
Rote Karte für Sky Shield (ESSI)
Sky Shield schützt Österreich nicht — es macht es zum Ziel. Sky Shield stoppt die Eskalationsspirale nicht — es befeuert sie. Viele im Lande haben es längst begriffen. Dieser Artikel gibt das Wort an jene, die es wissen.
Sky Shield — offiziell: European Sky Shield Initiative (ESSI), das NATO-integrierte Raketenabwehrsystem, dem Österreich beigetreten ist — funktioniert nur im Verbund. Und das ist mit der österreichischen Neutralität schlicht unvereinbar. No way, wie man in jenem Land sagt, von dem wir bei diesem Projekt strategisch abhängig sind. By the way — technisch versagt Sky Shield ohnehin. Der Beweis ist erbracht.
Kurz noch drei Details, die in dieser quellenbasierten Recherche-Serie bereits erwähnt wurden — pikant genug für nochmalige Erwähnung. Im ersten Artikel vom 24. Februar 2026 findet sich die vollständige Grundlage mit allen Primärquellen.
Theodore Postol, Raketentechnik-Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) — einer der weltweit renommiertesten technischen Universitäten — und langjähriger Pentagon-Berater, nennt Patriot, Arrow und Iron Dome „a giant technical fraud“ — einen gigantischen technischen Betrug.
Sich in der Verteidigung von fernen Ländern abhängig zu machen, darf ruhigen Gewissens als strategischer Unsinn eingeordnet werden, sofern Hausverstand vorhanden ist. Auch dazu ist der Beweis erbracht — die jüngsten Ereignisse bestätigen es. Die USA und Israel — beide unsere auserwählten Lieferanten — führen bekanntermaßen Krieg gegen den Iran. Ihre viel gepriesenen Waffenarsenale sind nach wenigen Wochen erschöpft. Die Spatzen pfeifen es bereits vom Dach: Die Raketen sind auf Jahre nicht lieferbar. 8 NATO-Länder haben das offenbar von Anfang an verstanden.
Und drittens: Die Eurofighter-Causa lässt immer noch grüßen, man glaubt es kaum.
Nun aber zu jenen Mitbürgern, deren Namen — das ist nicht unwesentlich im Kontext dieser Artikel-Serie — in Bezug auf militärischen und rechtlichen Sachverstand zweifellos Gewicht haben.
Die Fragestellung lautete im Wesentlichen: Warum ist der ESSI-Beitritt mit der österreichischen Neutralität unvereinbar? Was müsste jetzt konkret geschehen? Und wie lautet die Einschätzung zur aktuellen Lage nach dem Nahost-Praxistest — hat sich die Argumentation gegen Sky Shield durch die Ereignisse seit 28. Februar 2026 aus militärischer Sicht weiter erhärtet?
Stammlesern der Serie wird so manches bekannt vorkommen. Das hat damit zu tun, dass gewissenhafte Recherche auch Austausch mit Fachleuten bedeutet — und die Erkenntnisse daraus vernünftigerweise inhaltlich Einfluss nehmen.
Prof. Michael Geistlinger
Völkerrechtler, emeritierter Professor der Universität Salzburg, Autor des Gutachtens zur Vereinbarkeit des ESSI-Beitritts mit der österreichischen Neutralität (Parlamentsdokument 16048/J) — jenes Gutachten, das die FPÖ selbst in Auftrag gegeben hat und das einen Verfassungsbruch feststellt.
„Der Kern des Problems liegt in dem Umstand, dass sich zwei dauernd neutrale Staaten (Schweiz und Österreich) mit Staaten, die dem militärischen Bündnis der NATO zugehören, verbinden. Damit verlieren sie den Schutz, den ihnen ihr völkerrechtlicher Status als dauernd neutraler Staat im Kriegsfall verleihen würde. Würden die Schweiz und Österreich sich allein auf eine gemeinsame Verteidigung gegen Luftangriffe zusammenschließen, gäbe es kein völkerrechtliches Problem.“
„Der Nahostkrieg hat gezeigt, dass das hochgejubelte System des Iron Dome und Arrow 3 Israels vielfach versagt hat und weder den Amtssitz des israelischen Ministerpräsidenten, noch Gebäude des israelischen Geheimdienstes und israelische militärische Kommandogebäude schützen konnte. Zudem erschöpften sich binnen kürzester Zeit die Abwehrraketen des Patriot-Systems, alles die Kernkomponenten des geplanten Sky-Shield-Vorhabens. Das Entscheidendste für Österreich aber ist, dass als erstes Verteidigungsziel des Irans die Radaranlagen des israelisch-amerikanischen Luftverteidigungssystems und der Systeme der mit den USA verbündeten Golfstaaten ausgeschaltet wurden. Die Beteiligung Österreichs an Sky Shield hat also zur Folge, dass das System Goldhaube bei St. Johann/Pg zum ersten oder neben anderen Radaranlagen zu einem der ersten Angriffsziele würde. Anstatt Österreich zu schützen, zieht das System militärische Angriffe in den ersten Tagen eines Krieges nach Österreich. Auch wenn wir Zeugen eines massiven Bruches des Völkerrechts durch die USA und Israel wurden, schützt einen Kleinstaat wie Österreich nichts mehr als die strikte Einhaltung des Völkerrechts, einschließlich und insbesondere des Neutralitätsrechts.“
General i.R. Günther Greindl
Ehemaliger österreichischer General und UN-Kommandant.
