Im russischen Exil: Putins Propagandaprinzessin kann nicht mehr zurück

12. Juli 2024von 17,3 Minuten Lesezeit

Als ich Alina Lipp 2020 auf einer Demonstration in Berlin kennenlernte, stand mir eine junge, unbefangene und lebensfrohe Frau gegenüber. Eine Idealistin – deren Aussagen fast schon ein bisschen naiv klangen – aber wer ist das nicht mit Mitte 20?

Die inzwischen 30ig-jährige Alina Lipp, die ich im Juli 2024 per Telegram interviewt habe, klang anders. Sie klang nach jemanden, der Not und Leid aus nächster Nähe gesehen hat. Einen Rest Lebensfreude hat sie sich aber noch bewahrt.

Du bist vermutlich „eine der bekanntesten deutschen Putin-Propagandistinnen“? Welche Ehrentitel hat Dir der deutsche Mainstream denn verliehen?

Da waren einiges witzige dabei. Zum Beispiel hat mir „Putins Propaganda-Tröte“ gut gefallen. Aber auch „Prinzessin der Desinformation“ oder „Putins Infokriegerin“ klingt eigentlich ganz witzig. Aber das muss man sich erst erarbeiten. Thomas Röper meint, weil ich „mediengängig“ bin – also vom Typ „junge, sympathische, blonde Frau“ – hacken sie besonders auf mir herum.

Wir haben uns 2020 getroffen. Hättest Du Dir damals vorstellen können, nach Russland auszuwandern?

Natürlich nicht, zumindest nicht, um als Kriegsberichterstatterin zu arbeiten. Der Gedanke ins Land meines Vaters zu gehen war da, aber nicht konkret. Ich fühle mich weder als Russin noch als Deutsche und wollte immer in beiden Ländern leben. Jetzt bin ich seit 2021 nicht mehr in Deutschland gewesen und kann auch nicht mehr zurück.

Für die wenigen, die Dich noch nicht kennen: Kannst Du Deinen Hintergrund kurz schildern?

Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist Russe, meine Mutter stammt aus Deutschland. Ich bin wie jeder andere Deutsche aufgewachsen, habe Russisch erst nach der Schule gelernt, da mich das Land meines Vater erst interessierte, als ich 18 war. Ich habe studiert, meinen Master in Nachhaltigkeitswissenschaften gemacht und war – seit ich 20 war – bei den Grünen aktiv. Allerdings nur bis 2014 – mit der Ukrainekrise habe ich gemerkt, dass die Grünen nicht das richtige für mich sind.

Wieso das?

Mir ging es zwar damals primär um Umweltschutz, Außenpolitik war nie mein Thema, aber durch die politische Situation und meine persönlichen Beziehungen zu Russland hat sich etwas verändert. Ich war beispielsweise 2016 für meine Bachelor-Arbeit auf der Krim, kam zurück und wurde mit der Frage: „Wie war es denn da in der Ukraine“ ganz gezielt provoziert. Die Haltung der Grünen wurde untragbar für mich. Ich wusste aus unzähligen Gesprächen, die ich auf der Krim geführt hatte, dass wirklich über 90% der Menschen zu Russland zurück wollten. Die Diskussionen waren einfach nur nervtötend, es kam immer wieder zu Konflikten. Ich war ab 2017 nicht mehr aktiv, bin dann 2020 aus der Partei ausgetreten.

Warum hast Du angefangen, andere über Russland zu informieren?

2018 ging mein Vater zurück nach Russland und ich fuhr öfter hin, um ihn zu besuchen. 2019 habe ich dann mit Bloggen angefangen, habe den Youtube-Kanal „Glücklich auf der Krim“ ins Leben gerufen, da ich gemerkt habe, dass im deutschsprachigen Raum kaum Informationen über das Leben dort vorhanden waren. Es war nichts Politisches – nur die ganz normale Lebenssituation der Menschen dort. Dann habe ich Sergej Filbert kennengelernt und mit ihm den Kanal DruschbaFM aufgebaut. Da wurde das Ganze schon professioneller. Wir haben uns auf russisch-deutsche Beziehungen spezialisiert. Das lief gut ein Jahr bis ich 2021 Deutschland zum letzten Mal verlassen habe.

War das geplant?

