26 Jahre nach dem NATO-Angriff auf Jugoslawien: Desintegration auf dem Balkan

20. März 2025von 8,7 Minuten Lesezeit

Am 24. März 1999 griff die kurz zuvor auf 19 Mitgliedsstaaten angewachsene NATO erstmals in ihrer Geschichte ein Land an. Das nur mehr aus Serbien und Montenegro bestehende „Rest-Jugoslawien“ stand 78 Tage und Nächte unter dem Bombenhagel der stärksten Militärmacht der Welt.

Was in der westlichen Propaganda die albanisch-stämmigen BewohnerInnen des Kosovo unterstützen und insgesamt der Region eine bessere Zukunft ermöglichen sollte, führte stattdessen zur weiteren Peripherisierung des Balkans mit all ihren verheerenden sozialen, wirtschaftlichen und demographischen Folgen.

Die Desintegration des einstmals als politisches Vorzeigeprojekt geltenden Jugoslawien begann lange vor dem NATO-Krieg, wobei innere und äußere Faktoren dieses Prozesses zu beachten sind. Ökonomisch drifteten die einzelnen Republiken und autonomen Regionen bereits seit der Weltwirtschaftskrise von 1973 stark auseinander. Auch die aufgenommenen Kredite beim Internationalen Währungsfonds (IWF) bewirkten in Jugoslawien das Übliche: eine Schuldenfalle. Die wirtschaftliche Kluft zwischen dem reichen Norden und dem armen Süden beschleunigte den Zerfallsprozesse. Diese Kluft wuchs im Jahr 1990 ins Extreme: während Slowenien mit 5500 US-Dollar pro Kopf die Liste anführte, bildete Kosovo mit 730 US-Dollar das Schlusslicht. Eine solche sozioökonomische Differenz von 8:1 hält kein Staatsgebilde lange aus. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt der Unterschied im BIP/Kopf zwischen dem reichsten Flächenland Bayern und dem Nachzügler Thüringen 2:1, in Österreich zwischen Salzburg und dem Burgenland noch weniger, nämlich 1,7:1.

Das reiche Slowenien setzte schon frühzeitig auf Abkoppelung von den südlichen Armenhäusern, um nicht mit den eigenen erwirtschafteten Mitteln z.B. den Kosovo mitfinanzieren zu müssen. Anfang der 1990er Jahre kamen konkrete wirtschaftliche Blockaden dazu; so weigerte sich Ljubljana – was in der „Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien“ offensichtlich möglich war –, die Zolleinnahmen an den Gesamtstaat abzuliefern. Kroatien wiederum hob interne Abgaben auf Erdöllieferungen von Serbien und Bosnien ein, weil das Öl über den Hafen Rijeka ins Land kam. Serbien wiederum erließ Einfuhrzölle für Waren aus Slowenien, was die nördlichste Republik de facto zum wirtschaftlichen Ausland machte. Dazu kam der Schuldendienst, den Jugoslawien als Gesamtstaat gegenüber den internationalen Finanzorganisationen aufzubringen hatte. In den 1980er Jahren flossen allein dafür 30 Mrd. US-Dollar außer Landes. Die ganze Malaise gipfelte in der Hyperinflation des Jahres 1989, die mit 1000% jedes Vorstellungsvermögen überstieg.

Jeffrey Sachs als Deregulierer

In dieser Situation kam am 16. März 1989 Ante Marković als – letzter – Ministerpräsident Jugoslawiens an die politischen Schalthebel. Er lud IWF-Mann Jeffrey Sachs zwecks Sanierung des Staatshaushaltes ein und entwickelte mit ihm den später so genannten Marković-Sachs-Plan. Sachs war zuvor in Bolivien tätig gewesen, um dort ein extremes Sparpaket zu schnüren. Nun sollte mit den Schlagworten Deregulierung, Liberalisierung und Konvertibilisierung (des Dinars) die Inflation bekämpft werden. Der Dinar wurde auf ein fixes Verhältnis zur DM von 7:1 festgezurrt, gleichzeitig erließ man klassische Austeritätsmaßnahmen. Dazu gehörten Massenentlassungen in Staats- und selbstverwalteten Betrieben, ein Einfrieren der Löhne für das verbliebene Personal, eine radikale Kürzung von Sozialleistungen und so weiter und so fort.

