Unfreiwillig nach Deutschland eingewandert, freiwillig nach Russland ausgewandert

22. Juli 2024von 7,5 Minuten Lesezeit

In Usbekistan als Sohn einer Deutschen – sie war Enkelin einer Preußin – und eines Russen geboren, in der Ukraine aufgewachsen, als junger Erwachsener nach Deutschland ausgewandert, ist Marcel ein Wanderer zwischen den Welten. Inzwischen ist er mit Ende 40 aber nach Russland zurückgekehrt und lebt dort jetzt als „Flüchtling“ im Einzugsgebiet von Moskau.

Sein Ausreisegrund: Marcel wollte nicht, dass mit einem Cent seines Steuergeldes Waffen finanziert werden, die seine russische Heimat bedrohen. Obwohl er als Bundeswehrsoldat in Deutschland sogar in führender Position tätig war, hat er den Bezug zu seinem Geburtsland nie verloren.

Da seine Papiere aber nicht vollständig sind und er noch mit diversen bürokratischen Hindernissen in Russland kämpft, haben wir das Interview anonym geführt.

Du bist erst als junger Erwachsener nach Deutschland gekommen. War das Deine Entscheidung?

Nein. Als wir nach einem jahrelangen Kampf mit der deutschen Bürokratie und gefühlt tausenden Formularen endlich das „OK“ bekamen, Russland zu verlassen und in Deutschland einzureisen, war ich zwar anfangs auch erfreut. Aber einige Monate vor der Abreise begann die Skepsis. In der Ukraine war ich zwar in der Schule auch nicht gerade glücklich, doch ich wollte lieber zu meinen Verwandten nach Russland als in ein Land gehen, das mir eigentlich völlig fremd war.

Kurz zur Ukraine – warum warst Du da „nicht gerade glücklich“?

In der sowjetischen Republik Usbekistan hat mich in der Schule mit 500 Kindern kaum einer wegen meiner Herkunft angesprochen oder gar beleidigt. In der Ukraine war ich für die eine Hälfte der sch.. Deutsche und für die andere der sch… Russe. Das war schon ziemlich unangenehm.

Du bist dann mit den Eltern mitgegangen?

Ja, das musste sein. Der Familie zuliebe. Der Antrag war für vier Personen gestellt und genehmigt worden. Diese Genehmigung wäre verlorengegangen, wenn ich nicht mitgegangen wäre.

Konntest Du Deutsch?

Nein. Erst zwei Jahre vor unserer Abreise fing ich an Deutsch zu lernen, musste aber feststellen, dass meine 1+ im Zeugnis der Sprachschule aus der Ukraine in Deutschland wohl knapp eine 5 wert war. Als wir ankamen, habe ich bei der Begrüßung nur einen Wasserfall gehört, konnte die einzelnen Worte nicht auseinanderhalten. Einen Satz werde ich nie vergessen.

Wie lautet er?

Gutenabendmeinedamenundherrenherzlichwillkommenimumzugslagerfriedland

Wie lange wart Ihr im Lager?

In Friedland waren wir knapp eine Woche, dann ging es weiter nach Eisenberg in Thüringen. Aber im Lager hatte ich bereits meine erste Begegnung mit „freundlichen“ deutschen Behördenmitarbeitern.

Was ist vorgefallen?

Unser „netter“ Sachbearbeiter hat uns „überzeugt“, unsere Vornamen zu ändern, damit wir uns besser integrieren. Mein Geburtsname war Arsenij – aber dank dieses Typen wurde ich zu Marcel. Er hat uns massiv unter Druck gesetzt, angedeutet, dass wir sonst länger im Lager bleiben müssten. Ich wurde richtig wütend. Und dabei war das Ganze völlig umsonst. In Thüringen hatte deutlich mehr als die Hälfte der Exilrussen ausländische Namen.

Wie ging es für Dich in Thüringen weiter?

Ich besuchte erst mal 1/2 Jahr den Sprachkurs vom Arbeitsamt und anschließend ebenfalls für 1/2 Jahr den Sprachkurs der Otto-Beneke-Stiftung. Dann folgte ein Berufsvorbereitungsjahr, um zu klären, in welche Richtung es mit meinen Interessen geht. Für mich stand schnell fest, dass es Informatik wird und ich entschied mich für eine Ausbildung als technischer Assistent für Informatik in Sachsen.