Nein. Das war nicht mein Plan. Dirk Pohlmann hatte mich eingeladen eine Serie auf der Krim zu drehen. Ich sollte durch ganz Russland reisen und Land und Leute vorstellen. Also bin ich mit einem kleinen Team auf die Krim gefahren und wir haben ein paar Folgen gedreht. Dann kam eine Einladung von einem Bekannten, nach Donezk zu fahren. Das hat mich sehr interessiert, denn ich hatte ja schon über den Krieg im Donbass berichtet, war aber selbst noch nicht vor Ort. Und in den Mainstream-Medien fand dieser Krieg ja nicht statt …

Dann bist Du in den Donbass gefahren?

Ja – im Spätsommer ging es los, obwohl meine Eltern protestierten.

Wie waren Deine Eindrücke? Spätsommer 2021 war ja noch vor dem sogenannten „Kriegsbeginn“.

Ich war zuerst positiv überrascht. Es war zwar alles eher ärmlich, aber es herrschte dort ganz normales Leben. Es war eine sehr schöne Stadt, die Menschen bewegten sich völlig frei auf der Straße. Ich traf eine junge Mutter mit Kind, die mir sagte, sie habe keine Angst. In Donezk sei Ruhe, auch wenn in ein paar Kilometer die Front läge. Aufgewachsen in der heilen Welt Deutschlands, hat mich das alles sehr beeindruckt.

Ein Journalist aus Donezk wollte mich interviewen, warnte mich aber, dass ich dann in Deutschland Probleme bekommen kann. Das brachte mich ins Grübeln.

Wieso?

Ich habe überlegt, was ich machen soll. Es gab ja niemanden, der über den Konflikt vor Ort berichtete. Kein deutscher Journalist hat jemals mit ganz normalen Menschen gesprochen. Ich hatte in sehr kurze Zeit sehr viele Geschichten von solchen Menschen gehört. Besonders die Geschichte, dass die Menschen 2014 auf einmal von „eigenen Leuten“ angegriffen wurden, hat mich sehr schockiert. Aber … ich wollte auch mein Leben in Deutschland nicht gefährden.

Wie ging es dann weiter?

Ich fuhr im Oktober 2021 nochmals nach Donezk. Das wurde sehr positiv von den Menschen dort aufgenommen und ich bin dann mehrfach in die graue Zone gefahren. Ich begleitete dabei einen Ukrainer, der Hilfsgüter für Menschen im Frontgebiet nach vorne brachte. Ich war ja noch keine offizielle Journalistin, als Bloggerin bzw. Privatperson war ich nicht akkreditiert. Diese Fahrten waren für mich das Schlimmste, was ich im Leben sah!

Kannst Du ein oder zwei Erlebnisse schildern?

Nur 15 Minuten vom Stadtkern von Donezk entfernt, herrschten unfassbare Lebensbedingungen. Dort leben alte Menschen in völlig zerstörten Häusern, manche auch mit kleinen Kindern. Menschen, die niemanden hatten, zu dem sie hätten fliehen können. Ich erinnere mich noch an einen alten Mann, der seinen Enkel betreut hat. Die Eltern waren durch den Beschuss gestorben, aber er litt an Krebs und wusste nicht mehr, wie das weiter geht. Die ukrainische Armee schoss immer wieder auf ein Dorf, wo nur Zivilisten lebten. Aber das wollte im Westen ja niemand sehen. Darum habe ich alles gefilmt und auf meinen Telegram gestellt.

Warum nicht auf Youtube?

Auf Youtube wurde alles gelöscht – auch Videos, die keinerlei Kommentare enthielten und nur die Situation zeigten, wie sie war. Auch dadurch wurde mir bewusst, dass es wichtig ist, was ich tue. Der Telegram-Kanal lief 2021 schon gut. Ich hatte noch nicht so viele Spenden damals, konnte mein Leben in Donezk aber finanzieren, das war ja nicht teuer. So war es mir möglich, die Berichterstattung fortzusetzen.

Aber in diesem Moment wusste ich auch, dass ich nicht mehr nach Deutschland zurück gehen sollte. Ich hatte keine Lust auf Hausdurchsuchung. Im November fand ich mich auch noch bei den „Friedensmachern“ Myrotvorets (Peacemaker) – de facto eine Feindesliste, auf der private Daten veröffentlicht werden. Menschen, die auf dieser Liste landen, neigen dazu, umgebracht zu werden. Daria Dugina war nach 1,5 Monaten, in denen sie auf der Liste stand, tot. Es gibt also auch Sicherheitsgründe, dass ich nicht mehr nach Deutschland zurückgehe.

