Folgt dem Öl – Wie Washington Chinas Energieversorgung demontiert

24. März 2026von 14,9 Minuten Lesezeit

Von Syrien über Venezuela und Iran bis Panama: Die Welt erlebt eine koordinierte US-Strategie gegen China Energieinfrastruktur. 

Geopolitik wird nicht in Pressekonferenzen entschieden. Sie wird entschieden, wo Pipelines enden, wo Tanker anlegen und wer das Ventil dreht. Wer in den vergangenen 25 Jahren aufmerksam die Landkarte der US-Militäroperationen mit der Karte der globalen Ölreserven überlagert hat, sieht ein Muster, das sich der Zufallserklärung entzieht: Irak 2003, Libyen 2011, Syrien seit 2011, Venezuela im Januar 2026, Iran ab dem 28. Februar 2026. Alle Ölproduzenten. Alle Länder, die China beliefern oder beliefern könnten. Alle Staaten, die in den vergangenen Jahren aktiv daran gearbeitet haben, den Rohstoffhandel am US-Dollar vorbeizuleiten.

Das ist kein Zufall. Es ist strukturelle Logik – und ein ablaufendes Uhrwerk.

Das Zeitfenster: Was RAND 2016 voraussah

Im Jahr 2016 veröffentlichte die RAND Corporation eine Studie, die in Washington zunächst wenig Aufsehen erregte, in strategischen Planungszirkeln aber seither als Referenzdokument gilt: War with China: Thinking Through the Unthinkable. Die Kernaussage war präzise und unangenehm: „Technological advances are creating conditions of conventional counterforce. At present, Chinese losses would greatly exceed U.S. losses. But, by 2025, that gap could be much smaller.“

Die Schlussfolgerung, die aus diesem Befund folgt, ist nüchtern: Falls die USA jemals militärisch gegen China vorgehen oder es zumindest wirksam eindämmen wollen, müssen sie das innerhalb eines Zeitfensters von acht bis zehn Jahren tun – also spätestens 2025 oder 2026. Danach schließt das Fenster.

Zehn Jahre später liest sich die US-amerikanische Sicherheitsarchitektur wie die operative Umsetzung genau dieser Warnung. Wie das Carnegie Endowment for International Peace im Januar 2026 analysierte, nennt die im November 2025 veröffentlichte National Security Strategy der Trump-Administration Russland nurmehr eine „persistente, aber handhabbare Bedrohung“. Die National Defense Strategy vom Januar 2026 ist unmissverständlich: China ist die strategische Herausforderung, auf die sich die USA konzentrieren. Europa soll „primäre Verantwortung für seine eigene konventionelle Verteidigung“ übernehmen. Der Indopazifik ist der eigentliche Schauplatz.

Nur: Bevor die USA im Indopazifik freie Hand haben können, müssen sie ihre Flanken absichern. Und die verwundbarste Flanke Chinas liegt nicht in Taiwan – sie liegt in den Ölfeldern von Arabien, im venezolanischen Orinocogebiet und vor der Küste von Kharg Island.

Chinas strukturelle Achillesferse: Das Malacca-Dilemma

China ist der größte Rohölimporteur der Welt. Wie die Columbia University, Center on Global Energy Policy, im Januar 2026 dokumentierte, kommen rund 70 Prozent seines gesamten Rohölbedarfs aus dem Ausland – täglich etwa 11 bis 12 Millionen Barrel. Was auf den ersten Blick wie eine Handelsstatistik wirkt, ist in Wahrheit ein geopolitisches Risiko von strategischem Ausmaß.

