Kommt es zu einem größeren Krieg in Westasien?

13. August 2024von 5,5 Minuten Lesezeit

Die USA, Deutschland, UK und Frankreich beknien derzeit den Iran die Situation nicht zu eskalieren. Gleichzeitig vergessen sie von Israel das Gleiche zu fordern und liefern stattdessen Bomben und andere Waffen um weiter Zivilisten, Frauen und Kinder in Gaza und in der West Bank zu ermorden. Dass es sich um Völkermord, Kriegsverbrechen und Apartheid handelt, wurde mehrfach vom weltweiten Höchstgericht ICJ bestätigt.

Der Iran, die Hezbollah und Yemen haben Vergeltung für die Ermordung von hochrangigen Offiziellen der Hamas und Hezbollah angekündigt. Der frühere stellvertretenden Finanzminister der Regierung Reagan, Paul Craig Roberts, übt an der Zurückhaltung des Iran (sowie von Russland) schon lange heftige Kritik. Rote Linien müssten energisch durchgesetzte werden, sonst würden sie immer wieder überschritten. Am 6. August schrieb er dazu auf seinem Blog:

„Für Israel und Washington ist es in Ordnung, die Situation zu eskalieren, aber nicht für den Iran oder Russland. Das funktioniert folgendermaßen. Israel ermordet einen muslimischen Führer auf iranischem Territorium, und dann werden die Medien aktiv und fordern den Iran auf, die Situation nicht zu eskalieren. Der Iran tut das nicht, und weil der Iran die Situation nicht „eskaliert“, wird ein weiterer Führer ermordet. Der Iran wird erneut aufgefordert, die Situation nicht zu eskalieren.

Der Grund, warum wir auf einen Krieg zusteuern, ist, dass Russland, der Iran und China immer wieder provoziert werden und ihre Reaktion darin besteht, zu warten und zu warten und noch mehr zu warten, während Washington und Israel sich vorbereiten, wodurch die Wirksamkeit jeglicher von Russland, dem Iran und China ergriffener Maßnahmen verringert wird.

Der Iran hat nun so lange gewartet, bevor er auf Israels Attentate reagierte, dass Israel Zeit hatte, einen unterirdischen Bunker für Netanjahu und seine Kriegspartei vorzubereiten. Der Iran hatte die Chance, sie auf frischer Tat zu ertappen, und hat sie vertan. Jetzt sagt der Iran, er wolle Israel bestrafen, aber einen totalen Krieg vermeiden. Der Iran wird keine sinnvollen Maßnahmen ergreifen.“

Etwas anders schätzt der hochrangige indische Ex-Diplomat M.K. Bhadrakumar die Situation ein. Schon der Titel „Iran verfeinert seine Abschreckungsstrategie“ seines jüngsten Artikels schlägt einen anderen Ton an.

Er bezieht sich auf die neueste israelische Version, dass der Iran sich nicht entscheiden könne, ob er Vergeltung für die Ermordung des Hamas-Führers Ismail Haniyeh am 28. Juli üben soll. Die Hypothese sei, dass es ein Patt zwischen Pezeshkian und den Hardlinern des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) gebe.

Das hält Bhadrakumar für eine lächerliche Behauptung. Er verweist auf eine Aussage vom amtierenden Außenminister Ali Bagheri Kani erst am Samstagabend, der erklärte, dass Teheran „das aggressive israelische Regime in einer legitimen und entschlossenen Aktion den Preis für seine Aggression zahlen lassen wird“. Das waren sorgfältig gewählte Worte.

Bhadrakumar geht dann der Frage nach, warum der Iran noch nicht gehandelt hat.

„Hier spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Erstens hat Pezeshkian seine Regierung noch nicht gebildet. Erst gestern hat er dem Parlament seine Liste mit den vorgeschlagenen Ministern zur Genehmigung vorgelegt. Die Exekutive der Regierung führt ihre täglichen Aufgaben weiter.

Russischen Medien zufolge sprach Pezeshkian jedoch bei einem Treffen mit dem russischen Sicherheitsratssekretär Sergej Schoigu am 5. August in Teheran über einen Vergeltungsschlag des Iran gegen Israel.

Dennoch sollte man nicht ausschließen, dass der Zeitplan etwas angepasst werden könnte. Schließlich befindet sich Israel in Panik und Berichten zufolge liegen die Menschen nachts aus Angst vor einem iranischen Angriff wach. Nach Angaben von IRNA hat Premierminister Benjamin Netanjahu trotz all seiner Tapferkeit vier wichtige israelische Geheimdienst- und Sicherheitsbasen in Tel Aviv evakuiert.

Zweitens wird der Iran nicht als „Spielverderber“ auftreten, wenn regionale Staaten und die USA alle Register ziehen, um die Fäden der Waffenstillstandsgespräche zwischen der Hamas und Israel im Gazastreifen wieder aufzunehmen. Die Tatsache, dass Israel am Donnerstag den Gesprächen zugestimmt hat, deutet darauf hin, dass auch Netanjahu Vorteile in der Rückkehr an den Verhandlungstisch sieht.

