Russophobie und Energiepolitik: Die US-Strategie zur Kontrolle Europas

10. Februar 2026von 3,4 Minuten Lesezeit

Europa hat seine Souveränität gegenüber den USA aufgegeben, als es russische Energie sanktioniert hat – und dieser Zustand ist nicht mehr so schnell zu ändern. 

Der Streit zwischen den USA und Europa um Trumps geplante Übernahme Grönlands – bei dem er sogar Strafzölle gegen mehrere NATO-Verbündete androhte, bevor er nach einem Rahmenabkommen nachgab – hat die strikt hierarchische Vasallen-Beziehung offenbart. Der belgische Ministerpräsident Bart De Wever brachte es auf den Punkt: „Ein glücklicher Vasall zu sein, ist das eine. Ein elender Sklave zu sein, etwas ganz anderes.

Emmanuel Macrons Rede in Davos ergänzte diese Sorge, als er den USA vorwarf, sie wollten „Europa schwächen und unterordnen“. Deshalb forderte er mehr wirtschaftliche Souveränität und strategische Autonomie – auch wenn es dafür wohl bereits zu spät ist. Politico berichtete kürzlich von wachsenden Ängsten wegen Europas rasant steigender Abhängigkeit von US-Gasimporten. Genau diese Abhängigkeit könnten die USA in künftigen ernsthaften Konflikten mit der EU als Druckmittel nutzen.

Die USA könnten Europa nicht nur von ihren eigenen Exporten abschneiden. Das Vorgehen gegen Venezuela zeigt, dass Washington auch politisch bereit ist, Energietanker auf hoher See zu kapern. Eine solche Blockadepolitik könnte eingesetzt werden, um sicherzustellen, dass andere Lieferanten Europas Bedarf nicht decken können. Die einzigen realistischen Alternativen – die Golfmonarchien – stehen ohnehin unter starkem US-Einfluss. Europas Abhängigkeit könnte also durchaus genutzt werden, um einer widerspenstigen EU Zugeständnisse abzupressen.

Die entscheidende Frage ist: Wie ist es überhaupt so weit gekommen? Die Antwort liegt darin, dass die USA Europas russophobe Paranoia gezielt ausgenutzt haben. Sie haben die Angst geschürt, Russland würde seine Energie als geopolitische Waffe einsetzen, um Europa für die militärische Unterstützung der Ukraine zu bestrafen. Tatsächlich ist genau das nie eingetreten. Im Gegenteil: Russland hat seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Europa bis heute erfüllt – obwohl sein geliefertes Gas buchstäblich europäische Rüstungsfabriken antreibt, die Waffen für die Ukraine produzieren, mit denen Russen getötet werden.

Aus russischer Sicht scheint die Rechnung dabei zu sein, den Ruf als verlässlicher Lieferant zu bewahren, um andere (bestehende und potenzielle) Kunden nicht zu vergraulen und zusätzliche Einnahmen zu sichern – Einnahmen, die teilweise wieder in die Rüstungsproduktion für die „Spezialoperation“ fließen. Bis heute exportiert Russland Energie nach Europa, wenn auch in deutlich geringerem Umfang, weil Europa durch seine antirussischen Sanktionen und die Abkehr von russischen Lieferungen zugunsten amerikanischer diese Entwicklung selbst vorangetrieben hat.

Eine deutliche Aufstockung russischer Energieimporte ist jedoch unrealistisch. Keine große europäische Volkswirtschaft wagt es derzeit, die USA zu verärgern, indem sie weniger von dort bezieht. Die verbliebenen, deutlich geringeren russischen Lieferungen sind nur deshalb noch möglich, weil der Markt russische Exporte bis nächstes Jahr nicht vollständig ersetzen kann. Jeder Versuch, die Importe wieder deutlich hochzufahren – etwa durch Wiederinbetriebnahme der intakten Nord-Stream-Pipeline oder der Landwege – würde wohl auf massive Gegenwehr stoßen, wie das Nord-Stream-Beispiel gezeigt hat. Das wirkt nach wie vor stark abschreckend.

Rückblickend hat Europa seine Souveränität gegenüber den USA aufgegeben, als es russische Energie sanktioniert hat – und das tat es, nachdem Washington seine russophobe Paranoia erfolgreich instrumentalisiert hatte. Die USA haben diese Abhängigkeit von russischem Gas durch ihre eigenen Lieferungen ersetzt und sind bereit, sie bei Bedarf als Druckmittel einzusetzen, falls Europa in wichtigen Fragen nicht spurt.

Hätte Europa seine „faustische“ Partnerschaft mit Russland aufrechterhalten – Russland liefert buchstäblich Energie für Europas Rüstungsindustrie, Europa zahlt dafür –, dann hätte Europa heute noch deutlich mehr strategische Autonomie bewahrt.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Andrew Korybko ist ein in Moskau ansässiger amerikanischer politischer Analyst, der sich auf den globalen systemischen Übergang zur Multipolarität spezialisiert hat. Er veröffentlicht auf Englisch auf seinem Substack-Blog. Auf Deutsch exklusiv bei TKP.


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Ein Kommentar

  1. Jakob 10. Februar 2026 um 12:46 Uhr - Antworten

    Genau auf diesen auch im Artikel angesprochenen Hauptgrund sich von der russischen Energie zu lösen sollte immer wieder hingewiesen werden.

    Wir müssen uns von den russischen Energielieferungen lösen um nicht von Russland abhängig und damit erpressbar zu sein!

    Wow. Wir habens geschafft.
    Wir sind genauso abhängig wie vorher (wie sollte es anders sein ohne genügend eigene Ressouren).
    Sind jetzt aber einen Freund ausgeliefert der uns genau damit erpresst und auspresst.
    Eben, geniale Strategie unserer hochintelligenten Politiker und unserer hochintelligenten Bevölkerungsmehrheit die diese Entscheidung mit Applaus mitgetragen hat.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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