Bist Du dann einfach mit Deinem Reisegepäck im Donbass geblieben?

Ja. Meine Mutter hat mir verschiedene Sachen per Post zugeschickt und ich habe in Donezk weiter gemacht.

Der Krieg eskalierte zu der Zeit ja bereits – wie war Dein Leben dort?

Ende Oktober 21 wurde der Beschuss immer stärker, man bekam den Beschuss jetzt auch im Zentrum direkt mit. Natürlich hat man Angst. Aber ich habe mich – wie die Bevölkerung von der Stadt – langsam dran gewöhnt. Das Leben lief quasi normal weiter – die Supermärkte und Schulen waren geöffnet, die Busse fuhren – nur im Hintergrund hat es immer wieder geknallt. Ende Januar, Anfang Februar 22 flogen immer mehr Raketen direkt bis ins Zentrum der Stadt. Um mich herum starben immer wieder Menschen, überall waren Tote und Zerstörung. Das war schlimm, sehr schlimm.

Dass es dann am 24.2. zur Spezialoperation kam – zur Verteidigung des Donbass – wurde von den Menschen in Donezk begeistert aufgenommen. Ich habe wirklich mit sehr vielen Menschen gesprochen. Alle hofften, bald Teil der russischen Föderation zu sein. Die Menschen vor Ort waren überglücklich, dass endlich ein Ende absehbar ist, dass Russland endlich aktiv geworden ist. Viele waren sogar wütend, dass Russland so viele Jahre hat verstreichen lassen, nicht früher geholfen hat. Dass Russland seit 2014 dort militärisch aktiv war, ist einfach eine Falschaussage. Genau diese russische Hilfe hat bis 2022 gefehlt.

Ich bekam dann nach und nach Zugang in politische Kreise, die meine Wahrnehmung aus den vielen Gesprächen mit den Menschen und daraus resultierenden Erkenntnisse auch bestätigten.

Hast Du Erklärungen, warum Donezk immer wieder beschossen wurde bzw. wird?

Nein. Es wird ja nicht die Infrastruktur beschossen, das wären nachvollziehbare strategische Ziele. Es trifft meist Wohngebiete, normale Zivilisten. Ich habe Donezker gefragt, was sie darüber denken. Die Antwort war simpel: „Die mögen uns nicht.“

Die West- und Ostukraine sind – wie man an den Wahlergebnissen sehen konnte – sehr unterschiedlich. So wie Bayern und der Rest Deutschlands. Der Osten ist eindeutig prorussisch, der Westen pro-EU. Es sind eigentlich zwei verschiedene Nationen, das sagen die Menschen selbst. Die Westukrainer halten sich für etwas Besseres, rümpfen die Nase über die Menschen im Donbass.

Wie frei kannst Du Dich im Donbass bzw. in Russland bewegen?

Ich habe neben meinem deutschen Pass noch einen Pass von der DNR, der Donezker Volksrepublik. Den habe ich schon vor der Spezialoperation beantragt, nachdem ich ein paar Monate in Donezk gelebt habe. Damit kann ich mich ohne Visum in Russland frei bewegen.

Das Witzige: wenn ich Tickets in Russland kaufe, muss ich als Staatsbürgerschaft Ukraine angeben. In den Formularen fallen Donezk und Lugansk immer noch unter Ukraine.

Deine Mutter hat ja Deutschland inzwischen auch verlassen. Warum und wie geht es ihr jetzt?

Mit Beginn der Spezialoperation ist mein Telegramkanal explodiert, erreichte die 50.000er Marke und es wurden immer mehr Leser. Ich war die einzige deutschsprachige Berichterstatterin vor Ort, die einzige Quelle mit Life-Berichten, die dann in den sozialen Medien massiv geteilt wurden.

Das hat in Deutschland Aufmerksamkeit erregt, die deutsche Presse schrieb über mich den ersten Artikel „Putins Infokriegerin“. Im Juni 22 erfuhr ich, dass bereits im Februar oder März ein Verfahren gegen mich wegen „Billigung eines Angriffskrieges“ eröffnet worden war. Und wie das in Deutschland leider zunehmend der Fall ist: auch Verwandte von politisch aktiven Menschen werden angegriffen. Meine Mutter hat nichts mit meinen politischen Aktivitäten zu tun, aber bei ihr standen auf einmal Polizisten vor der Tür – unter windigen Vorwänden. Nicht nur mir, auch meinem Vater und meiner Mutter wurde das Konto geschlossen. Sie hatte zwar etwas Bargeld zu Hause, aber das war für sie schon krass.