Natürlich wird auch der Iran das Ausmaß seines Angriffs auf Israel sorgfältig abwägen. Immerhin wurde Haniyeh in einer verdeckten Operation getötet, bei der es keine iranischen Opfer gab.

Ausschlaggebend werden jedoch die Fortschritte bei den anstehenden Gesprächen sein. Der Iran könnte die Operation insgesamt verschieben, wenn die israelische Seite bei den Gesprächen garantiert, nicht in den Libanon einzumarschieren und die Truppen aus dem Gazastreifen abzuziehen.

Teheran könnte seine Position überdenken, wenn sich die Lage in der Region nach dem Abschluss eines Waffenstillstands zwischen der Hamas und Israel radikal ändert.“

Bhadrkumar verweist auf eine Erklärung der iranischen UN-Mission in New York vom vorigen Freitag: „Unsere Priorität ist es, einen dauerhaften Waffenstillstand in Gaza zu erreichen. Jede von der Hamas akzeptierte Vereinbarung wird auch von uns anerkannt werden“. Die Erklärung bekräftigte das Recht des Irans auf Selbstverteidigung gegen Israel, fügte aber auch hinzu: „Wir hoffen jedoch, dass unsere Reaktion zeitlich abgestimmt und so durchgeführt wird, dass sie den möglichen Waffenstillstand nicht beeinträchtigt.“

Der indische Diplomat gibt auch eine interessante Einschätzung über die Vernunft der beteiligten Parteien ab:

„Schließlich wird in den zahlreichen Diskussionen über die iranischen Vergeltungsmaßnahmen in der Regel übersehen, dass die Iraner im Gegensatz zu den Israelis, die sich auf Kurzschlussreaktionen beschränken, stets eine Strategie verfolgen. Deshalb ist hier das „große Ganze“ wichtig.

Der Iran ist nicht auf einen Krieg aus, vor allem nicht, wenn es ihm bisher sehr gut gelungen ist, die Verluste zu begrenzen und den Spieß gegen Israel auf kostengünstige Weise umzudrehen. Israels internationales Ansehen ist angeschlagen, und nicht einmal das Süßwasser im See Genezareth kann den Dreck abwaschen.

Kluges Denken bedeutet, dass der Verstand Vorrang vor den Muskeln hat. Damit punktet der Iran gegenüber den eingefleischten Zionisten in Tel Aviv, die noch immer in der Kultur der Nakba schwelgen.“ [Nakba: die gewaltsaame Vertreibung von 750.000 Palästinensern aus ihrer Heimat, ihren Häusern ihrem Grund und Boden im Jahr 1948]

Indien ist wie Iran BRICS-Mitglied. Indien ist durch den von den USA finanzierten Putsch in Bangladesch unter Druck, über den Bhadrakumar ebenfalls recht ausführlich berichtet.


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5 Kommentare

  1. Jurgen 13. August 2024 um 22:02 Uhr - Antworten

    Es wird vielleicht noch etwas dauern, Netanohu auszupusten, aber rechnen sollte man damit unbedingt… ansonsten hat ja Russland die Finger auch im Iran mit drin und helfen denen, einen kühlrn Kopf zu bewahren in diesen Fleischgrillzeiten…

  2. Pfeiffer C 13. August 2024 um 13:39 Uhr - Antworten

    Die USA, Deutschland, UK und Frankreich beknien derzeit den Iran die Situation nicht zu eskalieren. Gleichzeitig vergessen sie von Israel das Gleiche zu fordern und liefern stattdessen Bomben und andere Waffen um weiter Zivilisten, Frauen und Kinder in Gaza und in der West Bank zu ermorden. Dass es sich um Völkermord, Kriegsverbrechen und Apartheid handelt, wurde mehrfach vom weltweiten Höchstgericht ICJ bestätigt.

    Und allein Yanis Varoufakis (kein anderer Wertewestler oder Vertreter der „Westlichen Wertegemeinschaft) stellte eine dringende Frage an die ICC-Richter:

    Wörtlich:

    Sehr geehrte Richterinnen und Richter des Internationalen Strafgerichtshofs,

    Es steht heute außer Frage: Israel hat sich vorgenommen, jeden Aspekt des palästinensischen Lebens in Gaza systematisch auszulöschen. Es sind nicht nur die 186.000 Menschenleben, die laut Lancet verloren gingen. Es sind noch viel mehr.

    Sie haben es bereits erlebt:

    Die intensivste Bombardierung eines dicht besiedelten Stadtgebiets seit Menschengedenken
    Die gezieltste Aushungerung einer Bevölkerung in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg
    Die größte Zahl getöteter Journalisten in einem Krieg weltweit
    Die höchste Zahl getöteter UN-Mitarbeiter in 10 Monaten.