Über 80 Prozent dieser Importe passieren die Straße von Malacca – jene schmale Meerenge zwischen Malaysia und Indonesien, die von US-Verbündeten flankiert wird und deren Kontrolle Teil der amerikanischen Indopazifik-Strategie ist. Peking bezeichnet dieses Dilemma intern seit Jahren beim Namen: Ein einziges Ereignis in der Malaccastraße könnte Chinas Energieversorgung unterbrechen. Die Konsequenz war die Belt and Road Initiative – Chinas Versuch, durch Landrouten über Myanmar, Pakistan und Zentralasien sowie durch Seerouten entlang der neuen Seidenstraße alternative Versorgungspfade zu schaffen. Wie CSIS in einer aktuellen Analyse zeigt, hat diese Verwundbarkeit Chinas gesamte Nahoststrategie geprägt.

Doch selbst wenn die Malaccastraße umgangen werden kann: 45 Prozent der chinesischen Rohölimporte passieren die Straße von Hormuz. Nach den US-israelischen Angriffen auf den Iran ab dem 28. Februar 2026 ist diese Meerenge faktisch gesperrt – zumindest selektiv. Wie die Columbia University, Center on Global Energy Policy, im März 2026 berichtete, erhalten chinesisch-geflaggte Schiffe Durchfahrt, während US-amerikanische Verbündete blockiert werden. China wird kurzfristig nicht völlig abgeschnitten, aber der Preis der Versorgung steigt dramatisch, die Versicherungskosten explodieren, und die Abhängigkeit von einem einzigen Transitkorridor ist in aller Schärfe sichtbar geworden.

Die Zahlen, die das Bruegel Institute in einer Analyse vom März 2026 vorlegt, illustrieren das Ausmaß: China bezog bis Ende 2025 täglich 5,4 Millionen Barrel durch die Hormuzstraße – mehr als doppelt so viel wie es über Russland-Pipelines bezieht. Die russische Pipeline läuft bereits an ihrer Kapazitätsgrenze. Selbst wenn Moskau wollte, könnte es den Ausfall nicht kurzfristig kompensieren. China hat 2025 den Aufbau seiner Reserven massiv beschleunigt: täglich 430.000 Barrel eingelagert, gegenüber nur 84.000 Barrel pro Tag im Vorjahr. Peking wusste, was kommen würde. Aber vier Monate Puffer sind kein strategischer Schutzwall – sie sind Zeitgewinn.

Die unmittelbar betroffene Schicht der chinesischen Wirtschaft sind die sogenannten „Teapot“-Raffinerien in der Provinz Shandong – kleine, private Anlagen, die zusammen etwa ein Viertel der gesamten chinesischen Raffineriekapazität ausmachen. Wie Geopolitical Monitor im Februar 2026 analysierte, beruht ihr Geschäftsmodell auf günstigem Sanktionsöl aus Iran und Venezuela. Dieses Modell ist gerade kollabiert.

Venezuela: Der erste Schlag und die inoffizielle Zwangsverwaltung

Am 3. Januar 2026 ließ Donald Trump die venezolanische Staatsführung entführen. Nicolás Maduro wurde von US-Spezialkräften gefasst und in die Vereinigten Staaten überstellt. Washington sprach von Drogenhandel und Terrorismus. Was folgte, beschreibt Ricardo Hausmann, ehemaliger venezolanischer Planungsminister und heute Professor an der Harvard Kennedy School, in seiner Analyse vom Januar 2026 mit einem Begriff, der nichts beschönigt: „informal receivership“ – eine inoffizielle Zwangsverwaltung.

Die wirtschaftliche Lebensader Venezuelas – die Fähigkeit, Öl zu verkaufen und auf die Einnahmen zuzugreifen – wurde unter US-Kontrolle gestellt. Trump selbst ließ keinen Zweifel am Motiv: „We need total access. We need access to the oil.“ Das Center for American Progress dokumentierte den Deal: Die USA beschlagnahmen zunächst 30 bis 50 Millionen Barrel Rohöl, verkaufen diese zu Marktpreisen und nutzen die Einnahmen als Druckmittel gegenüber der Übergangsführung unter Vizepräsidentin Delcy Rodríguez.

