Notizen über die Ukraine

19. August 2024von 3,2 Minuten Lesezeit

Der italienische Starphilosoph Giorgio Agamben mit einigen Betrachtungen über die „Lügen, die wiederholten werden“, wenn über die Ukraine gesprochen wird. 

Zu den Lügen, die wiederholt werden, als wären sie selbstverständliche Wahrheiten, gehört die, dass Russland in einen unabhängigen souveränen Staat einmarschieren würde, ohne in irgendeiner Weise darauf hinzuweisen, dass dieser so genannte unabhängige Staat nicht nur seit 1990 unabhängig ist, sondern auch jahrhundertelang ein fester Bestandteil zunächst des Russischen Reiches (seit 1764, aber bereits zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert war er Teil des Großfürstentums Moskau) und dann von Sowjetrussland war. Ukrainisch war auch der vielleicht größte russischsprachige Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Gogol, der in „Abende auf dem Weiler bei Dikanka“ die Landschaft der damals als „Kleinrussland“ bezeichneten Region und die Sitten der dort lebenden Menschen wunderbar beschrieb. Der Genauigkeit halber sollte hinzugefügt werden, dass ein großer Teil des Gebiets, das wir heute Ukraine nennen, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs unter dem Namen Galizien die äußerste Provinz des österreichisch-ungarischen Reiches war (in einer ukrainischen Stadt, Brody, wurde Joseph Roth, einer der größten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts geboren).

Es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass die Grenzen dessen, was wir seit 1990 als Ukrainische Republik bezeichnen, genau mit denen der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik übereinstimmen und keine frühere Grundlage in den ständigen Teilungen zwischen Polen, Russen, Österreichern und Osmanen haben, die in dieser Region stattfanden. So paradox es klingen mag, aber eine ukrainische Staatsidentität gibt es nur dank der Sozialistischen Sowjetrepublik, deren Platz sie einnahm. Die in diesem Gebiet lebende Bevölkerung war eine bunte Mischung, die sich nicht nur aus den Nachkommen der Kosaken zusammensetzte, die im 15. Jahrhundert massenhaft dorthin eingewandert waren, sondern auch aus Polen, Russen, Juden (in einigen Städten bis zur Shoa mehr als die Hälfte der Bevölkerung), Zigeunern, Rumänen und Huzulen (die zwischen 1918 und 1919 eine kurzlebige unabhängige Republik bildeten).

Es ist durchaus legitim, sich vorzustellen, dass sich die Ausrufung der Unabhängigkeit der Ukraine in den Augen eines Russen nicht allzu sehr von der möglichen Ausrufung der Unabhängigkeit Siziliens in den Augen eines Italieners unterscheiden würde (dies ist keine abwegige Hypothese, denn man darf nicht vergessen, dass die Bewegung für die Unabhängigkeit Siziliens unter der Führung von Finocchiaro Aprile 1945 die Unabhängigkeit der Insel verteidigte, indem sie sich Zusammenstöße mit den Carabinieri lieferte, die Dutzende von Toten forderten). Ganz zu schweigen davon, was passieren würde, wenn ein amerikanischer Staat sich für unabhängig von den Vereinigten Staaten erklären würde (zu denen jeder US-Bundesstaat viel kürzer gehört als die Ukraine zu Russland) und ein Bündnis mit Russland eingehen würde.

Was die demokratische Legitimität der derzeitigen ukrainischen Republik anbelangt, so ist allgemein bekannt, dass ihre 30-jährige Geschichte von ungültig erklärten Wahlen aufgrund von Betrug, Bürgerkriegen und mehr oder weniger versteckten Staatsstreichen geprägt war, so dass der Präsident der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, im März 2016 erklärte, dass es mindestens 25 Jahre dauern würde, bis die Ukraine die Anforderungen erfüllen würde, die ihren Beitritt zur Europäischen Union legitimieren und ermöglichen würde.

Bild „Kiev. Ukraine“ by Elena Penkova is licensed under CC BY-NC 2.0.

Giorgio Agamben, Jahrgang 1942, lehrt heute als Professor für Ästhetik an der Facoltà di Design e Arti der Universität Iuav in Venedig, an der European Graduate School in Saas-Fee sowie am Collège International de Philosophie in Paris. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er war der einzige lebende Weltphilosoph, der von Februar 2020 gegen das Covid-Regime angeschrieben hatte. Deshalb wurde er auch weitgehend aus dem öffentlichen Diskurs gecancelt. Der Text Qualche notizia sull’Ucraina erschien Anfang August.


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8 Kommentare

  1. Andreas I. 19. August 2024 um 20:19 Uhr - Antworten

    HÄ?!
    ist das hier die Rubrik Politik?

