
Im russischen Exil: Nachtwölfe sind in Deutschland nicht willkommen
Fast wäre ich Sven Svenson noch in Moskau begegnet. Aber wir mussten unseren Besuch im Bike-Center, dem Hauptquartier der Nachtwölfe, aus Zeitgründen leider auf meine nächste Reise verschieben. Sven und ich haben uns dann via Telegram ausgetauscht, auch über die Nachtwölfe, von denen ich bereits einige bei der Druschba – Friedensfahrt Berlin-Moskau 2016 kennengelernt hatte.
Der Name „Nachtwölfe MC“ steht für den ersten offiziellen und größten Motorradclub Russlands. Die Mitglieder des Clubs vertreten – lt. einschlägiger westdeutscher Mainstream-Meinung – nationalistische und christlich-orthodoxe Ansichten. Dass sie ein ziemlich konservativer Haufen sind, ist offensichtlich.
Ich hätte mich in ihrem Clubhaus – als ehemalige Motorradfahrerin – gerne mal direkt beschwert, dass bei den Nachtwölfen keine Frauen zugelassen sind. Aber das hat sich jetzt erübrigt. Dank des Gesprächs mit Sven kenne ich jetzt die Alternative für Frauen. Sven hat rund die Hälfte seines inzwischen 50-jährigen Lebens außerhalb von Deutschland verbracht, davon 20 Jahre in Russland. Allein aufgrund seiner Mitgliedschaft bei den Nachtwölfen, die in Deutschland sanktioniert ist, meidet er Fahrten in die alte Heimat. Das letzte Mal war er kurz vor der Pandemie dort. Warum auch? Er ist inzwischen mit Leib und Seele Russe.
Kannst Du Dich bitte kurz vorstellen?
Ich bin Sven, 50 Jahre alt, habe einen 12 Jahre alten Sohn und eine 19 Jahre alte Tochter und bin in Moskau als Lehrer in einer Sprachschule tätig. In Hamburg geboren und in Kiel aufgewachsen habe ich die letzten Jahre, bevor ich ins Ausland ging, in Hessen verbracht. Mit 25 Jahren bin ich dann nach Afrika ausgewandert, wo ich meine erste russische Partnerin kennengelernt habe.
Warum bist Du nach Afrika gegangen?
Mir war mit 25 klar, dass ich mich in Deutschland nicht wohl fühlte. Man musste damals schon aufpassen, was man sagt, um niemanden zu beleidigen. Ich empfand die Gesellschaft als unehrlich und hintenherum. Dann kamen noch persönliche Dinge dazu. Ich sah dort einfach keine Zukunft für mich, habe meinen gesamten Besitz verkauft und einfach ein Ticket Richtung Süden gebucht.
Und wie hast Du dort dann gelebt?
Ich bin die ersten beiden Jahre einfach nur „getingelt“, war an ganz verschiedenen Orten, habe Menschen geholfen, mal im Geschäft, mal in einer Bar gearbeitet. Ich musste mich von Europa erst mal erholen. Dann landete ich in Ägypten, habe im Hotel gearbeitet und dort die Mutter meiner Tochter kennengelernt.
Du bist dann mit ihr nach Russland gegangen?
Ja. Sie kam eine Zeit lang immer wieder zu mir, aber als sie schwanger wurde, hat sie ihr Zuhause und ihre Eltern vermisst. Auch die schlechte medizinische Versorgung war ein Grund, dass sie nach Hause wollte. Da war für mich klar, wir gehen zusammen.
Wie war die Einreise?
Ich hatte in Ägypten viele Russen kennengelernt, die haben mich informiert, wie das mit Visum am besten läuft. Ich habe alles über ein Reisebüro, das von Russen betrieben wurde, abgewickelt und bin mit Touristenvisum eingereist.
Konntest Du Russisch?
Vielleicht drei Sätze. „Hallo ich bin Sven“ – das war’s. Ich hatte mich nie drum gekümmert, hatte mir ja nie Gedanken gemacht, nach Russland auszuwandern.
Wie war es dann für Dich dort anzukommen?
Es gab keinen Kulturschock. Die Russen hatten mir schon viel erzählt, was mich erwarten würde. Ich bin einfach ohne Vorurteile hingeflogen und war überrascht, wie sehr es letzten Endes Deutschland ähnelte.
Wie das?