Venezuela ist kein kleiner Preis. Wie Al Jazeera im September 2025 berichtete, sitzt das Land auf den größten nachgewiesenen Ölreserven der Erde: 303 Milliarden Barrel, 17 Prozent der globalen Gesamtreserven – vor Saudi-Arabien mit 267 Milliarden und Iran mit 209 Milliarden Barrel. Venezuela hatte vor dem US-Eingriff täglich 389.000 Barrel nach China geliefert – rund 4,5 Prozent der chinesischen Seeölimporte. Diese Lieferungen sind seit Januar praktisch zum Erliegen gekommen.

Hinzu kommt die Dimension der chinesischen Investitionen: Peking hatte über Jahrzehnte schätzungsweise 50 bis 60 Milliarden Dollar in Venezuela investiert, davon 10 bis 15 Milliarden in Kredite, die mit Öllieferungen besichert waren. Ein erheblicher Teil dieser Ölmengen wird China nun nicht mehr erreichen – oder wird unter US-Beteiligung weiterverkauft, wie das Institute for Energy Research im Februar 2026 festhielt.

Das venezolanische Muster war präzise. Ein ölreiches Land unter US-Sanktionen, das sich strategisch an China gebunden hatte und zusammen mit Iran das Rückgrat von Chinas sanktionsresistenter Energieversorgung bildete, wurde mit chirurgischer Militäroperation aus der chinesischen Einflusssphäre herausgelöst. Kein langer Krieg, keine Besatzung – eine Führungsenthauptung, danach Kontrolle über die Ressourcen.

Trump nannte es das „Venezuela-Modell“. Er meinte damit, was als nächstes kommen würde.

Iran: Der zweite Schlag und die Hormuz-Falle

Am 28. Februar 2026 begannen die USA und Israel gemeinsame Luftangriffe auf den Iran. Das offizielle Narrativ war das Atomprogramm. Wie das Carnegie Endowment for International Peace im März 2026 warnte, machen die auseinanderdriftenden Kriegsziele beider Partner das Endspiel zunehmend unübersichtlich. Die geostrategische Logik liegt tiefer.

Iran ist für China nicht irgendein Lieferant. Es ist das Fundament von Chinas sanktionsresistenter Energiearchitektur. Seit der Verschärfung der US-Sanktionen unter Trump im Jahr 2018 konzentrierte sich Irans Ölexportstrom fast ausschließlich auf China. Was zuvor ein diversifizierter Markt mit OECD-Staaten, Indien und anderen Abnehmern war, wurde zu einer bilateralen Pipeline: Teheran liefert, Peking zahlt – in Renminbi, über das chinesische CIPS-System, am SWIFT-Netzwerk und damit am Dollarsystem vorbei.

Die Zahlen sind eindeutig: Wie die Columbia University, Center on Global Energy Policy, im März 2026 dokumentierte, importierte China bis Ende 2025 täglich etwa 1,4 Millionen Barrel iranisches Rohöl – 13 Prozent seiner gesamten Rohölimporte. China kaufte dabei über 80 bis 90 Prozent aller iranischen Seeölexporte. Das 2021 unterzeichnete 25-Jahres-Kooperationsabkommen zwischen Iran und China – ein Vertrag über chinesische Investitionen in iranische Infrastruktur im Gegenzug für Öllieferungen zu Vorzugspreisen im Gesamtvolumen von 400 Milliarden Dollar – war das strategische Gerüst dieser Partnerschaft. Seit dem 28. Februar liegt dieses Gerüst unter Beschuss.

Die iranische Küste erstreckt sich über die gesamte Nordseite der Straße von Hormuz. Wer den Iran kontrolliert oder destabilisiert, kontrolliert faktisch den Öltransit des gesamten Persischen Golfs. Jeder Tanker aus Saudi-Arabien, dem Irak, Kuwait oder den Emiraten muss an der iranischen Küste vorbei. Das haben die strategischen Planer in Washington immer gewusst.