Später habe ich den Grundwehrdienst abgeleistet und mich entschieden, mich als Soldat für die Bundeswehr zu verpflichten. Ich war in Bosnien und Afghanistan dabei, war in führender Position, habe aber vor Ort sehen können, dass das dort auf eine Katastrophe rausläuft. Irgendwann habe ich gemerkt, dass vieles nicht in Ordnung ist und meine Z12er-Dienstzeit vorzeitig beendet.

Warum das?

Als 2008 der Krieg in Georgien lief, wurde mir klar: der Westen strebt nicht nach Frieden. Die Medien waren voller Lügen, voller falscher Berichte und beschuldigten Russland Dinge zu tun, die einfach nicht stimmten. Es gab auch später nie eine Entschuldigung für diese Hetze. Da sind mir politisch die Augen aufgegangen und mir war klar: ich muss weg vom Militär. Ich hatte Glück. Der Berufsförderungsdienst hat mir einen Ausbildungsplatz für IT-Management und Datenbankarchitekt angeboten, so dass ich früher aus dem aktiven Dienst rauskam.

Wie ging es dann beruflich weiter?

Zunächst war ich in einer Rüstungsfirma tätig. Da ich aber von meinem Vorgesetzten als Konkurrenz angesehen wurde, gab es Probleme. Ich wurde von ihm als Wirtschafts- und Landesspion bezeichnet und massiv gemobbt. Daraufhin habe ich gekündigt und bin zu einer Firma für Mobilfunk-Montagen gewechselt, wo ich nach zwei Monaten zum Teamleiter befördert wurde. Nur kam dann leider ein heftiger Sportunfall, durch den ich ein Jahr berufsunfähig war. Selbst jetzt bin ich ja noch teilweise behindert und kann körperlich nicht mehr alles machen.

In dieser Zeit bin ich zu meinen Eltern nach Baden-Württemberg gezogen, wo ich mir – als leichte Arbeit wieder möglich wurde – einen Job in der IT-Branche gesucht und gefunden habe. Erst Service-Techniker, dann Senior Service-Techniker, dann Teamleiter – nach zwei Jahren war ich nicht nur Projekt-Manager, sondern auch stellvertretender General Service Manager. Dort blieb ich bis 2023 – also bis zu meiner Rückkehr nach Russland.

Bist Du gegangen, weil Du politisch aktiv warst?

Nein, aber ich habe immer Russlands Position verteidigt. Alles, was ich wusste, kann und konnte ich belegen. 2015 wollte ich bereits in die Ostukraine gehen, wo meine Verwandten leben, um militärisch dort zu helfen, aber mein Onkel sagte: „Nein, wir haben noch genug Kraft im Land. Ich kenne die Situation aus der Ukraine wirklich von innen.“

Also musstest Du nicht aus Deutschland weg?

Nein. Das war eine rein persönliche Entscheidung. Ich fühle mich zwar nicht als Russe und auch nicht als Deutscher. Ich fühle mich als Mensch. Aber trotzdem wollte ich dem deutschen Staat keinen Cent Steuergeld mehr überweisen, um Waffen gegen meine russische Heimat zu bezahlen. Ich habe alles ordentlich abgeschlossen, meine Rechnungen bezahlt und mich ohne Zieladresse bei der Stadtverwaltung abgemeldet. Das war im Frühling 2023.

Hattest Du noch einen russischen Pass, der Dir die Einreise erleichtert hat?

Nein. Ich hatte nie einen Pass außer den Deutschen. In Usbekistan war ich noch zu jung für einen Pass, in der Ukraine haben wir – für einen Passantrag – zu kurz gelebt.

Und wie gut war bzw. ist Dein Russisch?

Das ist immer noch knapp vor perfekt. Ich habe nie aufgehört, Russisch zu sprechen. Auch meine Eltern nicht. Wenn Eltern die Kultur wegdrücken, verlieren die Kinder ihre russische Identität, aber das war bei uns nicht der Fall. Trotzdem waren bzw. sind die Einreiseformalitäten sehr schwierig.

Warum das?

Mein Vater ist ja gebürtiger Russe – soweit so gut. Also habe ich ein Recht auf Repatriierung, was üblicherweise zwei bis vier Monate in Anspruch nimmt. Nur ist leider irgendein Dokument aus der Sammlung von Papieren verschwunden, so dass es sich bei mir „etwas“ hinzieht. Ein Team von Juristen ist dran, das in Ordnung zu bringen. Es ist für mich im Moment echt die Hölle. Es geht ja um mein Leben, meine Zukunft.

