Odessa wird russisch?

9. Dezember 2025von 3,4 Minuten Lesezeit

In den letzten Stunden vermehren sich die Meldungen, dass angeblich klar wäre, dass Russland nun auch Odessa besetzen würde, um die Ukraine vom Meer abzuschneiden. Was steckt dahinter?

Die Berichte und Gerüchte, die man in den letzten Stunden gelesen hast, basieren hauptsächlich auf einer Aussage des russischen Präsidenten Wladimir Putin vom 2. Dezember 2025. In einer Fernsehansprache hatte er auf ukrainische Drohnenangriffe auf russische Öltanker im Schwarzen Meer reagiert und drohte dabei, die Ukraine vom Meer abzuschneiden, um „Piraterie“ zu verhindern. Konkret sagte er: „Die radikalste Lösung ist, die Ukraine vom Meer abzuschneiden, dann wird Piraterie prinzipiell unmöglich.“

Diese Worte wurden von internationalen Medien wie Reuters aufgegriffen und interpretiert als Andeutung, dass Russland Odessa einnehmen könnte, um die ukrainische Schwarzmeerküste zu kontrollieren. Diese Aussage führte zu Spekulationen und Analysen, insbesondere in sozialen Medien und YouTube-Videos. Vielleicht einer der entschiedensten Vertreter der Meinung, dass Putin gar nicht anders könne, als Odessa einzunehmen war der US-amerikanische Colonels Douglas MacGregor ret., der argumentiert, dass Odessa immer russisch war, und man sich nicht vorstellen könne, dass Russland Odessa aufgeben werde. Denn so lange die Ukraine Zugang zum Meer hat, so lange besteht die Gefahr für Anschläge dort. Andere Beiträge spekulieren ähnlich, oft im Kontext von Reaktionen auf westliche Unterstützung für die Ukraine oder angebliche NATO-Pläne für Basen in Odessa.

Motivationen

Was man nicht vergessen darf, ist die große emotionale Motivation, die Russland antreibt, die Morde im Gewerkschaftshaus von Odessa zu sühnen. Die Hintermänner, die Täter sind bekannt. Und Russland wird alles versuchen, sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Am 2. Mai 2014 hatten ukrainische Nationalisten regimekritische Demonstranten im Gewerkschaftshaus von Odessa eingesperrt und das Gebäude angezündet, wobei über 40 Menschen starben. Eine Pro-Maidan-Demonstration, an der auch nationalistische Fans von Fußballklubs aus Odessa und Charkow teilnahmen, eskalierte offensichtlich geplant durch Provokationen. Militante des Rechten Sektors griffen das Anti-Maidan-Zeltlager auf dem Kulikow-Feld an, trieben Demonstranten ins Gewerkschaftshaus und warfen Molotow-Cocktails, um das Gebäude in Brand zu setzen. Überlebende, die versuchten zu fliehen, wurden mit Baseballschlägern oder Messern zurück in die Flammen getrieben. Der Lynchmob vor dem brennenden Gebäude skandierte Parolen wie „Brenn, Colorado, brenn“ und erschlug Menschen, die aus den Fenstern sprangen. Die Polizei blieb währenddessen untätig. Offiziell wurden 48 Tote und 247 Verletzte registriert, doch es wird vermutet, dass unerfasste Vermisste existieren. Die Bilder der verkohlten Leichen, darunter eine schwangere Frau, hatten sich tief in die russische Seele eingebrannt. Im Westen wurde der Vorgang weitgehend als „Unglück“ dargestellt, oder auf Grund von „Provokationen“ durch die Demonstranten. Das Verbrechen ist auch heute noch ungesühnt.

Ein weiterer Grund ist natürlich eine Landverbindung nach Transnistrien, dem russisch bewohnten Teil von Moldau, das sich für unabhängig erklärt hat, aber noch von niemanden anerkannt wurde. In dem aber russische Waffenstillstands-Soldaten für eine Einhaltung des eingefrorenen Status Quo stationiert sind.

Die Hindernisse

Allerdings gibt es auch Beiträge, natürlich insbesondere in den NATO-Medien, die berechtigterweise(!) darauf hinweisen, dass eine Eroberung Odessas militärisch hochkomplex wäre, z. B. durch eine amphibische Operation oder Flussüberquerung, und Russland bisher keine konkreten Schritte unternommen habe.

Meine Analyse von Januar diesen Jahres ging davon aus, dass sich der Krieg noch bis Ende 2026 hinzieht, Russland dann am Dnepr steht und erst 2027 Russland auch Odessa einnehmen wird, und damit die Kapitulation erzwingt. Aber nachdem sich Trump und Putin anscheinend schon geeinigt haben, was mit der Ukraine passieren soll, muss man nun tatsächlich die nächsten zwei bis drei Monate abwarten.