Was sie möglicherweise unterschätzt haben, ist die iranische Gegenstrategie. Teheran zielt nicht primär auf die angreifenden Mächte selbst – es zielt auf deren Verbündete im Golf. Angriffe auf die Infrastruktur der Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwaits, auf LNG-Verarbeitungsanlagen, auf Ölförderplattformen in der Region haben eine klare Botschaft: Wer eine US-Militärbasis auf seinem Territorium duldet und damit zum Teil der Angriffskette wird, wird selbst zur Zielscheibe. Das Sicherheitsversprechen der amerikanischen Präsenz entpuppt sich als sein Gegenteil.

Die Konsequenz ist brisant: Mehrere Golfstaaten beginnen, ihre Verträge und Allianzen mit den USA neu zu bewerten. Sollte Saudi-Arabien – derzeit noch Chinas größter einzelner Öllieferant – unter dem Druck iranischer Vergeltungsschläge oder aus strategischem Eigeninteresse von der US-Einflusssphäre abrücken, käme das die gesamte Kalkulation Washingtons teuer zu stehen.

Syrien und Panama: Die BRI-Flanken

Man muss Venezuela und Iran verstehen, um Syrien richtig einzuordnen. Denn Syrien ist kein Ölspiel. Es ist ein Infrastrukturspiel.

Die Belt and Road Initiative hat zwei Säulen: die maritime Seidenstraße über Häfen und Meerengen und die Landrouten durch Zentralasien und den Nahen Osten nach Europa. Syriens geografische Lage am östlichen Mittelmeer macht das Land zu einem unersetzlichen Knotenpunkt der zweiten Säule. Wie das New Lines Institute analysierte, bezeichnen mehrere akademische Analysen Syrien explizit als „strategischen Zugang zum Mittelmeer“ und „zentrales logistisches Drehkreuz“ der BRI. Eine Eisenbahnverbindung, die Iran mit dem Irak verbindet, durch Syrien nach Latakia oder Tartus führt und an das China-Europa-Bahnnetz anknüpft, war Pekings geplante Alternative zu den maritimen Engstellen.

Diese Linie ist jetzt durchschnitten.

Im September 2023 hatte Xi Jinping persönlich eine strategische Partnerschaft mit Baschar al-Assad unterzeichnet. Syrien war seit Januar 2022 Mitglied der Belt and Road Initiative. Mit dem Sturz Assads und der Installation von Ahmed al-Sharaa – vormals al-Jolani, vormals auf der US-Terrorliste geführt, nun rehabilitierter Präsident – ist dieses strategische Fundament weggebrochen. China enthielt sich als einziges UN-Sicherheitsratsmitglied bei der Abstimmung über die Streichung al-Sharaas von der Terrorliste. Noch unmissverständlicher: Drei Kämpfer der Turkistanischen Islamischen Partei (TIP), einer Organisation chinesischer Uiguren aus Xinjiang, wurden kurz nach dem Machtwechsel in Führungspositionen der neuen syrischen Streitkräfte befördert. Für Peking ist das ein direktes Sicherheitsproblem, keine abstrakte geopolitische Komplikation.

Die USA visieren nun eine Einbindung Syriens in die Abraham Accords an – ein Bündnis mit Israel und den Golfstaaten, das China und den Iran aus dem syrischen Wiederaufbau heraushalten und Peking den geplanten Mittelmeer-Zugang dauerhaft versperren soll.

Panama vervollständigt das Bild. Im November 2025 trat Panama aus der Belt and Road Initiative aus. Unmittelbar danach erklärte das panamaische Verfassungsgericht die langjährigen Konzessionsverträge mit dem chinesischen Konzern Hutchison Ports für verfassungswidrig. Wie The Diplomat im Januar 2026 dokumentierte, fügt sich das nahtlos in ein 25 Jahre altes Muster US-amerikanischer Grand Strategy ein, das auf die Kontrolle globaler Energiegeographie zielt.

Das Muster ist konsistent: Syrien, Venezuela, Iran, Panama. Keine dieser Operationen ist mit dem Blick auf das jeweils genannte offizielle Ziel vollständig erklärbar. Zusammen ergeben sie eine Strategie.

