Eisfreie Alpen zu Ötzis Zeit: Ein Realitätscheck

26. September 2024von 8 Minuten Lesezeit

Wie in Norwegen, so stolpern Archäologen auch in den Alpen immer öfter über tolle Sachen wie z.B. Beweise für relativ konstante menschliche Aktivitäten in großen Höhen – 2.000 m über dem Meeresspiegel (oder höher) – von der gesamten Steinzeit hindurch die klassische Antike und bis ins Mittelalter hinein. Ein „Update“ von den Frontlinien der Archäologie und Glaziologie.

Letzte Woche meldete die Austria Presse Agentur nahe panisch, dass „schwindende Gletscher…neue Herausforderungen für Archäologen“ (sic) mit sich bringen:

Vom einst mächtigen Taschachferner ist nur noch wenig zu sehen. Der Gletscher am Ende des Tiroler Pitztales stieß zwischen 1970 und 1987 weiter talwärts vor, jetzt liegt sein Ende Hunderte Höhenmeter über der damaligen Marke. Der Rückgang des Eises vollzieht sich überall in den Alpen rapide, das lässt auch alte archäologische Artefakte ausapern, die lange im Eis lagen. Das stellt Wissenschafter vor Herausforderungen

Hochalpine Funde stellen „Klima-Krise“-Narrative in Frage

Durch den sich weiter beschleunigenden Klimawandel werden nun Flächen eisfrei, die es mitunter sehr lange nicht waren…

Ein hochalpiner Ort, den der Mensch auch immer wieder aufsuchte, ist das Pfitscherjoch auf rund 2.300 Metern Seehöhe am Übergang vom hinteren Zillertal zum Südtiroler Pfitschertal. Hier konnten Bachnetzer und Kollegen bereits in den Jahren 2011 bis 2016 nachweisen, dass Speckstein (Lavez) für die Gefäßproduktion abgebaut wurde. Die frühesten Spuren deuten auf einen Beginn im ersten Jahrhundert nach Christus hin. Damals gab es dort auch eine Art kleine Werkstätte.

Insgesamt konnten dort bisher 16 Lavez-Abbrüche dokumentiert werden…Das Areal scheint aber über viele Jahrhunderte hinweg einschlägig genutzt worden zu sein.

Wir halten also fest, dass in hochalpinen Regionen – die übrigens laut einschlägiger Forschungsliteratur zu Ötzis Zeit nicht von Gletschern bedeckt waren – von der Steinzeit bis ins Mittelalter durchaus intensiv von Menschen genutzt wurden.

Dies geschah übrigens nicht „nur“ in den Alpen, sondern die norwegischen Kollegen haben ähnliche Hinweise gefunden: so fanden Archäologen vor nicht allzu langer Zeit Belege auf rund 2.000m Seehöhe in Mittelnorwegen – weil die Gletscherbedeckung zurück gegangen ist. Diese hochalpinen Lagen wurden übrigens, so die Forschungsliteratur, ebenso bis ins Mittelalter regelmäßig genutzt.

Erst vor einem Jahr fanden Forscher übrigens eine rund 3.600 Jahre alte Pfeilspitze in ähnlicher Höhe, wobei der Fund ungeplant war und die Archäologen nahezu zufällig darüber gestolpert sind.

Sollten Sie diese Dinge (wie ich auch) extrem spannend finden, so empfehle ich Ihnen die einschlägige Internetseite norwegischer Archäologen, die Sie unter der URL „Secrets of the Ice“ finden.

„Ötzi: Ein neues Verständnis“

Hier folgen nun Auszüge des langen Aufsatzes des norwegischen Archäologen Lars Pilø über Landnutzung zu Ötzis Zeiten (meine Besprechung auf Englisch finden Sie hier); die Übersetzung und Hervorhebungen stammen ebenso von mir.

Als Ötzi auftauchte, war er für die österreichische und italienische Archäologie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Von Anfang an glaubten die Wissenschaftler, dass es sich bei Ötzi um einen einzigartigen Fund handelte, der durch wundersame Umstände erhalten wurde – eine Laune der Natur. Andernfalls hätte es sicherlich noch mehr solcher Funde gegeben. Es dauerte sechs Jahre bis zur ersten Massenschmelze archäologischer Funde aus dem Eis im Yukon 1997 und einige Jahre später in den Alpen und Norwegen…

Seit der Entdeckung von Ötzi im Jahr 1991 hat sich die Gletscherarchäologie als neue archäologische Disziplin entwickelt, mit einer eigenen Methodik und einem tieferen Verständnis für die Komplexität von Eisfundstellen. Gegenwärtig gibt es Hunderte von Fundstellen und Tausende von Funden in verschiedenen Teilen der Welt. Ötzi ist jedoch immer noch ein merkwürdiger Fund. Ähnliche sehr alte Funde, die unter sich bewegenden Gletschern versiegelt sind, sind unbekannt. Es ist an der Zeit, die Frage zu stellen: Ist die ursprüngliche Ötzi-Geschichte noch gültig?

