnis die Aufmerksamkeit auf die aufgewendeten Mittel lenken und damit das Vorhaben aufdecken würde.

Und schließlich hat Polen, anders als von manchen erwartet, niemals Ukrainer zum Eintritt in die Armee gezwungen oder Männer im wehrpflichtigen Alter deportiert, um sie in ihre Heimat zwangszuverpflichten. Die bereits im Frühjahr angedeuteten Pläne von Kosinak-Kamysz wurden nie verwirklicht, wahrscheinlich weil man erkannte, dass sie die polnische Wirtschaft in eine Rezession stürzen könnten, wie damals hier erläutert wurde. Kurz gesagt, diese Ukrainer werden als „Ersatzmigranten“ betrachtet, so dass ihr Verlust auch wirtschaftliche Verluste nach sich ziehen könnte.

Diese Erkenntnis beweist, dass Polens „ukrainische Legion“ zum Scheitern verurteilt war. Sie hätte nur dann funktionieren können, wenn Polen Ukrainer im wehrpflichtigen Alter eingezogen hätte, aber das wurde nie in Betracht gezogen. Rechtliche Zwänge und wirtschaftliche Interessen machten dies unmöglich. Die Ukraine wusste das auch und hat deshalb ihre Ressourcen nicht darauf verschwendet, denn alle korrupten Machenschaften, die ihre Beamten im Zusammenhang mit der Rekrutierung für dieses Projekt hätten aushecken wollen, wären zu offensichtlich geworden, sobald es gescheitert wäre.

Für den Beobachter bleibt der Eindruck, dass die Fortsetzung der westlichen Hilfe für die Ukraine fraglich ist, wenn die eigenen Bürger im wehrfähigen Alter im Ausland nicht daran interessiert sind, für ihr Heimatland zu kämpfen. Es ist unrealistisch, sich vorzustellen, dass der Westen diese Hilfe komplett einstellen wird, aber eine Reduzierung der Hilfe könnte angesichts dieses Debakels und der jüngsten Verluste der Ukraine auf dem Schlachtfeld für viele attraktiver werden. Langsam dämmert es allen, dass die Ukraine in diesem Konflikt niemals ihre maximalen Ziele erreichen wird und nur ein Kompromiss möglich ist.

Bild „Ukraine Resist“ by alisdare1 is licensed under CC BY-SA 2.0.

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.



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12 Kommentare

  1. Kinesiologie Köhn Potsdam 7. Oktober 2024 um 17:52 Uhr - Antworten

    Ganz aktuell – Eine Reise durch die Ukraine https://www.potsdam-aufstehen.de/2024/10/06/eine-reise-durch-die-ukraine/

  2. Andreas I. 6. Oktober 2024 um 12:24 Uhr - Antworten

    Hä?!

    Was auch immer irgendwelche polnischen und ukrainischen Politkomiker ventilieren …
    Polen ist Nato-Mitglied.
    Jegliche ,ukrainische Legion“ o.ä. könnte zwar in Polen zusammengestellt und ausgebildet werden, müsste aber unter ukrainischem Kommando kämpfen.
    Wo ist da der Unterschied zu dem, was Polen sowieso schon seit zwei Jahren tut?!
    Damit ist dieser Artikel gegenstandslos.
    Und dass die aus der Ukraine ausgewanderten Ukrainer höchstwahrscheinlich nicht scharf darauf sind in den Fleischwolf geworfen zu werden, dazu braucht man nicht unbedingt einen extra Artikel, das kann sich jeder selber denken.
    Aber mehr gibt es eben nicht zu berichten, weil Polen nicht mehr tun kann, als es sowieso schon tut, das ist sowieso schon hart an den Grenzen zu direkter Kriegsbeteiligung, mehr geht sowieso nicht.

    ,,Langsam dämmert es allen, dass die Ukraine in diesem Konflikt niemals ihre maximalen Ziele erreichen wird und nur ein Kompromiss möglich ist.“

    Langsam vergessen ,,Analysten“, worum es in diesem Konflikt geht.
    Die westeuropäische Unterstützung für die Ukraine wird weiter auf bisherigem Niveau sprudeln oder noch mehr werden.
    Denn USA will Russland schwächen und dafür kämpft USA bis zum letzten Ukrainer und bis zum letzten westeuropäischen Steuereuro.

  3. cwsuisse 6. Oktober 2024 um 12:21 Uhr - Antworten

    Die ukrainischen Männer haben die Ukraine nicht verlassen, um sich einer von Polen initiierten ukrainischen Legion anzuschließen. Ich traf sie beim Wandern in den Alpen, auf Sri Lanka, Madagaskar und in der Karibik und immer wieder auch in den Tresoranlagen führender Banken.

  4. OMS 6. Oktober 2024 um 8:13 Uhr - Antworten

    Die korrupten Menschenverachter sollen selber an die Front gehen und ihr Leben geben. Der normale Bürger will keinen Krieg. Er will in Frieden und Würde leben und nicht für die Elite sterben. So lange sich aber ausreichend Dumme finden, um für Bankster und Politiker in den Krieg zu ziehen, wird es Krieg geben. Russland hat den Bürgerkrieg in der Ukraine ja nicht angezettelt. Es waren ukrainische Eliten, welche ihr Land an die NATO, Blackrock, usw. verscherbelten und die russischsprachige Bevölkerung unterdrückte und bekämpft hat, bis Russland mit seinen Truppen eingeschritten ist. Der Westen hat alles unternommen um diesen Krieg möglichst blutig und lange zu gestalten. Frieden ist für NATO und EU wohl nicht ertragreich genug. Baron Rothschild soll einmal gesagt haben: “Man muss kaufen, wenn in den Straßen Blut fließt“. Sie sind eben wie Aasgeier und bekommen den Hals nicht voll!

