
Allegorie der Politik
„Wahres Wissen ist keine Wissenschaft – es ist vielmehr ein Ausweg. Und es ist möglich, dass dies heute mit einem hartnäckigen, klaren Widerstand an Ort und Stelle zusammenfällt“, schreibt Girogio Agamben.
Wir sind alle in der Hölle, aber manche Menschen scheinen zu denken, dass es hier nichts weiter zu tun gibt, als die Teufel, ihr abscheuliches Aussehen, ihr grausames Verhalten und ihre heimtückischen Machenschaften zu studieren und genau zu beschreiben. Vielleicht machen sie sich auf diese Weise vor, dass sie der Hölle entkommen können, und merken nicht, dass das, was sie ganz und gar beschäftigt, nur die schlimmste der Strafen ist, die sich die Teufel ausgedacht haben, um sie zu quälen. Wie der Bauer in der kafkaesken Parabel zählen sie lediglich die Flöhe am Revers des Wächters. Es versteht sich von selbst, dass diejenigen in der Hölle, die stattdessen ihre Zeit damit verbringen, die Engel des Himmels zu beschreiben, ebenfalls bestraft sind, die zwar weniger grausam aussieht, aber nicht weniger verhasst ist als die andere.
Die wahre Politik liegt zwischen diesen beiden Schmerzpunkten. Sie beginnt damit, dass wir wissen, wo wir sind und dass wir der Höllenmaschine, die uns umgibt, nicht so leicht entkommen können. Von Dämonen und Engeln wissen wir alles, was es zu wissen gibt, aber wir wissen auch, dass die Hölle mit einer trügerischen Vorstellung vom Paradies erbaut wurde und dass jede Verdichtung der Mauern von Eden mit einer Vertiefung des Abgrunds von Gehenna einhergeht. Vom Guten wissen wir wenig, und es ist kein Thema, mit dem wir uns befassen können; vom Bösen wissen wir nur, dass wir selbst es waren, die die Höllenmaschine gebaut haben, mit der wir uns quälen. Vielleicht hat es eine Wissenschaft von Gut und Böse nie gegeben, und in jedem Fall sind wir hier und jetzt nicht daran interessiert. Wahres Wissen ist keine Wissenschaft – es ist vielmehr ein Ausweg. Und es ist möglich, dass dies heute mit einem hartnäckigen, klaren Widerstand an Ort und Stelle zusammenfällt.
Bild „Italian Politicians‘ Allegory“ by Pensiero is licensed under CC BY-NC-ND 2.0.
Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war der einzige lebende Weltphilosoph, der ab Februar 2020 gegen das Covid-Regime angeschrieben hatte. Deshalb wurde er auch weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs gecancelt. Der Text Scienza e felicità erschien Mitte Jänner am Blog von Agamben auf Italienisch.
- Schubert, Dr. Dr. Christian(Autor)
Herr Agamben, freundlich gestatte ich mir, Ihrem Text angemessen zu entgegnen:
Die Dankbarkeit
Auf dem schönen Wege durch’s Gewäld‘ der Monastur gen‘ Siegenfeld…
zu gebenedeiter Waldesruh‘ erscheint des Menschen Niedertracht, als wär‘ sie längst entwichen…
Auch die empfund’ne Güte der Natur, erweiset sich dem Menschen nichtend, soselbst als wär’s ein milder Trost zur Tagesneige…
In Dankbarkeit, von zartem Licht umgoldet, ein müder Wand’rer sich vor’m Apfelhain verneiget.
… muntersam ein später Specht hackt ins Gestämm‘ der schwarzen Föhre…
Für Friedrich Hölderlin
Peter Ruzsicska
(11. – 12.09.2023)
Eden & Gehenna
Es stimmt, wir sind schon in der Hölle. Und das es nicht ausreicht, lediglich die Flöhe am Revers des Wächters zu zählen, ist auch klar. Ob tatsächlich WIR es waren, welche die uns umgebende Höllenmaschine erdachten, wage ich zu bezweifeln. Aber wir wurden dazu getrieben (und genötigt), sie zu errichten. Wir legten uns selbst in Ketten in dem wir nicht (genug) aufbegehrten. Jetzt soll alles noch (viel) schlimmer werden. Widerstand muss an der Wurzel ansetzen, wenn er erfolgreich sein will. Das Problem besteht darin, IHN (den Teufel) zu erkennen, weil er bevorzugt zahllose Masken trägt und nur selten sein wahres Antlitz enthüllt. Was die ‚Wissenschaft‘ betrifft, so ist dieser Begriff für mich seit ‚Covid‘ ein Reizwort. (Wahres) WISSEN selbst, ist ein unvoreingenommener Prozess des Erkennens und stellt sich im Laufe der Zeit, sofern man sich darauf einlässt, von selbst ein. Ja, es birgt in sich das Potenzial, einen Ausweg aufzuzeigen und uns den Weg zurück nach Eden zu weisen… Ich denke, wir sollten einfach aufhören, in die finstere Dunkelheit des Abgrundes zu starren und uns stattdessen dem einladenden Licht des Ausgangs zuwenden. Soll der Teufel in der Hölle zurückbleiben (wo er ja auch hingehört). Ich lebe lieber in Eden…
Ja, wenn man sonst nix zu sagen hat…? Schweigen ist Gold.