Hier kürze ich massiv ab; ich kann Ihnen nur empfehlen, dass Sie sich die Zeit nehmen, um Lars Piløs Beitrag duchzulesen. Im Endeffekt geht es um die Entwicklung einer Forschungsdisziplin nahezu „in Echtzeit“. Weiter unten im Text kommen dann die essentiellen Aussagen sehr, sehr deutlich zum Vorschein:

Die Radiokarbondaten zeigen deutlich, dass das organische Material in der Fundstelle [von Ötzi, Anm.] immer wieder ergänzt wurde. Dies kann nur geschehen sein, wenn die Fundstelle auch wiederholt freigelegt wurde. In der Rinne wurde ab ca. 5300 v. Chr. Material gesammelt, das bis ca. 3800 v. Chr. erhalten blieb. Erwähnenswert ist auch, dass ein Stück Holzkohle in der Rinne etwa tausend Jahre älter als Ötzi datiert wurde. Es wurden auch kleine Stücke bearbeiteten Steins aus dem Mesolithikum gefunden. Ötzi war nicht der erste Mensch an diesem Ort.

Das meiste Gletschereis in den Alpen verschwand während des holozänen thermischen Maximums vor Ötzis Tod. Dann begann das Eis langsam zurückzukehren, ein Prozess, der als Neo-Vergletscherung bekannt ist und etwa tausend Jahre vor Ötzi begann. Seitdem schwanken die Gletscher in den Alpen in ihrer Größe. Es gibt keine eindeutigen Beweise dafür, dass sich das Eis zum Zeitpunkt von Ötzis Tod plötzlich ausdehnte, auch wenn dies in der wissenschaftlichen Literatur behauptet wird [das ist übrigens eine ausgesprochen starke Formulierung für Archäologen]. Vielmehr war dies eine Zeit des „kleinen Eises“.

Während des Holozäns kühlte sich das Klima allmählich ab. Es ist naheliegend, dass die Fundstelle irgendwann von so viel Eis bedeckt wurde, dass sie selbst beim Rückzug des Eises vollständig versiegelt war. Nach den Radiokarbondaten scheint dies etwa 1.500 Jahre nach Ötzis Tod geschehen zu sein. In der Zwischenzeit hat sich Material in der Rinne angesammelt. Dies zeigt, dass die Rinne und ihr Inhalt durch Schmelzen freigelegt worden sein müssen.

An dieser Stelle erinnert uns Wikipedia daran, dass „Ötzi“ im Jahr 3258 ±89 v. Chr. gestorben ist.

Wenn man nun 1.500 Jahre von dieser Zeitspanne „abzieht“, kommt man darauf, dass die Alpen um 1758 ± 89 v. Chr. zu vergletschern begannen.

Ötzi war nicht 5.300 Jahre lang im Eis begraben wie in einer Zeitkapsel. Nachdem er im Eis der Schlucht eingeschlossen war, wurde er während der Schmelzvorfälle zeitweise freigelegt…

Als Ötzi entdeckt wurde, gab es nur wenige andere archäologische Überreste aus vergletscherten Bergpässen. Dadurch sticht Ötzi auch in den archäologischen Aufzeichnungen hervor. Diese Situation hat sich geändert. Die Funde vom Tisenjoch fügen sich nun in ein Muster mit anderen eiszeitlichen archäologischen Passfunden in den Alpen ein. In den letzten 10 bis 20 Jahren wurden mehrere Entdeckungen auf nahe gelegenen Pässen gemacht…

Das Gurgler Eisjoch (3.134 m), eine Verbindung zwischen dem Schnalstal/Pfossental und dem Gurglertal, ist eine wichtige Passstelle. Hier wurden in der Nähe einer Eisfläche ein Schneeschuh aus der Zeit um 5800 Jahre BP (Before Present, d.h. vor 1950), Holzgegenstände, Pfeilschäfte und Lederfunde aus der Zeit von 6500-5800 Jahren BP sowie eisenzeitliche und mittelalterliche Artefakte gefunden. Vom Langgrubenjoch (3017 m) – einem abgelegenen Durchgang zwischen Matschertal und Schnalstal – wurden ein Gürtelhaken, Kleidungsstücke und sogar menschliche Überreste aus der Zeit um 4500/4300 Jahre vor Christus geborgen, sowie große Hölzer aus der mittleren bis späten Bronzezeit, die dort als Dachschindeln für einen Unterstand verwendet wurden…