    • Andreas I. 6. Oktober 2024 um 12:56 Uhr - Antworten

      Hallo,
      und Henry Ford soll gesagt haben: “Wenn die Leute kapieren würden, wie das Finanzsystem funktioniert, hätten wir morgen früh eine Revolution.“

      Nun muss es ja nicht gleich eine Revolution sein, die meisten davon waren auch nicht das Gelbe von Ei, aber der Punkt wäre, eben erstmal das (Finanz) System zu kapieren …

  5. Daisy 5. Oktober 2024 um 19:33 Uhr - Antworten

    Ja, aber die wissen vermutlich sogar, dass sie gar nicht „für ihr Heimatland kämpfen“ sollen. Sie müssten für die Amis, die NATO, die Strippenzieher wie BlackRock und Soros – also für den „Wertewesten“ – ihr Leben lassen und das in einem völlig aussichtslosen Krieg. Hätte man sich gleich auf Russlands Friedensangebot aus dem Jahr 2022 eingelassen, wären die Donbass Republiken nun autonom, aber nicht an Russland gefallen. Das ist nun anders. Jetzt ist das russisches Gebiet. Und je länger man mit den Verhandlungen zuwartet, umso mehr wird noch verloren gehen.

    Russland arbeitet jetzt vorm Winter an der „Operation Licht aus“. Das Energiesystem der Ukraine ist lt. Selenski zu 80 Prozent zerstört. Ich glaub, das hat sogar auch Trump schon erwähnt, dass jetzt für die Ukraine ein harter Winter droht. Der scheibt ja manchmal auch so Sachen raus, wo man zu dem Schluss kommt, dass er irgendetwas weiß…

    • Varus 6. Oktober 2024 um 3:21 Uhr - Antworten

      Sie müssten für die Amis, die NATO, die Strippenzieher wie BlackRock und Soros – also für den „Wertewesten“ – ihr Leben lassen und das in einem völlig aussichtslosen Krieg.

      Es heißt in nichtwestlichen Medien, über 100 Soldaten der 123. Brigade haben einen offenen Streik ausgerufen, als sie nach Ugledar geschickt werden sollten. Damit hatten sie Glück, denn kaum ein Ukro hat Ugledar lebendig verlassen – die sollten aber dort verharren, solange Schnorrlensky in den USA um weiteres Geld bettelt.

      Das erinnert mich an das Jahr 1917, als russische Soldaten mit dem Meutern anfingen.

      • Daisy 6. Oktober 2024 um 5:48 Uhr

        Schnorrlenski präsentiert am 12. Oktober seinen nächsten „Siegesplan“ (kein Friedensplan), schreibt der Exxpress. Er war wieder auf Betteltour. Vor allem möchte er endlich Langstreckenraketen, wohl um damit die russische Zivilbevölkerung – tief im Landesinneren – angreifen zu können. Zugehörig sind natürlich auch NATO-Experten, die diese Raketen bedienen können – die Ukraine kann das bekanntlich nicht.

        Genauso hat er es auch mit der russ. Bevölkerung im Donbass gemacht und damit den Einmarsch der Russen provoziert. Er hat die Menschen dort dauernd gepiesackt, schließlich auch die russische Sprache verboten. Der Donbass hätte ein autonomes Gebiet wie etwa Südtirol werden können.

        Und jetzt möchte er offensichtlich, wenn die Ukraine den Stellvertreterkrieg schon verliert, dann soll doch am Ende wenigstens ein III. Weltkrieg dabei herausschauen. Dann hat er ja doch noch „gesiegt“…

  6. rudifluegl 5. Oktober 2024 um 19:32 Uhr - Antworten

    Und wenn die – der Zynismus ist leider unvermeidlich – ausgehen, gibt es für die mit Hirn einen Grund weniger als keinen!
    Ob der Unvermeidlichkeit auch über so etwas nach zu denken und der Unzulänglichkeit der Farbe schwarz bezüglich des Notnagels „Humor“, interessiert mich doch sehr und trotz dem wie viele Frauen in dieser männertriefenden Berichterstattung unterschlagen werden.
    In östlichen Gefilden gab es doch schon von der althergebrachten Ideologie her, wehrfähige Frauen?
    Oder werden die hier paradoxer Weise durch Banderas Ideologie gerettet?

    • rudifluegl 5. Oktober 2024 um 19:35 Uhr - Antworten

      Das ging nicht mit?
      Es gibt keinen Grund für sie, ihr Leben zu riskieren, wenn es im Lande noch genügend Ukrainer im wehrfähigen Alter gibt, die an ihrer Stelle zwangsrekrutiert werden können.

  7. Jan 5. Oktober 2024 um 16:40 Uhr - Antworten

    Iwo. Die woken Deutschen werden einfach die integrationsunfähigen Facharbeiter zwangsverpflichten – Widerstand führt zur Todesstrafe, siehe Vanessa Kerry.

    Und schon gewinnt die Ukraine wieder – das ist Demokratie!

  8. Jurgen 5. Oktober 2024 um 15:37 Uhr - Antworten

    Der Crash der polnischen Großmachtphantasien ist unvermeidlich…

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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