Ich wurde vom Flughafen abgeholt und sah als Erstes Ikea und Metro. Alles war irgendwie sehr vertraut – auch die Werbung. 2004 erholte sich Russland ja gerade von den schlimmen 90er Jahren. Fast geschockt war ich, wie schnell mich die Russen als einen der ihren aufgenommen haben – vom ersten Moment an war ich willkommen. Ich wurde von der Familie und den Freunden meiner Freundin mit offenen Armen empfangen und habe die Menschen als sehr offen, offenherzig und ohne Vorurteile erlebt. Das war sehr wohltuend im Vergleich zu Deutschland.
Wo siehst Du die Unterschiede?
Was ich an der deutschen Gesellschaft immer kritisiert habe: wir machen Unterschiede. Ist jemand in Deutschland nicht weiß, dann distanzieren sich manche fast automatisch, unbewusst, auch wenn sie es nicht mal böse meinen. Hier ist es wirklich egal, wo du herkommst und wer du bist. Als Ausländer merkt man in Deutschland, dass man Ausländer ist. Hier in Russland habe ich das überhaupt nicht gemerkt. Selbst wenn man die Sprache nicht beherrscht, die Menschen bemühen sich, sich – mit gebrochenem Deutsch, Englisch oder mit Händen und Füßen – mit ihrem Gegenüber zu verständigen. Und nach und nach lernt man die kulturellen Unterschiede kennen.
Kannst Du dafür Beispiele nennen?
Ich arbeite in einer Sprachschule, wo fast alle Sprachen gelehrt werden. Einmal kam eine amerikanische Kollegin traurig zur Arbeit. Sie meinte, „die Russen mögen mich nicht, speziell die Männer.“ Auf meine Frage nach dem Warum kam dann: „Ich will jemandem die Hand geben, aber die Männer gehen auf Distanz.“ Sie wusste nicht, dass man das aus Respekt tut – viele Männer geben hier aus Etikette-Gründen Frauen nicht die Hand. Dafür gibt es aber noch den Handkuss, man hält die Tür auf oder bezahlt, wenn man gemeinsam ins Restaurant geht.
Es herrscht also ein noch eher traditionelles Rollenverständnis?
Ich nenne das eben respektvoll. Aber ja, Mädchen werden hier eher noch zu Prinzessinnen, Jungs zu echten Männern erzogen. Das ist ein traditionelleres Weltbild, das viele Russen aber erhalten wollen. Das ist mit ein Grund des Krieges.
Wo siehst Du da einen Zusammenhang?
Wir kämpfen nicht gegen die Ukraine wegen des Territoriums. Russland will, dass sich keiner bei uns einmischt und uns sagt, wie wir zur leben haben. Aber das will der Westen nicht akzeptieren. In der Kirche wollen wir keine Beschimpfungen erleben, hier hat Familie einen sehr, sehr, hohen Stellenwert. Wenn man nicht einmal am Tag mit der Familie kommuniziert, stimmt etwas nicht. Das ist bei uns eben völlig anders als in Deutschland, wo nicht zuletzt das Gendern die Familienstrukturen zerstört. Wenn Russland „verwestlicht“, wird vieles zerstört.
Zurück zu Deinem Weg, wie ging es nach Deiner Ankunft weiter?
In der ersten Zeit habe ich mein Visum immer wieder verlängert, dann bekam ich ein Jahresvisum. Ich musste immer für ein paar Stunden über die Grenze fahren. Arbeitsmäßig habe ich alles Mögliche gemacht. Im Nachtclub als DJ aufgelegt, war bei Feuershows aktiv oder habe spezielle T-Shirts verkauft. Vor 12 Jahren habe ich den ersten Aufenthaltstitel bekommen, ein Jahr später gab es dann den Titel mit offizieller Arbeitserlaubnis. Das war die letzte Stufe vor der Staatsbürgerschaft.
Irgendwann ging die Beziehung zu Ende, ich lernte eine neue Freundin kennen und lieben, die ich im Januar 2011 geheiratet habe, nachdem ich eine Zeitlang mit bei ihren Eltern gelebt hatte. Lt. der Ärzte war es für sie unwahrscheinlich, dass sie schwanger wird. Am 12.10.2011 kam mein Sohn zur Welt – ein Kind der Hochzeitsnacht. Das Leben hatte seine Höhen und Tiefen – wie bei jedem Russen.
Du sagst „wir“ und „uns“ – bist Du Russe?
Ja. 2023 habe ich russische Staatsbürgerschaft bekommen. Vorher habe ich mich aber bereits als Russe gefühlt. Es ist leicht, ein Wir-Gefühl zu bekommen, da wir alle gemeinsam gegen den Faschismus, die Nato und andere Dinge, die uns von außen bedrohen, bestehen müssen. Und als Mitglied der orthodoxen Kirche gehöre ich schon länger dazu.