Der unbeabsichtigte Gewinner: Russland

Es gibt eine Konsequenz der US-Strategie, die möglicherweise kalkuliert ist – möglicherweise aber auch ein strategischer Eigentreffer: Russland profitiert.

Das Carnegie Endowment for International Peace hat es im März 2026 explizit formuliert: Die Interventionen in Iran und Venezuela liegen zwar auf der Linie von Trumps China-Eindämmungsstrategie, stärken aber gleichzeitig Russlands Position. Moskau kann nun Teile seiner Ölexporte, die bisher nach Indien flossen, nach China umlenken. Das schwächt gleichzeitig den amerikanischen Druck auf Neu-Delhi und festigt die russisch-chinesische Partnerschaft – genau das strategisch Gefährlichste für Washington.

Mehr noch: Trumps Vorgehen liefert Russland das stärkste Argument seiner China-Politik auf dem Silbertablett. Moskaus Kernthese lautet seit Jahren: Maritime Routen für Chinas Ressourcenversorgung können jederzeit von den USA gekappt werden. Die einzige verlässliche Option sind Pipelines und Landrouten aus Russland. Das Power of Siberia 2-Gaspipeline-Projekt, im September 2025 auf politischer Ebene vereinbart, könnte nun erheblich beschleunigt werden.

Vorerst ist Russland der Gewinner einer Konfrontation, an der es kaum beteiligt ist.

Der Petrodollar und die BRICS-Unit: Das eigentliche Fundament

Um zu verstehen, warum Washington diese Operationen jetzt durchführt, muss man das monetäre Fundament amerikanischer Macht verstehen.

Seit 1973 ist der US-Dollar nicht mehr durch Gold gedeckt, sondern durch Öl. Das Petrodollar-System funktioniert einfach: Öl wird weltweit in Dollar gehandelt. Wer Öl kaufen will, braucht Dollar. Wer Dollar hält, kauft US-Staatsanleihen. Die USA können auf diese Weise ihre Schulden in die Welt exportieren – eine Fähigkeit, die keine andere Nation besitzt. Kriege zum Schutz dieses Systems waren in den vergangenen Jahrzehnten kein Tabu, sondern Doktrin.

Diese Grundlage wird gerade angegriffen. Die BRICS-Staaten entwickeln unter dem Arbeitstitel „The Unit“ eine potenzielle Alternativwährung für den internationalen Handel: 40 Prozent Gold gedeckt, 60 Prozent BRICS-Währungskorb, abgewickelt über eine blockchain-basierte Plattform. JP Morgan – das man nicht im Verdacht haben kann, antiamerikanische Propaganda zu verbreiten – bezeichnete The Unit als „perhaps the most thoroughly fleshed-out of de-dollarization proposals“ der BRICS. Wenn diese Währung kommt – in 2026, 2027 oder 2028 – könnten zahlreiche Staaten ihren Rohstoffhandel darin abwickeln.

Es sei denn, das Öl, das in dieser Währung gehandelt werden müsste, ist unter US-Kontrolle.

Genau das ist die Logik der aktuellen Operationen. Venezuela und Iran – die zwei größten Ölreservennationen der Welt außerhalb des traditionellen US-Bündnissystems – wurden in den Griff genommen. Zusammen mit den bereits US-freundlichen Golfstaaten Saudi-Arabien, UAE, Kuwait und Irak kontrollieren oder beeinflussen die USA nunmehr die überwiegende Mehrheit der weltweiten Förderkapazität und Reserven. Unter diesen Bedingungen ist The Unit eine Währung, in der man Autos oder Konsumgüter handeln kann – aber kein Öl. Und ohne Öl ist sie kein Petrodollar-Ersatz.