Wie ist Dein aktueller Status?

Ich habe den Status als politischer Flüchtling, der ist aber zeitlich begrenzt und muss jährlich verlängert werden – genauso wie beim Arbeitsvisum. Arbeiten darf ich, ich habe Steuer- und Sozialversicherungsnummer, bin aber auf Regionen und Branchen eingeschränkt.

Bestimmte Branchen wie Banken oder Staatsfirmen dürfen wegen des Sicherheitsrisikos keine Ausländer einstellen. Namhafte Firmen haben schon ihr Interesse bekundet, ich könnte sofort anfangen, sobald ich die Papiere habe.

Und wie lebst Du jetzt?

Ich wohne in einem kleinen Haus südwestlich im Einzugsgebiet von Moskau. Das ist günstiger als eine 1-2 Zimmerwohnung in der Stadt, wo die Preise ständig steigen. Derzeit lebe ich von Erspartem und helfe hier und dort aus. Ich habe keine Ahnung wie es weitergeht. Ich hatte auf einen schnelleren Prozess gehofft, aber …

Hast Du Dir schon ein soziales Umfeld aufgebaut?

Ein paar Menschen habe ich kennengelernt, darunter Liane von der Friedensbrücke, mit der ich viel Zeit verbringe. Freundschaften muss man pflegen – das nimmt Zeit in Anspruch. Irgendwann möchte ich mit ihr auch in den Donbass fahren, aber auch dafür brauche ich die Papiere.

Bereust Du die Entscheidung?

Die formellen Schwierigkeiten mit den Behörden machen mich manchmal wütend, aber bereuen tue ich es nicht. Und was ich anfange, bringe ich auch zu Ende. Es könnte leichter gehen, aber es gibt überall Probleme – was soll’s!

Dann wünsche ich Dir, dass die Probleme bald Vergangenheit sind!


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge uns auf Telegram und GETTR



Im russischen Exil: Nachtwölfe sind in Deutschland nicht willkommen

Im russischen Exil: Kaliningrad statt Moskau

Im russischen Exil: Putins Propagandaprinzessin kann nicht mehr zurück

 

Ein Kommentar

  1. Gustav Wiens 22. Juli 2024 um 13:01 Uhr - Antworten

    Seit wann ist Usbekistan Russland?Das Sowjetunion war,zumindest auf dem Papier,ein Staatenbund wie die EU.

    Dort steht nicht ob er als Spätaussiedler gekommen ist,da er schreibt“Unser „netter“ Sachbearbeiter hat uns „überzeugt“, unsere Vornamen zu ändern, damit wir uns besser integrieren. Mein Geburtsname war Arsenij – aber dank dieses Typen wurde ich zu Marcel“ wird das wohl so sein da AUsländer nicht sofort den Namen ändern können.
    Das Gesetz ist ja eigentlich auch für Deutsche,und man muss sich zum deutschen Volkstum bekennen!Wenn ihn das so sehr stört kann er ja die Beihilfen zurückzahlen.Angeheiratete und Kinder von Deutschen wurden und werden nämlich genau wie Deutsche behandelt,es muss bis 1993 gewesen sein-da konnte auch die gesamte angeheiratete Familie nach Deutschland und wurde rechtlich als Deutsche behandelt.
    Bei den Namensänderungen hatte man in Friedland(bei den Leuten die früher kamen war man jeder froh da deutsche Namen im Ostblock meist verboten waren und wer älter war dem wurde Zwangsweise ein neuer Vorname gegeben)etc. allerdings wenig Ahnung.Man bekam nur einen Ausweis,rechtlich gesehen müssen aber noch andere Papiere geändert werde,die meisten merken es erst bei einer Erbschaft.

    Mir ist auch ein Fall einer Wolgadeutschen bekannt deren Kind in D. geboren wurde als sie erst kurz da war,sie wollte den Kind natürlich einen deutschen Namen geben,aber da sass ein Vollidiot und sagte sie müsse ihm zuerst den russsischen geben,später könne man ihn ändern!Ich bezweifel aber das der Depp den Namen in kyrillisch geschrieben hat.Und das ist natürlich auch ein Grund warum Namen geändert werden müssen,oder sollen hier Leute mit Buchstaben im Pass rumlaufen die niemand lesen kann???

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge