Krieg und Frieden beginnen in der Sprache – Rede auf der Kundgebung „Neutralität schafft Frieden“

8. Januar 2024von 7,3 Minuten Lesezeit

Rede auf der Kundgebung „Neutralität schafft Frieden“ am 6. Jänner 2024 um 14 Uhr am Platz der Menschenrechte in Wien.

Der Mensch ist ein besonderes Wesen. Ein Wesen, das Krieg führt wie kein anderes Wesen, — nämlich mit der Sprache. Das ist das, was man leicht übersieht. Nicht wie die Tiere kämpfen wir bloß mit Zähnen und Klauen, das ist ja sowieso klar, aber wir kämpfen überhaupt nicht bloß physisch, also auch die moderne Waffentechnologie erklärt für sich nicht alles, was da passiert.

Damit ein Krieg entstehen kann, muss er zuerst einmal in den Köpfen passieren, und das heißt auch wesentlich: In der Sprache, in der Begrifflichkeit der Menschen muss er zuerst möglich gemacht werden.

Mit anderen Worten: Die Kriege, mit denen wir es heutzutage zu tun haben, gleich, ob in der Ukraine, oder in Palästina, die sind lange schon in der Sprache vorbereitet worden. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten eine Sprache etabliert, eine Begrifflichkeit, die das möglich macht.

Eine Sprache als Mittel der Legitimation von Gewalt als Methode der Konfliktlösung. Eine Sprache gleichzeitig als Mittel der Delegitimation von pazifistischen Ansätzen.

Man kann gar nicht oft genug betonen, was für eine ungeheuerliche Veränderung es da gegeben hat in der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten, eben nicht nur eine Veränderung, was ökonomische, politische und materielle Bedingungen betrifft, sondern (und dessen sind wir uns oft zu wenig bewusst) auch in der Sprache.

Wir gebrauchen ja heute eine ganz andere Sprache als in den 60er, 70er und 80er-Jahren, — und wenn beim anschließenden Friedensmarsch alte Friedenslieder abgespielt werden, dann wird man, denke ich, dabei auch bemerken, dass das damals eine ganz andere sprachliche Welt war.

Die Entwicklung der Sprache hin zu einem Träger von Kriegsideologie in den vergangenen Jahrzehnten ist natürlich nicht nur einfach so geschehen, das ist schon auch teilweise von bestimmten Interessensgruppen, Thinktanks und Anhängern kriegerischer Ideologien bewusst vorangetrieben worden.

Gleichzeitig aber gebrauchen die meisten von uns die Sprache völlig unbewusst.

Das ist ja das Paradoxe, wir leben zwar einerseits andauernd in der Sprache und verwenden sie, — gleichzeitig tun wir das zumeist, ohne dass wir überhaupt verstehen, woher sie kommt und was sie mit uns anrichtet. Die Sprache ist einerseits das Oberflächlichste und Offensichtlichste, wir halten sie für ganz selbstverständlich, auf der anderen Seite realisieren wir oft gar nicht, was wir mit ihr alles tun und was sie wie bewirkt.

Wir haben ein inniges, aber entfremdetes Verhältnis zur Sprache. Sie ist, wenn man so will, das kollektive Unbewusste, oder zumindest ein wesentlicher Teil davon.

Dabei leben wir gerade jetzt in einer Zeit, in der das Verhältnis zur Sprache ganz besonders virulent geworden ist. Es findet ein fortwährendes Ringen um die Sprache statt, ein ungeheuerlicher Machtkampf, — der sie allmählich zerstört. Der Publizist Franz Schandl hat kürzlich in einem Heft der „Streifzüge“ einen, ich zitiere, „Prozess sprachlicher Okkupation“ diagnostiziert.

Das angewandte Sprachgut“, stellt er fest, „reduziert sich zusehends auf wenige Floskeln und Phrasen. […] Die Sprache schrumpft ein auf Schlagworte.“

Kommen wir einmal zu den praktischen Beispielen. Nehmen wir so ein Wort wie „Trittbrettfahrer“. Das ist ein Begriff, den man immer wieder hört, wenn die Rede auf die österreichische Neutralität kommt.

Trittbrettfahrer“.