Szenarien: Was kommt als nächstes

Szenario 1: Die US-Strategie geht auf. Iran wird nach dem Venezuela-Modell behandelt: Führungsenthauptung, pragmatischer Insider als Gesprächspartner, Kontrolle über Ressourcen, keine Besatzung. Die Golf-Allianz hält. Saudi-Arabien bleibt im US-Orbit. Die BRI verliert mit Syrien und Panama zwei weitere Schlüsselknotenpunkte. The Unit kommt zu spät oder in entmachteter Form. China sieht sich in einem strategischen Schraubstock, der sich über Jahrzehnte schließt, ohne dass es einen klaren Kriegsanlass gibt.

Szenario 2: Der iranische Widerstand zermürbt die US-Position. Die Schläge auf Golf-Verbündete eskalieren. Saudi-Arabien und die UAE prüfen ihre Allianzen neu. Der Krieg bindet US-Militärkapazitäten im Nahen Osten, die für den Indopazifik fehlen. China gewinnt diplomatisch im globalen Süden. Das Taiwan-Fenster, das Washington schließen wollte, steht offen. In diesem Szenario funktioniert die China-Eindämmungsstrategie nicht nur nicht – sie erzeugt die Bedingungen für eine chinesische Initiative genau dort, wo sie sie verhindern wollte.

Szenario 3: Russland als struktureller Gewinner. Unabhängig davon, wie der Iran-Konflikt ausgeht, vertieft sich die russisch-chinesische Energiepartnerschaft. Power of Siberia 2 wird beschleunigt. China diversifiziert seine Energiebezüge strukturell in Richtung Landrouten und wird damit mittel- bis langfristig tatsächlich weniger verwundbar. Trumps Interventionen hätten in diesem Szenario das Gegenteil ihres Zwecks bewirkt.

Diese drei Szenarien schließen sich nicht gegenseitig aus. Sie können sich überlagern und in verschiedenen Regionen gleichzeitig entwickeln.

Befund: Folgt dem Öl

Es gibt keine einzige Quelle, kein Dokument, kein geleaktes Memo, das einen expliziten „Masterplan“ belegt. Das ist kein Zufall – Grand Strategy ist selten so formuliert.

Was es gibt, ist eine Konvergenz. RAND hat 2016 das Zeitfenster beschrieben. Die NSS und NDS von 2025 und 2026 haben China als strategischen Fokus definiert. Das Carnegie Endowment hat explizit formuliert, dass die Interventionen in Iran und Venezuela mit Trumps China-Eindämmungsstrategie konsistent sind. The Diplomat hat die direkte Linie von 25 Jahren US-Grand-Strategy gezogen. Ricardo Hausmann von der Harvard Kennedy School hat das Venezuela-Modell als „informal receivership“ bezeichnet. Das Bruegel Institute hat die wirtschaftlichen Konsequenzen für China quantifiziert.

Ob das alles geplant ist oder ob strukturelle Interessen und opportunistische Entscheidungen am Ende dasselbe Muster erzeugen, ist für die Analyse zweitrangig. Das Ergebnis ist dasselbe.

Was wir beobachten, ist der Versuch, die Energieversorgung des einzigen strategischen Rivalen der USA zu kontrollieren – nicht durch Krieg gegen China, sondern durch die Kontrolle der Quellen und Transitrouten, von denen China abhängig ist. Gleichzeitig soll das Fundament einer potentiellen BRICS-Alternativwährung gesichert werden, bevor The Unit einsatzbereit ist.

Die Frage ist nicht, ob diese Strategie legitim ist. Großmächte handeln nach Machtlogik, nicht nach Moralphilosophie. Die Frage ist, ob sie funktioniert.

Bisher läuft nicht alles nach Plan. Der Iran schlägt auf Verbündete zurück, nicht auf Angreifer. Die Golfstaaten wackeln. Russland profitiert. Das Zeitfenster, das RAND 2016 beschrieben hat, ist jetzt offen – und es schließt sich, während Washington noch jongliert.