Du hast Dich taufen lassen? Warum das?
Ja. Ich wurde vor vier Jahren umgetauft. Das war ein längerer Prozess – der eigentlich in meiner Jugend begann. Als Norddeutscher war ich evangelisch. Das war üblich. Viele Gedanken habe ich mir nicht gemacht, bis ich mich irgendwann gefragt habe, wofür das alles gut ist. Ich habe versucht die Unterschiede zwischen „katholisch“ und „evangelisch“ zu verstehen. Ich habe mir dann auch Rom angeschaut. Aber mir wurde nach und nach bewusst, dass der westliche Glaube sich immer mehr zu einem globalen Anti-Christentum entwickelte. Irgendwie haben ich meinen Glauben an Gott, an mich, aber auch an meine Gesellschaft verloren – aber einfach damit weitergelebt.
In Russland habe ich dann sehr viele Gläubige erlebt, die noch mit ganzem Herzen in die Kirche gehen. Da bin ich oft mit gegangen. Man kann einfach in Ruhe auf der Bank sitzen und Energie tanken. Mir wurde zunehmend bewusst, dass ich mit Freunden, Kindern und meiner Arbeit alles hatte, was ich brauchte. Ich hatte meinen inneren Frieden und Freiheit gefunden – aber etwas fehlte noch. Also bin ich mich immer wieder in die Kirche gegangen und habe nachgedacht. Irgendwann setzte sich einfach ein Pastor neben mich. Wir kamen ins Gespräch und ich habe ihm von mir erzählt. Er sagte, „dass Einzige, was Dir fehlt, ist der Glaube, nicht nur der Glaube an Gott, sondern der Glaube als Solches.“ Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Ein Jahr – und viele Gespräche – später, wurde ich umgetauft.
Du bist jetzt also durch und durch Russe?
Russisch ist nicht nur eine Staatsbürgerschaft, es ist auch ein Gefühl. Es hat nichts mit dem Pass zu tun, sondern mit dem, was in einem Menschen ist. Dabei spielt die Herkunft keine Rolle. Hauptsache man ist ein guter Mensch. Ein Teil von mir war wohl schon immer Russe.
Russen und Deutsche sind sich ja auch ähnlich. Viele Russen verstehen nicht, warum sich die Deutschen so sehr von Russland abwenden. Sie sagen es immer wieder: „Ah Du bist aus Deutschland, wenn wir zusammen wären, wären wir so stark. Niemand könnte uns etwas tun.“ Viele sind überzeugt: „Die Anglo-Sachsen sind schuld daran, dass die Deutschen uns hassen.“
Hast Du Kontakte zur deutschen Community hier in Moskau?
Sehr wenig. Liane Kilinc von der Friedensbrücke habe ich eigentlich nur durch Kontakte aus Deutschland kennengelernt. Die Nachtwölfe aus Deutschland haben mich angerufen und mir gesagt, dass Liane Hilfe braucht. Ich habe sie dann angerufen und wir haben uns schnell angefreundet. Ich unterstütze sie jetzt auch bei der Donbass-Hilfe.
Was machst Du da?
Das sind verschiedene Projekte, z.B. Übersetzungen, oder das Buchprojekt, in dem wir Schicksale aus dem Krieg sammeln. Ich versuche auch Menschen zu helfen, die an der Front leben, hauptsächlich Kindern, alten Leuten, Kranken, die es alleine nicht mehr überstehen.
Wann warst Du das letzte Mal in Deutschland?
Das war kurz vor der Pandemie – es zieht mich nicht zurück. Mein eigener Bruder spricht seit drei Jahren wegen meiner Haltung nicht mehr mit mir. Je mehr ich die ganze Sch..e sehe, desto weniger Bock habe ich auf Deutschland. Hier kann ich nachts auf die Straße gehen, ohne ausgeraubt zu werden, muss mir keine Gedanken um meine Kinder machen, meine Tochter wird nicht vergewaltigt. Mit meinem russischsprachigen Telegram-Kanal, auf Youtube, Instagram, VK und Facebook „kämpfe“ ich an der Informationsfront. Aber die meisten Menschen in Deutschland wollen es nicht verstehen. Für die ist Putin ein Killer, Russland der böse Aggressor, weil es im 1., 2. und 3. Programm des Fernsehens genau so erzählt wird.
Aber so sind doch nicht alle Deutschen?