Ich hatte das aber befürchtet und ihr bereits ein Visum organisiert. Sie ist dann schnell mit dem Auto und ihrer Katze nach Russland gefahren, hat es gerade noch so geschafft ohne endlose Wartezeiten und Vorabanmeldung. Gut, dass sie hier in Sicherheit ist, auch wenn es organisatorisch nicht so ganz einfach war, einen vernünftigen Aufenthaltstitel zu bekommen.

Welche Erfahrungen habt Ihr denn gemacht?

Als Deutsche ohne russische Sprachkenntnisse, ist es echt schwierig. Wir haben zunächst den Flüchtlingsstatus beantragt. Dann wollten wir einen regulären Aufenthaltstitel beantragen, aber es fehlte neben der Sprachkompetenz das polizeiliche Führungszeugnis. Das werden wir wohl aus Deutschland nicht bekommen. Kein Russisch – kein Zeugnis … wir brauchten Hilfe.

Wer hat Euch geholfen?

Ein Medium, das in der EU nicht genannt und nicht zitiert werden sollte, hat eine Webseite und eine Organisation für soziale Notfälle eingerichtet. Sie haben meiner Mutter geholfen als politischer Notfall einen unbegrenzten Aufenthalt zu bekommen.

Wie geht es ihr jetzt, wie lebt sie?

Sie lebt jetzt von ihrem Ersparten, mit 60 ist es nicht so einfach, völlig neu anzufangen. Es fällt ihr schwer, Russisch zu lernen, die Menschen hier sprechen aber nur wenig Englisch oder Deutsch. Das ist natürlich belastend. Aber sie ist froh hier zu sein, denn sie erkennt ihr eigenes Land nicht wieder, sieht einen Bürgerkrieg am Horizont

Wovon lebst Du eigentlich, wenn Putin Dich nicht bezahlt?

Immer noch von Spenden und Werbung – glücklicherweise reicht das zum Leben. Ich mache mit der Berichterstattung immer weiter und das wird geschätzt. Es ist gar nicht einfach immer am Ball zu bleiben. Jeden Tag etwas zu liefern ist eine Herausforderung, aber andere lasse ich an den Kanal nicht ran.

Und wo lebst Du jetzt: Moskau, Krim oder Donezk?

Ich wohne nirgendwo, habe keinen festen Wohnsitz. Mal bin ich bei den Eltern auf der Krim, mal bei Verwandten in St. Petersburg oder Freunden in Moskau. Ich habe noch eine Wohnung in Donezk, bin aber derzeit überall und nirgends. Ich weiß noch nicht, wo ich mich niederlasse.

Bist Du so pro-russisch wie man Dir vorwirft?

Ich bin pro-Mensch – behaupte ich zumindest. Jeder von uns möchte doch ein friedliches Leben führen, kein normaler Mensch will Krieg. Treffen sich Russen, Deutsche, Chinesen, Araber, Ukrainer … ohne politisches Wissen, könnten sie normal reden, lachen und Geschichten erzählen. Es sind immer die Regierungen, die die Länder in Konflikte führen.

Warum tust Du Dir das alles an? Warum hast Du auf ein ruhiges Leben als Naturschützerin in Deutschland verzichtet?

Ich mache es nicht, weil ich Journalisten bin, nicht für Geld. Ich habe einen inneren Antrieb, weil „meine“ Länder im Krieg sind. Die deutsche Militärhilfe für die Ukraine, deutsche Panzer auf der anderen Seite der Front, ich stehe da und filme …
… und dann schießen deutsche Panzer auch auf mich. Das ist doch irre.

Wie stehst Du zu den Mainstream-Medien? Sie verreißen Dich ja immer wieder. Sprichst Du mit denen?

Bis 2022 habe ich verschiedene Medien angeschrieben, hatte gehofft, dass sie Interesse haben das Material zu bekommen, das ich vor Ort produziert hatte. Ich dachte, sie trauen sich nicht selbst in ein Kriegsgebiet, aber das war naiv. Es hat keinen interessiert, wie es dort wirklich aussah, es kamen kein Interviewanfragen.

