Viele Menschen ab 70 schlucken bereits mehrere Medikamente täglich. Noch eines für den Rest des Lebens dazuzunehmen, sollte daher einen klaren, spürbaren Nutzen bringen – besonders, wenn die Person relativ gesund ist und nie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall hatte. Genau diese Frage steht im Zentrum einer der größten Statin-Studien, die jemals bei Älteren durchgeführt wurde.
Die australische STAREE-Studie (STAtins in Reducing Events in the Elderly) nahm fast 10.000 relativ gesunde Erwachsene ab 70 Jahren auf, die keine Vorgeschichte von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Demenz oder Diabetes hatten. Sie wurden randomisiert entweder 40 mg Atorvastatin oder Placebo zugeteilt. Das Ziel war nicht nur, kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern, sondern auch, ob Statine älteren Menschen helfen, „gute Gesundheit zu verlängern und Unabhängigkeit zu erhalten“. Die Ergebnisse wurden kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlicht
Wie so oft bei Statin-Studien klang die Schlagzeile beeindruckend: Atorvastatin – das in den USA am häufigsten verschriebene Medikament – senkte schwere kardiovaskuläre Ereignisse um 30 Prozent (Hazard Ratio 0,70; 95 % CI 0,61–0,82). Über einen medianen Beobachtungszeitraum von 5,9 Jahren traten solche Ereignisse (kardiovaskulärer Tod, nicht-tödlicher Herzinfarkt oder Schlaganfall oder koronare Revaskularisation) bei 6,0 % der Atorvastatin-Gruppe gegenüber 8,3 % der Placebo-Gruppe auf. Das entspricht einer absoluten Differenz von etwa 2,3 Prozentpunkten und einer Number Needed to Treat von rund 37.
Man könnte nun annehmen, diese gesunden Älteren seien mit dem Statin klar besser dran. Ein genauer Blick auf die Studiendokumente – Protokolle, peer-reviewed Paper, Ergänzungsdaten und Trial-Register – zeigt jedoch ein weit ernüchternderes Bild.
Kein Gewinn an behinderungsfreiem Überleben
Der zweite primäre Endpunkt der Studie war das behinderungsfreie Überleben: Überleben ohne Tod jeglicher Ursache, Demenz oder anhaltende körperliche Behinderung. Hier gab es keinen signifikanten Unterschied: 12,8 % in der Atorvastatin-Gruppe versus 13,6 % in der Placebo-Gruppe (HR 0,94; 95 % CI 0,84–1.05; p=0,25). Auch Demenz-Raten waren praktisch identisch, und die Gesamtmortalität unterschied sich nicht substantiell.
Muskel-, Leber- und diabetesbezogene Nebenwirkungen traten in der Atorvastatin-Gruppe häufiger auf, auch wenn schwere unerwünschte Ereignisse in beiden Gruppen bei 2,7 % lagen. Das ist der klassische Trade-off: Ein Surrogat- bzw. Ereignis-Endpunkt wird positiv, der wirklich patientenzentrierte Nutzen (länger und besser leben) bleibt aus.
Maryanne Demasi hat in ihrem Beitrag „What do statins really offer the over 70s?“ genau diesen Punkt herausgearbeitet: Ein lebenslanges Präventivmedikament sollte Menschen helfen, länger oder besser zu leben. Bei gesunden Älteren tat Atorvastatin weder das eine noch das andere in messbarer Weise.
Absolute Zahlen und die übliche relative Rhetorik
Die relative Risikoreduktion von 30 % klingt dramatisch – die absolute liegt bei wenigen Prozentpunkten über fast sechs Jahren. Das Muster ist altbekannt und zieht sich durch die gesamte Statin-Literatur: Relative Zahlen werden groß herausgestellt, absolute und patientenzentrierte Endpunkte (Mortalität, Behinderung, Lebensqualität) bleiben oft blass oder negativ.
Ähnliche Beobachtungen finden sich in Meta-Analysen zur Primärprävention, in denen cholesterinsenkende Medikamente bei Personen ohne vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankung weder die Gesamtmortalität noch die kardiovaskuläre Mortalität signifikant senkten.