Stimmt! Insbesondere Ostdeutsche wollen weiter mit Russland kommunizieren. Im Moment kommen mehr „Ossis“ als „Wessis“ nach Russland, die hatten ja schon Russisch in der Schule. Aber auch im Westen gibt es Menschen, die verstanden haben, dass sie beschissen werden.
Vor kurzen hat ein 21-jähiger Motorradfahrer die Erfahrung gemacht, was es heißt in Russland zu sein. Seine Maschine ist kurz nach der Grenze „verreckt“. Er war allein, aber Fremde haben angehalten und ihn ins Hotel gefahren. Sie haben sein Motorrad geholt und Teile für die Reparatur beschafft. Das alles hat sein Weltbild komplett umgedreht. Er ist jetzt einer „unserer Agenten“ in Deutschland, denn er hat Russland mit eigenen Augen gesehen. So geht es vielen, wenn sie erst mal ein wenig Zeit im Land verbracht haben.
Von wegen Motorrad: Du bist bei den Nachtwölfen. Was machst Du da?
Ja. Ich bin einer von „denen“, arbeite zwei bis drei Mal in der Woche in der Disko vom Bike-Center, mache Exkursionen. Das ist auch mein Zuhause. Egal, wo Du hinkommst, jeder Chapter hat ein Clubhaus und als Nachtwolf bist Du dort zuhause. Diese Bruderschaft wird bei uns hoch angesehen.
Und was ist mit Frauen?
Die sind dabei, aber nicht im Club. Für Frauen gibt es die Nacht-Walküren – den entsprechenden Frauen-Club …
Seid Ihr Putins Geheimwaffe?
Präsident Putin hat sicher viele Geheimwaffen, aber wir sind keine davon. Es wird immer wieder der Eindruck erweckt, dass der Chirurg (Chef des Clubs) und Putin sich „wöchentlich in der Sauna treffen“ und große Politik diskutieren. In der Realität sehen sie sich ein paar Mal im Jahr bei öffentlichen Anlässen. Die „Subkultur“ der Motorradfahrer hält sich von der Politik, von Regeln ja eigentlich fern.
Für die Nachtwölfe gilt das bedingt. Bei uns gibt es z.B. keine Menschen, die mit Drogen zu tun haben und der orthodoxe Glaube hat einen großen Stellenwert. Wir sind uns unserer Vorbildfunktion bewusst. Darum kooperieren wir auch mit der Polizei. Die Nachtwölfe sind Patrioten aber keine Nationalisten. Das ist ein himmelweiter Unterschied. In Deutschland gilt man als Faschist, wenn man Patriot ist und die Nationalhymne pfeift. In Russland singen die Menschen die Hymne aus vollem Herzen mit.
Auch wieder ein Hinweis, dass Russland eher traditionell ist und Veränderungen eher negativ gegenübersteht.
Falsch. In Russland will man Veränderung, aber auf einer Wertebasis. Seit ich in dem Land bin – also in den letzten 20 Jahren – hat sich vieles verändert und darf sich weiter verändern. Nicht alles in Russland ist toll. Aber amerikanisierte Politiker würden Russland zerstören. Die US-Amerikaner wollen wie alle Kolonialisten, nur die Bodenschätze. Unter Jelzin wurde alles verkauft, was er verkaufen konnte. In dieser Zeit wurde das Land fast zerstört … für ihn war die amerikanische Hymne heiliger als die russische. Aber das ist jetzt wieder anders. Und darum steht fast das ganze Land hinter dem Präsidenten, auch wenn der Westen das nicht glauben kann.
Du willst aus Überzeugung nicht zurück nach Deutschland, könntest Du zurück gehen, wenn Du wolltest?
Formal sollte es kein Problem sein. Ich stehe wohl auf keiner offiziellen Liste. Durch meine Kontakte weiß ich aber, dass ich es besser lasse. Die Nachtwölfe als Club sind von der EU sanktioniert, fünf Nachtwölfe sogar persönlich.
Aufgrund meiner Tätigkeit an der Informationsfront und der Gesetzeslage bin ich für Deutschland wohl ein „Info-Terrorist“, auch wenn ich jede Form der Gewalt strikt ablehne. Aber alles, was mit Terrorismus zu tun hat, hat auch mit Gefängnis zu tun. Darum gehe ich besser nicht, was mir aber völlig egal ist. Russland ist meine Heimat, wer will schon nach Deutschland?
Ich hoffe, dass wir irgendwann wieder in der Lage sind, wirklich frei zu reisen, frei zu sprechen und frei zu schreiben – egal in welchem Land. Dir alles Gute in Deiner russischen Heimat.
Bild: Sven Svenson
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