Erst zum Beginn der Spezialoperation kamen Mails von deutschen Medien wie Spiegel, Welt und anderen mit Fragen, die ich „bis zum Folgetag morgens um 10. Uhr“ beantworten sollte. Das habe ich beim ersten Mal gemacht, aber es wurde vieles verdreht, vieles gar nicht gedruckt – und mir war klar, das lohnt sich nicht.

Dann kam vor ca. einem Jahr im Frühjahr die Anfrage vom ZDF. Sie wollten einen Film über mich machen. Dadurch, dass ich nie ein Interview gegeben habe, hatte der Mainstream wenig Informationen über mich. Oft standen Sachen in den Artikeln, die schlichtweg falsch waren. Ich dachte mir, ich erzähle denen die Geschichte einmal, dann können sie nichts Falsches mehr schreiben.

Das war aber nicht der Fall. Aber der Film „Princess of desinformation“ hätte noch schlimmer ausfallen können. Natürlich hat ein Zuschauer, der mich nicht kennt und der sich bei diesem Konflikt nicht auskennt, das Gefühl, dass mein Telegramkanal nichts Gutes bietet. Aber sie haben doch einiges von dem, was ich gesagt habe, auch publiziert. Ich habe mitgefilmt und das Interview komplett veröffentlicht.

Wo kann man Deine Filme und Berichte sehen. Hast Du außer Telegram einen eigenen Kanal?

Leider nein. Ich hatte mehrere Youtube-Kanäle, die wurden aber alle gelöscht. Mein Telegram-Kanal heißt „Neues aus Russland 🪆📢 Alina Lipp“ https://t.me/neuesausrussland – dort kann man sich umfassend informieren. Das Wichtigste ist der Film, den ich gedreht habe. Das Projekt hatte ich gar nicht vor – aber ich hatte so viel Material, dass ich daraus einen Film schneiden konnte.

Worum geht es denn da?

Der Film heißt „Donbass, auf der Suche nach der Wahrheit“ und besteht aus drei Teilen. Er erklärt die Situation im Donbass von Anfang an. Im 1. Teil geht es um das Leben vor der Spezialoperation, das trotz Beschuss, irgendwie noch friedlich war. Im 2. Teil werden in Interviews mit Menschen die 2014 dort schon gelebt haben, die Entwicklungen erklärt – die Ereignisse vom Maidan und Donbass stehen im Mittelpunkt. Die Spezialoperation ist Inhalt des 3. Teils – also die Fronterlebnisse. Das Ganze ist ein Rundumblick aus erster Hand anhand von Zeugenaussagen, von Menschen die es erlebt haben.

Hier sind die Quellen:

Du berichtest viel aus dem Kriegsgebiet, was waren Deine einschneidendsten Erlebnisse der vergangenen Jahre?

Wie schon erwähnt, das Leben der Menschen in der „grauen Zone“ – dem Frontgebiet – hat mich enorm berührt.

Ganz schlimm war auch 2022 die Blockade Mariupols. Die Bewohner der Stadt waren dort länger eingekesselt. In den Westmedien hieß es, Russland würde die Zivilisten beschießen, aber das war gelogen. Der Beschuss kam von der ukrainischen Seite. Ich war in Mariupol, als der erste humanitäre Korridor geöffnet wurde und die ersten Flüchtlinge ankamen. Ich habe mit Menschen gesprochen, die zwei Wochen Blockade überlebt haben. Das war unglaublich heftig. Eine junge Mutter erzählte mir, dass es von einem Moment auf den anderen brutal wurde. Erst hätten sie die Supermärkte beschossen, dann die Wohnhäuser. Und die Raketen kamen eindeutig von ukrainischer Seite. Die Menschen konnten das sehr genau unterscheiden. Ihr Haus wurde beschossen, sie hat nur im Keller ge- und überlebt, dreckiges Wasser getrunken, überall waren Leichen.

Polizei und Feuerwehr waren großteils noch vor der Blockade abgehauen, niemand hat gelöscht. Darum sind so viele Häuser abgebrannt. Hilfe gab es – wenn überhaupt – nur von russischen Soldaten. Und wirklich alle haben gesagt, der Beschuss waren die Ukrainer.

Tage später bin ich in die Stadt reingefahren und habe die Zerstörung gesehen. Diese riesige Stadt Mariupol, in der es nach Leichen gestunken hat, in Schutt und Asche zu sehen, war einschneidend.