Man hat die österreichische Neutralität regelrecht ersoffen in diesem Begriff. Damit wird suggeriert, dass Österreich als neutrales Land automatisch so eine Art Parasit wäre, dass es von den umliegenden NATO-Staaten profitieren würde, aber selbst nichts zur Verteidigung, für Sicherheit und Frieden beitrüge. Das wird uns dauernd von den Meinungsmachern eingeredet.

Österreich sei ein Trittbrettfahrer“.

Die Allherrschaft dieses Begriffs, seine andauernde Wiederholung sorgt dafür, dass wir auch gar nicht mehr anders denken können, dass wir schon gar nichts anderes mehr vorstellen können, als dass das stimmt, und nach und nach vergessen wir, — dass es ja auch mal so etwas wie eine aktive Neutralitätspolitik gegeben hat und dass ein neutrales Land sehr viel für Sicherheit und Frieden bewirken kann, während Aufrüstung und Militarisierung und die Aufspaltung der Welt in Militärblöcke keineswegs unbedingt der Weg zu mehr Sicherheit und Frieden sind.

Sehr empfehlen kann ich an dieser Stelle übrigens die Untersuchungen des „Nachdenkseiten“-Chefs Albrecht Müller, der ein ganzes Buch über die Methoden sprachlicher Manipulation geschrieben hat. Und vor kurzem verwies er in einem öffentlichen Vortrag darauf, wie in den Medien immer mehr die Sprache des Krieges zur Normalität geworden ist, ja, wie die Medien uns immer mehr vermitteln, dass der Krieg selbst ein Normalzustand wäre.

Und die Medien reden uns mit Hilfe bestimmter Formulierungen ein, dass es der Krieg sei, der die Lösung bringen werde.

Wenn etwa bei einer deutschen Zeitung groß auf der Titelseite prangt: Wie die Ukraine gewinnen kann, — dann werden wir als Leser regelrecht genötigt, selbst die kriegerische, militaristische Perspektive einzunehmen, uns mit ihr zu identifizieren, und wir werden damit sukzessive in ein kriegerisches, militaristisches Denken eingeübt.

Das ist das, was die Medien zur Zeit machen.

Ich sehe hier aber zwei verschiedene Stränge der sprachlichen Manipulation. Die eine ist die schönfärberische Variante.

So ist es in den vergangenen Jahrzehnten üblich geworden, dass Kriege (insbesondere Kriege der NATO und der USA) gar nicht mehr als „Kriege“ bezeichnet werden, sondern dass man stattdessen verschleiernd beispielsweise von militärischen Interventionen“, Operationenoder schlicht von Einsätzen spricht.

Und über viele bestialische Kriegsvorkommnisse erfahren wir überhaupt nichts, das wird totgeschwiegen. Julian Assange sitzt ja nicht zuletzt deswegen im Gefängnis, weil er zu viel davon gewusst und ausgeplaudert hat.

Es gibt aber nun seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs meinem Eindruck nach eine gegenläufige Bewegung. Die Kriegsideologie tritt mittlerweile immer offener und unverhüllter zu Tage. Auf einmal werden wieder Phrasen und Floskeln gedroschen, wie sie vor ungefähr hundert Jahren üblich waren.

Vor einiger Zeit verlangte etwa der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius von der Nation Kriegstüchtigkeit“. Die Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann wiederum erklärte uns in einer Bundestagsrede, dass wir nichtkriegsmüdewerden sollen.

Wenn man genug vom Krieg hat, dann ist das in den Augen solcher Leute also offenbar schon etwas Schlechtes. Das Absurde daran ist, dass Haßelmann gerade davor in ihrer Rede selbst die ukrainischen Kriegsopfer beweint hat. Aber gerade diese ukrainischen Kriegsopfer nimmt sie dann als Argument für eine Fortsetzung des Krieges.

Das ist ganz klassisch, so hat Kriegspropaganda immer funktioniert. Kriegsopfer gelten nicht, wie es ja eigentlich rational wäre, als Argument für eine Beendigung des Krieges, — sondern werden instrumentalisiert für die Forderung nach noch mehr Krieg.

Kurz vor Weihnachten wurde außerdem in der FAZ von einem gerechten Krieg gesprochen und darum allen Ernstes ukrainischen Männern im wehrfähigen Alter das Recht auf Fahnenflucht abgesprochen. Das muss man sich einmal vorstellen: Journalisten, die selbst gemütlich in Deutschland am Schreibtisch sitzen, verlangen also von Angehörigen einer anderen Nation, in den Krieg zu ziehen, weil sie selbst das für sinnvoll halten.