    Und das ist noch nicht alles: Israel greift Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Archive, Kulturzentren, Kulturdenkmäler, Moscheen und Kirchen an. Es ermordet Professoren und schlachtet Lehrer und ihre Schüler ab – oft auch deren ganze Familien. Wann werden Sie handeln?

    Israel hat inzwischen fast 40.000 Palästinenser getötet, vor allem Frauen und Kinder, und über 92.000 weitere verletzt. Tausende weitere liegen ungezählt unter den Trümmern. Etwa 10.000 Palästinenser wurden von den israelischen Besatzungstruppen verschleppt. Frage: Wo ist die Anklageschrift des Internationalen Strafgerichtshofs?

    – Yanis Varoufakis (@yanisvaroufakis) 10. August 2024

    Wenn Sie jetzt nicht handeln, welchen Sinn hat dann die Existenz des ICC?

    Wenn Sie jetzt nicht handeln, besteht dann auch nur der geringste Verdacht, dass der ICC in Zukunft überhaupt noch ernst genommen wird?

    Quelle: Brave New Europe – Yanis Varoufakis – Eine dringende Frage an die ICC-Richter: Wann werden Sie hinsichtlich der Kriegsverbrechen Israels tätig werden? – 11. August 2024

  3. Georg Uttenthaler 13. August 2024 um 13:38 Uhr - Antworten

    Dann ist die EU dank ihrer „kriegsgeilen“ Führung Kriegspartei und Österreich befindet sich dann in der Mitte eines „KRIEGS- Schauplatzes“ der von unseren Schwachköpfen in den Regierungen herbei geführt wurde. Als Waffenlieferanten…(Rheinmetall und Flak Zimmerfrau) und die Flinten Uschi sind wir alle dann Kriegspartei und Putin wird mit 7500+ Atom-Köpfen vollenden, was Stalin 1945 vergessen hatte. (In Japan waren es 2 A-Köpfe, die ursprünglich für Deutschland vorgesehen waren!!!)

    Die Achse Russland-China-Indien (Indien ist weltweit der 2. größte Waffen-Produzent) wird jene Kapazität haben, die eine NATO- NIE haben kann. Dann gibt es „verbrannte Erde“ und Putin wird seine zögerliche Haltung aufgeben müssen. (Denn Putin versprach 2001 im dtsch. Bundestag, dass er Deutschland NIE angreifen werde!!!)

  4. Jan 13. August 2024 um 12:19 Uhr - Antworten

    Ein Krieg lässt sich kaum auf Westasien beschränken, da er ein Proxy zwischen China und den USA wäre.

    Da China und Russland zusammen arbeiten, führt jede Auseinandersetzung zu einem Mehrfrontenkrieg: Venezuela steht unter dem Protektorat Russlands, Syrien ebenso, Iran und China arbeiten zusammen, Südostasien hält zu großen Teilen zu China, Japan, vor der Tür Chinas, zu den USA, in Europa bröckelt gerade die Front. Die Nato ist militärtechnisch überlegen, aber die BRICS haben Ressourcen und sehr viele potentielle Soldaten.

    Bibi und die Ajatollas werden überschätzt. Es gibt massives Interesse an einer Neuverteilung von Ressourcen. Warum? Weil in Degrowth und Verknappung der Verkäufer aussuchen kann, mit wem er handelt und sich die „Freien Märkte“ auflösen. Man muss das Ressourcenland also anders anbinden. Aserbajdschan will der EU beitreten und Förderrechte mitbringen – Russland will das nicht. Will man Aserbajdschan und Venezuela, hat man bereits zwei Fronten.

    Nach dem Mittelalter und vor WK1 und WK2 gab es einen Einbruch der Energieverfügbarkeit. Schauen wir nach Deutschland, sehen wir was? Oh, so viele unmoralische Menschen, pfui!

    Wir stehen vor Ressourcenkriegen, nicht vor der Verteidigung von Freiheit und Selbstbestimmung, die in Deutschland vier Jahre aufgehoben waren.

  5. Varus 13. August 2024 um 11:00 Uhr - Antworten

    Indien ist durch den von den USA finanzierten Putsch in Bangladesch unter Druck, über den Bhadrakumar ebenfalls recht ausführlich berichtet.

    Wenn es so ist, müsste Indien logischerweise eine längere Zeit mit China, Russland und Iran eng zusammen halten – zumindest bis die absolutistische USA-Weltherrschaft endgültig überwunden ist. Neuester Einfall dort – ein Verbot für die restliche Welt, andere Zahlungssysteme als westliches SWIFT zu verwenden – damit man bloß erpressbar bleibt. Gegen China, Indien und andere Mächte, die an einem Strang ziehen, könnten die es kaum durchsetzen – vielleicht wird beschleunigt entdollarisiert.

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