Ich habe praktisch jeden gefragt, wie die russischen Soldaten sich verhalten haben, ob es Plünderungen oder Vergewaltigungen gegeben habe. Die Reaktion war immer die gleiche: „Sind Sie verrückt? Die einzigen, die helfen, die Essen bringen, sind die Russen.“

Nur die Asow-Kämpfer haben gewütet und das schon vor der Spezialoperation. Nach 2014 waren die Einwohner von Mariupol sehr vorsichtig, was man sagt. War man prorussisch, konnte man abends zusammengeschlagen werden. Viele waren daher froh, dass Mariupol russisch wurde.

Es war schwer, das alles von Opfern aus erster Hand zu hören und gleichzeitig zu wissen, was der Westen berichtet und behauptet. Das war alles sehr schwer zu verarbeiten.

Du bist spürbar nicht mehr die junge Frau aus Berlin. Wie gehst Du mit dem Wahnsinn des Krieges um?

Hat man den Krieg kennengelernt, verändert man sich. Das ist unvermeidbar. Ich musste immer wieder zu meinem Vater zur Krim fahren, musste raus aus Donezk. Es gab Momente, da habe ich es nicht mehr ausgehalten. Alltag hier heißt: in jedem Moment, egal wo du bist, kannst du beschossen werden. Ob auf der Straße, beim Einkaufen, aber auch in der eigenen Wohnung. Man ist ständig unter Druck. In Donezk schweben alle immer in Lebensgefahr.

Ich hatte die Chance, alle zwei Monate weg zu fahren. Im Frühjahr 2023 habe ich sogar meinen Kanal einen Monat auf Pause gesetzt. Ich musste nach diesem Jahr einiges verarbeiten. Man ist an der Front unter ständig unter Adrenalin, die Tage danach funktioniert man noch halbwegs normal, aber dann kommt die Zeit, in der alles hochkommt.

Dann wünsche ich Dir, dass Du Deine Zeit auf der Krim, in Moskau oder St. Petersburg zur Erholung nutzen kannst. Durch die Berichte der Friedensbrücke-Kriegsopferhilfe habe ich bereits einen guten Einblick in die Situation im Donbass, aber Deine Berichte von vor Ort sind für mich sehr wichtig. Wir brauchen mehrere vertrauenswürdige Quellen, um uns ein eigenes Bild machen zu können. Danke dafür!

Bild: September 2022, Bushaltestelle Donezk, sechs Menschen – darunter mehrere Kinder – kamen durch Himars-Beschuss ums Leben

Bildquelle: Friedensbrücke Kriegsopferhilfe


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14 Kommentare

  1. Soulmaster 7 17. Juli 2024 um 20:54 Uhr - Antworten

    Seit 2014 diskutiere ich mit angeblich Interessierten über den Krieg der Ukrainischen Nazis gegen die Russisch sprachige Minderheit. Hoffnungslos. Der ZDF-Deutsche ist maximal gehirngewaschen und verblödet. Das Beste was Frau Lipp machen kann, ist diesem neo-faschistischen Land fern zu bleiben.

  2. Sofie Kampulek 13. Juli 2024 um 16:04 Uhr - Antworten

    Die woken Linken unterscheiden sich von den Rechten Faschisten eigentlich nur am Nationalismus. Der extreme Rechte hasste Kulturfremde, der neue Linke hasst das eigene Volk.

    Sie sind aber gleich in ihren Charaktären in ihrer Verachtung der tüchtigen Menschen und ihrer Russophobie.

  3. Hasdrubal 13. Juli 2024 um 5:14 Uhr - Antworten

    Ich habe studiert, meinen Master in Nachhaltigkeitswissenschaften gemacht und war – seit ich 20 war – bei den Grünen aktiv.

    Nichts, was bei mir frenetische Begeisterung wecken könnte. Schon ulkig, wenn deutsche Medien eine Grün:inne als „Propaganda-Prinzessin“ titulieren.

    Mit der Halbschwester meiner Mutter, die ebenfalls bei den Grün:innen ist, rede ich einmal alle 40 Jahre.