Ötzi ist Teil einer größeren Geschichte, die eine intensive Nutzung der hochalpinen Landschaften zeigt

Vor etwa 3.800 Jahren wurden die klimatischen Bedingungen für die Ausdehnung des Eises in den Alpen so günstig, dass Eis und Schnee [Ötzis Todesstelle, Anm.] schließlich von ihrer Umgebung abschlossen. An der Fundstelle gab es nie einen sich bewegenden Gletscher, sondern nur am Boden festgefrorenes „kaltes Eis“. Ende des 20. Jahrhunderts schmolz das Eis wieder so weit zurück, dass die Leiche und die Artefakte wieder freigelegt wurden.

Zur Bedeutung der Gletscherarchäologie

Interessanterweise wird der Begriff „Klimawandel“ mit keinem Wort erwähnt, geschweige denn von einer „Krise“ oder ähnlichem gesprochen.

Es ist schwer, dies nicht zu bemerken, zumal es Ihnen einmal mehr zeigt, was mir meine Archäologenkollegen auch privat sagen: Das mit der „Eisschmelze durch menschliche CO2-Emissionen“ ist „nicht so einfach“.

Was sind also die Folgen?

Nun, ausnahmsweise ist die Berichterstattung in den „Leit- und Qualitätsmedien“ miserabel, ebenso wie die Art und Weise, wie Gletscherarchäologen darüber sprechen: extrem abgesichert und in der Regel ohne Einwände gegen Behauptungen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass ich mir die Ergebnisse von Interviews, die ich gebe, selten selbst anhöre; es würde mich nicht wundern, wenn viele Gletscherarchäologen nicht zuhören und/oder sich die geäußerte Einleitung oder ähnliches nicht anhören. Das entbindet sie jedoch nicht von ihrer Verantwortung, Fakten zu nennen.

Wie dem auch sei, die Funde in den Alpen und in Norwegen deuten auf „eine größere Geschichte hin, die eine intensive Nutzung der hochalpinen Landschaften zeigt“.

Das heißt, bis etwa im späten Mittelalter, vor etwa 400-500 Jahren, das so genannte „mittelalterliche Klimaoptimum“ zu Ende ging, das von der „kleinen Eiszeit“ abgelöst wurde. Letztere dauerte bis Mitte des 19. Jahrhunderts.

Der IPCC hat beides abgeschafft, und so wird es immer offensichtlicher, dass die Ergebnisse der Wissenschaftler zunehmend im Widerspruch zu den Darstellungen der „Klimaaktivisten™“ und „Journalisten™“ stehen.

Wir tun dies auf unsere eigene Gefahr hin. Es gibt keinen Ersatz für die Realität.

Daher folgt an dieser Stelle der Hinweis auf Lars Piløs frei verfügbare Studie über Ötzi.

Weitere Hinweise, Pressemeldungen und Fotos finden Sie hier.

Bild Von 120 – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15370839

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7 Kommentare

  1. rudifluegl 26. September 2024 um 16:38 Uhr - Antworten

    Ich habe mit die Hintergründe der Völkerwanderung, die Literatur dazu und die Warmzeiten, die sich übrigens auch in anderen Weltgegenden nachweisen lassen angeschaut.
    Die sogenannte Völkerwanderung wir inzwischen eher als Gruppenwanderung gesehen, mit Gründen. Klima Bürgerkrieg und vor allem der Hunnen. So mit dem Beginn Anfang 400 Jahre nach Christi.
    Mit den Grundtenor „Man weiß eigentlich nichts“ Am wenigstens über den sogenannten Hauptgrund, die Hunnen.
    Möglich ist durchaus, dass die schon Schwierigkeiten mit ihrem „Kontinentalklima“ hatten das nichts abfedert und deshalb Beute in Europa suchten. In der anderen Richtung war die chinesischen Mauer.
    gibt es da ausführlicheres Material?