Allerdings dürfte klar sein, dass sich Russland nicht mehr auf die ukrainische „Verfassung“, „Neutralität“ oder Friedensverträge verlassen wird, sondern ausschlich auf Fakten, die es vor Ort geschaffen hat. Natürlich weiß niemand, wie diese Fakten in den Plänen des Kremls aussehen.

Bild: Screenshot aus einem Bericht über den Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa.


Unsere Arbeit ist spendenfinanziert – wir bitten um Unterstützung.

Folge TKP auf Telegram oder GETTR und abonniere unseren Newsletter



EU-Gericht verurteilt Ukraine für Massaker von Odessa

Veranstaltungstipp: Filmvorführung „Remember Odessa“

2.5.2014 – Zehn Jahre Odessa

10 Kommentare

  1. cwsuisse 13. Februar 2026 um 23:37 Uhr - Antworten

    Ich stimme im Wesentlichen Gautier Blanc zu: Russland braucht Odessa nicht zu erobern, wenn es gelingt die Reste des ukrainischen Heeres im Donbass in der Nähe zu den eigenen Nachschublinien aufzureiben.

  2. Gautier Blanc 9. Dezember 2025 um 22:34 Uhr - Antworten

    Odessa ist eine russische Stadt, gegründet 1794 von Katharina der Grossen, als russischer Militärhafen zum Schutze der russischen Schwarzmeerflotte.

    Im Laufe der Zeit immer mehr ukrainische Einwohner, Lage halt, kein Wunder.

    Die Russen werden Odessa kaum erobern wollen, es sei denn, der Krieg geht noch so lange, bis die Ukraine vollständig auseinander fällt, dann brauchten sie es aber auch nicht mehr erobern.

    Die Russen sind etwa ein Vielfaches schlauer, als alle Kriegstreiberparteien in Europa zusammen, haben viel gelernt, aus den Zeiten der sowjetischen Besatzungen im ehemaligen Ostblock.
    Was funktioniert und was nicht.
    Die wollen keine Oblaste, wo der Widerstand der Bevölkerung auf Jahrzehnte vorprogrammiert ist, weil sie anderes zu tun haben und ihr Land unendlich gross ist.

    Odessa als russisch/ukrainisch gemischte Stadt wird ein Grenzfall werden.

    Wenn die Russen schlau sind, werden sie schauen, dass die Oblaste westlich des Donbas eine neutralisierte Zone werden, sozusagen autonom oder temporär sogar ein eigenes Land.
    Bis sich die Bevölkerung in 10, 20 oder 30 Jahren entscheiden kann, ob sie zu Russland oder zur Ukraine (so es die dann überhaupt noch gibt) wollen, oder ein eigenes Land, bzw. autonomes Gebiet von ??? bleiben wollen.

  3. g.e. 9. Dezember 2025 um 11:44 Uhr - Antworten

    Wie in praktisch allen Konflikten haben auch hier Presse und Rundfunk dazu beigetragen, die Menschen so weit aufzuhetzen, bis sie aufeinander losgegangen sind… westliche Fernsehteams, um genauer zu sein, wenn man dem ehemaligen Präsidenten der Ukraine, Asarow, glauben mag. Die Vorgeschichte und die Rolle des Wertewestens, n.m.M. zwar lang aber sehr lesenswert: https://archiv.telepolis.de/features/Ohne-Hilfe-der-USA-haette-es-keinen-Staatsstreich-gegeben-3492309.html?seite=all

  4. Varus 9. Dezember 2025 um 11:27 Uhr - Antworten

    Allerdings gibt es auch Beiträge, natürlich insbesondere in den NATO-Medien, die berechtigterweise(!) darauf hinweisen, dass eine Eroberung Odessas militärisch hochkomplex wäre, z. B. durch eine amphibische Operation oder Flussüberquerung, und Russland bisher keine konkreten Schritte unternommen habe.

    Eine maritime Landung wäre wegen Drohnen und Antischiffsraketen zu gefährlich. Es muss durch den Dnepr gehen – durch Cherson, Saporosche oder beide Städte gleichzeitig. Dafür muss das Banderastan genügend geschwächt sein, 2022 haben die Russen Cherson wegen gefährdeter Versorgung geräumt. Erst dann zuerst Nikolajew (2022 haben die Russen kurz Vorstädte erreicht – zwei Landkreise der Oblast waren sogar beim Referendum dabei, an Cherson angeschlossen). Darauf nach Nordwesten, bis Transnistrien, um den Rest abzuschneiden – und anschliessend Richtung Südwesten säubern.