  2. Fritz Madersbacher 19. August 2024 um 17:09 Uhr - Antworten

    „So paradox es klingen mag, aber eine ukrainische Staatsidentität gibt es nur dank der Sozialistischen Sowjetrepublik, deren Platz sie einnahm“
    Die Grenzziehung dieser Sowjetrepublik wird heute nicht ganz zu Unrecht Lenin angelastet, der damit demonstrieren wollte, dass die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (kurz: die Sowjetunion) kein großrussisches Reich, sondern eine Union gleichberechtigter Republiken verschiedener Völker und Ethnien ist, inspiriert und zusammengehalten vom proletarischen Internationalismus. Mit der Verbürgerlichung der Kommunistischen Partei nach dem Tod Stalins nahmen auch die russischen Dominanzbestrebungen in den verschiedenen Republiken zu …

  3. Varus 19. August 2024 um 16:04 Uhr - Antworten

    ein fester Bestandteil zunächst des Russischen Reiches (seit 1764, aber bereits zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert war er Teil des Großfürstentums Moskau) und dann von Sowjetrussland war

    Streng genommen, Russland fing um Kiew an, bis im 13. Jahrhundert die Mongolen Russland weitgehend zerstört haben, worauf im 14. Jahrhundert wilde Räuberbanden halbes Land erobert haben. Gemeint ist Litauen, das später die Eroberungen in die Union mit Polen einbrachte – heutiges Weißrussland und just die Regionen um Kiew, wo Russland anfing. Kiew hatte Russland übrigens bereits Mitte des 17. Jahrhunderts zurück – während Ostgalizien mit Lemberg irgendwann an Österreich ging.

    Bei Gelegenheit, wenn gerade Italien erwähnt wird – neulich gab es vor RAI in Genua große Demo dagegen, dass der Sender fröhlich Banderas mit Symbolen auf den Uniformen interviewt, die in großen Teilen Westeuropas strikt verboten sind. Mit solchen Devotionalien ausgestattet haben die wieder mal die Region Kursk überfallen.
    Sollte es im Alltag wieder verpflichtend werden, mit ausgestrecktem rechten Arm zu begrüßen, werden wir rechtzeitig vorgewarnt? Das dürfte dann wohl „Woker Gruß“ heißen.

    • Dr. Rolf Lindner 20. August 2024 um 2:35 Uhr - Antworten

      Einkreisende Daten

      Wieder sind es viele heute,
      die der Regierung Beifall zollen,
      als ob gehirngewasch’ne Leute
      wie damals ihren Selbstmord wollen.

      Statt den Arm rechts ausgestreckt,
      halten Schilder aus Pappe sie,
      denken politisch wär‘ korrekt,
      Fakten zu keulen wie das Vieh.

      Hoffen, sie können ihn verstecken,
      ihren feigen Opportunismus,
      wenn Wahrheit sie mit Schmutz zudecken,
      stinkt der doch eher nach Faschismus.

      Was heute sie zusammenschweißt,
      lässt wie Bestien um sich beißen,
      sind sie von Daten eingekreist,
      die kann man eben nicht beschmeißen (o.ä.).

  4. Jan 19. August 2024 um 14:57 Uhr - Antworten

    Dass Narrative nicht stimmen, ist seit der Römischen Republik nichts Neues. Problematisch ist die Aufhebung des volonté générale durch die Aussetzung von Grundrechten ohne Notlage. Dies muss per Strafrecht geahndet werden, um den Staat zu schützen, aber das wollen nicht einmal mehr die Intellektuellen, die halten den volonté de la majorité für Demokratie, weil sie statt Rousseau lieber Fantasien über Singularität lesen. Realität überlassen sie Koksnasen.

    PR und Desinformation drucken halt Geschichtln. Interessanter ist, sich die strategische Lage anzuschauen:

    Durch den Rückzug der USA als Weltpolizist, der vor allem ökonomische Ursachen hat – der Abschwung führt zur Forderung nach Friedensdividende – und durch die Bevölkerungsentwicklung und den technischen Aufstieg Asiens, können die Ressourcenländer damit drohen, Ressourcen für sich zu behalten, weil sie inflationierte Anleihen im Austausch nicht brauchen oder Produkte selbst herstellen können.

    USA und EU sind zusammen keine Mrd Menschen, sind aber der größte Verbraucher von Energie – die sie einführen müssen. Afrika, Asien und Lateinamerika repräsentieren zusammen knapp 7 Mrd Menschen. Was wir sehen sind Ressourcenkriege.

    Das führt zu einem Weltkrieg, da alle miteinander verbunden sind: Hinter dem Iran steht China, hinter Venezuela Russland. Es kommt zu Mehrfrontenkriegen, egal ob physisch oder hybrid. Allerdings: Wer keine Ressourcen hat, kann auch keine Ressourcen im Krieg einsetzen und keine Kriegswirtschaft betreiben.

    Dass jemand, der nicht weiß, in wieviele Grade ein Kreis eingeteilt wird, das nicht versteht, ist selbsterklärend.

    Aus meiner Sicht hat man durch absichtliche Fehlernährung und Spritzen (30% bekommen mentale Probleme nach Kontakt mit dem Spike-Protein) plus Psychoterror (siehe Michael Nehls) die Problemlösekapazität des Westens minimiert.