„Danke für die Übermittlung Ihrer Artikel. Sie sind sorgfältig recherchiert und treffen die Situation genau. Der Sky Shield soll ein Verbundsystem zur Abwehr von Langstreckenraketen schaffen. Die Erfahrungen aus dem Krieg gegen den Iran führen zu zwei Erkenntnissen. Selbst das beste Abwehrsystem der Welt, der Iron Dome, wirkt trotz enormer Kosten nur sehr begrenzt. Stellungen zur Abwehr von Langstreckenraketen werden als legitime Angriffsziele gesehen, auch wenn sie sich außerhalb des Gebietes des kriegführenden Staates befinden. Österreich könnte bei einer Beteiligung am Sky Shield zum legitimen Angriffsziel werden. Österreich muss seinen Luftraum selbstständig schützen. Vordringlich ist die Beschaffung neuer Abfangjäger, die zur Sicherung der Neutralität im Luftraum unbedingt erforderlich sind.“
Oberst i.R. Gottfried Pausch
Ehemaliger Infanterieoffizier des Österreichischen Bundesheeres, zuletzt im Bundesministerium für Landesverteidigung tätig. Er hält zahlreiche Vorträge im Inland, u.a. auch zum Thema: „Die Bedeutung der immerwährenden Neutralität für unsere Heimat! NEIN zur Teilnahme Österreichs am geplanten europäischen Luftverteidigungssystem Sky Shield!“
„Deutschland soll im Auftrag der NATO-Führung das Europäische Luftverteidigungssystem (‘European Sky Shield Initiative’, ESSI) koordinieren und dabei NATO-kompatible Mittel- und Langstreckenraketen zur Abwehr gegnerischer Raketensysteme — inklusive hochmoderner Hyperschall-Raketen — zum Einsatz bringen. Der österreichische Staatsvertrag vom 15. Mai 1955 untersagt unserem Land im Artikel 13 (Verbot von Spezialwaffen) unter anderem ‘irgendeine Art von selbstgetriebenen oder gelenkten Geschoßen sowie Geschützen mit einer Reichweite von mehr als 30 km’. Da die Russische Föderation der Beschaffung von Mittel- und Langstreckenraketen durch Österreich nie zustimmen würde, wäre eine Teilnahme unseres Landes an der ESSI — mit weitreichenden Luftverteidigungssystemen — allein schon aufgrund der Bestimmungen im Staatsvertrag nicht möglich! Darüber hinaus weigern sich auch mehrere europäische NATO-Mitgliedsländer strikt gegen eine Teilnahme an der ESSI. Unter diesen Umständen darf das immerwährend neutrale Österreich auf gar keinen Fall am NATO-Luftverteidigungssystem ‘European Sky Shield Initiative’ teilnehmen!“
„Der Krieg im Mittleren Osten zeigt deutlich auf, dass auch sündteuere Mittelstrecken-Raketen — etwa das amerikanisch-israelische System Arrow 3 — moderne Hyperschallraketen nicht abfangen können!“
Robert Glaubauf
Obmann der MFG (Menschen Freiheit Grundrechte) und Initiator des Volksbegehrens „Stoppt Sky Shield“. Die MFG bringt Anfang April 2026 beim Nationalrat eine parlamentarische Bürgerinitiative ein, die den Widerruf von Letter of Intent und Memorandum of Understanding fordert.
„Um den Neutralitätsbruch zu erkennen, der mit dem Beitritt zu Sky Shield einhergeht, braucht es kein Jura-Studium, sondern nur den Titel der Absichtserklärung: LETTER OF INTENT CONCERNING THE STRENGTHENING OF THE EUROPEAN PILLAR IN NATO’S INTEGRATED AIR AND MISSILE DEFENCE (IAMD) THROUGH THE EUROPEAN SKY SHIELD INITIATIVE (ESSI): Obwohl Österreichs Neutralitätsgesetz festlegt, dass Österreich keinen militärischen Bündnissen beitreten wird, wurde mit diesem Schritt der NATO-Beitritt durch die Hintertüre vollzogen. MFG fordert die Bundesregierung auf, Österreichs Neutralität zu schützen und MoU und LoI zu widerrufen!“
„Der aktuelle Krieg im Nahen Osten bringt es für Sehbehinderte in Brailleschrift: Die von Medien berichteten hohen Abwehrraten von 95 Prozent wurden nur anfänglich bei alten, langsamen Raketen und Drohnen erzielt — aber mit diesen billigen Raketen werden vor allem die Abfangraketen dezimiert. Bei modernen, schnellen Raketen mit multiplen Sprengköpfen und Täuschkörpern liegt die Abwehrleistung im Bereich von Zufallstreffern: unter 5 Prozent. Der Iran hat innerhalb von nur zwei Tagen die fünf wesentlichen Radaranlagen der Golf-Region zur Steuerung von Raketenabwehr zerstört! Und ohne Augen keine Raketenabwehr — auch wenn noch Abwehrraketen da wären. Die Argumente des von MFG im Juni 2024 eingebrachten Volksbegehrens ‘Stoppt Sky Shield’ wurden komplett bestätigt: Diese Systeme sind ein altes, ineffizientes und finanziell nicht tragbares Verteidigungskonzept und machen Österreich zum Angriffsziel! MFG fordert den Schutz der Österreicher durch eine ehrlich praktizierte Neutralität — vor allem in Krisenzeiten!“
Priv.-Doz. Dr. Kyra Borchhardt
Obfrau der LMP (Liste Madeleine Petrovic).