  5. triple-delta 9. Dezember 2025 um 9:52 Uhr - Antworten

    Wenn man 1 und 1 zusammenzählt, dann bleibt Russland nichts weiter übrig, als alle ethnisch russischen Gebiete zu befreien. Die Restgebiete können ja dann später immer noch einen Antrag auf Aufnahme in die RF stellen, falls da mal Verstand einkehrt.

  6. Satya 9. Dezember 2025 um 9:44 Uhr - Antworten

    Es wird passieren was passieren muss um Ruhe einkehren zu lassen und den ukrainischen Terror zu beenden. Vorher wird Russland verständlicherweise nicht aufgeben, – zu oft hat man Putin belogen und falsche Verträge unterzeichnet.

  7. Jan 9. Dezember 2025 um 7:56 Uhr - Antworten

    Man könnte noch einmal einen international begleiteten Volksentscheid über die Abtrennung von Gebieten abhalten und damit das Selbstbestimnungsrecht der Völker stärken.

    Den könnten wir auf ganz Europa ausweiten, ob die Völker noch unter Herrschaft der großen Ungewählten stehen möchten – zuzutrauen wäre es ihnen ja!

  8. Daisy 9. Dezember 2025 um 7:43 Uhr - Antworten

    Das von dem Massacker wusste ich gar nicht. Wie grauenvoll. Es war durchgesickert, dass die Ukraine laufend die russische Bevölkerung gequält hat, um Russland zu provozieren, zumal die Ukraine ja von der NATO hochgerüstet wurde. Als dann endlich die Demokraten an die Macht kamen, ging es richtig los, denn Trump hat zwar auch geholfen, die Ukraine zu unterstützen, aber einen Krieg konnte er vermeiden. Deswegen waren ja Örschi (damals noch dt. Kriegsministerin) & Co so entsetzt, dass nicht Killary gewonnen hatte, schließlich hatte sich die NATO in der Ukraine schon an Russlands Grenzen aufgepflanzt und alle waren bereit…

    Solche und ähnliche Gräueltaten wurden also verübt. Putin hätte viel früher eingreifen sollen. Er war viel zu geduldig.

    Ich denke, wenn die Ukraine noch nicht bereit ist, einen nachhaltigen Friedensvertrag zu unterzeichnen und sich endlich eingesteht, wozu auch die Gebietsabtretungen gehören, dass es am Ende alles verlieren wird. Es heißt nix anderes als: ihr könnt uns dies restlichen Ortschaften auch ohne Kampf und weitere Opfer geben oder eben mit. Wie ihr wollt. Dann holt sich Russland als nächstes eben „Neurussland“ (alle primär russischen Gebiete) inkl. Odessa.

    Russland ist zu einem Frieden bereit. Das war es immer. Anfänglich wäre man zufrieden gewesen, wenn die russischen Gebiete autonom geworden wären (wie Südtirol), nunmehr hat man sie besetzt und wird sie nicht mehr zurûckgeben. Sie sind nun russisch und bleiben das auch. Da fährt die Eisenbahn drüber…

    • Varus 9. Dezember 2025 um 11:38 Uhr - Antworten

      Böses Medium vor einer Stunde: „“Kein Kompromiss in der Territorialfrage“ – Selenskij informiert Washington über Entscheidung Kiews“ – „… Der ukrainische Präsident Selenskij gab nach zwei gestrigen Treffen mit den Köpfen der „Koalition der Willigen“ bekannt, dass Washington darüber informiert werden wird, dass Kiew den geforderten Abzug seiner Truppen aus dem Donbass weiterhin rigoros ablehnt. …“ – Putin und Trump sagen genauso, dass das nächste Angebot an Kiew schlechter sein wird. Dann eben Neurussland obendrauf – mehr Schmach für die „Willigen“. Angesichts des Streits um X und ein paar andere Dinge USA/EUdSSR kann es Trump kaum traurig machen?

      • Daisy 10. Dezember 2025 um 5:02 Uhr

        Mittlerweile ist er eingeknickt. Trump darf wohl diesmal Druck ausüben, zumal die Falken offenbar kapiert haben, dass es keinen Sinn mehr hat. Selenskij erklärt sich bereit für Neuwahlen, titelt das bôse Medium. Er gibt sich nun realistisch und meint, derzeit sei eine Rückeroberung der Gebiete nicht möglich. Natürlich hofft er jedoch, dass dies später mal möglich wäre. Auch, dass die Ukraine später mal – wenn wieder die Demokraten am Ruder sind – zur NATO kommt. Genau so einen kurzanhaltenden Frieden zwecks Aufrüstung á la Minsk-Abkommen möchte Russland aber nicht…

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Regeln für Kommentare: Bitte bleibt respektvoll - keine Diffamierungen oder persönliche Angriffe. Keine Video-Links. Manche Kommentare werden erst nach Prüfung freigegeben, was gelegentlich länger dauern kann.

Aktuelle Beiträge