Zur Jahreswende 1990/91 holte dann Slobodan Milošević in seiner Eigenschaft als Präsident Serbiens zum großen Schlag aus, bemächtigte sich der Notenpresse und ließ Dinar im Wert von 1,6 Mrd. US-Dollar drucken, womit er Staatsangestellte wie Lehrer, Krankenhauspersonal und Militärs bezahlte. Damit war der auf einer extremen Verknappung der Geldmenge beruhende Marković-Sachs-Plan tot. Milošević galt seither dem Westen als bad guy und Jeffrey Sachs zog nach Ljubljana und weiter nach Warschau, wo er gemeinsam mit dem auf der katholischen St. John‘s University in New York ausgebildeten polnischen Finanzminister Leszek Balcerowicz dem Land eine Schocktherapie verordnete.

Österreichs Beitrag zur Desintegration

In Wien saß seit 1987 mit Alois Mock ein ÖVP-Mann im Außenministerium, vor dem Alt-Bundeskanzler Bruno Kreisky noch gewarnt hatte. Er sollte Recht behalten. Mock entpuppte sich als Wiedergänger anti-serbischen Ressentiments und nahm gleichzeitig die Rolle eines Versuchskaninchens für eine neue, aggressive deutsche Außenpolitik ein, die sich sein Kollege in Bonn/Berlin, Hans-Dietrich Genscher, noch nicht zutraute. Bevor Mock aber seine diplomatischen Provokationen gegen Belgrad lancierte, meldete sich sein Parteifreund Felix Ermacora als Nationalratsabgeordneter und UN-Menschenrechtsbeauftragter mit einer skurril anmutenden Idee zu Wort. Er bot den sezessionistisch gestimmten Politikern in Ljubljana an, Slowenien als 10. Bundesland in den österreichischen Staatsverband aufzunehmen. Zwar hatte er dafür keine wie immer geartete Kompetenz, aber der gegen Belgrad und das noch existierende Jugoslawien gerichtete Kurs war damit eingeschlagen. (Dass Donald Trump vom Ermacora-Vorstoß gehört hat, bevor er sich zur gewünschten Einverleibung Grönlands äußerte, darf ausgeschlossen werden).

Am 20. Juni 1991 – noch vor der einseitig deklarierten Unabhängigkeitserklärung Sloweniens – nahm Mock den späteren slowenischen Außenminister Dimitrij Rupel als österreichisches Delegationsmitglied zur KSZE-Sitzung nach Berlin mit, was eine eklatante Provokation Belgrads darstellte. Mitte August 1991 folgte dann ein schier unglaublicher Akt des historischen Revisionismus, diesmal nicht nur gegen das bereits im Zerfallsprozess befindliche Jugoslawien, sondern auch gegen Slowenien gerichtet. Die ÖVP hielt ihre traditionelle Wien-Steiermark-Tagung in Gornja Radgona ab. Diese Grenzstadt an der Mur gehörte zur historischen Untersteiermark, die 1919 mit dem Vertrag von Saint-Germain an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen fiel. Damit wollte man wohl zum Ausdruck bringen, dass die Zeit reif für die Heimholung vom im Ersten Weltkrieg verloren gegangenen Gebiete sei.

Die Hauptlosung der konservativen und vor allem auch der grünen Politiker in jenen Tagen, die eine Zerschlagung Jugoslawiens anstrebten (wobei die Sozialdemokraten nicht an vorderster Front mit dabei waren), lautete: „Anerkennung oder Krieg“. Mainstream-Medien hämmerten sie Tag für Tag ihren LeserInnen und ZuseherInnen ein. Gemeint war: wenn wir nicht schnell die Mitte Juni 1991 verkündeten Unabhängigkeitserklärungen von Slowenien und Kroatien anerkennen, wird es Krieg geben. Geworden ist aus dieser Alternative eine Abfolge: Anerkennung und Krieg.

Was folgte, ist allgemein bekannt und hat den Krieg nach 45 friedlichen Jahren auf den europäischen Kontinent zurückgebracht: der kroatische „Heimatkrieg“ (1991-1995) mit der Vertreibung der Serben aus der Vojna Krajina (Militärgrenze); die bosnischen Bürgerkriege (1992-1995) mit den Massakern von Srebrenica an muslimischen Männern und dem ersten Einsatz von NATO-Kampfjets auf Stellungen von Serben in Pale; und der offizielle Eintritt der NATO in die Kampfhandlungen am 24. März 1999.