„Österreichs besondere Stärke in der Friedenssicherung gründet auf seiner Neutralität. Als kleines Land mit begrenzten militärischen Möglichkeiten können wir unsere Sicherheit nicht durch militärische Macht gewährleisten. Gerade unsere paktfreie Neutralität ermöglicht es Österreich, als vertrauenswürdiger Vermittler aufzutreten und durch Diplomatie sowie durch die Entsendung von Blauhelmen einen Beitrag zum Frieden in der Welt zu leisten. Ein Beitritt zu Sky Shield schafft eine direkte Abhängigkeit von der NATO und würde uns zu einem direkten Angriffsziel machen und steht daher in klarem Widerspruch zu unserer Neutralität. Die LMP bekennt sich zur immerwährenden Neutralität Österreichs, lehnt eine Teilnahme an Sky Shield entschieden ab und fordert, die eingegangenen Verpflichtungen rückgängig zu machen und endlich eine ehrliche öffentliche Debatte über die Kosten und Konsequenzen zu führen.“
Eine Anfrage an FPÖ-Verfassungssprecherin Fürst zu diesen Fragen blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
Die Debatte, die diese Serie führt, findet längst auch auf akademischer Ebene ihren Niederschlag. Am 25. April 2026 findet in Wels die 3. Neutralitätskonferenz „Neutralität als Chance zur Beendigung der Kriege“ statt — mit namhaften Referenten aus Wissenschaft, Diplomatie und Militär, darunter Professor Michael Geistlinger und General i.R. Günther Greindl. Der Eintritt ist frei.
Was denkt sich eigentlich ein Stammleser, der diese Serie von Anfang an verfolgt — nach acht Artikeln, nach diesem Konsens aus Völkerrecht, Militär und Zivilgesellschaft, gestützt auf eine quellenbasierte, archivierte Recherche-Serie? Was bleibt noch zu erklären, wenn ein Raketenschutzschirm von einem Völkerrechtler, zwei Militärs und zwei politischen Parteien als Neutralitätsbruch und technisches Versagen eingestuft wird?
Politiker, Medien — die (angeblich) vierte Gewalt im Staat. Was denken sich jene, die es wissen und schweigen?
Und dann ist da noch der Eurofighter. Über zwanzig Jahre Untersuchungsausschüsse, Gerichtsverfahren, Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft — der jüngste Prozess endete am 26. März 2026 mit drei Freisprüchen, die Nichtigkeitsbeschwerde ist bereits eingebracht. Noch immer kein Ende. Sky Shield hat — laut Geistlinger-Gutachten — den dokumentierten Verfassungsbruch bereits jetzt. Wie lange diesmal?
Versteht man es — oder versteht man es nicht?
PDF zum Artikel: SkyShield_Handout_RoteKarte
Die Quellen dieses Artikels sind die zitierten Personen selbst — namentlich und mit Kenntnis der Gesamtserie. Alle Zitierten haben ihr Zitat im Kontext der Serie und dieses Artikels freigegeben. Auf Wunsch einzelner Zitatgeber wurden Anpassungen vorgenommen.
Bild: Mark Holloway from Beatty, Nevada, USA, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wider. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.
Andreas S., aufmerksamer Bürger, unabhängiger Autor und Rechercheur*
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Vorige Artikel der Serie:
Sky Shield: Das nächste Milliarden-Debakel? Und kaum jemand schaut hin?
Österreich gibt Milliarden aus — und kaum jemand redet darüber
Iron Dome, Sky Shield & die Realität im Nahen Osten
Sky Shield, „Bella Italia“ und der Brenner: Eine Rakete reicht
Sky Shield: 8 NATO-Länder sagen Nein. Österreich ist drin.
Sky Shield: Fragen verboten — Milliarden erlaubt?
Waffentechnologie — Sky Shield versagt
https://www.bundeskanzleramt.gv.at/bundeskanzleramt/nachrichten-der-bundesregierung/2023/11/bundeskanzler-nehammer-sky-shield-ist-ein-meilenstein-fuer-die-oesterreichische-sicherheitspolitik.html
Tiefbunker sind da deutlich billiger als dieser ganze Militärmüll.