Der Gipfelpunkt ist für mich allerdings nach wie vor die Aussage des Spiegel-Kolumnisten Sascha Lobo, der Friedensdemonstranten als Lumpenpazifisten bezeichnet hat. Also das ist nun wirklich die Wiederkehr der gehässigen Sprache eines unterirdischen Kriegstreibertums wie vor hundert Jahren, von dem man eigentlich geglaubt hat, es sei in den Orkus der Geschichte verschwunden.

Gleichzeitig wird vieles offensichtlich immer absurder. Wenn zum Beispiel die „BILD-Zeitung“ groß schlagzeilt, dass Waffen Frieden bringen. Was schon grundsätzlich eine bemerkenswerte sprachliche Kapriole ist, mit Fortdauern des Krieges aber erst recht immer unglaubwürdiger wird.

Und das gibt mir Hoffnung. Dieses sprachliche System, das Träger der Kriegspropaganda ist, diskreditiert sich allmählich selbst, es wird brüchig von innen, und es sehen immer mehr Menschen, dass daran etwas nicht stimmen kann. Und anders als vor hundert Jahren habe ich nicht den Eindruck, dass es so wirklich gelungen ist, die Bevölkerung für den Krieg zu begeistern.


Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder.

Ortwin Rosner, 1967, hat Germanistik und Philosophie in Wien studiert, wo er auch 2006 im Peter Lang Verlag seine Diplomarbeit mit dem Titel „Körper und Diskurs. Zur Thematisierung des Unbewussten in der Literatur anhand von E. T. A. Hoffmanns Sandmann“ veröffentlichte.


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8 Kommentare

  1. D.S.d.h.K. 9. Januar 2024 um 13:58 Uhr - Antworten

    “ die „BILD-Zeitung“ groß schlagzeilt, dass Waffen Frieden bringen. Was schon grundsätzlich eine bemerkenswerte sprachliche Kapriole ist “
    das ist nicht lediglich eine sprachliche Kapriole, das ist „1984“ in Reinsform!

  2. Peter Ruzsicska 8. Januar 2024 um 18:58 Uhr - Antworten

    Die veröffentlichte Sprache erweist sich als Abbild tatsächlich waltender Kräfteverhältnisse.

    Wer die Definitionsgewalt ihrer Begriffe besitzt, sowie die Definitionen der Begriffe dessen Beliebigkeit unterworfen hat, als auch gleichzeitig eigene Definitionskonzepte gewitzt verschweigt – Selbiger gezeitigt sich Hegemonial.
    Der Geringe sucht den Schutz in sich ihm gebietender Normalität von Sprache, wogegen der Hegemon die Bedingungen diktiert, um die herbeigeführte Normalitätskonstruktion möglichst gnädig fürderhin dem Unterniederten zu erhalten.
    Der Hegemon bricht grundsätzlich jedes Versprechen noch bevor er dem Geringen die Gnade selbstverstetigter Pflichtschuld sachbezwungen einredete.

    Die Sprache erzeigt sich immer als ein Abbild tatsächlich waltender Kräfteverhältnisse, so lange bis die waltende Tatsächlichkeit alle Sprache restlosest verzehrte.

  3. […] Krieg und Frieden beginnen in der Sprache – Rede auf der Kundgebung „Neutralität schafft Fr… […]

  4. rudifluegl 8. Januar 2024 um 16:50 Uhr - Antworten

    Dieser Artikel reizt eigentlich zu einem längerem Kommentar!
    Aber ganz kurz.
    Die Sprache alleine ist es nicht. Sie ist verbunden mit unseren Emotionen.
    Diese werden auch durch Bilder, Töne Berührungen „angesprochen“.
    Die Psychologie der Propaganda nutzt diese Erfahrungen um auch mit Worten alleine „Bauchdenken“ zu instrumentalisieren.
    Dem sind wir aber nicht wehrlos ausgeliefert. Es erfordert allerdings Erfahrung und Wissen um den Manipulationen etwas zu entkommen. Und jede Menge Reflexion!
    Andererseits ist Sprache ein Produkt der Menschheitserfahrung. der Kultur. Wir können theoretisch Dinge abhandeln, kanalisieren, die nicht mehr unbedingt physische Versehrtheit bedingen.
    Also kann es hilfreiches Werkzeug sein um wie in der Überschrift angedeutet Gesellschaft gelingen zu lassen.
    Krieg und Frieden bedürfen dieses Werkzeuges in entwickelten Zeiten immer mehr.
    Und die Einflussnahme auf Individuen findet durch Psychologie die auch Sprache als Werkzeug hat, statt.
    Aber die Aufdeckung dieser oft menschenfeindlichen Vorgänge beruht auf der Schaffung eines Erfahrungsschatzes der durch Ansammlung von Infos mittels Begriffen beruht. Und zwar nur auf dieser.
    Also auf Sprache, die es damit schafft sich selbst zu regulieren, sich zu hinterfragen und damit die Chance bietet die stammesgeschichtlichen Voraussetzungen bezüglich physischer Fehde, hinter sich zu lassen.
    Wir sind aus den Tiefen der „Stummfilmzeit“ doch schon herausgekommen und ich meine ähnliches wie dieser sehr gute Artikel.
    Einen bisschen ehrenvolleren Platz im allgemeinen Geschwafel, möchte ich der Sprache aber schon zu kommen lassen

  5. audiatur et altera pars 8. Januar 2024 um 12:38 Uhr - Antworten

    Beste Rede der bislang hier veröffentlichten. Die Wiedergewöhnung an den Krieg begann mit der ersten CNN-Lasershow unmittelbar nach dem kalten Krieg. Heute gehört der Krieg zum still geduldeten Alltag der All-Gemeinheit. Und er darf heute vor allem in R u s s l a n d (auch wenn das hier oft kognitiv-offensiv verdrängt wird) auf keinen Fall als solcher bezeichnet werden.

    Mit dem letzten Satz – so FÜRCHTE ich – liegt Magister O. falsch. Der seit 9/11 auch mit freundlicher Unterstützung des Ex-Arbeitergebers des Autors geführte „Kampf gegen“ X,Y,Z und retour war und ist purkriegerische Medienbegeisterung und sollte „uns“ als angeblich denkende Menschen schon etwas nachdenklicher (auch über die eigene Rolle im werbestrategisch wie Zahnpasta geführten Krieg der Sprachen) gemacht haben. Asche auf s Haupt!

  6. Pfeiffer C 8. Januar 2024 um 11:51 Uhr - Antworten

    Vom Philosophen George Santayana stammt der Satz:

    Diejenigen, die sich nicht an die Vergangenheit erinnern können, sind dazu verdammt sie zu wiederholen

    Meine Politisierung begann mit den Vietnamkriegsprotesten und erstreckt sich nun über 50 Jahre über unzählige Kriege, gewaltsame Regierungswechsel, Putsche usw der immergleichen Skrupellosen mit den immergleichen Propagandamitteln: Lüge – Falschheit – Hintergedanken.

    Und unermesslichem, millionenfachem Zivilistenleid, die nichts dafürkönnen…

  7. wh 8. Januar 2024 um 11:32 Uhr - Antworten

    „Das muss man sich einmal vorstellen: Journalisten, die selbst gemütlich in Deutschland am Schreibtisch sitzen, verlangen also von Angehörigen einer anderen Nation, in den Krieg zu ziehen, weil sie selbst das für sinnvoll halten.“

    Eine der besten Aussagen in dem Artikel.

    Jeder (oder Jede), der (die) etwas von Krieg….ziehen oder ähnliche Aussagen macht, sollte, ja müsste den Worten Taten folgen lassen und mit „gutem Beispiel“ vorangehen. Höchstpersönlich.

    • Hausmann_Alexander 8. Januar 2024 um 18:30 Uhr - Antworten

      Jedes Land hat seine Armee und in fast jedem Land wurde modRNA gespritzt. Die Soldaten
      wurden auch nur benutzt und sollten nicht als Feinde betrachtet werden.

      Der Feind ist der Tiefe Staat und wir wissen nicht, wie viele Söldner dieser unterhält.

      Auch wurden viele Roboter hergestellt, können bei Explosion wie eine Handgranate wirken, haben zudem ein hohes Gewicht, Geschwindigkeit und übermenschliche Stärke (Hydraulik).

      Wir kennen die Namen des Tiefen Staates noch nicht mal.

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