26 Jahre später: Die Situation heute

Die Zerstörung Jugoslawiens sowie die Peripherisierung des gesamten Balkans ist auch im Jahr 2025 greifbar. Einzig die offensichtlichen Kriegsschäden an Gebäuden sind beseitigt, jene durch die eingesetzte Munition (abgereichertes Uran) mit ihrer karzinogenen Wirkung treten erst jetzt so richtig zutage.

In politisch-territorialer Hinsicht ist das ehemalige Jugoslawien in – je nach Zählweise – sieben oder acht Gebilde zerfallen:

*) die zwei Republiken Slowenien und Kroatien, die sich 2004 bzw. 2013 der EU angeschlossen haben;

*) eine Republik mit von außen erzwungenem, demütigendem Namenswechsel: Nord-Mazedonien;

*) die kleinste Republik in Wartestellung: Montenegro;

*) eine Republik mit zwei Entitäten und einem gesondert verwalteten Distrikt (die Bosnisch-Kroatische Föderation, die Republika Srpska, Brčko): Bosnien-Herzegowina;

*) eine territorial/ethnisch aufgespaltene Republik (Serbien, Kosovo).

In wirtschaftlicher Hinsicht wird im ehemals einheitlichen Dinar-Raum heute mit vier Währungen gehandelt, und zwar mit dem Euro (in Slowenien, Kroatien, Montenegro, Kosovo), der Konvertiblen Mark (in Bosnien-Herzegowina), dem Denar (in Nord-Mazedonien) und dem Dinar (in Serbien). Der periphere Zustand der Region zeigt sich auch im Bruttoinlandsprodukt. Es liegt in Serbien bei 10.500 Euro pro Kopf und Jahr, in Bulgarien bei 14.500 Euro; zum Vergleich der europäische Zentralraum: Österreich mit 52.250 Euro/Kopf bzw. Deutschland mit 48.750 Euro/Kopf.

In demographischer Hinsicht offenbart sich das Debakel am augenscheinlichsten. Hier schrumpfte Serbien seit 1990 von 7,8 Millionen EinwohnerInnen auf 6,7 Millionen im Jahr 2024, was einen Verlust von 14% der Bevölkerung in 25 Jahren ausmacht. Rumänien und gar Bulgarien sind noch schlechter dran. Bulgarien verlor im selben Zeitraum ein Viertel seiner Bevölkerung; diese Zahl wird nur noch von Moldawien (minus 32,5%) getoppt. Millionen und Abermillionen von Menschen aus dem Balkan hat es in die Migration getrieben. Sie arbeiten als Erdbeerpflücker, Erntehelfer, 24-Stunden-Betreuerinnen, Putzfrauen, Ärzte, Krankenschwestern und Ingenieure im EU-europäischen Zentralraum.

In geopolitischer Hinsicht stehen zur Zeit vor allem Serbien und Bosnien-Herzegowina unter schwerem Druck von außen, der auch Ursachen vor Ort hat. Wöchentliche Großdemonstrationen gegen die Regierung von Aleksandar Vučić bringen das Land an den Rand des Abgrunds. Ausgehend von innerer Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen, die freilich auch auf dem erwähnten wirtschaftlichen und geopolitischen Druck beruhen, wird der Volkszorn von außen instrumentalisiert, so wie es in den Lehrbüchern der Farbrevolution steht. Ziel ist die Änderung der geopolitischen Ausrichtung Serbiens, wobei insbesondere die pro-russische Haltung Belgrads zum ukrainisch-russischen Konflikt der EU-Kommission missfällt. Aber auch die schleichende wirtschaftliche Orientierung Serbiens in Richtung chinesischer Investoren ist Brüssel ein Dorn im Auge.

In Bosnien-Herzegowina kämpft der von Brüssel entsandte Kolonialverwalter („Hohe Repräsentant“) Christian Schmidt – wie schon seine Vorgänger – gegen die Politik der Republika Srpska. Auch hier derselbe Zweck: Banja Luka von russischem Einfluss fernzuhalten.