    Dass die Unternehmenslenker sich für Götter halten, heisst ja nicht, dass sie funktionierende Konzepte haben. Baerbock ist ja auch von sich überzeugt.

    Selbst wenn der Westen einen Krieg gewinnt, werden 7 Mrd das kleine Häuflein Grenzdebiler outperformen.

    Sie werden erst gestoppt durch das Ende ihrer eigenen Ressourcen, was nicht so weit in der Ferne liegt.

    Bis dahin hat sich Europa vielleicht auf die neuen Verhältnisse eingestellt?

  5. Sting 19. August 2024 um 13:30 Uhr - Antworten

    TAUSENDE VON BILDERN ZEIGEN DIE UKRA ARMEE MIT NAZI-SYMBOLEN !!

    So wir mir immer klarer mit welchen verlogenen Westmächten (USA, GB, FR) wir es zu tun haben !!

    Im 2. WK behaupteten sie gegen die bösen NAZIS zu kämpfen und jetzt zeigen sie, daß ihnen die NAZIS die besten Partner sind um ihre WELTBEHERRSCHUNGS WAHN durchzusetzen !!

    Auch die Deutsche Politik hat nach dem 2. WK geschworen nie mehr mit NAZIS zusammen zu arbeiten !!! …was ist daraus geworden ???

    Dabei behaupten diese Politiker auch noch, daß alle friedlichen Politiker von AfD & BSW oder das COMPACT MAGAZIN quasi NAZIS wären, GENAU DAS SIND SIE SELBST !!

    Gerade Deutschland verdankt Russland seine WIEDERVEREINIGUNG (wenn auch unter dem Protektorat der USA) !!

    Außerdem haben wir unseren gesamten wirtschaftlichen Aufschwung NUR RUSSLAND und seinen günstigen ENERGIELIEFERUNGEN zu verdanken !!

    DEUTSCHLAND HÄTTE NIEMALS MIT DIESEN WEST-BANDITEN EINEN KRIEG GEGEN RUSSLAND FÜHREN DÜRFEN … ICH VERACHTE ALLE DIE POLITIKER & PRESSE DIE HIER MITMACHEN !

    ICH WÜNSCHE IHNEN EINEN LEBENSLANGEN AUFENTHALT IN EINEM SIBIRISCHEN ARBEITSLAGER !!

  6. Sting 19. August 2024 um 13:30 Uhr - Antworten

    Washington ist der größte Feind der Menschheit

    https://kritisches-netzwerk.de/forum/washington-ist-der-groesste-feind-der-menschheit

    von Paul Craig Roberts

    Wie kommt Washington nur ungeschoren mit der Behauptung davon, dass das Land, das es beherrscht, eine Demokratie ist und Freiheit besitzt?

    Diese absurde Behauptung ist wohl eine der unbegründetsten Behauptungen der Geschichte.

    Da gibt es keine Demokratie. Wahlen sind eine Fassade für die Herrschaft von ein paar mächtigen Interessengruppen.

    In zwei Urteilen im 21. Jahrhundert (Citizens United und McCutcheon) hat der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten von Amerika geregelt, dass der Kauf der Regierung durch private Interessengruppen nur die Ausübung des Rechts der freien Meinungsäußerung ist.

    Diese Urteile erlauben mächtigen Konzernen und finanziellen Interessengruppen, ihre Finanzkraft zu benützen, um eine Regierung zu wählen, die ihren Interessen auf Kosten des allgemeinen Wohls dient.

    Die russische Regierung fragt sich, welche Absichten Washington verfolgt. Ist Washington in seiner arroganten Dummheit und Supermacht-Überheblichkeit nicht fähig zu erkennen, dass seine Übernahme der Ukraine schiefgegangen ist und Rückwirkungen zeitigt?

    Begreift Washington nicht, dass die russische Regierung genauso wenig den Einsatz von Gewalt gegen russische Bevölkerungen in der Ukraine akzeptieren kann wie es Gewalt gegen Russen in Südossetien akzeptieren konnte?

    Wenn Washington nicht zur Vernunft kommt, wird Russland Soldaten schicken müssen, wie es das in Georgien getan hat. …ALLES LESEN !!

  7. Patient Null 19. August 2024 um 13:27 Uhr - Antworten

    An dem im Mainstream gezeichnetem Bild stimmt eigentlich so gut wie nichts. Man findet allerdings gelegentlich noch Artikel, incl ZDF und Co, von 2014 die der Wahrheit noch ziemlich nahekamen. Seitdem ist allerdings Schicht, quasi seit Maidan und darauffolgend Krim hat man sich von halbwegs objektiven Beurteilungen verabschiedet.

    Zum Thema Krim kann man auch mal nachlesen das es schon die ganze Zeit auch vor Maidan Bestrebungen gab, die von der Ukraine immer abgewürgt wurden. 2014 war also nicht wirklich überraschend oder ausgehend von Russland wie behauptet wird.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Krim#Wiederbegr%C3%BCndung_der_ASSK_in_der_Ukrainischen_SSR_1991

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