    • Fritz Madersbacher 26. September 2024 um 21:28 Uhr - Antworten

      @rudifluegl
      26. September 2024 um 16:38 Uhr
      „Man weiß eigentlich nichts“ Am wenigstens über den sogenannten Hauptgrund, die Hunnen“
      Wir haben die Berichte griechisch-byzantinischer Geschichtsschreiber, z.B. den höchst interessanten Bericht des Priskos über seinen Aufenthalt am Hofe Attilas, aber wir kennen nicht den Grund für das Auftauchen dieser zentralasiatischen Reiterscharen. Vielleicht geben zukünftige archäologische Funde Auskunft darüber …

  2. baueranton 26. September 2024 um 10:29 Uhr - Antworten

    Es werden immer öfter Dinge gefunden die der aktuellen Geschichtsschreibung wiedersprechen. Und jedesmal frage ich mich ist das einfach nur neues Wissen , war es bisher einfach Ignoranz oder wurden wir einfach nur krass belogen ?
    Es gibt inzwischen so viele ,,Mysterien“ die mit der offiziellen Sichtweise nicht erklärt werden können. Ich denke es wird Zeit umzudenken und die Geschichte neu zu bewerten !!!!

    • Wolliku 26. September 2024 um 17:00 Uhr - Antworten

      Geschichte neu bewerten ist eine Crux. In der jüngsten Geschichte leben noch die Handelnden, die Fehler einräumen müssten. Neue Bewertungen auch der älteren Geschichte ist ähnlich verrückt, wie die Klimageschichte zeigt. Die Bewerter des IPCC leben auch als Handelnde, denn auf ihrem Urteil basieren die Folgen z.B. der Transformation. Da es meist den Mut zur Neubewertung nicht gibt, gibt es schließlich Geschichtsbücher. Unsere Nachfahren erfahren dann den Schwachsinn vom CO2-induzierten anthropogenen Klimawandel und lernen die USA als Verursacher des (unprovozierten ;-) Ukraine-Konflikts kennen. Ein Trost??

    • Sabine Schoenfelder 26. September 2024 um 18:41 Uhr - Antworten

      Sehe ich wie Sie. Diese ostentative Lügengeschichte CORONAPLANDEMIE war rückwirkend betrachtet nur ein vorübergehender „Überraschungserfolg“. Überraschung, weil sich die Menschen bis dato n i e m a l s so eine übergriffige, menschenverachtende, dreiste und kriminelle AKTION seitens Politik und Medien v o r s t e l l e n konnten ‼️
      Auch versteht Karl Napf nicht immer die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Stakeholder-Kapitalismus und Weltwirtschaftsforums, zwischen UN und BIG-Money, zwischen Uschi Laien-Domina und der Pharmaindustrie. Noch nicht. 😁
      Aber er spürt bereits genau, daß hier nichts mehr stimmt….immer mehr und immer zahlreicher….

  3. Sabine Schoenfelder 26. September 2024 um 10:18 Uhr - Antworten

    An solchen Meldungen konstatieren wir den intellektuellen Verfall, den gewaltigen Verblödungsgrad unseres „ZEITGEISTES“….und das mangelnde Schamgefühl. Man will uns eine Klimaerwärmung suggerieren mit Tatsachen, Funden aus „eisfreien Zeiten“, in welchen es augenscheinlich wesentlich wärmer war als heute….😂🤣😂🤣👍
    Auch gut. Eine EU, sowie Regierungen und NGOs, die Frieden rechts-radikalisieren und uns CO2-sparend zum Kaltduschen und zu Emissionshandel verpflichten, während andererseits Rüstungsproduktion und Kriegshandlungen gefordert werden…von
    DENSELBEN HEUCHLERN ! 😂🤣😂…ja Leute, GERADE DAS produziert UNMENGEN
    C O 2 ‼️
    Vera.schen können wir uns auch selbst.😁👍

  4. Wolliku 26. September 2024 um 10:00 Uhr - Antworten

    Ein wieder sehr inspirierender Beitrag zur Klimageschichte der Alpen. Alles Dinge die keiner hören und lesen will, wenn er mühsam an seinem CO2-Narrativ zur Klimakrise herumoppert. Aber so ist nun einmal die Wissenschaft, die Fakten kann man nicht weg diskutieren, die liegen da einfach so rum, allenfalls kann man als Wissenschaftler einen großen Bogen um die Wahrheiten machen. Das kräftigt zwar die Wahrheiten im Geldbeutel, macht aber einen echten Wissenschaftler nicht unbedingt glücklicher. Den echten Wissenschaftler sollte das Schicksal von Galileo Galilei interessieren. Er hatte bis 1992 immer die Hl. Inquisition im Nacken, aber dann hat der Vatikan ihn rehabilitiert. Der IPCC soll nicht die Hartnäckigkeit der Hl. Inquisition haben…ein Hoffnungsschimmer in der Krise?

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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