Folgt dem Öl. Es erzählt mehr über die Zukunft der Weltordnung als jede Pressekonferenz.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Michael Hollister war sechs Jahre Bundeswehrsoldat (SFOR, KFOR) und blickt hinter die Kulissen militärischer Strategien. Nach 14 Jahren im IT-Security-Bereich analysiert er primärquellenbasiert europäische Militarisierung, westliche Interventionspolitik und geopolitische Machtverschiebungen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem asiatischen Raum, insbesondere Südostasien, wo er strategische Abhängigkeiten, Einflusszonen und Sicherheitsarchitekturen untersucht. Hollister verbindet operative Innensicht mit kompromissloser Systemkritik – jenseits des Meinungsjournalismus. Seine Arbeiten erscheinen zweisprachig auf www.michael-hollister.com , bei Substack unter https://michaelhollister.substack.com sowie in kritischen Medien im deutsch- und englischsprachigen Raum.


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9 Kommentare

  1. Der Zivilist 24. März 2026 um 13:43 Uhr - Antworten

    Drücken wir die Daumen für China’s Kernfusion & Jarlung Tsangpo

  2. Hello 24. März 2026 um 12:04 Uhr - Antworten

    Der Iran-Krieg läuft für die USA nicht gut, aber Trump hat trotzdem ein wichtiges ein Ziel erreicht. Nach der Ausschaltung wichtiger LNG-Anlagen in Katar werden die USA in den nächsten Jahren den globalen LNG-Markt dominieren und einen nie dagewesenen Druck und Einfluss auf die Volkswirtschaften anderer Länder ausüben können. https://anti-spiegel.ru/2026/trump-hat-das-ziel-erreicht-dass-die-usa-den-weltweiten-lng-markt-dominieren/
    Vor dem Iran-Krieg waren die Top-5 der LNG-Produzenten: Die USA (102 Mio. Tonnen pro Jahr), Australien (82 Mio. Tonnen), Katar (77 Mio. Tonnen), Russland (37 Mio. Tonnen) und Malaysia (32 Mio. Tonnen). Die USA Australien und Katar haben damit 60 Prozent des weltweiten LNG produziert.

    Wenn Katar komplett ausfällt, dann fallen etwa 18 Prozent des weltweiten LNG weg. Entsprechend wächst die Marktmacht der anderen großen Player USA und Australien, wobei Australien bekanntlich ein loyaler Vasall der USA ist. Und diese beiden Länder zusammen würden dann die Hälfte des weltweiten LNG liefern, was eine wohl nie dagewesene Marktmacht darstellt.

  3. Jochen Mitschka 24. März 2026 um 11:10 Uhr - Antworten

    Nicht nur Chinas Energieversorgung wird bekämpft, auch die Europas:
    Die USA haben systematisch die Energie-Alternativen Europas im wahrsten Sinne des Wortes bombardiert.
    – Zuerst NordStream
    – Dann den Iran, war zur Sperrung der Straße von Hormus und zu voraussehbaren Kriegsschäden am Golf führte.

    Jetzt kann der Preis für US-Gas hoch bleiben, sogar weiter steigen, und die Europäer sind froh, wenn sie überhaupt Gas bekommen, und müssen alles unterschreiben, was ihnen der Lieferant vorlegt.
    Hinzu kommen noch die Waffenkäufe, wobei die Großwaffen jederzeit durch USA deaktiviert werden können, sich also niemals als Verteidigung gegen den Lieferanten verwenden lassen wird.
    Gutes Geschäftsmodell. Eben so wie der Glaser, der in der Nacht ins Dorf wirft und Fensterscheiben einwirft, um am nächsten Tag mit seinem Auto rein zu fahren und Reparaturen anzubieten. (Satire aus)
    Also kommt jetzt die Forderung: Unterschreibt bis Donnerstag total überhöhte Preise für lange Zeit oder ihr könnt euer Gas woanders kaufen (verliert „bevorzugten Status“). https://x.com/shanaka86/status/2036204680892784963

    Jeder der die wahre Geschichten der letzten großen Kriege kennt, hatte das so ähnlich vorausgesagt.