Während die Führer in Serbien und der Republika Srpska in den hiesigen Medien durchwegs mit dem Beiwort Autokrat belegt werden, steht es auch mit den angeblichen Demokratien am Balkan nicht zum Besten. Die misslungene Integration in die Strukturen westlichen Demokratieverständnisses zeigt dies deutlich. So gaben sich im EU-Mitgliedsland Bulgarien in den vergangenen zehn Jahren neun Ministerpräsidenten die Türklinke des wichtigsten politischen Büros in die Hand; politische Konsolidierung sieht anders aus. Und in Rumänien ließ der – kurz darauf zurückgetretene – Präsident Klaus Johannis am 6. Dezember 2024 die Präsodentschaftsswahlen unterbrechen, weil ein ihm und der EU nicht genehmer Kandidat, Călin Georgescu, mit Abstand in Führung lag. Drei Monate später, am 11. März 2025, schloss der oberste Gerichtshof in Bukarest Georgescu von der Wahlwiederholung aus. Wir lernen daraus: Autokraten mag man in den herrschaftlichen Kreisen Brüssels, Berlins oder Wiens überhaupt nicht, und Demokratie wird nur dann akzeptiert, wenn der Richtige gewählt wird: ein schwerer Stand für den Balkan.

Von Hannes Hofbauer ist in der mittlerweile 8. Auflage das Buch „Balkankrieg. Zehn Jahre Zerstörung Jugoslawiens“ erschienen (Promedia Verlag).


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Hannes Hofbauer ist Publizist und Verleger von Promedia und lebt in Wien.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.



Wer will Serbien destabilisieren und warum?

Kosovo – Zeitbombe zur Erweiterung der europäischen Front

Glutenintoleranz und NATO Bomben auf Belgrad und Jugoslawien – Novak Djokovic

MEGA Radio Reportage: Westliche Uran-Waffen zerstören Leben

Ein Kommentar

  1. Pfeiffer C 20. März 2025 um 18:06 Uhr - Antworten

    @Herr Hofbauer, danke für diesen Artikel. – Die „Jeffrey Sachs als Deregulierer“-Passage war mir neu und spiegelt ein einigermaßen skrupelloses Bild von Sachs und es fällt mir sehr schwer, es nur Sachs-kontextuell zu schlucken, denn:

    Sachs selbst sagt dazu*, dass er an die Rettung Jugoslawiens geglaubt habe, aber dass „zu viele Politiker innerhalb Jugoslawiens und Europas Jugoslawien lieber beenden wollten, als es zu retten“.

    „Das Hauptanliegen, das ich 1989 für das ehemalige Jugoslawien, Polen, die Sowjetunion und später Russland empfohlen habe, war die globale Zusammenarbeit mit der Krisenregion, um aus dem Chaos herauszukommen. Was ich in jedem dieser Fälle, einschließlich Jugoslawien, geraten habe, war finanzielle Hilfe von außen, um zu helfen, die Finanzen in einer instabilen Situation zu stabilisieren“, erklärte Sachs.

    Er sagte, dass Europa einen ähnlichen Vorschlag für Jugoslawien abgelehnt habe.

    „Europa wollte nicht, dass Jugoslawien überlebt. Sie wollten es zerschlagen sehen. Ich glaube, dass die Ergebnisse insgesamt schädlich waren, obwohl natürlich viele Nachfolgestaaten mit ihrer Unabhängigkeit zufrieden sind“, fügte Sachs hinzu.

    Der Professor betonte, dass Serbien zu Recht bestrebt sei, gute diplomatische Beziehungen zu allen Partnern aufrechtzuerhalten – den USA, Russland, der Europäischen Union (EU), den Golfstaaten, China und anderen.

    „Wenn es etwas gibt, das die USA nicht mögen, dann ist es Neutralität. ‚Entweder ihr seid mit uns oder gegen uns‘, das ist ihre Standardposition, die auf Arroganz basiert und fast nie erfolgreich ist“, sagte Sachs.

    Im Hintergrund damals die Blaupause Zbigniew Brzezinskis „The Grand Chessboard“: In kolossalen Umbruchszeiten z.B. den hegemonialen US-Stiefel aufs Balkangelände zu bekommen (Kunstgebilde Kosovo), die hirnrissige NATO-Osterweiterung gegen alle russischen Sicherheitsinteressen, inklusive aller nur erdenklicher einschlägiger US-Provokationen, Stichwort YT „George Friedman STRATFOR @ Chicago Council on Global Affairs“…

    *https://serbiennachrichten.com/jeffrey-sachs-europa-wollte-nicht-dass-jugoslawien-ueberlebt/

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge