Dan Steinbock hat am 30. Oktober einen Meinungsbeitrag in China-US Focus veröffentlicht, den man zur Kenntnis nehmen sollte. Es geht um die Rolle der „Künstlichen Intelligenz“ als Werkzeug eines neuen imperialen Zeitalters.
Die Trump-Regierung, so der Autor, mache das globale KI-Rennen zur Waffe im Kampf um Lieferketten. Statt aus der Atomregulierung der Nachkriegszeit zu lernen, kehrt sie deren Lehren um und ebne so den Weg zu katastrophalen Risiken. Steinbock ist Gründer der Difference Group und war unter anderem am India, China and America Institute, am Shanghai Institute for International Studies und am EU Center in Singapur tätig.
Der Aufhänger: Anthropics Börsengang
Den Anlass des Artikels liefert der Börsengang von Anthropic. Das Unternehmen hat seinen Börsenprospekt (S-1) bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Laut CNBC-Bericht könnte es der größte Börsengang aller Zeiten werden, und Investoren rechnen mit einer Marktkapitalisierung in Billionenhöhe.
Steinbock hebt hervor, dass Anthropic im Prospekt selbst vor katastrophalen oder existenziellen Risiken für die Menschheit warnt, falls die Technologie missbraucht, repliziert, als Waffe eingesetzt oder mit hoher Autonomie betrieben wird. Er erwähnt die Warnung auf 94 von 400 Seiten. Andere Medien sprechen von 93 Seiten Risikofaktoren bzw. „nahezu 100“.
Am 29. September ließ Trump die Chefs der führenden US-KI-Konzerne eine freiwillige „Joint Commitment on Frontier Responsibilities“ verkünden. Darin sind interne Kontrollen, unabhängige externe Prüfer und Aufsichtsgremien auf Vorstandsebene vorgesehen. Rechtlich durchsetzbar ist das nicht, es ist laut Steinbock weder „moralisch bindend“ noch eine „Verfassung“ für KI-Sicherheit. Die Konzerne räumten ein, dass autonome Systeme sich unvorhersehbar verhalten können, bewürben sie aber trotzdem im Umfeld des militärisch-industriellen Komplexes. Das Ergebnis sei eine historische Beschleunigung existenzieller Risiken.
Technologische Vorherrschaft als Waffe
Trump sieht KI als Wettbewerb zwischen den USA und China mit „einem Gewinner und einem Verlierer“ und lehnt Kooperation mit Peking ab, weil er die USA vorn sieht. Steinbock zufolge geht es der Regierung aber um mehr als Laissez-faire: Sie baue einen „KI-Nationale-Sicherheits-Industrie-Komplex“ auf.
- Januar: Kriegsminister Pete Hegseth veröffentlichte ein KI-Memorandum des Pentagons unter dem Motto „Speed wins“, also Beschleunigung statt Bremsen.
- Frühjahr: Laut CNN brachte ein Analyst des Special Operations Command mit einem Sprachmodell die USA beinahe in einen Krieg mit China.
- Juni 2026: Ein Memorandum zur nationalen Sicherheit wies die Behörden an, modernste KI-Systeme zu beschaffen, kommerzielle und Open-Source-Modelle rasch zu integrieren, hochsichere Recheninfrastruktur zu bauen und eine strategische Reserve an KI-Expertise aufzubauen. Ziel ist ein „entscheidender und dauerhafter KI-Vorteil“ gegenüber Gegnern.
Steinbock nennt das einen merkwürdigen Hybrid aus Marktfreiheit, riesiger öffentlicher Infrastruktur, militärischer Einbindung und geopolitischem Protektionismus, aber ohne rechtlich durchsetzbare Sicherheitsregeln.
Das KI-Ökosystem ist längst transnational
Wegen der Erstanbietervorteile will Washington keine Regeln einführen, die US-Firmen bremsen könnten, solange China sein eigenes Ökosystem ausbaut. Dabei ist KI laut Steinbock längst grenzüberschreitend:
- Chips entstehen in einer Lieferkette über Taiwan, Südkorea, Japan und Europa.
- Modelle und Open-Source-Gewichte zirkulieren weltweit.
- Forscher sind international mobil, Cyber-Schwachstellen kennen keine Grenzen.
Die internationale Gemeinschaft könne eine ausschließlich US-kontrollierte KI-Ordnung nicht akzeptieren. China verfolge zugleich schnellen KI-Einsatz und ein stärker staatlich gelenktes Sicherheitsregime mit verpflichtenden Sicherheitsprüfungen. Sein Global AI Governance Action Plan von 2025 fordere internationale Zusammenarbeit. Die EU wiederum regele mit dem AI Act allgemeine Modelle und verschärfe die Anforderungen bei Systemrisiken. Eine US-Alleinstellung als „Gatekeeper“ drohe das Technologiesystem zu fragmentieren. Nötig sei multilaterale Kooperation.
Der historische Vergleich: Atomkontrolle 1946
Nach dem Manhattan-Projekt stritten Militär und Wissenschaftler um die Kontrolle der Atomkraft. General Leslie Groves wollte militärische Kontrolle, Geheimhaltung und Verwahrung des Waffenarsenals, um Gegner im beginnenden Kalten Krieg abzuschrecken. J. Robert Oppenheimer und seine Mitstreiter forderten zivile Kontrolle, aus drei Gründen:
- Atomenergie sei nicht nur Bombe, sondern auch Medizin, Strom und Wissenschaft, und Militärkontrolle würde offene Forschung abwürgen.
- Man wollte verhindern, dass die USA zum dauerhaften „Garnisonsstaat“ werden.
- Eine vom Militär geführte Behörde würde aggressive Absichten signalisieren und internationale Rüstungskontrolle unmöglich machen.
Beide Technologien seien Dual-Use. Eine reine Sicherheitslogik drohe offene Innovation zu ersticken, aber anders als in den 1940ern besitze der Staat die Technologie nicht, die Konzerne tun es. Die Regierung und Verteidigungsminister Hegseth wollten die KI-Governance dennoch durch die Sicherheitsbrille filtern, wie die Einrichtung des Vier-Sterne-Kommandos AUTOWARCOM zeige. Dahinter stünden drei Grundsätze:
- „Kriegsgeschwindigkeit“ gegen China: Zivile Regulierungsbehörden gelten als träge und risikoscheu.
- Feindseligkeit gegenüber Leitplanken privater Firmen: Als Anthropic sich weigerte, Schutzmechanismen zu entfernen, die den Einsatz in vollautonomen Angriffsdrohnen oder Überwachungswerkzeugen verhindern, stufte Hegseth das Unternehmen laut Steinbock als „Lieferkettenrisiko“ ein. Dass das Pentagon Anthropic so eingestuft hat und Anthropic dagegen klagt, bestätigt auch die CNBC-Berichterstattung.
- Umgehung ziviler Aufsicht: Die Zuständigkeit wandere von FTC und Justizministerium zu Militär und Geheimdiensten, etwa dem neuen Technology Support Office (TSO), das so die Rechenarchitekturen uneingeschränkt nutzen könne.
Warum 2026 hinter 1946 zurückfällt
1946 setzte sich die zivile Seite durch: Der Atomic Energy Act (McMahon Act) schuf die Atomic Energy Commission unter ziviler Leitung. Das gelang durch eine koordinierte Lobby- und PR-Kampagne der Wissenschaftler, durch Skepsis im Kongress gegenüber einem Militärmonopol und durch Präsident Truman, der zivile Kontrolle unterstützte.
Für die KI sieht Steinbock keinen solchen Rückenwind. Die führenden Wissenschaftler arbeiten im Unternehmenssektor, nicht in der Öffentlichkeit. Der Kongress ist nach Jahrzehnten der „Forever Wars“ stärker mit Mitgliedern aus Militär, Geheimdienst und Sicherheitsapparat besetzt, die auf Spenden des militärisch-industriellen Komplexes angewiesen sind. Und die Trump-Regierung lehne zivile Kontrolle ab, geblendet von der Fantasie einer unipolaren US-Vorherrschaft in einer zunehmend multipolaren Welt.
Sein Fazit: Die Bühne für katastrophale Risiken ist bereitet, „im Namen der nationalen Sicherheit“.
Zusammenfassung
Alles deutet darauf hin, dass die USA versuchen, KI vorwiegend als neue ultimative Waffe einzusetzen, um der erodierenden Bedeutung in einer zunehmen multipolar werdenden Welt entgegen zu wirken und die Welt unter seiner Herrschaft und mit der Macht der KI zu sichern. So wie einst die Welt vor der Bombe der USA zitterte, soll sie nun vor einer Kriegs-KI zittern. So könnte man die Aussagen und das Handeln der US-Politik interpretieren.
Bild: Screenshot aus Video über die allgemeine KI-Diskussion
Links zu früheren TKP-Beiträgen zum Thema finden Sie unterhalb 👇
Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.
Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter.
Denken und Einbildungskraft: Noch einmal über die künstliche Intelligenz
Die neue Atombombe? Wie künstliche Intelligenz zur strategischen Waffe wurde

4 Kommentare
Das größte Risiko im 21. Jahrhundert ist nicht künstliche Intelligenz sondern natürliche Dummheit.
… und zu > Das größte existentielle Risiko des frühen 21. Jahrhunderts < – also für die WELT-Zivilisation !?! – na ja – das ist „ganz wenig bekannter-maßen“ genau am „29sten“ APRIL in „20-20“ – nach SECHS Wochen GLOBAL-Lockdown (CorINna-PLANdemie) – soeben mal an UNS vorbei-gerauscht !?! – Ich rede vom „Mehr-Kilometer-TRUMM“ Object „1998 OR 2“ (nur noch engl. Wiki), den man auch als Zivilisations-Killer bezeichnen kann !?! – mehr dazu von Mir hier auf „tkp.at“ unter Artikel „Sorgten US-Biolabare…“ (so ins Suchfeld /Mai ’23) in zwei InfoPosts … ;-)))
Die Besitzenden hinter der Fassade machen alles erstmal zur Waffe in ihren Händen.
Aber am Beispiel mit dem Supermärkten und der Kühlung dort zeigt, das KI vernetzte Roboter die hier rumlaufen sollen, in jedem Haus einen dann komplett überwachen, oder per Drohnen rumfliegen, gehackt zu was im Stande sind?
Eine gehackte KI – Armee mordlüsternder Maschinen im Auftrag?
Da bekommen so einige alte Horrorfilme/Scifi-Filme einen ganz neuen Anstrich…
KI, aber auch die zunehmende Digitalisierung, stellen eine massive Steigerung von Komplexität dar: Anstelle von Papier, Tinte und Siegelwachs müssen wir komplexe technische Systeme, Datenleitungen, Strom, Server und damit komplexe Halbleiter verfügbar halten.
Komplexe Systeme stellen ein Risiko dar.
Wenn ein Element dieser komplexen Systeme ausfällt, steht das ganze Uhrwerk still.
Man soll nicht vergessen, dass dank Mrd an den Pipelinesprenger die Düngerproduktion für die BASF unrentabel geworden ist und beinahe einer von zwei Flachglasherstellern in der EU pleite gegangen wären. Ohne Flachglas können wir keine Häuser mehr bauen, keine Schiffe, Flugzeuge, Autos…
Komplexe Systeme geraten auch in Gefahr, weil die Skalierung, die ein Produkt rentabel macht, sinkt, zB durch Bevölkerungsrückgang. Gerade bei sehr komplexen Produkten wie Halbleiterchips könnte dann plötzlich ein wesentlicher Bestandteil fehlen. Noch ein Beispiel: Im Autozeitalter stehen überall Straßen, über die man Windräder verbringen kann. Beendet man den Individualverkehr, muss man Zufahrtswege für Windräder extra bauen und einpreisen. Damit könnten Windräder plötzlich (noch) unrentabler werden.
Silikon Valley muss den Anlegern erklären, wie zukūnftig Geld erpresst werden soll. Dabei geht es nur um das Überzeugen der Ableger, nicht um Garantien für ein dauerhaftes Funktionieren des Konzepts.
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.