    • Glass Steagall Act 24. März 2026 um 11:37 Uhr - Antworten

      So sieht’s aus!

      Ich frage mich nur immer, wer bei uns will bloß, dass wir in Europa absichtlich Suizid betreiben?

      • slowman 25. März 2026 um 1:27 Uhr

        Ja, das alles ist nachvollziehbar.

        Nur: Suizid wäre es nur dann, wenn der Akteur ident wäre mit dem Objekt.

        Heißt: Solange die Gruppe derer, die entscheidet und handelt, glaubt, sie säßen in einem anderen Boot, werden sie munter weiter machen. Weil es aus dieser Perspektive eben kein Suizid ist.

        Europas Führungselite lebt in einer anderen Welt; die sehen sich als Teil einer ‚globalen Gemeinschaft‘, welche in Kalifornien surfen geht, in Florida Golf spielt und in der Carnegie Hall (Trump-Carnegie Hall?) Shostakovich hört. Oder halt in Davos Pferdeschlitten fährt.

        Offen bleibt die Frage, ob es Europa gelingt, ein wirkliches Verständnis einer gemeinsamen Identität zu entwickeln. Und dann auf Basis dieser Identität Autonomie zu erlangen.

        Nachsatz: Und offen bleibt die Frage, ob es denn wirklich geographische Kriterien sind, nach welchen die Grenzen gezogen werden sollen.

  4. triple-delta 24. März 2026 um 11:06 Uhr - Antworten

    Sehr schöne Analyse. Die tiefe Ursache des Konflikts ist aber der Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Diesen kann der Kapitalismus nur um den Preis des Untergangs der westlichen Zivilisation gewinnen.

    • Hello 24. März 2026 um 17:18 Uhr - Antworten

      Immer wieder dieselbe Leier ohne je Antworten auf Widersprüche zu geben.
      Wo ist denn der Sozialismus, gegen den der Kapitalismus kämpft?

      • rudifluegl 25. März 2026 um 2:42 Uhr

        Die Leier spielt eben unterschiedlich je nach Lochstreifen.
        „Rudi“mentär stammt der Streifen aus den Zeiten der Französischen Nationalvesammlung!
        Fast alle wissen wer da links oder rechts saß!
        Jetzt hat sich das konzentriert auf wenige, die müde lächeln wenn sie die Unterschiede zwischen arm und reich zu den feudalsten Zeiten betrachten.
        „Neoliberale“ ist eine der neueren Bezeichnungen für die elitäre Seite.
        Die andere Seite scheint immer mehr zu stören. Schon alleine durch die Masse und die Techniken die im Griff zu haben sind ausgefeilt wie nie.
        Vor allem die Atomisierung dieser Masse wird betrieben.
        Das Gegenteil von Vereinzelung kann auch von den geschädigsten durch Menschenfresser von Konterrevolutionen etc. genau wie genannt werden????
        Auf meinem jetzigen Motorrad schaffe ich die kleinste Einheit des gemeinten. Ich habe einen Soziussitz!
        Fürs Rennfahren bin ich nämlich schon zu alt und vielleicht ein klein wenig weise!
        Ist das einfach genug?
        Bei den Nachrichten in einfacher Sprache im ORF denke ich mir des öfteren, die sollten mit den Hauptnachrichten tauschen. Die Intellektuellen sind schlichtweg schon viel zu verwirrt!

  5. Glass Steagall Act 24. März 2026 um 10:42 Uhr - Antworten

    Ist mir egal, ob die USA China von der Energieversorgung abschneiden wollen. Fakt ist, dass es sich vor allem gegen Europa richtet! Und da ihnen Europa egal ist, sollten wir Bürger verlangen, wieder Handel mit Russland aufzunehmen! Wir müssen die USA als unseren Feind Nr. 1 betrachten! Aber dank der Mainstream Medien, bleibt der Fokus der europäischen Bevölkerung auf den falschen Feind ausgerichtet! Was gehen uns die Handelskriege der USA an?

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