Dazu passt die langjährige Kritik an der Cholesterin-Hypothese selbst. Höheres Cholesterin korreliert bei Älteren oft mit längerer Lebenserwartung, und die absolute Risikoreduktion durch Statine in der Primärprävention liegt typischerweise im ein- bis zweiprozentigen Bereich über mehrere Jahre – bei spürbaren Nebenwirkungsraten (Muskelschäden, Fatigue, kognitive Effekte, erhöhtes Diabetesrisiko). Die STAREE-Daten fügen sich nahtlos in dieses Bild ein: Weniger „Events“ auf dem Papier, aber kein Gewinn an den Jahren, die wirklich zählen.
Was bleibt?
Für relativ gesunde Menschen ab 70 ohne vorbestehende kardiovaskuläre Erkrankung zeigt STAREE: Atorvastatin kann das Risiko bestimmter kardiovaskulärer Ereignisse senken. Es verlängert aber weder das Leben noch verhindert es Demenz oder Behinderung. Gleichzeitig kommen mehr muskuloskelettale, hepatobiliäre und diabetesbezogene Probleme hinzu. Ob dieser Trade-off für den Einzelnen lohnt, ist eine individuelle Abwägung – keine pauschale Leitlinien-Empfehlung für Massenverschreibung.
Die Studie schließt eine Evidenzlücke, die lange bestand, weil Ältere in früheren Statin-Studien unterrepräsentiert waren.
Sie bestätigt zugleich, was kritische Beobachter seit Jahren betonen: Die beeindruckenden relativen Prozentzahlen der Statin-Marketing-Maschine übersetzen sich bei gesunden Älteren nicht in spürbar bessere Gesundheit oder längeres unabhängiges Leben. Wer die Originaldaten und die Patientensicht in den Vordergrund stellt, kommt zu einem deutlich zurückhaltenderen Fazit als die Schlagzeilen.
Wir hatten gestern einen längeren Beitrag von Prof. Hans-Jürgen Bandelt, der darlegt, wie Cholesterin von der Ernährung am stärksten beeinflusst wird, und welches Cholesterin überhaupt ein Problem sein könnte, nämlich oxidiertes Cholesterin oder sLDL. Und das alles wird nicht von Statinen nicht beeinflusst.
2 Kommentare
Was bleibt? Einen großen Bogen um alle Tabletten und Kapseln machen!
I) Die positive Wirkung (30 %) von Atorvastatin bei über 70-Jährigen ist eine methodische Illusion.
Im frei zugänglichen Abstract der Studie feiert man groß ein vermeintlich besseres kombiniertes Gesamtergebnis: 297 Vorfälle unter Atorvastatin gegenüber 412 unter Placebo.
Was dort aber verschwiegen wird und weil Menschen die Daten aus dem sonst unzugänglichen Volltext-PDF auf Reddit* geteilt haben und erst durch unabhängige Recherchen ans Licht kam: Bei den echten Herztodesfällen gab es überhaupt keinen Unterschied – die Zahl ist mit exakt 74 zu 74 Todesfällen absolut identisch (Hazard Ratio 1,00)
Der gesamte statistische Unterschied kommt erst durch die nachträgliche Protokolländerung vom 19. November 2024** zustande: Weil den Forschern die harten Fälle ausgingen, haben sie die Spielregeln mitten im Verlauf erweitert und die Gefäßeingriffe („Coronary revascularization“) dazugeholt.
Im Volltext sieht man, dass genau diese Zeile das Ergebnis rettet (110 OPs unter Atorvastatin vs. 190 unter Placebo). Da diese OPs rein vom Arzt entschieden werden, misst die Studie hier eigentlich nur das Verhalten der Kardiologen.
In den Diskussionen zum ausgiebigen und detaillierten Protokoll-Bericht*** der Studie des argentinischen Kardiologen Dr. Larronde hat ein kolumbianischer Arzt diese methodische Falle mit einem treffenden Vergleich aus der Rheumatologie perfekt auf den Punkt gebracht: Wenn man den Erfolg einer Gelenkbehandlung bewertet, indem man objektive Befunde (wie Röntgenbilder) mit den anschließenden Behandlungsentscheidungen des Arztes vermischt, misst man am Ende nicht mehr die tatsächliche Wirksamkeit des Medikaments, sondern nur noch die Gewohnheiten des Arztes.
Genau das ist bei STAREE durch das Hinzufügen der OP-Zahlen passiert.
Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann. Benutzer haften für den Inhalt ihrer Kommentare.
Sie müssen angemeldet sein um Kommentare zu posten. Noch kein Konto? Jetzt registrieren.