    • andrea drescher 13. Juli 2024 um 14:52 Uhr - Antworten

      vielleicht artikel zuende lesen – wie wärs? sie hat sich 2017 zurückgezogen und ist 2020 ausgetreten. aber hauptsache kommentiert …

  4. Peace-saves-lifes 12. Juli 2024 um 15:17 Uhr - Antworten

    Was Alina leistet, ist mutig und beachtenswert. Ich wünsche ihr Bewahrung und viel Segen auf ihrem weiteren Lebensweg.

  5. Andreas I. 12. Juli 2024 um 12:47 Uhr - Antworten

    Hallo,
    in dieser persönlichen Geschichte ist alles konzentriert, die Wahrheit von der Krim und aus dem Donbass, die transatlantische Propaganda, Kontosperrungen im freien demokratischen Wertwesten.

    Übrigens finde ich, dass Alina Lipp nach wie vor idealistisch ist. (Ob ,,idealistisch“ der richtige Begriff ist … ich bleibe trotzdem mal dabei.)
    Natürlich macht Krieg in gewisser Weise sehr realistisch, aber gerade weil sie diese Realität sieht, klärt sie darüber auf und das ist schon ziemlich pro-Mensch.
    MIR.

  6. Judith Panther 12. Juli 2024 um 11:52 Uhr - Antworten

    Hätte nie gedacht, daß die Taliban aus Afghanistan jemals sympathischer rüberkommen würden als die in der Ukraine.
    Sympathischer als die in Berlin waren sie mir allerdings schon vorher. 😎

  7. Friedenswünscher 12. Juli 2024 um 10:37 Uhr - Antworten

    Beeindruckend mit welchem Mut und welcher Konsequenz Alina aus dem Donbass berichtet. Ich lese ihren Telegram-Kanal schon seit einigen Jahren. Man merkt auch stark, dass ihr die Menschen wichtig sind, dass sie sich für Frieden und Verständigung einsetzt. Man spürt auch ihre Verwunderung, dass wir im Westen – die „Guten“ – einen Krieg anfachen und aufrechterhalten, der Hunderttausenden das Leben kostet und Millionen seelisch und körperlich verletzt. Und auch – da sollten die grünen Weltverbesserer auch sehen – die Umwelt massiv schädigt, Landstriche als unbegehbare Minenfelder zurücklässt und auch die Tiere leiden und sterben.
    Ich wünsche Alina persönlich und für ihre weitere Arbeit alles Gute, Bewahrung und Gottes Segen.

  8. Judith Panther 12. Juli 2024 um 10:18 Uhr - Antworten

    Danke auch für diesen Beitrag.
    Ein paar knackige Anmerkungen zu Selensky verkneife ich mir.
    Eine Hausdurchsuchung käme mir nämlich gerade ungelegen. Hab noch nicht aufgeräumt.

    • Peter Grunewaldt 12. Juli 2024 um 11:07 Uhr - Antworten

      aufgeräumt wird nach dem besuch :-)

      • Judith Panther 12. Juli 2024 um 11:52 Uhr

        Nach so einem Besuch wird eingepackt und ausgewandert!

      • Ordnung aus dem Chaos 12. Juli 2024 um 16:37 Uhr

        Und dennoch wird sie in einer Freimaurerpose mit dem Finger vor dem Mund, der das Schweigen symbolisiert abgelichtet…. da sowieso ALLE „Regierungen“ der der Sgenda 2030 zusammenarbeiten, tun sie es auch jetzt, werden halt paar Menschen bei den Kriegsspielen geopfert, man hat Milliarden mit Injektionen vergiftet… da fällt das doch gar nicht mehr ins Gewicht.

  9. Nurmalso 12. Juli 2024 um 10:06 Uhr - Antworten

    Der Vater hat Alina alles mitgegeben, ich meine die Gene und das alles drum rum. Alina ist jetzt groß und wieso muss sie ihren Vater jetzt noch hinterher rennen ? Hat Alina in der väterlichen Erziehung was verpasst ? Die Arme, die muss das endlich abschließen und sich in einen Mann verlieben. Sonst endet das alles noch in eine Tragödie.
    Ich kenne einen solchen ähnlichen Fall aus der Kenner Show, wo der Sohn sein leben lang nach seinem Vater suchte, der Japaner war und wieder zurück nach Japan machte. Das glückliche war, er hat ihn gefunden und ein Buch darüber geschrieben.

    • Soulmaster 7 17. Juli 2024 um 20:48 Uhr - Antworten

      Was für ein dummer Komentar. Hobbypsychologe?

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

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